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Neuerscheinungen der Woche Little Simz | Robert Forster | Die Heiterkeit

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Hand Habits, Lali Puna, Woog Riots, Little Simz, Schubsen, Royal Trux, Weezer, Dagobert, Weval, Die Heiterkeit und Robert Forster.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 01.03.2019

Cover: Little Simz - Grey Area | Bild: Age 101 (Rough Trade)

Robert Forster – Inferno

Irgendwann will er zurückkommen, hat er Ralf Summer zuletzt verraten. Der Australier Robert Forster hat mit seiner Frau Karin Bäumler lange Zeit in der Oberpfalz, in der Nähe von Alteglofsheim gelebt. Letzten Sommer hat es dann nur für Berlin gereicht, da hat der Ex-Go-Between ein neues Soloalbum aufgenommen - im heißesten Sommer seit Jahren, ähnlich wie die heiße Jahreszeit in seiner Heimat Brisbane, Australien. Das hört man dem Album “Inferno” nicht nur am Namen an. Songs über Wendepunkte und Haltungen im Leben - ähnlich uneitel und unprätentiös erzählt wie die Geschichten in der Band-Biografie, die Forster zuletzt über seine Zeit mit den Go-Betweens geschrieben hat. In einem Song heißt es “I don’t need no fame”, Robert Forster macht es nicht für den fame, story of his life, und dafür können wir sehr dankbar sein. (7,5 von 10 Punkten)

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Robert Forster – Inferno (Brisbane in Summer) (official) | Bild: tapeterecords (via YouTube)

Robert Forster – Inferno (Brisbane in Summer) (official)

Die Heiterkeit – Was passiert ist

Letzten Sommer hat Stella Sommer von der Heiterkeit ein tolles Soloalbum veröffentlicht, mit überwiegend englischsprachigen Songs, die über die Jahre entstanden sind. Ich habe sie damals gesprochen und schon da hat diese sonst so bescheidene Frau sehr vom neuen Heiterkeit-Album “Was passiert ist” geschwärmt, vor allem über die Arrangements, die sie zusammen mit Produzent Moses Schneider ausgearbeitet hat.

"Das hört sich arrogant an, aber es ist, glaub ich, unmöglich dieses Album ätzend zu finden. Es ist eine schlüssige Weiterentwicklung. Bei dieser Platte finde ich es sehr außergewöhnlich, dass, obwohl die Themen alles superschwer sind und es darum eine sehr schwere Platte sein müsste, sie sehr sehr sehr leicht klingt."

Stella Sommer


Leicht und doch schwer, darum geht’s bei der Heiterkeit. Die Songs handeln immer noch von Tristesse, Überforderung und Hoffnungslosigkeit. Aber musikalisch tut sich im Hintergrund wirklich einiges. Stella Sommer gehört zu den besten deutschen Texterinnen, Ausnahme-Stimme hat sie eh - und jetzt verfeinert sie ihren Kompositionen noch, dezent, mit viel Gefühl. Wo soll das noch hinführen? (8 von 10 Punkten)

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Die Heiterkeit - Was Passiert Ist | Bild: Die Heiterkeit (via YouTube)

Die Heiterkeit - Was Passiert Ist

Hand Habits - Placeholder

Nach Julia Jacklin in der letzten Woche nimmt uns diese Woche wieder eine weibliche Stimme mit an Gefühlsgrenzen. Während es sich bei Julia Jacklin viel um den weiblichen Körper dreht, geht’s bei Meg Duffy, die sich Hand Habits nennt, um das, was im Körper kaputtgehen kann, wie zum Beispiel das Herz. Meg Duffy bewegt sich außerhalb des binären Systems, ist weder Mann noch Frau. Als Hand Habits singt sie hier autobiografische Folk-Songs, sinister und leidend vorgetragen. Meg Duffy kennen wir auch aus der Band von Songwriter Kevin Morby und den War On Drugs. Auch das hört man hier raus, auch wenn die Hand-Habits-Songs gerne mäandern. Ein Ende des Leidens ist eben meistens nicht abzusehen. (7 von 10 Punkten)

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Hand Habits  - placeholder | Bild: Saddle Creek (via YouTube)

Hand Habits - placeholder

Lali Puna – Being Water

„Being Water“ heißt EP und Song von Lali Puna, der bezieht sich auf das Zitat von Bruce Lee: “Be formless, be shapeless, be water”. Lali Puna erkennen darin aber ein neoliberales Paradigma. Auf einem anderen Song der neuen EP geht es um den Terminus “Genie” - und warum er meistens nur auf Männer angewendet wird. Kritische Themen also und musikalisch kleine Experimente, die aber sehr erfolgreich sind. Vier neue Tracks gibt’s auf der EP und einen sehr hörenswerten Remix von Dave DK. (8 von 10 Punkten)

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Lali Puna: Being Water | Bild: morrmusic (via YouTube)

Lali Puna: Being Water

Woog Riots – Cut-Up And Paste

Was die das Darmstädter Duo niemals verkraften könnten: Wenn ihre Musik auf rechten oder neo-liberalen Veranstaltungen gespielt würde. Die Angst kann man dem Pärchen aber nehmen, das lässt die Haltung auf ihrem sechsten Album “Cut-Up And Paste” nicht zu. Marc ist Soziologe und Silvana Betriebsrätin, da verwundert es nicht, wenn für offene Grenzen und gegen Rassisten gesungen wird - außerdem gibt’s dann auch noch ein Plädoyer auch mal den Busfahrer zu grüßen. “From Lo-Fi To Disco” heißt das hauseigene Label und gibt den Weg vor: wir hören kleine, ultra-sympathische Lo-Fi-Hymnen. Ich frag mich immer, wann werden die eigentlich mal aus der Zeit fallen. Meine Antwort: nie. Genauso wenig wie die Woog Riots. (6,5 von 10 Punkten)

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Woog Riots - Hello Bus Driver | Bild: From Lo-Fi to Disco! (via YouTube)

Woog Riots - Hello Bus Driver

Little Simz – Grey Area

Um einmal kurz Jugendsprech zu zitieren: Jeder Beat auf “Grey Area” ist lit. Passt ja auch, weil „lit“ trägt LITtle Simz ja auch schon im Namen. Die 25-jährige Rapperin und Schauspielerin kommt aus London, hat nigerianische Wurzeln, und Kendrick Lamar gehört zu ihren Fans. “Grey Area” ist ihr drittes Album - und so viel kann man jetzt schon sagen: Das wird ihr großer Durchbruch. Sie beschäftigt sich mit dem Erwachsenwerden: 25 ist ein gutes Alter, um zu beschließen, kein Mädchen mehr zu sein, sondern eine Frau. Bei dem Prozess hat sie aber gemerkt: es gibt kein schwarz und weiß, sondern viele Graustufen. Darum auch der Titel “Grey Area”. Little Simz setzt damit den Maßstab 2019, alle anderen Kolleginnen müssen sich dieses Jahr an ihr messen. (9 von 10 Punkten)

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Little Simz - Selfish feat. Cleo Sol (Official Video) | Bild: Little Simz (via YouTube)

Little Simz - Selfish feat. Cleo Sol (Official Video)

Schubsen – Stühle rücken, in Formationen

Bei dieser Nürnberger Band muss ich immer an den Beutel Aufdruck denken: „Bitte nicht schubsen, i i hob an Obazdn im Beutel“. Sie sind mit ihrem zweiten Album “Stühle rücken, in Formationen” auf den Spuren von deutschen Post-Punk-Bands wie den Nerven oder Karies, mit letzteren waren sie auch schon auf Tour. Auf dem Album findet man so nette Axiome in den Texten, wie: “In Ecken steht keiner hinter dir”. Oder entliehenes aus Kinderbüchern, wie: “Mit dir sind wir vier”. Punk ist hier erwachsen geworden - aber trotzdem nicht uncool.  (6,5 von 10 Punkten)

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schubsen - Ein Versprechen, kein Versprechen (offizielles Video) | Bild: schubsen (via YouTube)

schubsen - Ein Versprechen, kein Versprechen (offizielles Video)

Royal Trux – White Stuff

Im deutschen Wikipedia-Artikel zu Royal Trux ist vermerkt, dass der Song “Juicy Juicy Juice” im Zündfunk der 90er auf Heavy Rotation gelaufen ist. Das Duo Jennifer Herema und Neil Hagerty schwamm damals mit auf der Grunge-Welle. Royal Trux waren damals kurz bei einem Major-Label, dann aber wieder weg vom Fenster. Bis jetzt, denn jetzt folgt nach einer Live-Reunion und einem Live-Album die Comeback-Platte - nach 19 Jahren. Und sie klingt absolut solide, schön disharmonisch, das Markenzeichen von Royal Trux. Bis auf die Songs, die auf modern gebürstet sind und sich mit Intros wie “Wir sind Royal Trux 2.0” schön selbst diskreditieren. Ansonsten kann man nur sagen: Herzlich Willkommen im Jahr 2019, Royal Trux. (6,5 von 10 Punkten)

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Royal Trux - “White Stuff” (Official Music Video) | Bild: Pitchfork (via YouTube)

Royal Trux - “White Stuff” (Official Music Video)

Weezer – Weezer (Black Album)

Nach dem Blauen, Grünen, Roten, Weißen und zuletzt petrolen Album, kommt jetzt das schwarze. Bald haben Weezer das komplette Farbspektrum durch. Gott sei Dank möchte man sagen. Weezer hatten ihre größten Erfolge ja auch Ende der 90er, Anfang der Nuller Jahre, lang ist’s her. Das petrole Album mit Coverversionen, unter anderem von Totos “Africa” war eigentlich schon ein Offenbarungseid. Ein uninspirierteres Cover Album hat man selten gehört. Auf dem schwarzen Album verhindert Produzent Dave Sitek das schlimmste. Nach “Beach Boys gone mad” sollte es klingen und Weezer tun gut daran, dass sie sich an dem roten Faden entlanghangeln. Rausgekommen sind Songs für die Hot 100-Radiostationen in den USA - früher war es das College Radio, damals als Weezer noch cool waren. (4 von 10 Punkten)

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Weezer - Zombie Bastards | Bild: weezer (via YouTube)

Weezer - Zombie Bastards

Dagobert – Welt ohne Zeit

Der Schweizer Dagobert war Einsiedler auf einer Alm, dann Wahlberliner, mit seinem Debütalbum ist er im ZDF-Fernsehgarten aufgetreten. Ich durfte ihn einmal interviewen und bin nicht schlau aus ihm geworden, wie viel Kunstfigur, wie viel Ironie steckt wirklich in dem Mann mit dem akkuraten Gel-Scheitel und dem Hang zu Frack und Fliege. Auf seinem neuen Album “Welt ohne Zeit” wird Dagobert ein wenig nahbarer. Der Fernsehgarten würde ihn mit den Songs wohl nicht mehr so schnell einladen. Das Schlager-eske ist nicht mehr ganz so präsent, dafür gibt’s jetzt Mercury-Rev-artige Melodien und sehr intime Liebeskummer-Texte. Kunstfigur, ade, heißt es wohl. Und das tut zumindest den Songs gut. (6,5 von 10 Punkten)

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Dagobert - Du Und Ich | Bild: DAGOBERT (via YouTube)

Dagobert - Du Und Ich

Weval – The Weight

Das holländische Duo Harm Coolen und Marjin Scholte Albers macht als Weval hypnagogischen Pop. Heißt: Augen hängen auf Halbmast bei diesem melancholischen Sphären-Sound. Das ist über große Strecken sehr beruhigend und angenehm, das Album “The Weight” hat aber auch seine Längen. (7 von 10 Punkten)

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Weval - The Weight | Bild: Weval (via YouTube)

Weval - The Weight


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