Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Jamila Woods | Mac DeMarco | Angela Aux

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Jamila Woods, Mac DeMarco, Rhye, Rosie Lowe, Clinic, Doomsquad und anderen...

Von: Matthias Hacker

Stand: 11.05.2019

Rosie Lowe | Bild: Caroline

Doomsquad – Let Yourself Be Seen

Das ein arty Trio aus Toronto ist ziemlich groovy und erinnert stark an die Talking Heads. Nur dass Doomsquad noch elektronischer und tanzbarer sind.
Im Vergleich zum Vorgänger ist dieses Platte weit nicht mehr so psychedelisch, sondern versprüht viel mehr House-Flair. Sie wollen ihren Vorbildern ein Denkmal setzen und widmen Stücke beispielsweise einer legendären New Yorker Drag Queen, Emma Goldman und anderen Aktivistinnen. Die Botschaft: Empowerment und gesellschaftlicher Ungehorsam. Zeigt euch! Let Yourself Be Seen! (7 von 10 Punkten)

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DOOMSQUAD - 'Dorian's Closet' (Official Video) | Bild: DOOMSQUAD MUSIC (via YouTube)

DOOMSQUAD - 'Dorian's Closet' (Official Video)

 Jamila Woods – Legacy! Legacy!

Ähnlich verhält es sich mit der neuen Platte von Jamila Woods.
Der Albumtitel deutet es schon an. Auch die soulige Spoken Word Künstlerin aus Chicago würdigt das Vermächtnis ihrer großen Idole. Sie hat die Songs Eartha, Miles, Muddy oder Sun Ra getauft und verneigt sich damit vor Eartha Kitt, Miles Davis, Muddy Waters und Sun Ra. Aber sie verweist nicht nur auf afroamerikanische Musiker, sondern auch auf Künstlerinnen und Literaten wie Frida Kahlo oder James Baldwin. Besonders gefällt mir an „Legacy! Legacy!“, dass Jamila Woods keine Wikipedia-Artikel abrappt, sondern die Lebenswerke ihrer Vorbilder ganz genau untersucht hat und sie dann poetisch auf sich selbst ummünzt. Sie sucht nach Parallelen und möchte von ihnen lernen. Manchmal erkennt man die Referenzen klar, manchmal weniger. Dabei schafft sie nebenbei ihr ganz eigenes starkes Vermächtnis. (7 von 10 Punkten)

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Jamila Woods - ZORA | Bild: JamilaWoodsVEVO (via YouTube)

Jamila Woods - ZORA

Clinic – Wheeltappers & Shunters

In den Nullerjahren waren Clinic eine veritable Band der britischen Independentkultur. 2012 erschien ihr vorerst letzte Album der Liverpooler. Das Comeback Album haben sie „Wheeltappers and Shunters“ getauft - in Anlehnung an eine britische Fernsehserie aus den 70ern. Das passt, weil die Psychrocker auf ihre Kindheit und Jugend im alten Empire eingehen. Dabei demaskieren sie die Sozialromantik und Nostalgie, die durch britische Agentenfilme, Retromusik und Mode verkauft wird. Von wegen, dass früher alles besser war. Clinic singen düster und deprimierend über die britische Vergangenheit. Wenn britischer Humor schwarz ist, dann ist es auch die Musik von Clinic. So trocken, unkonventionell und absurd sind ihre Texte, die sie auf die monoton treibenden Percussions und schrägen Melodien faseln. Die neue Platte nölt sich unangenehm in unsere Magengrube. Sie ist gewöhnungsbedürftig, aber eben auch besonders. Die Kürze der Postpunk Happen ist da ganz angenehm. Nur ein Song dauert über drei Minuten. (7 von 10 Punkten)

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Clinic - Laughing Cavalier (Official Video) | Bild: Domino Recording Co. (via YouTube)

Clinic - Laughing Cavalier (Official Video)

Rosie Lowe – YU

Die Britin Rosie Lowe tönt dagegen viel positiver. YU ist ein Konzept-Album über ihre Beziehung und die Liebe im Allgemeinen. Was erst mal fantasielos klingen amg, verursacht beim Hören allerdings mehrmals Gänsehaut. Zum einen, weil sie so ehrlich und kitschbefreit über die Liebe singt. Vor allem aber, weil ihr glatter Pop so gut ist. Starproduzent Paul Epworth hat Rosie Lowe wirklich auf den Punkt produziert. In einer perfekten Mischung aus moderner R’n‘B-Produktion, aber auch so, dass ihre HipHop Referenzen und jazzigen Noten immer wieder zur Geltung kommen. Es klingen ihre Teenie Idole TLC und A Tribe Called Quest an. Aber sie morpht ihre musikalischen Roots so elegant in sein modernes Klangkostüm, wie das etwa auch Solange oder Blood Orange machen.
Epworth hat auch schon Adele, Florence and The Machine und Kate Nash großgemacht. Mit Rosie Lowe hat er wieder den richtigen Riecher bewiesen. (9 von 10 Punkten)

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Rosie Lowe - Birdsong | Bild: RosieLoweVEVO (via YouTube)

Rosie Lowe - Birdsong

Mac DeMarco – Here Comes The Cowboy

Der Indie-Slacker und Spaßvogel Mac DeMarco taucht auf seinem vierten Album in Prärie-Fantasien ab. Er lässt die Schlagzeugsticks wie den leichten Trab eines Pferdes klingen, chooochoot wie eine Dampflok und spielt dazu seine schiefen Melodien auf der Akustikgitarre als wäre er der einsame Cowboy am Lagerfeuer. Dabei hat er das Album in Wirklichkeit in seiner Garage in Los Angeles eingespielt.  Aber Mac DeMarco zaubert sich aus der Megametropole und erschafft eine Eskapismus-Platte ganz im Stile Ry Cooders. Er schreibt keine hochkomplexen Popsinfonien, sondern konzentriert sich pro Song auf eine Idee. Das ist mal mehr Country-Folk, leichter Funk oder leiernder Synth-Orgel-Soul. Sein Minimalismus beruhigt und entschleunigt aber unsere Ohren. Es ist nicht sein größter Wurf, aber es ist umso mehr spannend, den Hallodri mal so ernst und introvertiert zu erleben. (7 von 10 Punkten)

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Here Comes The Cowboy | Bild: Mac DeMarco - Topic (via YouTube)

Here Comes The Cowboy

Angela Aux – In Love With The Demons

Es gibt viele Parallelen zwischen Mac DeMarco und dem Münchner Songwriter Angela Aux. Ganz offensichtlich tragen beide gerne Cappies, beide bringen uns mit ihrem Weirdo-Folk zum Lachen und Nachdenken zugleich. Flo Kreier, der sich hinter in der Kunstfgur Angela Aux versteckt, trägt auf der Bühne eine halblange, blonde Perücke und tritt in einem Kleid auf. Auf der neuen Platte singt er auch „I Wanna Be A Woman“.
Das binäre Modell „Mann/Frau“ findet er sowieso äußerst fragwürdig und liebt es die Menschen durch seinen Aufzug zu irritieren.
Seine neueste Sammlung von musikalischen Kurzgeschichten ist wieder mal sehr poetisch, voller Fantasie und autobiografisch angehaucht. Er überrascht gleich im zweiten Lied mit lockeren Folkmelodien und fröhlichem Gepfeife und versprüht Gelassenheit, die ich so in seiner Musik noch nicht gekannt habe. Das ist dann fast schon lockerer Feelgood-Frühlings-Folk und man muss noch ein zweites Mal aufs Albumcover sehen, ob das wirklich noch Angela Aux ist. Doch später zieht er uns mit den ernsten Themen wie Tod und Vergänglichkeit dann wieder ganz langsam unter seine Taucherglocke und zieht uns emotional in die Tiefe seiner Gedanken, wie das schon Beck auf Sea Change so wunderbar gelungen ist. Aber selbst die traurigen Songs über tote Freunde leuchten, weil man in ihnen eine Zuversicht spürt. Angela Aux hat Frieden mit seinen Dämonen geschlossen, ja sich sogar in sie verliebt, so wie der Schatten eben zum Licht gehört. Angela Aux spielt demnächst einige Konzerte in Bayern.   Am 20. Mai in München im Einstein, am 27. Mai beim Uferlos Festival in Freising und am 6. Juni in Viechtach im Alten Spital. (8 von 10 Punkten)

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Dreamt of the Death of a Friend | Bild: Angela Aux - Topic (via YouTube)

Dreamt of the Death of a Friend

Von Spar – Under Pressure

Das Kölner Bandprojekt hat sich schon mit einer Live-Hommage vor CAN verneigt und jetzt zitieren sie im Albumtitel einen großen Queen-Hit. Von Spar werden darauf ihrem Ruf als Genre-Chamäleon gerecht. In den vergangenen 15 Jahren haben sie Krautrock, veritable Indie-Songs, Elektro und vieles mehr gemacht. Einiges davon hören wir auch auf „Under Pressure“ wieder.  Als Fan von stringenten Alben empfinde ich das persönlich als Schlingerkurs, aber bei Von Spar ist das das Konzept. Umso erstaunlicher ist es dann doch, wie stilsicher sie sich in den unterschiedlichen Genres bewegen. (7 von 10 Punkten)

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Von Spar – Extend The Song  (w/ Lætitia Sadier) (official video) | Bild: bureaub (via YouTube)

Von Spar – Extend The Song (w/ Lætitia Sadier) (official video)

Holly Herndon – Proto

Holly Herndon aus Tennessee hat ihre Musik immer schon als Labor für ihre politischen und philosophischen Experimente verstanden. Sie hat ihre Doktorarbeit an der Uni Stanford über Plattform-Politik geschrieben und ihre Thesen später in das Album „Platform“ gegossen. Jetzt folgt „Proto“. Der Kniff dieses Mal: Sie hat zwei Jahre lang eine künstliche Intelligenz namens Spawn trainiert: mit ihr beim Kochen gesprochen, über Politik debattiert und mit ihr Lieder gesungen. Die Datenbank gespeist und aufgefüllt. Auf Proto singt diese Künstliche Intelligenz jetzt als Teil des Popchors mit, den Herndon anleitet. Das ist Zukunftsmusik. Sie erforscht die Grenzen und die technischen Möglichkeiten der Musik. Ihre experimentelle Vokalkunst war immer schon schwer bekömmlich, aber leider geht die die Stimme der K.I im Ethnochor und Elektrogewitter unter. Philosophisch und musikalisch gesehen ist die Machart äußerst interessant und wegweisend, ästhetisch funktioniert das nicht immer. (7 von 10 Punkten)

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Holly Herndon - Eternal (Official Video) | Bild: Holly Herndon (via YouTube)

Holly Herndon - Eternal (Official Video)

Maps – Colours, Reflect, Time, Loss

Ein weiterer Künstler, der bei Poporchestern und Komposition anzusiedeln ist. Maps aus Northhampton. Er steht allerdings für einen deutlich harmonischeren Zugang und macht eine Mischung, die man „Indie-Klassik“ nennen könnte. Seinen Songs verleihen vor allem die mächtigen Streicher und Hörner ihre Kraft und Präsenz, was man über die Melodien nicht sagen kann. Die Arrangements sind so überladen und schwer, dass sie sich wie ein dichter Nebel aufs Gemüt legen. Man will eigentlich nur noch den Kopf rausstrecken, um endlich dem ständigen Getröte der Nebelhörner auszukommen. (4 von 10 Punkten)

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Maps - Surveil (Official Video) | Bild: Maps (via YouTube)

Maps - Surveil (Official Video)

A.A. Bondy – Enderness

A.A. Bondy aus Birmingham Alabama kommt aus der düsteren Folk und Southern Gothic Ecke. Aber nach acht Jahren Pause hören wir auf seinem neuen Album plötzlich Synthesizer und Drummachines. Der düstere Lofi-Charakter und die morbide Tristesse der Südstaaten durchzieht aber weiterhin seinen Sound. Er croont brüchig über die wenigen Gitarrenakkorde und lässt den Synthesizer durch die Songs rauschen. Das wäre ein perfekter Soundtrack für einen James Lee Burke Roman. Beinahe hätte das Album nicht erscheinen können. Denn kurz nachdem er es fertig aufgenommen hatte, hat ein Buschfeuer sein Haus zerstört. Da hatte er die Aufnahmen glücklicherweise schon überspielt.  Am 31. Mai spielt er im Heppel & Ettlich in München. Ich denke, dass das ein lohnender interessanter Konzertabend wird. (8,5 von 10 Punkten)

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A.A. Bondy - Enderness Full Album | Bild: WW Towns (via YouTube)

A.A. Bondy - Enderness Full Album

Dark Star Safari – Dark Star Safari

Ein neues Berliner Elektronik-Quartett. Dark Star Safari sind Jan Bang, Erik Honoré, Eivind Aarset and Samuel Rohrer So düster wie der Name klingt auch das gleichnamige Debüt. Aber diese Safari macht eben auch Spaß. Es ist eine abgespacte Klangexpedition ins unendliche Nirgendwo- ein Trip voller Darkjazz, Live-Improvisationen und dunkler Materie. Der passende Soundtrack für Mitternacht. (7,5 von 10 Punkten)

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CHILD OF FOLLY snippet - DARK STAR SAFARI (AMEL-LP718) Bang/Honoré/Aarset/Rohrer | Bild: arjunamusic records (via YouTube)

CHILD OF FOLLY snippet - DARK STAR SAFARI (AMEL-LP718) Bang/Honoré/Aarset/Rohrer

Rhye – Spirit

Die Liebe ist auch das Thema auf der neuen EP von Rhye. Die Liebe zu sich, zu anderen Menschen, aber auch einfach nur die Liebe zu einem neuen Klavier. Darauf hat der Rhye Frontmann jeden Morgen ein paar Minuten gespielt und unzählige reduzierte Skizzen gesammelt. Die schönsten hat er nun auf eine EP gepackt. (ohne Wertung)


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