Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Jeff Tweedy | Ex:Re | Earl Sweatshirt

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Foxwarren, The 1975's, Neil Young, Jeff Tweedy, Ex: Re, Earl Sweatshirt, Farai, Illa J, Bryan Ferry & his Orchestra, Ex Mykah, Black Thought, Dolly Parton und A Day in the Life.

Von: Roderich Fabian

Stand: 29.11.2018

Cover: Ex:Re - Ex:Re | Bild: BR

THE 1975 - “A Brief Inquiry into Online Relationship”

Bei der Band aus Manchester geht’s um Big Business, denn der Vorgänger von 2016 hatte die Band auf Platz 1 in den USA geführt und damit zum großen Thema für die Major-Plattenfirma gemacht. Mancher Song hat zumindest noch ein cooles Riff, der Rest der Platte besteht dann aus Autotune-Gejodel, Elton-John-Balladen und Coldplay-haftem Schmuserock.  Es ist kaum auszuhalten, aber die einzelnen Songs sollen wohl nur diverse Mainstream-Playlists für verschiedene Gelegenheiten bereichern - ein abgekartetes Ding. (3,5 von 10 Punkten)

FOXWARREN - “Foxwarren”

Foxwarren gibt es seit zehn Jahren. Es ist die Band, die der als Solo-Artist recht erfolgreiche Andy Shauf mit Schulfreunden in seiner Heimat gegründet hat, die aber erst jetzt dazu gekommen sind, eine eigene Platte aufzunehmen. Ergebnis ist ein erstklassiges Folk-Rock-Album voller sahneweicher, toll strukturierter Songs, die immer dann in eine andere Richtung abdrehen, wenn man es am wenigsten erwartet - großes Tennis für die, die mit einem solchen Sound überhaupt etwas anfangen können. (8,5 von 10 Punkten)

NEIL YOUNG - “Songs for Judy”

Das Weihnachtsgeschäft ist es, das Labels dazu bringt, in den Archiven zu kramen, um noch ein bisschen aus den Helden der 60s und 70s herauszuquetschen. Dies ist Acoustic-Live-Album von Neil Young, 1976 aufgenommen - ziemlich solide Aufnahme, ziemlich viele Hits, aber braucht man wirklich ein weiteres Live-Album von Neil Young? (6,4 von 10 Punkten)

JEFF TWEEDY - “Warm”

Ein sehr stimmiges und intimes Album des 51jährigen Country-Rockers: In den Texten geht’s oft darum, dass jetzt die letzte Lebensphase begonnen hat, in der die Kinder aus dem Haus sind man zwar freier ist, aber auch näher dem Ende - ein Bewusstseins-Album. (7,5 von 10 Punkten)

DOLLY PARTON - Dumplin (Original Soundtrack)

Das Album enthält die Musik zur demnächst erscheinenden Netflix-Komödie mit Jennifer Aniston, die ihre übergewichtige Tochter “Dumplin” also “Knödel” nennt. Dumplin wiederum liebt Dolly Parton, ihre neuen oder neu aufgenommenen Songs durchziehen den Film. Leider ist die Neuaufnahme von “Here I am” (im Duett mit Sia) der einzig-tolle Track, der Rest ist überproduzierter New-Nashville-Kram mit Gästen wie Mavis Staples und Macy Gray. (5,5 von 10 Punkten)

BRYAN FERRY ORCHESTRA - Bitter-Sweet

Die Serie “Babylon Berlin” brachte Bryan Ferry auf die Idee, ein ganzes Album mit Orchester und alten Songs aufzunehmen. Und das war - überraschenderweise - eine gute Idee. Gerade die Roxy-Music-Songs wie “Chance Meeting” oder “Sea Breezes” verbinden sich ziemlich gut mit dem Sound der Tanzorchester der späten 20er Jahre. Und der Sänger, der in den letzten 20 Jahren auch viel Mittelmäßiges geliefert hat, darf mal wieder den authentischen Dandy geben. (7,0 von 10 Punkten)

EX:RE - “Ex: Re”

Ex: Re ist - zumindest für dieses Projekt - der seltsame Künstlername von Elena Tonra. Bekannt wurde sie als Stimme der atmosphärischen Neo-Shoegazer namens Daughter. Es ist eines der zurzeit beliebten Trennungsalben. Frau Tonra verarbeitet ihren Schmerz philosophisch, subtil, minimalistisch und streckenweise wirklich wunderschön. Sie entgeht also der befürchteten Jammer-Falle, die ein solcher Anlass gerne stellt. (8,0 von 10 Punkten)

FARAI - “Rebirth”

Farai wurde in Zimbabwe geboren, lebt aber schon lange in London. Sie ist durch eine Psycho-Therapie zur Musik gekommen. Das Album hat sie mit dem Produzenten Tone aufgenommen. Der hat hörbar eine Vorliebe für alte Analog-Synthies, was die Platte oft nach Früh-80er-Electro-Punk klingen lässt. Es regnet hier poetische Anklagen gegen Theresa May, die Brexit-Befürworter und die Zustände ganz allgemein. (7,1 von 10 Punkten)

BLACK THOUGHT - “Stream of Thought”

Tarig Luqmaan Trotter alias Black Thought ist 47 und hat Questlove einiges zu verdanken. Denn der Schlagzeuger und irgendwie auch Chef der Roots gründete mit Black Thought die Band, als der gerade 15 war. Trotter war schlau genug, sich 30 Jahre lang als Bandmitglied zu begnügen. Erst in diesem Jahr sind nun zwei EPs erschienen, die zusammengenommen dieses Album ergeben und dem analogen, weitgehend Sample-freien Sound der Roots treu bleiben. Solide Sache, haut mich aber auch nicht vom Hocker. (6,5 von 10 Punkten)

ILLA J - “John Yancey”

Der jüngere Bruder der verstorbenen Produzenten-Legende J Dilla ist Rapper mit eindeutigem Hang zu Old-School-Soul-Samples, was das Album “John Yancey” - so sein eingetragner Name - ziemlich unterhaltsam macht. Ob das für den Legenden-Status reicht, darf bezweifelt werden, den moderner Hip-Hop klingt inzwischen ganz anders. (6,6 von 10 Punkten)

EARL SWEATSHIRT - “Some Rap Songs”

Es ist wirklich irre, wie die Songs auf einem Album gebaut sind, das schlicht “Some Rap Songs” heißt, aber eben viel mehr ist als das. Keine Platte in dieser Musik von Morgen klingt weiter vorn. Earl Sweatshirt ist ein cleverer Typ und hat über “Nowhere 2go” gesagt, dass der noch am ehesten einer “Single” nahekomme - hier geht’s in die Zukunft. (7,9 von 10 Punkten)

EX MYKAH - “16,17”

Das Album heißt “16, 17”, aber der Mann ist deutlich älter und erinnert gelegentlich an modernen R&B à la Frank Ocean. Vielleicht kommt er noch in diese Regionen, bislang ist dieses Debut-Album eher eine Talentprobe. Und man weiß ja, dass in LA Talent allein nicht reicht, man braucht dort Glück und vor allem Beziehungen. (6,7 von 10 Punkten)

A DAY IN THE LIFE - "Impressions of Pepper"

Hier wird von diversen, jungen Jazz-Musikern aus Amerika und England das gesamte Sergeant-Pepper-Album der Beatles gecovert. Das reicht vom Solo-Piano von Cameron Graves auf “Fixing a Hole” bis zum modernen, freien Swing eines Shabaka Hutchings von den Sons of Kemet auf “Good Morning, good Morning”. Mein Favorit auf diesem interessanten Album aber ist die Coltrane-hafte Interpretation von “Getting better” des britischen Trios “Wildflower” - ja, It’s getting better all the time. (7,2 von 10 Punkten)


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