Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Beirut | Cherry Glazerr | Specials

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Beirut, Cherry Glazerr, Emily King, Specials, Unloved, Rustin Man, Jungstötter, Girlpool, Butcherettes und Moritz Krämer

Von: Angie Portmann

Stand: 31.01.2019

Zach Condon sitzt auf einem Stuhl | Bild: Beggars

Emily King - Scenery

Die Eltern von Emily King waren beide Musiker in New York. Schon früh beschloss die junge Emily, es ihnen nachzumachen und wurde prompt von Clive Davis gesignt, jenem legendären Plattenboss, der schon Stars wie Janis Joplin, Patti Smith und Whitney Houston groß gemacht hatte. Kurz darauf wurde sie von seiner Plattenfirma allerdings schon wieder fallengelassen. Mittlerweile ist „Scenery“  aber schon das vierte Album der Grammy nominierten Emily King. Entstanden in Upstate New York. King ist dorthin geflüchtet, weg vom turbulenten New York, in eine ruhigere Gegend. Zusammen mit ihrem Produzenten Jeremy Most hat sie sich in ihrer Garage ein Studio gebaut und dort haben die beiden Perfektionisten an „Scenery“ gefeilt.  

Einem nicht uncharmanten, musicalhaften, von minimalistischem 80’s Synthie-Pop und sanftem R’n’B geprägtem Album.  Dazu ein leichter Jazz-Touch, etwas Latin, die glasklare Stimme von Emily King und über allem ein bittersüßer Schleier  ... die nächste Sade könnte Emily King heißen. (7,2 von 10 Punkten)

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Emily King - Can't Hold Me (Live at Apogee Studios) | Bild: EmilyKingVEVO (via YouTube)

Emily King - Can't Hold Me (Live at Apogee Studios)

Beirut - Gallipoli

Wie Calexico haben auch Beirut das Talent mit ihren Songs den dunkelsten Wintertag zu einer angenehm heimeligen Angelegenheit zu machen. Das mag an den warmen Bläsern, den sanften Gitarren liegen, aber vor allem auch an diesem Sound gewordenen Fernweh, das beide umtreibt. Im Fall des Amerikaners Zach Condon, dem Kopf von Beirut, war es anfangs vor allem die Liebe zum Balkan, zu osteuropäischer Musik, die seinen Indie-Folk prägte. Mittlerweile ist der rastlose Condon weit herumgekommen, hat aber momentan sogar einen festen Wohnsitz, nämlich Berlin. Dort hat er mit Mouse on Mars an ihrem letzten Album gearbeitet und dort wie in New York, sind auch etliche Songs für seine fünfte Platte „Gallipoli“ entstanden. Benannt nach einer Stadt in Apulien im Süden Italiens, in deren Nähe das Album aufgenommen wurde. War der Vorgänger eher poppig-elektronisch, kehrt Condon mit „Gallipoli“ wieder zu seinem ursprünglichen Sound zurück, inklusive seinem Trademark-Instrument, der Farfisa-Orgel. Aber nicht nur das, die Band experimentiert auch mit schrägen Synthieklängen und kaputten Verstärkern („On Mainau Island“), sucht nach dem perfekten Klang im imperfekten. Dazu die nach wie vor ziemlich umwerfende Stimme von Zach Condon – ähnlich ergreifend croont ansonsten vielleicht gerade noch Rufus Wainwright oder Stephin Merritt von den Magnetic Fields – und „Gallipoli“ hat mich am Wickel. So viel sehnsüchtigem Wohlklang kann man sich nur schwer entziehen. (7,9 von 10 Punkten)

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Beirut - Landslide (OFFICIAL VIDEO) | Bild: Beirut (via YouTube)

Beirut - Landslide (OFFICIAL VIDEO)

Rustin Man - Drift Code

Paul Webb, der ehemalige Bassist von Talk Talk, ist Rustin Man. Als solcher hat er vor 17 Jahren „Out of season“ produziert, ein tolles Album mit der nicht minder tollen Beth Gibbons von Portishead. Und jetzt ist es wieder soweit: mit viel Liebe zum Detail und vor allem seinen Instrumenten, die er alle, bis auf das Schlagzeug, selbst aufgenommen hat, ist „Drift Code“ entstanden. Eingespielt in einer zum Wohnhaus und Studio umgebauten Scheune in Essex hat die gesamte Produktion etwas sepia farbenes, schwer nostalgisches, das verstimmte Klavier, die brüchige Stimme von Paul Webb. Eigentlich ein hübsches Konzept - das allerdings nicht aufgeht. Webb mag ein begnadeter Bassist sein, der mit Talk Talk Großartiges produziert hat, als Sänger ist er leider eine mittlere Katastrophe... und „Drift Code“ nicht einmal Talk Talk-Fans unbedingt zu empfehlen, von wenigen Songs wie „Our tomorrows“ abgesehen. (5 von 10 Punkten)

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Rustin Man - Judgement Train (Official Video) | Bild: Domino Recording Co. (via YouTube)

Rustin Man - Judgement Train (Official Video)

The Specials - Encore

Wer gerade dachte, 17 Jahre Pop-Abstinenz sind dann vielleicht doch zuviel, dem komm ich jetzt mit den Specials - sie haben sich 37 Jahre Zeit gelassen, um ein neues Album mit ihrem Originalsänger Terry Hall zu veröffentlichen.

Die britischen 2Tone-Helden haben ihr neues Album „Encore“ genannt - in Anlehnung an ihre ersten beiden Alben in Originalbesetzung, „The Specials“ und „More Specials“. Seit zehn Jahren sind die drei Gründungsmitglieder, Sänger Terry Hall, Lynval Golding und Horace Panter, schon zusammen live unterwegs, spielen ihre alten, unvergessenen Hits, Ska-Klassiker wie „A message to you, Rudy“, „Too much too young“ oder „Ghost town“. Und womit lässt sich eine Tour am effektivsten promoten? Mit einem neuen Album natürlich. Dafür wurde „The Lunatics“ gecovert, ein alter Fun Boy Three-Hit, also von jener Band, die Terry Hall 1981 gründete, nachdem er The Specials verlassen hatte. Oder Eddy Grant’s „Black skinned blue-eyed boy“. Dazwischen singt Terry Hall von seiner Hassliebe zum Internet („Breaking point“), lamentiert über die ewig falschen Versprechungen der Politiker („Vote for me“) oder übergibt das Mikrophon an die junge britische Feminismus-Aktivistin Saffiyah Kahn („10 Commandments“), die hier explizit und sehr direkt gegen Sexismus und das Patriarchat wettert (“You can call me a feminazi or a femoid and then see if I give a stinking shit“). Zwar können The Specials mit diesem Album nicht ihren Backkatalog toppen, aber „Encore“ ist definitiv ein ausgesprochen erfreuliches Comeback-Album. (7,8 von 10 Punkten)

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The Specials - Vote For Me (Lyric Video) | Bild: TheSpecialsOfficVEVO (via YouTube)

The Specials - Vote For Me (Lyric Video)

Cherry Glazerr - Stuffed & Ready

Clementine Creevy war 16 als sie mit ihrer Band Cherry Glazerr erste Songs aufnahm. Großartig schrägen, manchmal auch ziemlich wütenden Lo-Fi-Garagen-Rock. Zwei Alben später dann das sehr erfolgreiche „Apokalipstick“. Dafür hatten Cherry Glazerr ihren Sound etwas aufpoliert, hatten New Wave und Grunge integriert und klangen wie ein cooles Update des Riot-Grrrl-Sounds der 90er. „Stuffed & Ready“ geht jetzt noch einen Schritt weiter in Richtung Mainstreamkompatibilität: die Songs haben sauber produzierten Druck, die Riffs sind wuchtig, Frontfrau Clementine Creevy demonstrativ verzweifelt. Cherry Glazerr sind damit wunderbar geeignet für die großen Stadien der nächsten Festivalsaison. Mich lässt Album Nummer Vier des Trios aus LA aber leider völlig kalt. Zu kalkuliert und berechnend klingen die Songs diesmal. Aber wer den relativ unspektakulären Alternativrock von Bands wie Wolf Alice mag, der wird auch mit den aktuellen Cherry Glazerr glücklich. (7,1 von 10 Punkten)

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Cherry Glazerr - Wasted Nun | Bild: CherryGlazerrVEVO (via YouTube)

Cherry Glazerr - Wasted Nun

Unloved - Heartbreak

Die Musik von Unloved evoziert bei mir sofort das Bild einer mitternächtlichen Bar. Das Licht ist schummrig, die Atmosphäre gedämpft, aber unterschwellig brodelt es. Ein Raum voller unerfüllter Sehnsüchte, fiebriger Träume und bittersüßer Liebesgeschichten. Ein Ort, an dem Zeit keine Rolle spielt, an dem man schwerelos im Jetzt schwebt. Genau dafür gibt es die Musik von Unloved – einem Mix aus 60’s Girl Group-Pop und Film noir, aus Twin Peaks und Ocean’s 11. Aber, surprise surprise, hinter Unloved steckt auch David Holmes, der u.a. schon etliche Steven-Soderbergh-Soundtracks, darunter auch Ocean’s 11, komponiert hat. Holmes ist ein begnadeter DJ, das kann ich bezeugen. Und ein gut gebuchter Produzent, z.B. hat er das letzte Noel Gallagher-Album produziert. Von ihm selbst kamen in den vergangenen Jahren allerdings fast nur Soundtracks. Für Unloved hat er sich mit der Sängerin Jade Vincent und deren Partner Keefus Ciancia zusammengetan. Die drei lernten sich in einer Bar in LA kennen, dem Rotary Room. Jade und Keefus organisierten dort einen regelmäßigen Clubabend und hatten dafür David Holmes als DJ eingeladen. Sie entdeckten ihre gemeinsame Liebe zu dunklen, cinemaskopischen Sounds und nahmen kurz darauf ihre ersten Songs auf. Mit „Heartbreak“ erscheint jetzt bereits das zweite Album des Trios, wieder mit Streichern galore und wunderbar psychedelischem Pop Noir. (7,8 von 10 Punkten)

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Unloved - Heartbreak Official Video | Bild: Unloved Official (via YouTube)

Unloved - Heartbreak Official Video

Jungstötter - Love Is

Auch bei Jungstötter, dem ehemaligen Sizarr-Sänger geht es um die Liebe - die hier allerdings nicht irgendwo in Hollywood lasziv auf einem roten Plüschsofa sitzt und einen Cocktail trinkt, sondern diese Liebe steht an einem imaginären Abgrund und blickt in die Tiefe. „Sometimes I feel the need to be someone else“ singt Jungstötter, der eigentlich Fabian Altstötter heißt und jetzt mit „Love is“ sein erstes Soloalbum veröffentlicht hat. Ein Album, das klingt wie eine Platte von Nick Cave and the Bad Seeds, nur in einem etwas entschlackten Format. Die Begleitung ist reduziert und die Songs oft nackt, verletzlich. Jungstötter spielt dabei so hemmungslos mit dem Pathos als wär er Stuart Staples von den Tindersticks. Aber man nimmt ihm diese tiefe Traurigkeit auch tatsächlich ab, was vermutlich an der kargen Produktion von Max Rieger von den Nerven liegt. Gothic Pop, selbstbewusst und fast so elegant wie Bryan Ferry. Chapeau! (7,7 von 10 Punkten)

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Jungstötter feat. Soap&Skin - Wound Wrapped In Song [Live] | Bild: Jungstötter (via YouTube)

Jungstötter feat. Soap&Skin - Wound Wrapped In Song [Live]

Girlpool - What Chaos Is Imaginary

Times are changin’. Das gilt besonders für die Band Girlpool und ihren Sound. Nach der Hormontherapie von Cleo Tucker, die vor knapp zwei Jahren erklärte, transgender zu sein, ist ihr Gesang teilweise bis zu einer Oktave tiefer. Und wie ihr Gesang scheint auch der Sound von Girlpool in einer Übergangsphase zu sein. Aus dem Indie-Folk von einst mit den rotzig-schrägen Harmoniegesängen ist jetzt teilweise eine wesentlich konventionellere Alternative-Rock-Variante geworden wie in dem eben gehörten „Hire“. Aber darauf wollen sich Girlpool keinesfalls festlegen. „What chaos is imaginary“ hat noch vielmehr zu bieten. Sanften Dreampop inklusive elegischem Streicheroutro im Titelstück z.B., oder melodischen Indie-Folk, der fast an Elliott Smith erinnert und dazwischen auch schon mal Drumcomputer und Keyboards. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob ich die neue Girlpool-Vielfalt jetzt abwechslungsreich oder unentschlossen finden soll. Fest steht allerdings: die Songs selbst, sprich das Songwriting, sind noch ausbaufähig. (7,1 von 10 Punkten)

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Girlpool - "Pretty" (Full Album Stream) | Bild: ANTI- Records (via YouTube)

Girlpool - "Pretty" (Full Album Stream)

Le Butcherettes - bi/Mental

„Bi/MENTAL“, das vierte Album der mexikanischen Rockband um Sängerin Teri Gender Bender, liefert soliden Rock, melodische Hooks und kantige Riffs, allerdings ohne dabei außergewöhnlich anzuecken. Diesmal nicht, wie gewohnt, von Omar Rodriguez-Lopez von At the Drive-In produziert, sondern von Talking-Heads-Gitarrist Jerry Harrison. Und sogar sanften, etwas belanglosen Pop erlauben sich die vier aus LA bzw. El Paso diesmal. (6,9 von 10 Punkten)

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Le Butcherettes - give/UP (Official Music Video) | Bild: riserecords (via YouTube)

Le Butcherettes - give/UP (Official Music Video)


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