Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Mit Jenny Lewis, Lambchop, Apparat

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von The Comet Is Coming, Karen O & Danger Mouse, Cinematic Orchestra, Stephen Malkmus, Bernadette LaHengst, Matmos und The Faint.

Von: Ralf Summer

Stand: 14.03.2019

Jenny Lewis | Bild: ZUMA Press

Ibibio Sound Machine - Doko Mien

„Wenn sich die Vereinten Nationen mal im Studio 54 versammelt hätten, dann wären sie locker der Hauptact des Abends gewesen“ - das US-Blatt Entertainment Weekly trifft es genau. Diese Band um die afro-britische Sängerin Eno Williams hat so ziemlich alles für repräsentativen Global Pop: Afro, Funk, Soul – und auch Latin. Beim Song „Tell Me (Doku Mien)“ wird einem klar, wieso Ibibio Souns Machine so heissen: es gab ja mal die Miami Sound Machine in den 80ern – Latino/Funk/Disco – „Dr Beat“ war ihr Hit – und daran erinnert der Titelsong. Manchmal blitzt auch der Afro-Pop der mittleren Talking Heads durch. Die Band hat Temperament und noch eine schöne Reise vor sich. Das wird auch im zweiten, ruhigeren Platte deutlich, wenn das Fieber, der Druck sich legt. Und genug Substanz für Momente der Besinnung da ist. Ibibio Sound Machine bekommen von mir dafür: (8,5 von 10 Punkten)

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Ibibio Sound Machine "Tell Me (Doko Mien)" | Bild: Merge Records on Youtube (via YouTube)

Ibibio Sound Machine "Tell Me (Doko Mien)"

Nilüfer Yanya - Miss Universe

Nilüfer Yanya mit ihren türkisch-irischen Wurzeln, ist eine Wandererin zwischen den Welten. Schon 2018 stand sie in den Newcomer-Listen – nun kann sie die Hoffnungen von damals erfüllen. Und sie tut es auch: auf ihrem Debüt gelingt ihr das Kunststück den Indie-Pop der Gegenwart mit länxt vergessenen 80er/90er Pop- Momenten von Sade, Prefab Sprout oder Everything But The Girl zu kreuzen. Nilüfer wollte eigentlich Floristin werden – aber nun ging sozusagen eine andere Saat auf. Nachdem sie zuletzt mit Interpol und Sharon Van Etten tourte, ist sie nun allein unterwex: Nilüfer Yanya ua am 22.4. M-Ampere. (8 von 10 Punkten)

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Nilüfer Yanya - In Your Head (Official Video) | Bild: NiluferYanyaVEVO (via YouTube)

Nilüfer Yanya - In Your Head (Official Video)

Lafawndah - Ancester Boy

Wenn wir am Jahresende nicht nur auf 2019, sondern auch auf das Jahrzehnt zurückblicken werden, dann wird eines für die Zehner-Jahre stehen: R´n´B. Auch weil er sich so geöffnet und gewandelt hat. Und als neues, silbrig-schimmerndes Sci-Fi-Format ans klassische Kunstlied andockt, um den Mainstream hinter sich zu lassen. Lafawndah ist zwar keine klassische R´n´B-Sängerin, aber ist davon beeinflusst und webt den einst souligen Sound Richtung Björk´sche Kühle bzw nordisch anmutende Kälte-Patterns. Auch ohne eine Kate Bush wäre dieser Klangkosmos nicht denkbar. Cyber-Tribal-Drums treffen auf Avantgarde-Pop. Wer Kelela und FKA Twigs mag, sollte auch hier auf seine Kosten kommen. Eine wahrhaft post-territoriale Platte: die Nomadin, die in Paris und Teheran aufgewachsen ist und sich als „Waise, der fliegen kann“ bezeichnet, nahm ihr selbstveröffentlichtes Album in England, Frankreich, Mexiko und USA auf. So klingt Musik einer Künstlerin mit Vision, die weit ins nxt Jahrzehnt hineinweist. (8 von 10 Punkten)

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LAFAWNDAH - JOSEPH | Bild: LAFAWNDAH MUSIC (via YouTube)

LAFAWNDAH - JOSEPH

Fred und Luna - Tanzrausch EP

„People Mambo“ - was für ein Afro-Pop-House-Hit! Fred Und Luna hat gerade sein Compost-Debüt veröffentlicht, in England kennt man den Karlsruher mit der Mozart-Perücke und den Live-Gedichten auf Konzerten, schon besser. Nun schiebt er kurz vor dem 25. Geburtstag des Münchner Labels (Mai) noch eine Maxi nach: an den Titel des Albums „Tiefenrausch“ angelehnt, heisst die 5-Track-EP nun „Tanzrausch“. Die Stücke sind also tanzbarer als das tolle, home-listening-mäßigere Album. Auf Anfrage sagt Rainer Buchmüller, die Vocals des unwiderstehlichen „People Mambo“ kämen von einer sogenannten Sample-CD mit lauter freigegebenen Samples. Höchste Zeit, sich auch mal das Album-Debüt „Im Klanggarten“ (2017) auf Bigamo (Ableger von Innervisions Records, Berlin) anzuhören. Und zu hoffen, dass Fred Und Luna bald wieder live spielt. (8 von 10 Punkten)

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Fred und Luna - Tiefenrausch | Bild: Compost Records (via YouTube)

Fred und Luna - Tiefenrausch

Lambchop – This (Is What I Wanted to Tell You)

Man muss die Geschichte dieser Band nun wohl splitten: in die Zeit vor und nach ´Flotus´. ´Flotus´ war die 2016er Platte von Kurt Wagner, auf der er sich mit dem Autotune-Effekt für seine Stimme angefreundet und auf Grooves geachtet hat. Folge: das alte Band-Kollektiv zerfiel. Lambchop als sein Projekt hat andere Musiker gefunden, die auch Lust auf Neues haben: zB Drummer Matt McCaughan – er kennt Stimmspielereien von Bon Iver. Wagner schickte ihm Gesangs-Aufnahmen, McCaughan tauschte Synthie-Sounds und Beats zurück. Herauskam „This (Is What I Wanted to Tell You)“ - so der Titel der neuen Lampchop - eine Art ´Flotus II´. Ein sehr lässiger, angenehmer Flow of Consciousness. Darum erschrickt man fast, wenn man im letzten Lied plötzlich die pure Stimme Wagners plus Akustik-Gitarre hört und ein Eindruck der klassischen Lampchop von früher hochkommt. Von mir aus kann die neue Phase gern noch dauern! Live: 18. April M-Muffathalle, 20.4. DA-Centralstation. (8 von 10 Punkten)

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Lambchop - 'The December-ish You' (Official Video) | Bild: Lambchop (via YouTube)

Lambchop - 'The December-ish You' (Official Video)

Andrew Bird - My Finest Work Yet

Ende 2017 gab´s im Zündfunk eine Sendung zu „Pfeifen im Pop – Songs mit Pfiff“ - da war er mit von der Partie. Andrew Bird beginnt auch sein neues Album wieder mit ´whistling´. Diese ´unerträgliche Leichtigkeit in Liedern´ hat er perfektioniert: auch wenn sein Werk weitaus vielfältiger ist. Der US-Multi-Instrumentalist sucht eine Art Ekstase in der Musik: Rhythmus, der einen fast besessen macht. „Nach 20 Jahren auf der Bühne, versuche ich Songs zu schreiben, von denen ich weiss, dass sie mich an den Ort der Ekstase, eines Heiligen Geistes bringen“, wie er in einem Interview zur neuen Platte sagt. „Bloodless“, das letzte fürs Album geschriebene Lied, hat so eine Qualität. Ebenso „Proxy War“. „Fallorun“ kommt zwar als fröhlicher Singalong daher, stellt aber die Frage, ob Trump nur ein Algorythmus ist, die schlechtestmögliche Verkörperung des amerikanischen Ideals? „Meine Melodien kommen dann, wenn ich kein Instrument in der Hand habe. Als ob im Kopf ein Radiosender läuft.“ Bei ihm ist es wohl Whistling FM – denn auch in „Cracking Codes“, „Manifest“ und „Don The Struggle“ pfeift Bird. Pfeifen ist der Human Factor in der Musik: sympathisch, geerdet und ansteckend. (8 von 10 Punkten)

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Andrew Bird - "Sisyphus" (Official Music Video) | Bild: andrewbirdVEVO (via YouTube)

Andrew Bird - "Sisyphus" (Official Music Video)

Jayda G - Significant Changes

Ein neuer kanadischer Name in Berlin: Jayda G aus Vancouver hat erst ihre Abschlussarbeit in Umweltschutzmanagement beendet, in dem oft von „Significant Changes“ die Rede war, nun legt sie ihr erstes Album gleichen Titels vor. Wo das Studium ernüchternd war, wendet sich bei ihr zumindest musikalisch alles zum Guten: House, Disco, Boogie – viele 80´s-Elemente – sind die Zutaten für ihren frischen Mix, der so pendelt, dass man meint, es fast mit einem Mixtape zu tun zu haben. Den größten Pop-Touch haben die beiden Vokal-Tracks mit Alexa Dash: „Sunshine In The Valley“ und „Leave Room 2 Breathe“. Stücke, die 90er-House von Crystal Waters und Robin S mitdenkt und – swingt. Und mit „Move to the Front“ ist auch eine politische Botschaft von Track an Bord: Damen an die Decks, keine Anxt vor der männlichen DJ-Domäne! Jayda G macht es vor. (7,5 von 10 Punkten)

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Jayda G & Alexa Dash - 'Leave Room 2 Breathe' | Bild: Jayda G (via YouTube)

Jayda G & Alexa Dash - 'Leave Room 2 Breathe'

Wrongtom – Wrongtom Meets …

Was für ein großer Spaß: der (weiße) Londoner Remixer Wrongtom hat 2 CDs mit seinen Arbeiten versammelt: ua für The Ragga Twins, Hot 8 Brass Band, Quantic oder Holly Cook. Denn hier treffen wir auf eine Reggae-Party mit allen Genre- Facetten: Wrongtom kann die Originale Richtung Dancehall, Dub, Drum´n´Bass, Lovers Rock, Ska, Soul oder Rap mischen. Das letzte Drittel auf „Wrongtom Meets besteht aus eigenen Party-Tunes mit Kumpel Deemas J als MC. 60-er-Retro trifft auf 90-er-Old-School-Flavour. Bzw Norman Jay auf die Freestylers, falls die noch jemand kennt. Ansteckend gute Laune! (7,5 von 10 Punkten)

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Wrongtom Meets The Ragga Twins - Bacchanal | Bild: Tru Thoughts Records (via YouTube)

Wrongtom Meets The Ragga Twins - Bacchanal

The Future Eve featuring Robert Wyatt - KiTsuNe / Brian The Fox

Ich vergebe 10 Punkte für die Nachricht vergebe, dass Robert Wyatt doch noch Musik macht – aber kreuzen muss sie mit den 5 Punkten für die Tatsache, dass er kaum als Sänger zu hören ist. Titel der Platte: Kitsune - japanisch für Fuchs – aufgenommen sozusagen von zwei ebensolchen: der legendäre, englische Folkie und der japanische Komponisten Tomo Akikawabaya – dabei hatten sich ja beide schon von der Musik verabschiedet. Ihr neuer Plan: noch eine elektronische Reise in sound – herauskommt dräuender Ambient-Noise. (7,5 von 10 Punkten)

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The Future Eve featuring Robert Wyatt - 04.08 [OFFICIAL AUDIO] | Bild: FLAU (via YouTube)

The Future Eve featuring Robert Wyatt - 04.08 [OFFICIAL AUDIO]

Apparat - LP5

Nach dem weltweiten Erfolg von Moderat war es für ihn wohl etwas schwieriger, wieder Musik zu machen, als dies bei Modeselektor der Fall war. Denn Apparats Stimme erinnert ja immer an beide Projekte. Darum bleibt Sascha Ring nun solo dem Electro-Pop fern. Und gab das Motto: „klein denken“ aus. Die neue Platte steckt voller Wendungen und unerwartbarer Brüche, viele Songs tragen gleich mehrere Lieder in sich. Er wollte „die Pop-Falle vermeiden“, wie der Berliner, der sich schnell langweilt, im Interview sagt. Der Talk Talk- und Mark Hollis-Fan in ihm hat den passenden Rahmen gefunden: intime, elektro-akustische Sounds – eher wieder Film- oder Theatermusik-fähig. Sein erstes Nach-Moderat-Album ist also ein offenes Format – man merkt es schon beim Titel, der nichts vorgibt. „LP5“ braucht Zeit, belohnt einen dann aber doppelt und dreifach. (7 von 10 Punkten)

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Apparat - Dawan (Official) | Bild: Mute (via YouTube)

Apparat - Dawan (Official)

Avey Tare - Cows on Hourglass

Avey Tare ist neben Panda Bear einer der Köpfe vom Animal Collective. ´New Weird America´ hiess der Terminus vor 10 Jahren für die US-Indie-Erneuerer. Auch solo lieben die AC-Musiker verspulte Harmonien, die immer diesen leichten Beach Boys-Harmonie-Zauber verströmen, aber in lo-fi und super-psychedelic. Am besten gefällt mir Avey Tare, wenn er die Effekte im Zaum hält und die Ideen bündelt: wie bei „Saturdays (Again)“ und „HORS_“, den beiden Singles, die wie Unterwasser-Karussel-Folk daherkommt, der verschmitzt mit sich selbst blubbert. (7 von 10 Punkten)

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Avey Tare - Saturdays (Again) (Official Video) | Bild: Animal Collective (via YouTube)

Avey Tare - Saturdays (Again) (Official Video)

Jenny Lewis - On the Line

Sie war Teeniestar in Werbung und Fernsehen und gründete 1998 in L.A. mit Freunden die Band Rilo Kiley. Jenny Lewis sang und spielte Rhythmus-Gitarre, war manchmal auch bei The Postal Service – und wurde von Conor Oberst zu einem Solo-Album auf seinem Label eingeladen. In der US-Indie-Szene ist sie eine feste Größe. Nun, fünf Jahre nach dem Ende von Rilo Kiley, ist ihr neues Solo-Werk fertig. Auf „On The Line“ hören wir sie in Hochform - ua auch Beck und Ringo Starr. Auf der Ballade „Heads Gonna Roll“ erwähnt sie den verstorbenen Musiker Elliott Smith, „Red Bull & Hennessy“ wird sie dank des Stevie Nicks-Touch auch ins deutsche Pop-Radio bringen und „Wasted Youth“ ist eine „neue Hymne für Nihilisten“ - so Pitchfork: „zynische Bourbon-Beobachtungen, bis der Schnaps auf den lügenden Liebhaber schwappt“. Und später klagt sie: „ich habe meine Jugend an Mohn verschwendet“. Ein Album über Sucht, Herzschmerz und Todesfälle in der Familie. Und die Verarbeitung von Dämonen. Und zum Release gibt’s eine Überraschungs-Party in  L.A. - ua mit St. Vincent und Freunden und Comedy. (7 von 10 Punkten)

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Jenny Lewis - Red Bull & Hennessy (Lyric Video) | Bild: Jenny Lewis (via YouTube)

Jenny Lewis - Red Bull & Hennessy (Lyric Video)

ooi - Ghost EP

Seit letzten Sommer veröffentlicht das Trio ooi (sprich owi) stets zu Vollmond Musik. Erst online, dann als 1-Track-Digital-Singles auf dem französischen Electro-Pop-Label Kitsuné und nun die erste 5-Track-EP am Vollmond-Tag 21.3. Das deutsch-amerikanisch-italienische Trio um den Münchner Drummer Flo König, Sänger Nicolai Zettl und Dodo Dal Bosco (Keyboards) bringt uns höchst mysteriös-anmutenden Synthie-Pop – von der dunklen Seite des Mondes auf die Erde. Danke, ihr Song Shuttles! (7 von 10 Punkten

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ooi - Tooth | Bild: ooi (via YouTube)

ooi - Tooth


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