Bayern 2 - Nachtmix


2

Neuerscheinungen der Woche The Decemberists | Thomas Fehlmann | Lee Ranaldo

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Rukhsana Merrise, The Decemberists, Lee Ranaldo, Dead Rabbit, Otis Junior and Dr. Dundiff, Orchestre Abass, Thomas Fehlmann, Rey&Kjavik und Thomas Hoffknecht.

Von: Angie Portmann

Stand: 13.12.2018

Cover: Thomas Hoffknecht – Open your eyes  | Bild: Pullproxy

The Decemberists - Traveling on

Die „Traveling on“- EP der Decemberists ist, der Titel lässt es schon vermuten, eine Art Überbrückungskabel. Ihre „Your girl/Your ghost“-Tour ist gerade zu Ende gegangen und vor den wohlverdienten Ferien haut die Band aus Portland noch eine EP raus. Aufgenommen während der Sessions zum letzten Album „I’ll be your girl“. Allerdings wird hier etwas weniger mit Synthie-Pop und Glam-Rock experimentiert als zuletzt auf dem eher durchwachsenen „I’ll be your girl“. Dafür machen die Decemberists hier, was sie bekanntermaßen besonders gut können: mit tieftraurigem bis beschwingten Folkrock die Welt retten. Man darf gespannt sein, wo die Reise  hingeht. (7,5 Punkte von 10)

Rukhsana Merrise – Child

Zwischen den Genre-Stühlen sitzen ist im Jahr 2018 nichts Ungewöhnliches. Im Gegenteil. Auch die Britin Rukhsana Merrise will sich nicht auf eine Schublade festlegen. Auf ihrem Debüt-Album „Child“ finden sich Folk, R’n’B, aber auch eine dicke Portion Pop-Appeal. Ich wage allerdings zu bezweifeln, dass diese Mischung aufgeht, auch wenn man es der jungen Londonerin mit indisch-karibischen Wurzeln wünschen würde. Der Chartsfraktion ist sie vermutlich zu komplex und für den R’n’B-Freund hat sie zu viele Pop-Banger im Programm. Aber auch hier ist noch nichts entschieden, denn „Child“ ist nur Teil 1 ihres Debüts ... „Today“, also Teil 2, erscheint  im Frühjahr. (6,5 Punkte von 10)

Lee Ranaldo – Electric Trim, live at Rough Trade East

Man kann vom Indie-Rock 2018 sagen was man will: dass er seine Strahlkraft verloren hat, dass er beliebig geworden ist, dass er sich an die Majors verkauft hat. Erhaben über all diese Diskussionen ist allerdings der Indie-Rock eines Lee Ranaldo. Mit seiner Ex-Band Sonic Youth hat er das Genre Indierock maßgeblich mitgeprägt. Und seit dem Ende von Sonic Youth dreht Ranaldo erst richtig auf.
Vergangenes Jahr hat er „Electric Trim“ veröffentlicht. Und mit diesem Album wieder mal gezeigt, dass er nicht nur ein sagenhafter Gitarrist mit Hang zum Experimentellen ist, sondern dass er eben auch Pop, Folk und Elektronik kann. Und dass er ein toller Songschreiber ist. Denn selbst in einer absolut runtergestrippten Live-Version funktionieren diese Songs. Nachhören lässt sich das jetzt auf „Electric Trim, live at Rough Trade East“, aufgenommen im Oktober 2017 im Londoner Rough Trade East Record Store. Ranaldo ist dort in einem sehr intimen Rahmen aufgetreten, nur er und seine Gitarren, ohne Duettpartnerin Sharon van Etten und ohne aufwändige Arrangements. Das Ergebnis ist ein sehr direktes, sehr spartanisches und vielleicht gerade deshalb ganz hervorragendes Live-Album. Eine Platte, die sogar Menschen wie mich packt, die ich doch eher zu den Live-Alben-Skeptikern gehöre. (8 Punkte von 10)

Dead Rabbit – Dark shades/Bright lights

Da ich eine Schwäche für Marsimoto und seinen psychedelischen Kiffer-Rap habe, war ich natürlich sehr gespannt auf das Album-Debüt seines Produzenten Dead Rabbit. Martin Göckeritz aka Dead Rabbit kommt wie Marteria bzw. Marsimoto aus Rostock. Der Vater Dirigent, die Mutter Pianistin, er selbst spielte Geige und sang im Chor. Bis er Hip Hop für sich entdeckte. Und wie es sich in HipHop-Kreisen gehört, macht auch Dead Rabbit auf dicke Hose und veröffentlicht nicht ein Debütalbum, sondern zeitgleich zwei davon. „Dark shades“ mit englisch bzw. türkisch singenden Featuregästen und „Bright lights“, auf dem deutsch gerappt bzw. gecroont wird. Das hat teilweise ordentlich wumms, ist immer perfekt produziert, klingt aber oft  dann doch zu glatt und gut frisiert.  „Ich bin kein Spieler, ich bin Arbeiter“ rappt Terry Lynn auf „Hustler“, dem Opener von „Bright lights“. Womit das Dead Rabbit-Dilemma schon auf den Punkt gebracht wäre. Hier präsentiert uns ein hoch ambitionierter Beat-Bastler sein bisheriges Schaffen, das allerdings immer nur so gut ist wie sein jeweiliger Feature-Gast, für den er die Beats gebaut hat. Denn aus einem langweiligen Song von z.B. Lina Maly, Samy Deluxe, Flo Mega oder Noémie Wolfs kann auch ein Dead Rabbit keine Erleuchtung machen. (6,3 Punkte von 10)

Otis Junior and Dr.Dundiff - Cool

Otis Junior und Dr. Dundiff haben sich der Legende nach bei einem R’n’B-Wettbewerb in Louisville, Kentucky kennengelernt. Dr. Dundiff war der DJ des Abends und Otis Junior der einzige Kandidat, den Dundiff vorher noch nicht gekannt hatte. Otis’ Auftritt war angeblich „mindblowing“ und schon kurz darauf gingen die beiden zusammen ins Studio. Ihr superentspannter, sehr chilliger Mix aus samtweichem R’n’B und jazzy Hip Hop-Beats ist jetzt schon auf Album Nr. 2 zu hören. In den 90ern hätte man das noch Acid Jazz genannt. Aber auch heute, im Post-Genre-Zeitalter, lässt sich zu Otis Junior & Dr. Dundiff vermutlich vorzüglich ein stylisher Cocktail schlürfen. (6,8 Punkte von 10)

Orchestre Abass – De Bassari Togo

Cover: Orchestre Abass – De Bassari Togo  | Bild:  Analog Africa

1972 brachte das Orchestre Abass in Togo zwei Singles auf Polydor raus. Zusammen mit bisher unveröffentlichtem Material hat das Frankfurter Label Analog Africa daraus jetzt eine ganze LP gemacht. Wie so viele andere Gruppen (z.B. Super Borgou de Parakou) kommt auch das Orchestre Abass aus dem sogenannten „Islamic funk belt“, einer Region in Westafrika, in der in den 70’s viele Musiker Koranschulen besucht haben. Und so finden sich auch hier arabische Elemente plus ein satter Orgelsound und ein unwiderstehlicher Groove. Dazu glänzt das Cover im schönsten 70’s Retro-Style und macht damit das Orchestre Abass zum perfekten Geschenk für alle Liebhaber von funky Afrobeat. Nur schade, dass Bandgründer, Gitarrist und Organist Malam Issa Abass nicht mehr erleben kann, wie Hipster für seine Musik jetzt Höchstpreise zahlen. Abass wurde im Jahr 1993 von einer Handgranate getötet, die jemand in sein Schlafzimmer geworfen hatte. (7,8 Punkte von 10)

Thomas Fehlmann - 1929 – Das Jahr Babylon

Beim Alien-Disko-Festival in den Münchner Kammerspielen sind diesmal auch Palais Schaumburg mit dabei. Ihr avantgardistischer Postpunk war Anfang der 80er absolut wegweisend. In den Kammerspielen steht das Quartett nach langer Pause mal wieder in Originalbesetzung auf der Bühne, also auch mit Thomas Fehlmann. Und dazu erscheint auch eine neue Platte des 61jährigen. Allerdings nicht mit dadaistischem New Wave,  sondern mit elektronischer Musik, wie wir sie in den letzten Jahrzehnten von dem Ex-The Orb-Mitglied kennen und lieben gelernt haben.
Gerade eben erst hat Thomas Fehlmann das elektronisch-dubbige „Los Lagos“ veröffentlicht. Ein Album zwischen „... Minimalismus, Schmalz, Jazz und Funk“, wie er  selbst sagt. Und schon geht der nächste Release raus. „1929 – Das Jahr Babylon“ ist der Soundtrack zum gleichnamigen Dokumentarfilm von Volker Heise, der analog zur international gefeierten Fernseh-Serie „Babylon Berlin“ entstanden ist. Die Doku ist ein buntes Portrait einer Gesellschaft im Umbruch, mit Zitaten, aber auch Archivaufnahmen aus dem Jahr 1929, dem Schicksalsjahr der Weimarer Republik. Und auch der Soundtrack arbeitet mit Klangmaterial aus dem Jahr 1929. Entstanden sind so erstaunliche elektronische Texturen, die sehr eindrucksvoll die Dekadenz jener Zeit, aber auch ihre dunklen Tendenzen durchschimmern lassen.  
„1929 – Das Jahr Babylon“ von Thomas Fehlmann ist großartig verrauscht und gleichzeitig genial vielstimmig/vielfältig wie das Jahr 1929 selbst. (8,1 Punkte von 10)

Rey&Kjavik  - Mountiri

Und nun zünden wir ein paar Räucherstäbchen an und verschwinden kurz in einem Paralleluniversum, zwischen langsam groovenden Housebeats und traditionellen Sounds aus Indien, Afrika und dem arabischen Raum. Willkommen in der Welt des Frankfurter DJs Alexander Schomann alias Rey&Kjavik. Auf seinem zweiten Album “Mountiri” findet sich housige Meditationsmusik bzw. elektronische Musik für die Yogamatte. Die Musik von Rey&Kjavik ist der Stoff mit dem sich barfußtanzende Hippies in weiten Pluderhosen in Trance tanzen. Klingt nach Goa, gibt es aber auch immer öfter ganz in eurer Nähe. Ich bin erst neulich zufällig auf so einem Tanzevent gelandet. In einer leeren Fabriketage zwischen Lavalampen und Duftkerzen. Hat aber nicht gefunzt bei mir, genauso wenig wie die Musik von Rey & Kjavik bei mir ankommt - dafür fehlt mir jegliches esoterisches Grundverständnis. Was ich mir allerdings dann schon wieder ganz lustig vorstellen kann – allerdings auch etwas anstrengend: den 36 Stunden Rave im Ritter Butzke in Berlin am 31. 12.. Motto: Hippie New Year. Mit besagtem Rey&Kjavik, aber auch mit Dominik Eulberg, Booka Shade, Marek Hemman, Kid Simius und 24 anderen DJs. (6 Punkte von 10)

Thomas Hoffknecht – Open your eyes

Wir bleiben elektronisch. Der Hamburger Thomas Hoffknecht macht Techno, nicht fürs Sofa, sondern für die Abfahrt ... minimalistischen Techno für die Primetime. Mit subtilen Synkopen und einem fetten Bass. Angeblich produziert der Techno-Maniac Hoffknecht täglich 3 – 5 Tracks. Sein Geheimrezept: go with the flow. Nur keine Haken schlagen. Ein unkomplizierter Groove packt die Menge schneller, direkter als ein allzu kunstvolles Konstrukt. Klingt logisch und „Open your eyes“, das neue Album von Thomas Hoffknecht, ist der beste Beweis dafür. Wer also einen ordentlichen Sylvester-Rave plant, für den ist das neue Hoffknecht-Album perfekt. Strobo und Nebel nicht vergessen! (7 Punkte von 10)


2