Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Matthew Herbert | Ebow | White Denim

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Edwyn Collins, den Mekons, der Matthew Herbert Brexit Big Band, Káryyn, Billie Eilish, Ebow, White Denim, Ty Segall & the Freedom Band, Son Volt und Beth Gibbons & The Polish National Radio Symphonie Orchestra.

Von: Angie Portmann

Stand: 28.03.2019

Ebow - K4L | Bild: Rough Trade

Edwyn Collins – Badbea

„Badbea“ ist das neunte Solo-Album des Schotten Edwyn Collins, das vierte nach seinen zwei Schlaganfällen 2005. Damals war lange Zeit unklar, ob Collins jemals wieder ein Album machen können würde. Seine rechte Seite war gelähmt und das Sprechen viel ihm schwer. Aber der ehemalige Kopf der Post-Punk-Band Orange Juice hat sich zurück gekämpft. Ins Studio und auf die Bühne. Seit kurzem lebt Edwyn Collins nicht mehr in London, sondern in einem Küstenort im Nordosten Schottlands, ganz in der Nähe das titelgebenden „Badbea“. Dort ist auch sein neues, rundum optimistisches Album entstanden. Voller euphorischem Northern Soul bzw. lässigem 60’s-Pop, perfekt eingesungen vom Crooner Collins. Und selbst die ruhigeren Songs klingen niemals verbittert oder frustriert – sondern sind berührende Oden ans Leben bzw. die Liebe. Und hier geht’s vor allem um die Liebe zu einer Frau: seiner Managerin und Ehefrau Grace Collins nämlich, die er schon in seinem großen Hit „A Girl like you“ besungen hat. Andere Songs sind wiederum inspiriert von 30 Gedichtbänden, die Collins vor seinen Schlaganfällen verfasst hat und die jetzt bei seinem Umzug nach Schottland wieder aufgetaucht sind. (7,3 von 10 Punkten)

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Edwyn Collins: Outside | Bild: AEDrecords (via YouTube)

Edwyn Collins: Outside

Mekons – Deserted

1979 im britischen Leeds gegründet sind die Mekons jetzt in der kalifornischen Wüste gelandet. Dort, im Studio ihres Bassisten Dave Trumfio nahe des Joshua Tree Nationalparks haben sie ihre neue Platte eingespielt, ein in der Hitze flirrendes, anarchistisches Americana-Album. Die einstigen Punks haben ja schon etliche musikalische Metamorphosen durchlaufen - was ihre Haltung angeht sind sie bis heute Punks geblieben. Das spürt man auch auf „Deserted“ - genauso wie die Weite der kalifornischen Wüste. Auch textlich sind die unverwüstlichen Mekons ganz bei sich bzw. wie immer gern im Surrealen. Wenn z.B. Iggy Pop in Berlin Sandbeutel kauft oder Arthur Rimbaud im Jahre 1883 in Äthiopien gegen die Hitze kämpft. Davon abgesehen waren die Mekons auch schon immer politisch, 1984 unterstützten sie z.B. auf Konzerten den Streik der britischen Bergarbeiter, momentan ist es der Brexit gegen den sie ansingen – auch wenn 65 Prozent der Bevölkerung ihrer Heimatstadt Leeds für Leave gestimmt hat. (7,6 von 10 Punkten)

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Mekons "Lawrence of California" (Official Music Video) | Bild: BSHQ (via YouTube)

Mekons "Lawrence of California" (Official Music Video)

Matthew Herbert Brexit Big Band - The state between us

Der Brexit naht, wann genau steht allerdings noch in den Sternen. Aber das Album zum Brexit, das gibt es jetzt schon: kongenial umgesetzt von unserem Artist der Woche, von Matthew Herbert und seiner Brexit Big Band. Der Brite ist bekannt für seine ungewöhnlichen musikalischen Ideen. Von irrwitzigen Sound- und Rhythmusexperimenten rund ums Schwein(!) über eine schon fast unangenehm lautgetreue Reise durch den menschlichen Körper bis zu Reflexionen über das Musikmachen selbst. Und jetzt das: „The state between us“ von ... The Matthew Herbert United Kingdom and Gibraltar European Union Membership Referendum Big Band! Ein Mammutwerk, an dem über 1000 Musiker und Musikerinnen beteiligt waren. Nach dem Brexit-Referendum im Juni 2016 hat der mittlerweile hochpolitische Matthew Herbert mit den Arbeiten an diesem Album begonnen, hat versucht ein proeuropäisches Statement zu setzen. Dafür ist er mit seiner Big Band zwei Jahre lang durch Europa getourt. Bei ihren Auftritten standen bis zu 120 Menschen auf der Bühne, gekannt habe er davon oft nur zehn, so Herbert. Aber das war der Plan – mit Fremden aus Europa ein großartiges Kunstwerk schaffen. Für eine gemeinsame europäische Zukunft und gegen den Brexit.  Wir hören Field-Recordings wie eine Kettensäge und das gewaltige Krachen einer gefällten, 180 Jahre alten Eiche, Opfer des Klimawandels. Noch so ein Thema das Herbert umtreibt.  Dazwischen Vogelgezwitscher, Laute von Tieren, die vom Aussterben bedroht sind oder Menschen, die durch den Ärmelkanal schwimmen. Alles eingebettet in den wunderbar melancholischen, oft auch sehr experimentellen Jazz der Big Band von Matthew Herbert. Dazwischen: imposante Choreinlagen, pumpende Housebeats, aber auch nostalgischer Swing. Den gibt’s z.B. auf „Moonlight serenade“,  diesem Big-Band-Klassiker von Glenn Miller, der in der Version von Matthew Herbert mit dem unheilvollen Brummen eines Militärflugzeugs aus dem Zweiten Weltkrieg beginnt und in Berlin zusammen mit einer deutschen Big Band aufgenommen wurde. Denn, so Herbert, ein Grund weshalb es heute dieses Europa gibt, ist auch der Krieg - auch daran will uns der britische Experimentalmusiker erinnern.  Mit „The State between us“ ist Matthew Herbert sicherlich das vielschichtigste und hintergründigste Album zum Thema Brexit gelungen. (7,8 von 10 Punkten)

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The Matthew Herbert Big Band - 'The State Between Us' album trailer | Bild: Accidentalist (via YouTube)

The Matthew Herbert Big Band - 'The State Between Us' album trailer

Káryyn – The Quanta series

Sehr elegischer, aber auch sehr einsamer Pop. Mit experimenteller Elektronik und einer Stimme, die Pop verspricht, aber dann doch lieber Kunst sein will. Die syrisch-armenisch-amerikanische Künstlerin und Musikerin veröffentlicht seit 2017 einzelne Tracks, die jetzt gesammelt auf ihrem Debütalbum „The Quanta series“ erscheinen. Ausgangspunkt war der Tod einiger Verwandter, die Káryyn in Aleppo besucht hat. Danach wollte sie der Musik eigentlich den Rücken kehren. Sie zog sich zurück ins Cherry Valley im Hinterland von New York, um zu malen und zu sich zu kommen. Aber die Musik ließ sie nicht los ... und so verarbeitet Káryyn auf dieser ambitionierten Platte nicht nur die Zerstörung von Aleppo, sondern widmet sich auch Themen wie Trauer, Liebe und ihrer eigenen Identität. Apropos Identität: vor kurzem erst ist ein ziemlich tolles Stück von Káryyn erschienen, „Tilt“ sein Titel, das nicht auf dem Album enthalten ist und das die Kalifornierin zusammen mit einer – von Actress entwickelten – künstlichen Intelligenz geschrieben hat. Spannendes Thema. (7,3 von 10 Punkten)
Karyyn spielt am 16.4. in der alten Kongreßhalle in München (mit Apparat).

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K Á R Y Y N - EVER [SINGLE EDIT] (Official Audio) | Bild: K Á R Y Y N (via YouTube)

K Á R Y Y N - EVER [SINGLE EDIT] (Official Audio)

Billie Eilish - When We All Fall Asleep, Where Do We Go?

Spannend ist gerade auch die Karriere von Billie Eilish. So spannend, dass die Plattenfirma „When We All Fall Asleep, Where Do We Go?“, das Debütalbum der 17jährigen Kalifornierin, bis zum Veröffentlichungstermin unter Verschluss gehalten hat.
Aber was ist dran an Billie Eilish, die mit ihren Veröffentlichungen schon 20 x Gold und 18 x Platin weltweit einstreichen konnte und sensationelle 13 Millionen Instagram-Follower hat. Nun, ihre Themen sind klassische Teenage-Angst-Themen, morbide und clever. Es geht um Weltschmerz, Selbstzweifel, die bis zur Selbstzerstörung gehen können, Liebeskummer und Selbstfindung. Dazu kommt eine eigene, nicht unbedingt den aktuellen Schönheitsidealen entsprechende Optik und ein musikalischer Style, der sehr reduziert und atmosphärisch, aber trotzdem extrem catchy daherkommt. Und der Trap und Rap mitdenkt, ohne sich explizit für ein Genre zu outen. Ihre Songs schreibt und produziert Billie Eilish übrigens seit sie 13 ist zusammen mit ihrem Bruder Finneas im Schlafzimmer ihres Elternhauses in Los Angeles. Und wenn ihr Album hält, was die Singles bisher versprechen, wird aus ihr die neue Lorde 3.0. ... mindestens. Ein Pop-Phänomen ist sie heute schon. (ohne Wertung)

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WHEN WE ALL FALL ASLEEP, WHERE DO WE GO? | Bild: Billie Eilish (via YouTube)

WHEN WE ALL FALL ASLEEP, WHERE DO WE GO?

Ebow – K4L

„K4L“ ist ein ziemlich wütendes Album. Aber es ist nicht das erste Mal, dass die türkischstämmige Ebow ihrem Unmut auf Albumlänge Luft macht. Schon ihr selbstproduziertes Video-Mixtape „Habibi’s Liebe und Kriege“ legte den Finger in so manche Wunde. Vom Waffenhandel bis zum falschen Patriotismus. Jetzt, drei Alben später, geht es auf „K4L“ (sprich „Kanak 4 life“) viel um Communities und wie mit ihnen umgegangen wird. Wenn sich z.B. weiße Heteros,  Zitat Ebow, „migrantische, nicht weiße und queere Ästhetiken aneignen. Wir tragen diesen Look mit Stolz, aber auch mit Stigma. Für euch ist es ein Trend, den ihr auch bald wieder ablegen könnt. ... Ihr fetischisiert uns... aber ihr respektiert uns nicht. Ich sehe euch, ihr seid peinlich....“. Soweit Ebow in „Hengameh“. Im Titeltrack „K4L“ wehrt sie sich gegen die latent vorhandenen Vorurteile gegenüber der türkischen Community. Ebow, die zwar in München geboren und aufgewachsen ist, aber mittlerweile in Wien bzw. Berlin lebt, hat ihr Album diesmal allein von Walter P99 Arke$tra produzieren lassen. Seine atmosphärischen Beats bilden nach wie vor den perfekten Boden für die völlig zu Recht wütenden Lyrics von Ebow. (8 von 10 Punkten)

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Ebow - K4L (prod. by walter p99 arke$tra) | Bild: EBOW OFFICIAL (via YouTube)

Ebow - K4L (prod. by walter p99 arke$tra)

White Denim – Side Effects

Gut ein halbes Jahr ist es erst her, dass „Performance“ von White Denim Album der Woche im Zündfunk war – schon legen die Vier aus Texas nach. Mit „Side effects“ erfinden White Denim weder den Rock noch sich selbst neu – aber, wer trifft nicht gern alte Bekannte, die sich kaum verändert haben? Und so ist auch das neunte Album der vier Jungs aus Austin, Texas wieder ein grandioses Album, wild, witzig und slick. White Denim baden quasi wieder in der Ursuppe des 70’s Rock ohne dabei selbst nur eine Sekunde rockistisch zu klingen. Natürlich könnte man anfangen Vorbilder zu zitieren, Namen wie Thin Lizzy, Cream oder Hawkwind zu droppen. White Denim mögen vielleicht Eklektiker sein, egal. Was zählt ist ihre offensichtliche Spielfreude, ihre Lust an der Improvisation, ihr unglaubliches musikalisches Geschick und ihre Ween’sche Unverfrorenheit in alten Rock-Revieren zu wildern und daraus ihre ganz eigene Version der Geschichte zu schreiben. (7,9 von 10 Punkten)

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White Denim - 'Shanalala' (Official Audio) | Bild: White Denim (via YouTube)

White Denim - 'Shanalala' (Official Audio)

Ty Segall & the Freedom Band – Deforming lobes

Ähnlich unverfroren agiert momentan vielleicht nur Ty Segall. Auch von ihm, dem kalifornischen Workoholic mit dem Wahnsinns-Output, ist erst vor kurzem ein Album erschienen, drei insgesamt im vergangenen Jahr ... und auch er macht Rock, hart und kompromisslos. The Monsters of Rock, da sind sie wieder. Laut, verzerrt und völlig außer Rand und Band. Hat da irgendjemand was vom Ende der Gitarrenmusik gemurmelt? Ty Segall und seine Freedom Band kann er damit nicht gemeint haben. Seit 2016 sind sie gemeinsam unterwegs und rocken wie Hölle. Und weil das live immer besonders gut funktioniert, haben sie jetzt ein gemeinsames Live-Album veröffentlicht. Aufgenommen auf der Bühne des Teragram Ballroom in Los Angeles - vom Gitarrengott himself, von Steve Albini. Die Songs stammen aus den unterschiedlichsten Ty Segall-Alben, z.B. aus „Emotional mugger“ oder dem legendären „Manipulator“, quasi ein Best of – eingespielt von einer Rockband mit einer Wahnsinns Live-Energie. ROCK wird hier mit vier Großbuchstaben geschrieben. (7,7 von 10 Punkten)

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Ty Segall & the Freedom Band - "Love Fuzz" (Advance of Deforming Lobes) | Bild: Tremendo Garaje (via YouTube)

Ty Segall & the Freedom Band - "Love Fuzz" (Advance of Deforming Lobes)

Son Volt – Union

Zusammen mit Jeff Tweedy war Jay Farrar bis 1994 Uncle Tupelo. Dann gingen die beiden getrennte Wege, Tweedy gründete die mittlerweile zur Institution gereiften Wilco und Farrar Son Volt. Zwischen den Koordinaten Tom Petty, Neil Young, Gram Parsons und den Replacements haben sie es sich gemütlich eingerichtet. Und so ist mit „Union“ auch wieder eine 1a Country-Folk-Platte entstanden. Unaufgeregt und zuverlässig ... und das jetzt auch schon wieder seit 25 Jahren. (7,5 von 10 Punkten)

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Son Volt - The 99 - Official | Bild: Son Volt (via YouTube)

Son Volt - The 99 - Official

Beth Gibbons & The Polish National Radio Symphony Orchestra - Henryk Górecki: Symphony No.3 

Das neue Beth Gibbons-Album hat die Portishead-Sängerin zusammen mit dem Symphonie Orchester des polnischen Rundfunks aufgenommen. Gibbons singt Henryk Góreckis dritte Sinfonie, die, obwohl Klassik, in den Neunzigerjahren schon fast zum Pop mutiert ist. Dirigiert hat sie diesmal der polnische Komponist Krzysztof Penderecki, der auch schon mit Aphex Twin und Jonny Greenwood von Radiohead zusammengearbeitet hat. Entstanden ist ein sakrales Etwas von Ergriffenheit, mit dem sich bestens in den Pophimmel aufsteigen lässt. (7,7 von 10 Punkten)

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Beth Gibbons & the Polish National Radio Symphony - Behind the Scenes (Part II) | Bild: Beth Gibbons (via YouTube)

Beth Gibbons & the Polish National Radio Symphony - Behind the Scenes (Part II)


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