Bayern 2 - Nachtmix


20

Neuerscheinungen der Woche Jesca Hoop | The Soft Gavalry | Kokoko!

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von The Quiet Temple, Olympia, The Soft Cavalry, Jesca Hoop, Haleiwa, Die Kerzen, Sarasara, Kokoko!, Catnapp und Dapayk & Vars.

Von: Matthias Hacker

Stand: 04.07.2019

The Last Opium Den (On Earth) | Bild: The Quiet Temple - Topic (via YouTube)

The Quiet Temple - The Quiet Temple

Der Band- und Albumname lassen es schon erahnen: The Quiet Temple ist kontemplativ. Dieses Instrumental-Album benötigt Zeit, Raum und Ruhe – dann entwickelt es eine meditative Gewalt. Das Schlagzeug hypnotisiert und rockt leicht, darüber improvisiert und freejazzt das Saxofon oder eine Orgel, Duke Garwood an der Gitarre lässt sich dazu hin und wieder mal zu Gitarrensoli hinreißen. Der Mut, ohne Plan und Notenblatt ins Studio zu gehen, hat sich für das Musikerkollektiv bezahlt gemacht. Ein gelungenes Debüt. (9 von 10 Punten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

The Last Opium Den (On Earth) | Bild: The Quiet Temple - Topic (via YouTube)

The Last Opium Den (On Earth)

V. A. - World Of Keith Haring

Wir reichen noch eine Compilation nach, die vergangene Woche erschienen ist und wir im Nachtmix nicht unterschlagen wollen. Es ist eine Zusammenarbeit zwischen der Tate Liverpool und dem Londoner Label Soul Jazz Records. In der Tate ist die nächsten fünf Monate eine Ausstellung zu Keith Haring zu sehen – über ihn und seine Popartkunst der 80ziger. Er hat als einer der ersten Aspekte des Graffiti in seine Kunst integriert, hat mit Madonna genauso wie mit Africa Bambata gearbeitet und ist 1990 leider viel zu früh an HIV gestorben. Der Sampler ist im Zuge der Ausstellungs-Recherchen entstanden und umfasst Songs, die in den 80zigern großen Einfluss auf Haring und die New Yorker Künstler und Schwulenszene hatten. Darunter finden sich Musiker wie Fab 5 Freddy, Yoko Ono, Larry Levan, Talking Heads, Sylvester und viele Disko, Funk und Rap-Musiker, die genauso ikonisch sind wie die Bilder von Keith Haring. (8 von 10 Punten)

Olympia – Flamingo

Hinter dem Pseudonym Olympia versteckt sich Olivia Jayne Bartley. Mit Flamingo ist ihr ein Album gelungen, dass voll ist mit bittersüßem Indierock. Auch die zwei Balladen versprühen einen angenehmen Noir-Flair und zeigen tiefere Facetten ihrer Stimme. Das Album hat Punch, gute Melodien und sie ist eine gute Sängerin. Es schwingt immer dieser Twang und die Nostalgie von Bands wie Camera Obscura mit. (7 von 10 Punten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Olympia - Flamingo Album Trailer | Bild: Olympia (via YouTube)

Olympia - Flamingo Album Trailer

The Soft Cavalry – The Soft Cavalry     

Rachel Goswell ist Teil von Slowdive, die vergangenes Jahr ihr Comeback gegeben haben. Nun hat sie zusammen mit ihrem Mann das Nebenprojekt The Soft Cavalry gegründet. Ihr Schwager hat das Debüt produziert. It´s a family business. Der Sound von The Soft Cavalry ist nicht so verträumt und shoegazy wie bei Slowdive. Der Grund: Es ist auch weniger ihr Album, vielmehr das von ihrem Mann. Steve hat die Texte geschrieben, schwierige Jahre verarbeitet und dann wieder Hoffnung in der neuen Liebe mit Rachel gefunden. Sie hat ihn ermutigt und unterstützt. Am Ende ist das Album da entstanden, wo beide sich kennengelernt haben. In einem stillgelegten Industriegebiet. Dieser Industrial- Einfluss ist auch zu hören. Die Beats kommen teils staccato aus der Drummachine. Dann aber gibt eine Akustikgitarre phasenweise sogar einen Hauch Folkmusik dazu und ganz ohne Shoegaze kommen sie – wie der Song The Velvet Fog zeigt – auch nicht aus. So düster, episch und nebulös wie Slowdive werden sie aber nie. Im Leben von Steve und Rachel ist in den vergangenen Jahren einiges passiert, das sie auf ihrem Debüt als The Soft Cavalry verarbeiten. Das Comeback von Slowdive, ihre Hochzeit, ein Infekt, der bei ihr zu einem Hörschaden führte und als trauriger Abschluss noch ein Gendefekt ihres Sohnes, der daraufhin völlig taub geworden ist. Er wird also nie die Musik der Eltern hören können, weswegen die beiden im Video zur Single „Bulletproof“ die Texte auch in Gebärdensprache zeigen. (6,5 von 10 Punten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

The Soft Cavalry - Dive (Official Audio) | Bild: bellaunioninc (via YouTube)

The Soft Cavalry - Dive (Official Audio)

Jesca Hoop – Stonechild

Sie ist die Tochter von Mormonen, hat als Teenager ein Jahr im Freien gelebt, war danach Überlebenstrainerin in Arizona und später dann die Nanny der Kinder von Tom Waits. Da beginnt dann auch ihre künstlerische Karriere, die sie nun zu ihrem fünften Studioalbum geführt hat. An „Stonechild“ ist besonders gut, wie Hoop ihren Experimental-Folk neuerdings klarer, schnörkellos und avancierter klingen lässt. Jeder Song steht für eine musikalische Idee. Das kann wie in Death Row ein Chorstück sein, mal ein klassisches Folklied oder experimentelle TripHop-Beats. Verantwortlich für diese Fokussierung ist John Parish, der als Produzent schon das Beste aus PJ Harvey und Aldous Harding herausgeholt und jetzt eben den Diamanten Jesca Hoop geschliffen hat. Das hat dem Rohdiamanten anfangs allerdings gar nicht gefallen. Noch nie sei ihre Musik im Studio so zurechtgestutzt worden, sagt sie. Das habe sie Parish im Studio auch spüren lassen. Aber dieser meinte nur zu ihr: Wart's ab! Das Warten hat sich gelohnt - auch für uns. (8 von 10 Punten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Jesca Hoop - Outside of Eden - feat Kate Stables and Justis (Official Video) | Bild: JescaHoop (via YouTube)

Jesca Hoop - Outside of Eden - feat Kate Stables and Justis (Official Video)

Haleiwa – HKI97

Hinter dem Pseudonym Haleiwa verbirgt sich der Schwede Miko Singh, der Surfsound, Psychedelic, Krautrock und Shoegaze zu einem cineastischen Soundtrack mischt. Nicht ganz so verkopft wie das Animal Collective, die er aber ausdrücklich als Inspiration nennt. Er kommt weniger aus der Elektronik, sondern aus dem Gitarrenlager. Früher hat er in Punk- und Hardcore-Bands gespielt, komponiert jetzt aber warme, rauschende Tagträumer-Musik. (7 von 10 Punten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Haleiwa: HKI -97 | Bild: morrmusic (via YouTube)

Haleiwa: HKI -97

Die Kerzen – True Love

Drangsal hat in deutschen Charts den Weg für 80er-infizierten, melancholischen Gitarrenpop wieder bereitet. Für Fans davon gibt es jetzt neue Musik aus Mecklenburg-Vorpommern: Die Bandmitglieder von Die Kerzen sind allesamt zu spät geboren, um die 80er erlebt zu haben, was aber nicht dagegenspricht, dass sie für den Style zu jung sind. Die Kerzen spielen immer wieder mit tollen Melodien a la Prefab Sprout und kokettieren mit Rick-Astley-Beats. Sie tragen sehr dick auf mit ihrer New-Romantic-Attitüde. Gesang und Texte sind sehr schmalzig: „Schwarze Jeans um deine Lenden, mein Herz in deinen Händen“ singen sie im Song „Mit Seide“. Bei diesem Kuschelrock-Kitsch stellt es den meisten wohl die Nackenhaare auf oder man lässt sich schmunzelnd darauf ein und schwelgt nostalgisch im hallgeschwängerten 80er-Sound. (4 von 10 Punten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Die Kerzen - Saigon (Offiziell) | Bild: Die Kerzen [Offiziell] (via YouTube)

Die Kerzen - Saigon (Offiziell)

Sarasara – Orgone

Wie bei einer Barbara Morgenstern steht bei Sarasara die klare Stimme auf elektronischen Beats im Zentrum ihrer Musik. Beides garniert sie mit dezenten Pianoakkorden. Ihre Melodien sind sanft und getragen, erinnern mal an klassische Gospel- und Bluesthemen, sind oft aber auch Vokalexperimente. Im Song Tinkertoy singt Peter Doherty von den Libertines mit, der ihr neuer Nachbar ist, seitdem Sarasara von Paris nach England gezogen ist. Er hätte sie auch beim Songwriting mehr unterstützen dürfen, denn die ersten Stücke sind holprig arrangiert. Im zweiten Teil wirkt das dann allerdings dann viel runder und homogener. Ein Meisterwerk ist es trotzdem nicht. (6,5 von 10 Punten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Sarasara - Into Me See (Official Music Video) | Bild: s a r a s a r a (via YouTube)

Sarasara - Into Me See (Official Music Video)

Kokoko! – Fongola

Kokoko! kommen aus dem Kongo. Sie machen jede Menge Party und Radau mit Instrumenten, die sie größtenteils erfunden und selbst gebaut haben. Kokoko! heißt übersetzt: „Klopf Klopf Klopf“. Das steht nicht nur für die stampfenden und pochenden Instrumente, sondern auch fürs an die Tür klopfen. Die Truppe hat sich nämlich während einer Nachbarschaftsparty in Kinshasa gegründet. Das Debüt ist ein energetischer Mix aus Rave, Afro, EDM und aggressivem Kriegstanz-Gebaren. Intensive Melting Pot -Musik aus einem instabilen, politisch angespannten Land. Fongola ist aber nicht nur spaßiger Karneval, sondern auch ein kritischer Aufschrei: Kokoko! beklagen die Ausbeutung des Kongo. Die Ausbeutung durch all jene, die beispielsweise ein Smartphone in der Hosentasche haben. Seltene Ressourcen wie Koltan oder Diamanten werden für die westlichen Märkte raubabgebaut, die Bevölkerung profitiert nicht, die Minenarbeiter müssen wie Sklaven schuften. Alles für unsere Bestpreis-Garantie. Fongola ist also nicht nur musikalischer, sondern auch politischer Sprengstoff. (8,5 von 10 Punten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

KOKOKO! - Buka Dansa | Bild: KOKOKO! (via YouTube)

KOKOKO! - Buka Dansa

Catnapp – Break

Catnapp ist das Alter Ego der argentinischen Künstlerin Amparo Battaglia. Sie veröffentlicht auf dem Modeselektor Label Monkeytown in Berlin. Im Song „The Mover“ mischen Modeselektor auch selber mit. Break ist ein Beleg für die Bandbreite von Catnapp, wie sie Rap mit Breakbeat, Drum n Bass und Trance-Elementen mixt und trotzdem die Songs mehr oder weniger sachte in unsere Gehörgänge schleichen lässt. (6 von 10 Punten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Catnapp x Modeselektor - The Mover | Bild: MonkeytownRecords (via YouTube)

Catnapp x Modeselektor - The Mover

Dapayk & Vars – Streets & Bridges

Dapayk ist das Pseudonym des deutschen Produzenten und Labelbetreibers Niklas Worgt, der mit Model Eva Padberg verheiratet ist und mit ihr auch schon Tracks veröffentlicht hat. Nun hat er mit DJ Vars einen neuen musikalischen Partner. Dapayk stammt aus der 90er Jahre Techno Szene, während Vars eher aus dem Rock stammt und laut Dapayk die Melodien in die Songs eingebracht hat. Es ist in der Tat ein gelungener, dynamischer Mix aus Deep House und Minimal Electro. (7 von 10 Punten)

YouTube-Vorschau - es werden keine Daten von YouTube geladen.

Dapayk & Vars "Streets & Bridges" Live-Teaser | Bild: DapaykTV (via YouTube)

Dapayk & Vars "Streets & Bridges" Live-Teaser


20