Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Gudrun Gut | Bilderbuch | Van Morrison

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Bilderbuch, AnnenMayKantereit, Van Morrison, Gudrun Gut, DJ Bone, Steve Spacek, Willard Grant Conspiracy und James Heather.

Von: Matthias Hacker

Stand: 06.12.2018

Cover: Gudrun Gut - Moment | Bild: Morr Music, Indigo

Gudrun Gut – Moment

Ob mit Punk, New Wave, Indietronic oder Techno – Gudrun Gut ist nicht nur mit der Zeit gegangen, sondern war ihr meistens sogar ein Stück voraus. Sie war Gründungsmitglied der Einstürzenden Neubauten, hatte mit ihrer Gruppe Malaria! den Hit „Kaltes Klares Wasser“ geschrieben und war Vorbild für viele weibliche Künstlerinnen in der Bundesrepublik. „Moment“ bietet stampfende Beats, oszillierende Synthies, sphärische Ambient-Flächen – dazu Spoken Word – stimmlich oft so kühl wie die Knef früher. Die Message ist feministisch: Sie singt einmal „Baby I Can Drive My Car in Saudi Arabia“ und covert gleich danach die Bowie-Drag-Hymne „Boys Keep Swinging“. Dass sie dieses Stück auswählt, ist natürlich kein Zufall. Gudrun Gut rüttelt damit am Patriarchat. Sie tut es mit subversiver Musik. Ihre Themen und textlichen Botenstoffe sind unter anderem Erotik und Sexualität. Das Ziel: Befreiung und Selbstermächtigung. Ihr Sound ist längst keine Ars Dilletanti mehr wie zu Beginn ihrer Karriere in den 80zigern. Diese Platte ist programmatisch und klingt immer noch so als würde sie ihre Hände in kaltes klares Wasser tauchen und uns damit aus dem heteronormativen Dornröschenschlaf wach spritzen. Es ist nicht die Revolution, aber steter Tropfen höhlt den Stein. (7,5 von 10 Punkten)

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Gudrun Gut - Baby I Can Drive My Car | Bild: Gudrun Gut (via YouTube)

Gudrun Gut - Baby I Can Drive My Car

G.Rag & Die Landlergschwister – Neue Stadt

Nach einer kleinen bayerischen Revolution fühlt es sich jedes Mal an, wenn am letzten Tag des Oktoberfests G.Rag und die Landlergschwister im Herzkasperlzelt auf der Oidn Wiesn spielen. Stundenlang fesseln sie die Gäste dichtgedrängt vor der Bühne auf der Tanzfläche. In Tracht, aber ohne Scheuklappen. Ein Klassiker aus ihrem Repertoire erscheint jetzt auf der neuen Platte „Neue Stadt“. Es ist das Cover des LCD Soundsystem Hits „You Wanted A Hit“. Neben diesem Klassiker gibt’s die übliche Melange aus Volks-, Folk-, Brassmusik – aber auch Cumbia und Rocksteady. (7 von 10 Punkten)       

Bilderbuch – Mea Culpa

Überraschend stellten diese Woche die österreichischen Shootingstars Bilderbuch ihr neues Album online, nachdem sie letzte Woche schon über ihre sozialen Kanäle Andeutungen gemacht hatten. Jetzt ist „Mea Culpa“ also da. Diese Mischung aus Cheesyness, Sexyness und Coolness war bisher der USP von Bilderbuch. Auf „Mea Culpa“ drehen sie nach Magic Life das Energielevel nochmal um ein deutliches Stück zurück. Sie mischen 70er, 80er mit modernem RnB. In Songs wie Taxi Taxi entführen sie uns athmosphärisch nicht wie bei Stranger Things in den mysteriösen Wald, sondern vielmehr in den Großstadtdschungel voller flackernden Neonlichter. Genauso wie Bilderbuch es auch schon auf dem Albumcover andeuten. Da liest man in bunten Buchstaben ein kleines, leises „I Love You“. Bilderbuch reißen uns Hörer nicht mehr so billig auf oder wollen uns mit ihren tighten catchy Hits (Maschin, Spliff, Bungalow usw.) abschleppen. Sie waren ja die perfekten österreichischen PickUp-Artists, wer konnte sich bitteschön diesem zugegeben schmierigen, aber doch so offensiven Sound und dem erotischen Gehabe entziehen. Die leiseren Töne haben sich auf Magic Life schon angedeutet und Mea Culpa ist die noch verspieltere Konsequenz. Nur gegen Ende der Platte kommt mit „Memory Card“ und der Single „Checkpoint“ doch nochmal der typische Hit-Angriff. Da verfallen Bilderbuch ins alte Aufreißer-Schema und mir stellt es mittlerweile die Nackenhaare auf bei Sätzen wie „29 und ich brauch deinen Sex. (…)Du bist in meiner Memory Card.“ Der hippe Lifestyle-Jargon ist also geblieben. Sie werfen typischerweise wieder mit Anglizismen und First World Problems um sich. Ob die Hitquote noch weiter sinkt, werden wir im Februar erfahren. Dann erscheint das nächste Album „Vernissage My Heart“. Das haben sie ja auch schon angekündigt. (7 von 10 Punkten)

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Bilderbuch - Aloe Vera | Bild: BILDERBUCH (via YouTube)

Bilderbuch - Aloe Vera

Sound Supreme - V. A. "Bitteschön, Philophon! Vol. 1"

Cover: Sound Supreme - V. A.- "Bitteschön, Philophon! Vol. 1" | Bild: Bantu Nation

Für alle Fans afrikanischer Jazz- und Groovemusik müsste es Liebe ab dem ersten Track sein, wenn sie die neue Compilation „Bitteschön, Philophon“ anmachen. Das ist die erste Label-Werkschau vom Berliner Label Philophon. Aus den bisher erschienenen 7inch-Veröffentlichungen der Berliner hat Label-Boss Max Weissenfeldt diesen Sampler erstellt. Er spürt schon länger neue Talente in Afrika auf, hat aber auch schon mit vielen alten Stars zusammengearbeitet Auf dem Sampler sind nun auch bekanntere Acts wie der finnische Jazzer Jimi Tenor und Kologo-Star Guy One. Eine abwechslungsreiche Kompilation mit Frafra Gospels und Roots Reggae aus Ghana hin zu Ethio-Jazz mit Alemayehu Eshete – dem sogenannten äthiopischen Elvis. Die Songs hat er aus Ghana und Äthiophien mitgebracht und zuhause in Berlin nur noch fertig gemischt. Obwohl und gerade weil sich Philophon mit den Wurzeln und der Herkunft der Künstler und ihrer Stile auseinandersetzt, ist das eine respektvolle, zeitgemäße und zeitlose Songsammlung. Mit dieser LP werde ich mich dieses Jahr selber beschenken. Dankeschön für „Bitteschön, Philophon“. (8,5 von 10 Punkten)

Van Morrison – The Prophet Speaks

Schon wieder, Van Morrison! Alle paar Monate kann man mit neuer Musik vom mittlerweile nordirischen Sir Van Morrison rechnen. Und es darf gerne in der Frequenz und Qualität wie auf The Prophet Speaks weitergehen. Neben John Lee Hooker covert Van Morrison auf seiner neuen Platte auch Solomon Burke und Sam Cooke. Er geht zurück zu den Wurzeln. The Prophet Speaks ist sein 40. Studioalbum in über 50 Jahren Karriere. Er hat Bock und mittlerweile auch gute Laune und Humor – wie das Albumcover beweist. In der einen Hand hält er eine Marionettenpuppe und mit der anderen Hand hält er den Zeigefinger vor die Lippen. Nach dem Motto: „Psst. Wenn der Kuchen spricht, haben die Krümel zu schweigen.“ Van Morrison bleibt Van Morrison – keine Überraschungen, nur überraschend lebendig groovt er mit seinen 73 Jahren. Ganz nach dem New Orleans-Credo: Let The Good Times Roll! (7 von 10 Punkten)

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The Prophet Speaks | Bild: Van Morrison - Topic (via YouTube)

The Prophet Speaks

Willard Grant Conspiracy – Untethered

Willard Grant Conspiracy war eine Alternative Country Band aus Massachusetts. Vergangenes Jahr ist ihr Frontmann Robert Fisher mit 59 an Krebs gestorben. Die letzten Aufnahmen, die Robert Fisher vor zwei Jahren noch aufgenommen hat, erscheinen jetzt in einem letzten Album. Schon immer waren seine Songs düster und melancholisch, seine Stimme klang verletzt und brüchig. Aber mit dem Wissen um seinen Tod läuft es einem schaudernd den Rücken runter, wenn man dazu diese Platte hört. Sie ist seinem Freund und ehemaligen Bandkollegen David Curry zu verdanken, der die Aufnahmen aus dem Regal geholt und entstaubt hat. Auch für Nicht-Kenner der Band ein empfehlenswertes, intensives Album. Hier mischen sich klassischer Alternative Country, sensible Folksongs und Geigeninstrumentals mit Fingerpicking. Ergebnis ist eine Western-Melancholie à la Ry Cooders Paris Texas Soundtrack oder Neil Youngs Improvisationen zum Film Dead Man. (9 von 10 Punkten)

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WILLARD GRANT CONSPIRACY - Untethered | Bild: Loose Music (via YouTube)

WILLARD GRANT CONSPIRACY - Untethered

Steve Spacek – Natural Sci Fi

Cover: Steve Spacek – Natural Sci Fi  | Bild: Eglo Records

Er hat zwar zwischenzeitlich immer wieder Eps und andere Projekte gemacht, aber unter dem Namen Steve Spacek ist Natural Sci Fi erst sein zweites Album. Daran hat er ganze 13 Jahre gearbeitet. Immer wieder hat er daran rumgedoktert, bis er es jetzt endlich abgeschlossen hat. Da uns nur zwei Tracks vor Veröffentlichung vorlagen, verzichten wir auf eine Wertung. (ohne Wertung)

AnnenMayKantereit – Schlagschatten

AnnenMayKantereit schreiben wieder jede Menge Blaupausen für Teenie-Liebesbriefe. Songs wie „Marie“, „Nur wegen dir“ oder „In meinem Bett“ sind Soap-Operas für die Ohren. Noch nie habe ich Teenager so inbrünstig bei einem Konzert mitsingen sehen wie bei AnnenMayKantereit. Auch auf Schlagschatten bleiben sie die netten Schwiegersöhne, wenn auch mit etwas mehr Kanten. Gleich am Anfang der Platte singen sie von scheißenden Vögeln, später verbarrikadieren sie sich in ihrem Kifferzimmer, um dann am Freitagabend Drogen zu kaufen. Jeder Song ist voll mit Identifikationspotentialen. Das ist alles noch das typische Coming Of Age Narrativ, das man so von AnnenMayKantereit schon vom Debüt „Alles Nix Konkretes“ kannte – mochte oder eben nicht. Aber dann kommt bei Titel 6 - „Weiße Wand“ - der „Oha“-Moment. AnnenMayKantereit schwenken plötzlich um, sind politisch poetisch, ziemlich konkret und ziemlich gut. Wenn der Pressetext den Song „Weiße Wand“ völlig übertrieben als verstörend beschreibt. Dann wünschen wir uns jetzt mehr davon. Verstört uns! Beim Song „Hinter Klugen Sätzen“ treten vor die sonst so bedeutungsschwangeren Schnulzen-Texte Sinnkrise, Reflexion und Selbstzweifel. Klanglich gehen AnnenMayKantereit auf Schlagschatten kurz weg vom leicht bekömmlichen Pop und werden minimalistischer. Würden sie da nur weitermachen – aber leider nein – danach hagelt es wieder Sehnsüchteleien und Herzschmerz. Und alle Teenies stimmen ein. (5 von 10 Punkten)

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Nur wegen dir - AnnenMayKantereit | Bild: AnnenMayKantereit (via YouTube)

Nur wegen dir - AnnenMayKantereit

DJ Bone – Beyond

DJ Bone ist eine Techno Koryphäe vor allem im Detroiter Underground.
Nach „A Piece Of Beyond“, dass er im April veröffentlicht hat, folgt jetzt die Doppel-LP „Beyond“, und es wird auch noch ein drittes Album in dieser Trilogie folgen. Auch die Albencover deuten das an. „Piece Of Beyond“ zeigte einen geröntgten Oberkörper. „Beyond“ nun einen geröntgten Schädel. Auf der ersten Hälfte durchleuchtet auch DJ Bone die Szene mit aggressiven Detroit Techno Brettern und stellt mit trocken stampfenden Beats ein Skelett hin, an welchem er mit verspielteren Synthie-Motiven langsam Fleisch ansetzt. In der zweiten Hälfte hören wir dann plötzlich perkussive, wärmere Rhythmen mit Latino-Einschlag – wie in Bound To Move mit Samba-Anleihen. „Techno Ain‘t Techno“ heißt auch ein Song auf der neuen Platte von DJ Bone. Das stimmt wohl. Er verwischt im Laufe des Albums auch immer mehr die Grenzen zwischen klassischem Detroit-Industrial-Techno und exotischen, futuristischen, progressiven Tracks. (7 von 10 Punkten)

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DJ BONE - The Stalker [Subject Detroit ‎– SUB044] | Bild: Gerliani irakli (via YouTube)

DJ BONE - The Stalker [Subject Detroit ‎– SUB044]

The Screenshots – Europa LP

Im April waren da plötzlich diese drei Rocker / Rockerinnen namens The Screenshots. Wer dahinter steckt, weiß man nicht so genau. Wir kennen nur ihre Pseudonyme Susi Bumms, Kurt Prödel und Dax D. Ihr Sound: Postpunk und Trashrock: gerne schnell, schräg und schief. „Ein starkes Team“ fasste sieben Songs und dauerte nicht einmal 17 Minuten. Da macht sich auch das zweite Album namens „Übergriff“ in Windeseile und erschien auch noch dieses Jahr. Eine poppige Weezer-Single namens „Hey“ vorne weg. Jetzt fassen sie ihren unprätentiösen Rock auf der LP „Europa“ zusammen. (5,5 von 10 Punkten)

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The Screenshots - Hey (Offizielles Musikvideo) | Bild: The Screenshots (via YouTube)

The Screenshots - Hey (Offizielles Musikvideo)

James Heather – Reworks

Der zeitgenössische Pianist James Heather präsentiert jetzt ein Remix Album seiner Debüt-EP und seines Debütalbums „Stories from Far Away On Piano“. Es enthält Neuinterpretationen von DJ Seinfeld, Sarah Davachi und Mary Lattimore und erscheint übrigens auf dem Original-Label der beiden Ninja Tune Gründer von Coldcut. Leider ist es etwas diffus, was hier mit Reworks gemeint ist. Mal sind es elektronische Remixe, bei denen die Piano-Partituren gar nicht mehr erkennbar sind, mal sind es wirklich nur äußerst dezente sphärische Abwandlungen mit Streichern oder Harfe. Durchweg ästhetische Musik, wobei ich für den Erstkontakt mit James Heather die zugrundeliegenden Originalen empfehlen würde. (7 von 10 Punkten)

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James Heather - 'Bad Role Model' (Sarah Davachi Rework) | Bild: JamesHeatherSounds (via YouTube)

James Heather - 'Bad Role Model' (Sarah Davachi Rework)


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