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Neuerscheinungen der Woche Julia Jacklin | Modeselektor | Sleaford Mods

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Bilderbuch, Modeselektor, King Midas Sound, Lil Pump, Sleaford Mods, Frittenbude, Julia Jacklin, Fokn Bois, James Yorkston und Donna Regina.

Von: Angie Portmann

Stand: 21.02.2019

Cover: Bilderbuch - Vernissage - My Heart | Bild: Mafia Tabak

Julia Jacklin  - Crushing

Warum immer lang rumreden um den heißen Brei, keep it real. Julia Jacklin singt auf ihrem zweiten Album „Crushing“ sehr explizit von ihren Gefühlen, ihren Sehnsüchten, aber auch davon, was sie bitte nicht mehr haben will! Zwei Jahre lang war die Australierin auf Tour, ihr Körper musste ständig funktionieren, alle Gefühle waren ausgeblendet. Damit ist jetzt Schluss. In „Head alone“ fordert Jacklin die Hoheit über ihren Körper zurück („I don’t wanna be touched all the time/I raised my body up to be mine““). Völlig ungeschminkt erzählt Julia Jacklin von ihren Ängsten, ihren Wünschen. Ungeschminkt waren dann auch die Aufnahmen, man hört jedes Instrument, jeden Atemzug. Was „Crushing“ noch direkter, noch intensiver klingen lässt. Die Songs von Julia Jacklin kommen dann besonders gut, wenn man sich in dieses wunderbare Julia-Jacklin-Raum-Zeit-Kontinuum hineinziehen lässt. Ob das auch live funktioniert, werden wir am 16. April in München in der Milla überprüfen. (8 von 10 Punkten)

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Julia Jacklin - Pressure To Party (Official Video) | Bild: julia jacklin (via YouTube)

Julia Jacklin - Pressure To Party (Official Video)

James Yorkston - The Road to the Harmonium

Ich muss gestehen, ich war etwas erleichtert, dass Yorkston dieses Album mehr oder weniger allein aufgenommen hat. Seine letzte Kollabo mit dem Kontrabassisten Jon Thorne und dem Sarangi-Meister Suhail Jusuf Khan war zwar wunderbar weird. Ein Amalgam aus Folk, Jazz und indischer Klassik. Aber auch ziemlich anstrengend. Mit „The Road to the Harmonium“ ist der Schotte Yorkston jetzt wieder zum Folk zurückgekehrt. Das impulsiv rauschende „My Mouth ain’t no bible“ steht hier wie ein Fels zwischen ansonsten größtenteils sehr ruhigen, anrührenden, persönlichen Songs. Yorkston besingt verflossene Lieben, verstorbene Freunde, Kindheit, Familie, gestern und heute - aber auch die irischen Unabhängigkeitskriege. Er benutzt dazu sehr traditionelle Instrumente wie Harfe, Dudelsack, Fidel und natürlich auch ein Harmonium. Das macht dann alles einen sehr anachronistischen, aber auch sehr warmen Eindruck. (7,8 von 10 Punkten)

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James Yorkston - Shallow (Official Video) | Bild: Domino Recording Co. (via YouTube)

James Yorkston - Shallow (Official Video)

Donna Regina – Transient

Auch mit ihrem 13. Album „Transient“ sind Donna Regina aus Köln noch nicht angekommen, schweben in diesem wunderbaren Dazwischen, zwischen somnambuler Melancholie und elektronischer Abgeklärtheit. Herrlich unaufgeregt dabei wie immer der Gesang von Regina Janssen, und der Elektronica-Sound ihres Ehemannes Günther Janssen ist so dezent wie elegant. Mit den Jahren ist der Donna Regina-Kosmos immer internationaler geworden. Vor einiger Zeit waren die beiden Kölner sogar in Japan erfolgreich. Auf „Transient“ singen sie deshalb jetzt auch japanisch, neben französisch, spanisch, englisch und sogar deutsch. (7,5 von 10 Punkten)

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Donna Regina - Blitze | Bild: Karaoke Kalk (via YouTube)

Donna Regina - Blitze

Bilderbuch – Vernissage my heart

„Europa 22“, der letzte Song auf „Vernissage my heart“, feiert ein Europa der Freiheit. Der Song ist nicht unbedingt kritisch, auch nicht offensiv politisch, aber sehr lässig, sehr positiv. Bilderbuch-Sänger Maurice Ernst betont in Interviews momentan immer wieder, dass ihm das Thema Europa tatsächlich sehr wichtig sei. „Ich fühle mich als Erbe eines Europas,“ sagt er, „das ich wirklich sehr geil finde“. Und mit diesem Song wolle er sein Erbe verteidigen. Damit aber nicht genug. Um ihr Album und den Gedanken eines freien Europas zu promoten, haben sich Bilderbuch eine ziemlich spektakuläre Marketing-Aktion einfallen lassen: auf der Homepage der Band kann sich zur Zeit jeder seinen eigenen virtuellen Europa-Pass ausstellen. Das haben in den ersten 24 Stunden schon über 70.000 Menschen getan, darunter auch zahlreiche Politiker und Prominente wie der deutsche Außenminister Heiko Maas oder der Moderator Jan Böhmermann.
Aber wie klingt nun das Album, das hier so kreativ beworben wird? In erster Linie sehr psychedelisch, sehr hippiesk. Selbst die verzerrten Gitarren im Opener gehen in die Breite. Egal wie unterschiedlich die einzelnen Songs stilistisch sind, „Vernissage my heart“ durchweht ein funky Schleier, ein leicht bedröhnter Nebel, der mich beim Hören angenehm eingelullt hat. Und zu guter Letzt driften Bilderbuch dann sogar noch ab in ferne Galaxien, verschwinden im einsamen elektronischen Space. Kein Wunder, dass die Österreicher demnächst zusammen mit Tame Impala auftreten, das passt perfekt ... (7,9 von 10 Punkten)

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Bilderbuch - LED go (official) | Bild: BILDERBUCH (via YouTube)

Bilderbuch - LED go (official)

Sleaford Mods – Eton alive

So ausgemergelt die Sleaford Mods auf dem Cover ihres neuen Album aussehen, so spartanisch klingt auch ihre Musik. Da ist kein Gramm Fett an den Songs, da ist nur der reduzierte, aber sehr effektive an Punk, Hip Hop und seit neustem auch noch an Techno und Dub geschulte Sound von Andrew Fearn. Und die renitente Stimme von Jason Williamson. Unbeirrbar nölt sich Williamson durch die zwölf Song von „Eton alive“. Rapt bzw. singt diesmal sogar auch mal – und das gar nicht mal so schlecht. Die Laune der Sleaford Mods ist aber nach wie vor unterirdisch, Gründe gibt es für Briten aus Nottingham ja immer noch mehr als genug. Die werden von den Sleaford Mods allerdings nicht wirklich thematisiert. Protestsongs würden die von ihnen gehassten Idles schon genug schreiben. Die Sleaford Mods betrachten nur lakonisch den trostlosen, britischen Alltag und reißen angesichts der desaströsen Lage ihre tiefschwarzen Jokes. Behaupten Blur Gitarrist Graham Coxon sähe aus „like a left-wing Boris Johnson“ („Flipside“) und Politik wäre nur noch ein hohler Diskurs („Discourse“).  Dieses wütende Rundum-Bashing machen sie aber wieder sensationell gut. (7,8 von 10 Punkten)

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Sleaford Mods - Kebab Spider | Bild: SleafordModsVEVO (via YouTube)

Sleaford Mods - Kebab Spider

Frittenbude  - Rote Sonne

„Die Dunkelheit darf niemals siegen“ hieß die erste Single aus dem neuen Album von Frittenbude, den ehemaligen Ravepunks aus Niederbayern, die über München mittlerweile nach Berlin abgewandert sind. Ein lautes, empörtes Statement gegen identitäre Faschos und hohle Prenzlauer Berg-Idylle, gegen Nazis bei Rock am Ring und Zahnärzte mit St. Pauli-Hoodies. Ein wortgewaltiger Rundumschlag – die Wut des Trios schien grenzenlos. Aber weit gefehlt. Die restlichen Songs klingen wesentlich zurückhaltender, manche leider sogar fast belanglos (Vida, Süchtig, Alles was wir nicht tun, Emma, Goldie). Und das dann oft zu den immer gleichen Beats, den gleichen Synthieflächen. Schade. Aber Songs wie das störrische „Brennen“ oder „Kanister“ lassen die „Rote Sonne“ dann doch noch leuchten. (6,8 von 10 Punkten)

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Frittenbude - Vida (Official Video) | Bild: Audiolith (via YouTube)

Frittenbude - Vida (Official Video)

Modeselektor – Who else

Ende der 90er war der schnelle, harte Techno von Modeselektor ein wichtiger Bestandteil der Berliner Rave-Kultur. Als Moderat brachten Sebastian Szary und Gernot Bronsert dann die ganz großen Stadien zum Beben ... und manchmal auch zum Heulen. Damit war vor zwei Jahren aber Schluss. Zeit für ein neues Modeselektor-Album. Auf „Who else“ liefern die beiden Techno-Haudegen von einst jetzt wieder kurze, knackige Tracks für die direkte Abfahrt, ohne Umwege und psychedelischen Schnick-Schnack. Eleganz geht definitiv anders. Und auch ihre Feature-Gäste wie die Londoner Rapperin Flohio oder der estnische Rapper Tommy Cash bleiben soundtechnisch im bekannten Modeselektor-Rahmen, dessen einzige Konstante nach wie vor Bass heißt. Mein Favorit ist der staubtrockene, eher minimalistische „WMF Love Song“. Eine Liebeserklärung an das legendäre WMF, jenen Club in Berlin, in dem Modeselektor musikalisch quasi groß geworden sind. Hier schiebt der Bass sanft, aber druckvoll und man möchte sofort den Lichtschalter aus und die Nebelmaschine anschalten. An manchen Stellen ist mir „Who else“ etwas zu poppig, zu melodieverliebt, zu ... ja moderat. Die Jahre mit Apparat sind offensichtlich nicht spurlos an Modeselektor vorübergegangen. Aber im Club sind die Tracks von „Who else“ sicher Monstertrucks. (7,2 von 10 Punkten)

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Modeselektor - Who Feat. Tommy Cash (Single Version) [MTR093] | Bild: cobra cobra (via YouTube)

Modeselektor - Who Feat. Tommy Cash (Single Version) [MTR093]

FokN Bois – Afrobeat LOL

Die FokN Bois aus Ghana machen „Gospel porn“- behaupten sie zumindest selbst. Aber wer, wie ich, damit nicht viel anfangen kann, der stelle sich einen Mix aus Pidgin Rap, Hip Hop und Highlife vor plus afrikanischem Techno und Dub. Was die FokN Bois so besonders macht, ist aber nicht dieser Mix, sondern wie das Duo auftritt. Im Gegensatz zu vielen afrikanischen Hip Hop-Kollegen, die sich gern am amerikanischen Goldkettchen-Hip Hop orientieren, präsentieren sich die FokN Bois wesentlich bodenständiger und vor allem angenehm selbstironisch und frech. Tabus zu brechen ist ihnen ein Vergnügen: sei es in Sachen Homosexualität oder wenn es um die musikalische Übermacht von Fela Kuti geht. Die FokN Bois, das ist der ghanaische Sänger und Produzent Mensa, der als Solosänger auch schon im Vorprogramm der Gorillaz, des Wu-Tang Clans und der Roots aufgetreten ist. Sein Partner ist Wanlov the Kubolor, der selbsternannte „Gypsy Prince of Pidgen Rap“. Ihre neue, sehr unterhaltsame EP trägt den irreführenden Titel „Afrobeats LOL“, obwohl die FokN Bois eigentlich nie viel mit Afrobeat zu tun hatten -  oder wahrscheinlich gerade deshalb. (6,9 von 10 Punkten)

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FOKN Bois - Wo Nim Mi ft Medikal | Bild: Fokn Bois (via YouTube)

FOKN Bois - Wo Nim Mi ft Medikal

Lil Pump – Harverd Dropout (5)

Und weil gerade vom US-HipHop die Rede war: hier noch das Album des 18jährigen Lil Pump aus Miami, Florida mit dem signifikanten Titel „Harverd Dropout“.
Schule war offensichtlich nicht sein Ding, auch wenn man bei vielen Titeln noch mit Lil Pump im Klassenzimmer sitzt – hey teacher! Stattdessen jagt Lil Pump die Rap-Klischees nur so vor sich her, die da wären: Sex and drugs ... und natürlich: money! Das alles ist sehr zeitgemäß und mit vielen prominenten Gästen produziert und verkauft sich auf dem Pausenhof sicher großartig. (5 von 10 Punkten)

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Lil Pump - "Drop Out" (Official Audio) | Bild: Lil pump (via YouTube)

Lil Pump - "Drop Out" (Official Audio)

King Midas Sound – Solitude

King Midas Sound, das ist der Londoner Experimentalmusiker Kevin Martin alias The Bug zusammen mit dem Dub Poeten Roger Robinson. Auf „Solitude“ widmen sich die beiden der Einsamkeit, mit all ihrer vernichtenden Grausamkeit. Der Einsamkeit nach dem Ende einer Beziehung. Und der Einsamkeit und Entfremdung einer ganzen Bevölkerungsgruppe, zum Beispiel der britischen Windrush Generation, der karibischen Einwanderer. Unter den tieftraurigen Lyrics von Robinson liegen die düsteren Drones von Martin, die uns unweigerlich in einen dunklen Abgrund hinabziehen. Ein außergewöhnliches, atemberaubendes Album. (8,5 von 10 Punkten)

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King Midas Sound - Solitude (2019) | Bild: cold tea [ambient, drone] (via YouTube)

King Midas Sound - Solitude (2019)


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