Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Lee Fields | Stuart A. Staples | Camilla Sparksss

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Shana Cleveland, Lee Fields, Keglmeier, Stuart A. Staples, Weyes Blood, The Drums, Khalid, Camilla Sparksss, Tyler Ramsey und Priests.

Von: Angie Portmann

Stand: 04.04.2019

Albumcover: Brutal - Camilla Sparksss | Bild: On the Camper Records/Cargo

Die Zeiten sind hart und brutal, möchte man meinen, betrachtet man so manchen Albumtitel dieser Veröffentlichungswoche, die da heißen: „Brutalism“ (The Drums) oder „Brutal“ (Camilla Sparksss). Brutal in seiner Hoffnungslosigkeit ist auch der verstörende Film-Score von Tindersticks-Kopf Stuart A. Staples für Claire Denis’ „High Life“. Außerdem mit dabei in diesem Bayern2-Nachtmix: Weyes Blood, Lee Fields, Keglmaier, Khalid, Drums, Shana Cleveland, Tyler Ramsey und die Priests.

Weyes Blood – Titanic rising

Natalie Mering alias Weyes Blood macht es einem auch diesmal nicht einfach. Ihr Sound ist mittlerweile einfach zu perfekt, alles scheint bis ins kleinste Detail exakt geplant und arrangiert zu sein. So viel stimmlichen und produktionstechnischen Schönheits-Overkill muss man erst mal aushalten können. War die Kalifornierin  ursprünglich noch eher dem reduzierten Psych-Folk einer Vashti Bunyan zuzuordnen, hat sie sich schon mit dem letzten Album in Richtung „Bob Seger meets Enya“ entwickelt, wie sie selbst gern ihren Sound beschreibt. Für ihr neues Album „Titanic rising“, das bei SubPop erscheint, baden wir also wieder im Wohlklang, während Mering unsere Liebes- und Unterhaltungskultur zerlegt. In dem Song „Movies“ z.B. beklagt sie das Fehlen von Büchern und wie Filme unsere Erwartungen an die Liebe manipulieren. All das macht Mering sehr elegant, fast andächtig. Und bringt damit sich und ihren bemerkenswerten, sakralen Kammerpop in die Nähe eines Rufus Wainwright, der auch gern transzendente Popmessen feiert. (7,4 von 10 Punkten)

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WEYES BLOOD — MOVIES (Official Video - in 4k) | Bild: Weyes Blood (via YouTube)

WEYES BLOOD — MOVIES (Official Video - in 4k)

Shana Cleveland – Night of the worm moon

Shana Cleveland ist die Stimme der Surf-Rock-Combo La Luz, mit der sie seit 2012 Alben veröffentlicht. Mit „Night of the worm moon“ erscheint jetzt ihr zweites Soloalbum. Ein kosmisches Folk-Album, wenn man so möchte. Aufgenommen während der Sonnenfinsternis 2017,  geht es um UFOs, Science Fiction, um den Afrofuturismus eines Sun Ra (inspiriert von dessen Album aus dem Jahr 1970 „Night of the purple moon“) und den wundervoll bizarren Alltag in Los Angeles. Die Songs schimmern hell und vielversprechend, auch wenn ein dunkler, geheimnisvoller Schatten über der tollen Stimme von Shana Cleveland zu liegen scheint. Ein wunderschönes, psychedelisch glitzerndes Folk-Album, das Shana Clevelands Ruf als ambitionierte Singer/Songwriterin weiter manifestieren dürfte. (8 von 10 Punkten)

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Shana Cleveland - "Face of the Sun" | Bild: hardlyartrecords (via YouTube)

Shana Cleveland - "Face of the Sun"

Priests  - The Seduction of Kansas

Nur fünf Jahre ist es her dass die Priests aus Washington DC mit der EP „Bodies and Control and Money and Power“ die Bühne betreten haben. Damals standen sie noch dem Punk näher als dem Pop, klangen roh, ungeschliffen und mehr als wütend. Für ihr neues Album „The seduction of Kansas“ haben sie ihren Sound von John Congleton runderneuern lassen. Der Mann zählt ja zur Zeit zu den meistbeschäftigten Indie-Produzenten überhaupt und hat z.B. schon St. Vincent, Sharon van Etten, Angel Olson, Blondie oder die Suuns produziert. Mit ihm ist ein Album entstanden, dass aus den Priests einen 1a-Mix macht aus New Wave-, Postpunk und Riot Grrl-Band. Die kantigen Gitarren mit ordentlich Hall, die Hooks unglaublich catchy. Plus die umwerfende Stimme von Katie Greer, Siouxie and the Banshees hätten es nicht besser machen können. (7,8 von 10 Punkten)

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PRIESTS  - The Seduction of Kansas [OFFICIAL VIDEO] | Bild: sister polygon (via YouTube)

PRIESTS - The Seduction of Kansas [OFFICIAL VIDEO]

The Drums – Brutalism

Im Mittelpunkt des fünften The Drums-Album steht das Thema „self care“. Das kann man heute mit diversen Apps hinbekommen, oder eben mit Musik, behauptet der von Depressionen geplagte Jonathan Pierce von The Drums. Der Elektropop der Drums, die schon seit dem letzten Album nur noch aus Jonathan Pierce bestehen, ist auf ihrer neuen Platte ungewöhnlich direkt: „When I’m alone at night and the TV is on, I grab your t-shirt and put it over my face ...“. Das T-Shirt des Liebsten zum Einschlafen beruhigend auf’s Gesicht gelegt und kräftig daran geschnüffelt. Ein altbewährtes Schlafmittel für frisch Verliebte. Und „Brutalism“ strotzt vor derart klar gezeichneten Skizzen wie diesen, mit denen Jonathan Pierce seine queere Gefühlswelt offen vor uns ausbreitet. Das mag für viele den Charme des Albums enorm erhöhen. Mir klingt „Brutalism“ - trotz oder vielleicht gerade wegen seiner vielen catchy Hooks – zu sehr nach 80’s Elektro-Pop, immer sweet, immer leicht melancholisch, immer leicht belanglos. Mit anderen Worten: Camp deluxe. Und noch dazu tanzbar, was will man mehr. (7 von 10 Punkten)

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The Drums - Brutalism | Bild: Filthy Little Angels (via YouTube)

The Drums - Brutalism

Camilla Sparksss – Brutal

Camilla Sparksss, dahinter steckt die kanadisch-schweizerische Musikerin und Künstlerin Barbara Lehnhoff. Geboren im kalten Ontario lebt die 27jährige heute im sonnigen Tessin. Dort ist sie mit der Schweizer Post-Punk-Band Peter Kernel unterwegs und dort ist auch „Brutal“ entstanden. Ihr aufregender Mix aus experimenteller Elektronik, Lo-Fi-Pop und ungewöhnlichem Genre-Clash erinnert manchmal an den dystopischen Pop einer Sophie, aber auch an die schonungslose Hyperaktivität einer Planningtorock. Camilla Sparksss macht provokanten, ja brutalen Art-Pop, explosiv und voller Überraschungen. Das gilt für ihre Lyrics wie für die Musik. Noise auf allen Ebenen. Ein intensives, radikales, unberechenbares, ja umwerfendes Album. (8 von 10 Punkten)

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Camilla Sparksss – Womanized | Bild: On the Camper Records (via YouTube)

Camilla Sparksss – Womanized

Stuart A. Staples – OST zu Claire Denis „High Life“

Der Science-Fiction-Film „High Life“, der neueste Film der französischen Regisseurin Claire Denis, läuft bei uns erst Ende Mai an. Die Musik dazu erscheint allerdings schon jetzt und stammt vom Tindersticks-Frontmann Stuart A. Staples - “High Life“ ist mittlerweile seine achte Zusammenarbeit mit Claire Denis. Nur in einem Stück wird hier gesungen, und zwar singt hier Robert Pattinson, der auch die Hauptrolle in „High Life“ spielt. Ansonsten ist der Film-Score durchwegs instrumental und eher verstörend. So verstörend wie der Inhalt des Film: wir begleiten eine Gruppe Schwerverbrecher auf ihrer Fahrt in die Tiefen des Weltraums. Sie sollen in der Nähe eines schwarzen Lochs nach alternativen Energiequellen suchen. Mit dieser Mission ohne Wiederkehr können sie sich von ihren Strafen freikaufen. Als ihre Raumstation allerdings von einem kosmischen Sturm getroffen wird, überleben nur Monte, also Robert Pattinson, und sein Filmbaby Willow. Zusammen steuern sie auf das Endziel ihrer Reise zu – auf besagtes schwarzes Loch, in dem weder Raum noch Zeit existieren. Laut Staples haben die Musiker für diesen Soundtrack „im Dunklen“ gearbeitet, sprich jedes Instrument, Streicher, Bläser, Gitarren usw. wurde einzeln eingespielt und dann willkürlich miteinander kombiniert. So entstand ein faszinierender Soundteppich, unheilvoll und isoliert. Hypnotisch-schwebende Drones, die die durch und durch hoffnungslose Story perfekt illustrieren. (7,5 von 10 Punkten)

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High Life Soundtrack - "The Garden" - Stuart Staples | Bild: Milan Records USA (via YouTube)

High Life Soundtrack - "The Garden" - Stuart Staples

Keglmaier –  Lieder aus Gründen

„Lieder aus Gründen“ heißt das neue Album von Evi Keglmaier, die man von Zwirbeldirn oder der Hochzeitskapelle kennt. Zusammen mit Greulix Schrank, der der Bratsche und Tuba von Keglmaier noch ab und an etwas Elektronik, einen Hauch von gefrorenen Echos beimischt, ist eine wunderbar verzauberte Sammlung poetischen Liedguts entstanden. Mit absurden, dadaistischen Texten besingt Keglmaier Meisen, Walfische und schöne Metzger. Voller Wortwitz und niederbayerischer Tiefgründigkeit. Portmanteau-Studio-Betreiber Greulix Schrank, einst bei den Schweissern und heute als Theatermusiker aktiv, hält sich angenehm zurück, setzt reduzierte Akzente mit Beats und Klängen. Den Klängen von Bass oder Wurlitzer, Metallophon oder Kalimba. Und bringt die wunderschönen Keglmaier-Lieder dadurch noch weiter zum Leuchten. (7,8 von 10 Punkten)

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KEGLMAIER - Walfisch - Live | Bild: Trikont Unsere Stimme (via YouTube)

KEGLMAIER - Walfisch - Live

Lee Fields - It rains love

Lee Fields ist jetzt Ende 60 und wie die leider schon verstorbenen Sharon Jones und Charles Bradley eine dieser Spätentdeckungen aus dem Retro-Soul-Lager. Schon als Teenager stand er in Kaschemmen in North Carolina auf der Bühne und sang sich die Seele aus dem Leib. In den 80ern war dann Schluss, Soul war out und Fields eröffnete ein Restauraunt. Aber im Zuge des allgemeinen Soul-Revivals rund um die New Yorker Label Daptone und Big Crown wurde auch Lee Fields reanimiert und hat heute die Zeit seines Lebens. Zumal sicher auch sein neues Album „It rains love“ bei den Retro-Soul-Fans begeisterten Absatz finden wird.  (7,5 von 10 Punkten)

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Lee Fields & The Expressions - You're What's Needed In My Life | Bild: Big Crown Records (via YouTube)

Lee Fields & The Expressions - You're What's Needed In My Life

Khalid – Free spirit

Wir machen einen Sprung hinein in den Mainstream. 2017 wurde das Debüt des US-Megastars Khalid für fünf Grammys nominiert. Heute ist Khalid einer dieser Künstler, der tausendfach auf sämtlichen globalen Streaming-Listen auftaucht. Wenn nicht als Einzelkünstler, dann als featuring artist oder Kollabo (u.a. „Rollin“ mit Calvin Harris, „1-800-273-8255” mit Logic und Alessia Cara, „Lovely” mit Billie Eilish, „Youth” mit Shawn Mendes usw. ). Über sein neues Album „Free spirit“ sagt er: „Ich war im Studio und habe mein Herz und Seele ausgeschüttet, um jenes Werk zu erschaffen, vom dem ich hoffe, dass es jeden einzelnen von euch anspricht“. Zitat Ende. Und das ist vermutlich auch die Crux an diesem Album, dass Khalid damit jeden einzelnen von uns erreichen will. Dass er ein zwar durchwegs sehr professionell und smooth produziertes R’n’B-Album abgeliefert hat, das aber so rund und perfekt an mir vorbeirollt, dass kein einziger Song hängen bleibt. (6,5 von 10 Punkten)

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Khalid - Free Spirit (Audio) | Bild: KhalidVEVO (via YouTube)

Khalid - Free Spirit (Audio)

Tyler Ramsey – For the morning

Ähnlich wie bei Band of Horses ist auch der Sound von Tyler Ramsey, dem ehemaligen Gitarristen der Band, angenehm unaufgeregt und fließend. Wir hören einen stimmungsvollen Mix aus Country und Folk, aus Wilco und Death Cab for Cutie. Inspiriert von der offensichtlich beeindruckenden Natur vor seiner Haustür in North Carolina bzw. von der Geburt seiner Tochter hat Tyler Ramsey mit „For the morning“ ein ausgesprochen beschauliches Album geschrieben. Hübsch, aber auch etwas einschläfernd. (7 von 10 Punkten)

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Tyler Ramsey - "Firewood" | Bild: Tyler Ramsey (via YouTube)

Tyler Ramsey - "Firewood"


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