Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Dendemann | Die Türen | Sarah McCoy

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Münchens Belp, Better Oblivion Community Centre, Daniel Haaksman, Dendemann, Sneaks, Swindle, Sarah McCoy, Rat Boy, Die Türen und Bassekou Kouyate.

Von: Ralf Summer

Stand: 24.01.2019

Cover: Dendemann - Da nich für | Bild: Universal

SARAH McCOY – Blood Siren

Was für eine Stimme! Mit Volumen, Soul und Retro-Charme der guten Art. Sarah McCoy erinnert an die großen, alten Stimmen – an Billie Holiday oder Nina Simone. Bei ihrem Jazz-Blues-Chanson-Mix denkt man an Cabaret, nennen wir´s Cabaret Noir. Kein Wunder bei dieser Nomaden-Biographie: Sarah McCoy ist Tochter einer Ex-Nonne, zog durch die USA, spielte in Bars und auf der Strasse. Sie lebte in einem Lieferwagen und nahm ein erstes Album, an das sie sich heute nicht mehr gern erinnert. Den Großteil ihrer 20er-Jahre hat sie in New Orleans verbracht. „Eine der Sachen, die mich hier sofort wie zu Hause fühlen ließen, war, dass dort alle ein wenig kaputt sind. Du bist nie der Verrückteste, der die Straße entlangläuft. Im Sommer schnippte ich zwischen den Liedern die Fliegen von meinem Gesicht, während die Finger der anderen Hand auf den glitschigen Klaviertasten hin und her rutschten und meine Schuhe an den zuckrigen Whiskeypfützen festklebten“. Entdeckt hat sie ein französischer Filmemacher. Sie begann viel in Frankreich zu spielen – u. a. im Vorprogramm von Chilly Gonzales und Jarvis Cocker. Gonzales nahm sie in Paris mit ins Studio zu Renaud Letang, der auch schon Feist und Manu Chao aufgenommen hat. Seit 2017 wohnt McCoy nun in der französischen Hauptstadt. Dort entstand das „Blood Siren“-Album – fürs renommierte Jazz-Label Blue Note. Nun ist die Tochter einer Ex-Nonne für ihre Plattenkarriere bereit. Und wir denken bei ihren gebrochenen, autobiographischen Stücken auch an Amy Winehouse oder Janis Joplin. Die Single „Devil´s Prospects“ verhandelt ein Thema New Orleans´: den Voodoo. Und auch im Video zu „Boogieman“ sieht man ihre Geisterbeschwörung. A Star is Born! In Deutschland spielt sie leider nur in Bremen (29.3.) und Frankfurt (31.3.). (8,5 von 10 Punkten).

BETTER OBLIVION COMMUNITY CENTRE – Better Oblivion Community Centre

Courtney Barnett + Kurt Vile hat schon so gut geklappt, hier ist das nächste überraschende, gemischte Indie-Folk-Duett: Phoebe Bridgers und Conor Oberst sind nun das Better Oblivion Community Centre. Zehn Lieder haben die beiden US-Songwriter miteinander aufgenommen. Während Courtney & Kurt eher das Nacheinander-Singen praktizierten, singen Phoebe & Conor lieber parallel. Die Stimmen ergänzen, überlagern sich, schmiegen sich förmlich aneinander an, wie eine Doppel-Helix. Für CD/LP-Fans: die Better Oblivion Community Centre kommt phsysisch erst am 22. Februar. Aber ab heute schon im Stream. Better Oblivion – besseres Vergessen – nicht bei solchen catchy Stücken. Dieses Duo wird hoffentlich bleiben. (8,5 von 10 Punkten)

SNEAKS – Highway Hypnosis 

Punk-Hop wurde es schon genannt – Sneaks ist eine US-Musikerin, die sich zwischen Elektronik, Underground, Rap und Pop bewegt. Dahinter steht Eva Moolchan, kommt von der Ost-Küste. Ihr drittes Album kommt daher wie eine moderne Indie-Party von heute, beeinflusst von „queer black feminism“. Es geht also um Forschen, Selbstermächtigung – und Bassspielen. Die 13 kurzen Songs dauern zwischen ein und drei Minuten und klingen verspielt, als ob M.I.A.s kleine Schwester digitalen Riot Grrl Sound erproben würde. (8 von 10 Punkten)

DIE TÜREN - Exoterik      

Die Türen haben sich eingesperrt. Die Berliner Band war im letzten Jahr eine Woche im Berliner Umland und hat dort das Fundament zu ihrem neuen Album eingespielt und aufgejammt. Herauskam ein Mix aus dubbigem Cosmic-Indie („Fiesta Antifa“) und krautiger Pop-Psychedelia (alles andere). Viele Stücke brauchen ihre Zeit, es gibt viele lange Stücke (bis zu 14 Minuten), „gute Bands lebten schon immer vom Edit“ (vom Schnitt), sagt Summen: „The Beatles, Neu! oder Can.“ „Exoterik“ ist die erste 3-fach-LP aus dem Hause Staatsakt. Klar, Sänger Maurice Summen ist der Labelboss, da finden sich doch noch Türen zur Finanzierung des dicken Vinyls. Die Band hört selbst noch raus bzw rein: Funkadelic, Sun Ra, This Heat...  Der Zündfunk präsentiert Summen/Spechtl/Imler & Co am 6.2. in den Münchner Kammerspielen und am 7.2. im Club Stereo in Nürnberg. (8 von 10 Punkten)

DENDEMANN – Da Nich Für     

Nach neun Jahren meldet er sich zurück: Dendemann, einer der wichtigsten deutschen Rapper überhaupt. Bekannt geworden mit dem Hamburger Duo Eins, Zwo. Zeitweilig war der Wahl-Berliner Teil der Jan-Böhmermann-Show: Dendemann war der ´Hausmusiker´ der „Neo Magazin Royale“-Show. Die politische Haltung von Böhmermann hat ihn wach gerüttelt, sagt Dende. Und so singt er denn in „Keine Parolen“ die sanften Zeilen „Alles was ich will ist die Regierung stürzen“. Aber Pop ist immer weiter wichtiger als Politik. Und Reime als Reden. Und die Produzenten seinen Comeback-Albums haben ihm gar geraten: „rappe doch mal ohne ´wenn und aber´“. „Da Nich Für“ entstand mit den Berliner Produzenten The Krauts – die schon Peter Fox, Miss Platnum, Marteria aufgenommen haben. Features kommen von Casper, Trettmann und den Beginnern (und Beatsteaks). Die Platte klingt modern: kaum Soul-Samples, viel Synthies – aber ob ihm das ultramoderne Gewand steht? Oder wird es mal ´typisch 2019´ sein? Wir werden es sehen. Live: 10.2. Frankfurt, 11.2. Heidelberg, 12.2. Stutttgart, 13.2. M-Tonhalle, 18.2. Wiesbaden, 20.2. Salzburg. (7,5 von 10 Punkten)

DANIEL HAAKSMAN – With Love, From Berlin

Schöne Idee: ein Koop-Album mit Musikern aus aller Welt, die in Berlin leben. Daniel Haaksman machte sich einen Namen mit den Rio Baile Funk-Samplern – sprich: mit Booty Bass aus Brasilien. Es war der Blick von Deutschland nach aussen, 2004. Nun, 15 Jahre später, richtet sich der Blick auf seine Heimat: wo findet in Berlin die weite Welt statt? Aus welchen Ländern sind Musikerinnen und Musiker in die Bundeshaupstadt gezogen? „From Berlin, With Love“ ist eine Platte wie der Karneval Der Kulturen jedes Jahr in Kreuzberg. Haaksman, der sich auch für die Änderung der afrikanischen Strassennamen in Berlin stark macht (weil sie zum Teil üble deutsche Kolonialherren im Namen tragen), stellt uns Berlin als Sehnsuchtsort, als internationalen Schmelztigel vor. Mit Cibelle (Brasilien), Robert Owens (USA), Dengue Dengue Dengue (Peru), Kalaf Angelo (Angola), Coco Maria (Mexico), Ori Kaplan (Israel), Lavoisier (Portugal), She´s Drunk (Frankreich) und Kzia (Belgien). Ein gelungener Beitrag zur Einwanderungsdebatte. Danke! (7,5 von 10 Punkten)

BASSEKOU KOUYATE - Miri

„Miri“ heisst „Traum“ oder „Versenkung“ bei den Bamana, einer Ethnie in Mali. Die „Miri“-Platte ist eine Reise des Ngoni-Spielers und seiner Band Ngoni Ba – zurück in seine Heimat Garana, ein kleines Dorf am Niger. Bassekou sitzt am Fluss – weit weg von Lärm und den politischen Unruhen in der Hauptstadt Bamako der letzten Jahre. Es ist auch ein Abschiedsalbum – seine Mutter starb: „es ist, als ob jemand die Tür aus deinem Haus nimmt“. Bassekou war eines von 13 Kindern von Yakare Kouyate – fünf seiner Geschwister starben. Seine Nichte Kankou Kouyate singt mit. Aber auch internationale Gäste. Auf der Platte geht es um Familien, Freundschaft, Könige, Geld, Gier – vor allem der reichen Elite Malis. „Miri“ ist auch eine Verbeugung vor Zoumana Tereta und Kassemady Diabete, die nicht nur auf Bassekous Platten zu hören waren, sondern große Stimmen Malis waren. Besonders gefällt mir der Song mit Madera Limpia – dem Reggaeton-Duo aus Cuba. (7,5 von 10 Punkten)

BELP – Crocodile

Seine Freunde vom SVS Records waren nach Portugal eingeladen – viele Musiker kamen zu der Artist Residency – auch Sebastian Schnitzenbaumer aus München – er schrieb dafür sein neues Belp-Album – führte es dort auf – und weil es in Portugal gut ankam, wurden die Stücke nun auch veröffentlicht. Nach „Elephants“ und „Hippopotamus“ nun also das „Crocodile“-Album von Belp. Schnitzenbaumer erklärt den Titel so: das Krokodil schnappt gerne zu, ist aber davor unbemerkar. Heisst: dass man auf der Platte ohne Vorwarnung von einem zum anderen Teil getragen wird. (7,0 von 10 Punkten)

SWINDLE – No More Normal

Tolle Mischung: das dritte Album des Londoner Produzenten zwischen Jazz, Funk und Grime. Liebevoll gestaltet, nicht zu glatt, immer mit Soul. Und  vielen englischen Stimmen, die wir hier noch kaum kennen. Manche Beats böllern wie Maschinengewehre wie bei „Drill Work“, dann kommt aber P-Funk-Erlösung wie in „Take It Back“. „´No More Normal´ ist meine Idee von: tun was man will, ohne Regeln, ohne Begrenzungen. So hab ich mir Musik immer vorgestellt“, sagt der Musiker, der einst wegen ADHS von der Schule flog. Swindle ist ein Name, den man sich merken sollte. Entdeckt hat ihn UK-Dubstepper Mala. Die Platte wird nun aber veröffentlicht vom Spezialisten für moderne Multi-Kulti-UK-Musik: Gilles Peterson, Radio-Legende aus London. (7,0 von 10 Punkten)

RAT BOY –  Internationally Unknown

Jordan Cardy ist der Rat Boy – eine Mischung aus Jamie T und Beastie Boys. Sein 2. Album heisst ironischerweise „Internationally Unknown“ - zuhause im UK ist er ein Star, aber im Rest der Welt (noch) nicht. Zu Beginn seiner Karriere gewann er gleich den NME Awards 2016, spielte vor Liam Gallagher und bringt die 90er zurück – mit seinem punkigen Indie-Hop. Bei ihm ist alles DIY – er nimmt seine Comic-artigen Songs selbst auf und gestaltet auch die Covers. Nachdem ihn Kendrick Lamar sampelte („Lust“), war klar, dass es Rat Boy schaffen würde. Mit dieser Art von Indie-Alarm sollte er nun endgültig „Internationally Well-Known“ werden. Im Green Day-Moshpit wird man ihn lieben (für „Dad´s Crashed Car“) – oder in der Halfpipe: für „I Wanna Skate“. (6,5 von 10 Punkten)


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