Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Flying Lotus | Morrissey | Mavis Staples

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Morrissey, Faye Webster, Mavis Staples, Amyl And The Sniffers, Black Mountain, Skinny Pelembe, Flying Lotus, Andreas Spechtl, Cate Le Bon, Plastic Mermaids, Maxi Pongratz und Steve Lacy.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 23.05.2019

Cover: Flying Lotus - Flamagra | Bild: Warp

Morrissey – California Son

Morrissey, ich habe ein Problem. Mit dir, deiner Haltung zur Welt, deinem Dogma - nicht mit deiner Musik. Und ich kämpfe auch beim Hören des neuen Cover-Albums “California Son” mit mir, die Probleme, die ich mit ihm persönlich habe, auszublenden. Und er macht es mir so schwer, weil er hier alles richtig macht. Er covert die richtigen Songs aus den Sixties und Seventies, unter anderem von Joni Mitchell, Roy Orbison, Burt Bacharach und Bob Dylan. Er arrangiert sie unglaublich präzise und singt sie mit solcher Hingabe. Und obwohl die Songs inhaltlich keine Boten seiner kruden, nationalistischen Gedanken sind, werde ich es beim Hören einfach nicht los, dass Morrissey gerade mit Ansteckern von Brexit-Befürwortern und Islam-Hassern live auftritt. Ich kann ihm nicht mal aufrichtig zu seinem 60. Geburtstag gratulieren. Es ist ein Dilemma - mit ihm. Nicht mit diesem Album. Denn “California Son” ist eines der besten Coveralben des Jahrzehnts. (7,5 von 10 Punkten)

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Morrissey - Lady Willpower (Official Lyric Video) | Bild: Morrissey (via YouTube)

Morrissey - Lady Willpower (Official Lyric Video)

Faye Webster – Atlanta Millionaires Club

Der Song „Come To Atlanta“ klingt wie ein Cat-Power-Song, gesungen von Jenny Lewis, kommt aber von der 21-jährigen Faye Webster. Die Fotografin und Songwriterin hängt zwar gerne mit Hip-Hoppern wie Lil Yachty oder Killer Mike rum, kommt aber mit Slide Guitar und Bluegrass-Sound daher. Jetzt erscheint mit “Atlanta Millionaires Club” schon ihr drittes Album. Es ist nicht vollkommen, gerade die erste Hälfte enttäuscht sehr. Aber ab der Mitte der Platte findet man viele Songs, auf die auch Carole King stolz gewesen wäre. (6,5 von 10 Punkten)

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Faye Webster - Room Temperature | Bild: FayeWebsterVEVO (via YouTube)

Faye Webster - Room Temperature

Mavis Staples – We Get By

Mavis Staples wird im Juli 80 - aber kein bisschen müde. Jetzt legt sie ihr zwölftes Studioalbum vor, das erste mit Ben Harper als Produzent und Songschreiber. Die letzten Alben hat Wilcos Jeff Tweedy Staples auf den Leib geschneidert. Durch Harper werden die Songs jetzt eindimensionaler, rücken aber so wieder näher an den Gospel ran. Kämpferisch bleibt die Menschenrechtlerin trotzdem. “We get by” heißt das Album, wir kommen schon klar. Auf dem Albumopener “Change” zitiert sie James Brown “Say it loud say it clear / Gotta change around here”, auf “Brothers & Sisters” fordert sie Solidarität ein, um dann auf “Never Needed Anyone” festzuhalten, dass sie schon immer eine unabhängige Frau war. Mavis, der Kampf geht weiter. (7 von 10 Punkten)

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Mavis Staples - "We Get By" (feat. Ben Harper) | Bild: ANTI- Records (via YouTube)

Mavis Staples - "We Get By" (feat. Ben Harper)

Amyl And The Sniffers – Amyl And The Sniffers

Live sind Amyl And The Sniffers wie ein Ellbogen, der dir immer wieder aufs Ohr haut. Ich habe sie vor kurzem live im Club gesehen und ich Depp hatte keinen Ohrenschutz dabei. Ergebnis: zwei Tage Taubheit. Das offizielle Debüt-Album von den Australiern um Frontfrau Amy Taylor muss man schon mit 200 Dezibel hören für den gleichen Effekt. Das wäre aber ganz schön dumm. Amyl And The Sniffers frönen dem brachialen Punk, auch mal AC/DC und was dabei auffällt: das Repertoire ist noch ein wenig begrenzt, die Songs folgen im Prinzip alle dem gleichen Schema. Okay, das ist Punk und damit auch okay. Aber trotzdem fehlen Varianten, um das Debüt zu einer richtig guten Platte zu machen. Aber live sollte man sich unbedingt mal den Ellbogen von Amyl im Moshpit abholen. (6,5 von 10 Punkten)

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Amyl and the Sniffers - Got You (Official Video) | Bild: AmylSniffersVEVO (via YouTube)

Amyl and the Sniffers - Got You (Official Video)

Black Mountain – Destroyer

Das Prog-Rock-Kollektiv Black Mountain aus Vancouver nimmt uns mit auf einen Roadtrip durch Kalifornien - mit einem 85er Dodge Destroyer Muscle Car. Das ist eines dieser hochgetunten Sportautos, das lauter ist als ein Flugzeug, wenn man das Standgas richtig durchdrückt. Daher auch der Albumname “Destroyer” und gefühlt hat das Kollektiv um Stephen McBean hier einen richtigen Bleifuss. Alles ist hier laut, groß, getrieben von dem Drang nach ultimativer Freiheit, the sky is the limit. Das macht schon Spaß diese Megalomanie, wird nur dann langweilig, wenn man zu viel an die Vorbilder wie The Who oder Black Sabbath denken muss, die zweifelsohne zitiert werden. (7 von 10 Punkten)

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Black Mountain - Boogie Lover (Official Audio) | Bild: Black Mountain (via YouTube)

Black Mountain - Boogie Lover (Official Audio)

Skinny Pelembe – Dreaming Is Dead Now

Skinny Pelembe erzählt uns auf dem Song „No Blacks, No Dogs, No Irish“ eine Geschichte über Rassismus, die er selber erlebt hat. Doya Beardmore, wie er eigentlich heißt, ist in Südafrika geboren und in Doncaster, Großbritannien aufgewachsen. 2013 wurde ein britischer Soldat ermordet, die zwei Wochen danach wurde Pelembe auf dem Weg zur Arbeit fast jeden Tag auf der Straße beschimpft, er solle wieder zurück nach Pakistan, den Irak oder Afrika gehen. Sein Album “Dreaming Is Dead Now” ist eine Art Therapie für diese unschönen Erfahrungen, er wollte es nicht schreiben, er musste. Wir hören darauf Afro-R&B-Pop, sehr schlau und in den besten Momenten auch sehr ergreifend. (6,5 von 10 Punkten)

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Skinny Pelembe - No Blacks, No Dogs, No Irish | Bild: Brownswood Recordings (via YouTube)

Skinny Pelembe - No Blacks, No Dogs, No Irish

Flying Lotus – Flamagra

Manchmal kann man Vielschichtigkeit und Großartigkeit gar nicht beschreiben, so überwältigend ist sie. So ging es mir beim ersten Hördurchgang von Flying Lotus neuem Album “Flamagra”. Das letzte Mal war das übrigens so bei Kendrick Lamars “To Pimp A Butterfly”. 27 Tracks hat Flying Lotus auf “Flamagra” gepackt und hier meine Gedanken oder viel mehr mein Gedanken-Stream nach dem ersten Hördurchgang: J. Dilla, George Clinton, Black Power, Malcolm X, Funkadelic, Twin Peaks, Space is the place, Diversity, long way to go, Afrofuturismus, Solange, Rassismus, Brainfeeder, ich könnte noch weitermachen, aber ich stoppe jetzt. Die nächsten Hördurchgänge werde ich brauchen, um alles zu analysieren und selbst dann werde ich dieses Werk noch nicht vollständig durchdrungen haben. Das zeichnet große Meisterwerke aus - und “Flamagra” von Flying Lotus ist genau das, ein Meisterwerk. (9,5 von 10 Punkten)

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Flying Lotus - Fire Is Coming feat. David Lynch | Bild: FlyingLotusVEVO (via YouTube)

Flying Lotus - Fire Is Coming feat. David Lynch

Andreas Spechtl – Strategies

Bei seinen letzten beiden Soloalben, darunter die eine unter dem Namen SLEEP, hätte man sagen können: Boah, ist der weit draußen. Auf seinem neuen Soloalbum “Strategies” kommt er jetzt wieder rein bzw. halt ein Stückchen näher an das, was wir von Ja, Panik von Herrn Spechtl kennen. Auf “The Seperate” gibt’s sogar ein Merkmal, was uns nur allzu gut bekannt ist: deutsche und englische Texte innerhalb eines Songs. Die ganze Platte kann man unter elektronischer Avantgarde einordnen, erscheint ja auch auf dem Bureau B-Label, was sich auf den internationalen Avantgarde-Markt spezialisiert hat. Andreas Spechtl beschäftigt sich mit den Gedanken von Max Weber oder Anna Seghers, wendet sie auf die großen Fragen unserer Zeit an, wie der Flüchtlingsproblematik - nicht umsonst heißt das Album “Strategies”. Diesem Pop-Intellektuellen zuzuhören, ist schon großartig - aber trotzdem wünsch ich mir jetzt bald ein neues Ja, Panik-Album mit ein wenig mehr Pop. (8 von 10 Punkten)

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Andreas Spechtl – The Separate (official) | Bild: bureaub (via YouTube)

Andreas Spechtl – The Separate (official)

Cate Le Bon – Reward

Wir kommen zur Kategorie: Kritikerlieblinge, die längst eine große Bühne verdient hätten, sie aber gar nicht wollen. Star dieser Kategorie: Die Waliserin Cate Le Bon. Vier formidable Soloalben hat sie veröffentlicht, jetzt kommt ihr fünftes - vielleicht ihr bestes. Es heißt “Reward”, die Belohnung. Vielleicht belohnt sie sich hier selbst für die Produktion eines der besten Alben des Jahres bisher: Deerhunter haben sie eingekauft, um deren Album “Why Hasn’t Everything Already Disappeared?” zu produzieren. Ihre eigene Dark-Pop-Platte wird voraussichtlich nicht in den Jahresbestenlisten auftauchen - aber in den Herzen vieler Fans über 2019 hinaus. (7 von 10 Punkten)

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Cate Le Bon - Home to You (Official Video) | Bild: Cate Le Bon (via YouTube)

Cate Le Bon - Home to You (Official Video)

Plastic Mermaids – Suddenly Everyone Explodes

Die Plastic Mermaids von der Isle Of Wight kann man irgendwo zwischen den Flaming Lips und Arcade Fire verorten - sie haben aber auch die angenehme Eigenschaft, dass sie ihre Songs hinten raus immer nochmal aufmachen, so wie wir es von den großen Hymnen des Brit Pop kennen. Hinter den fünfköpfigen Mermaids steckt übrigens auch ein Brüderpaar: Jamie und Douglas Richards. Im Gegensatz zu manch anderen britischen Brüderpaaren können die aber ganz gut miteinander. Eine der Überraschungen dieser Veröffentlichungswoche kommt also von der Isle Of Wight, da wo die Plastic Mermaids schwimmen. (7,5 von 10 Punkten)

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Plastic Mermaids - Floating In A Vacuum | Bild: plasticmermaids (via YouTube)

Plastic Mermaids - Floating In A Vacuum

Maxi Pongratz – Maxi Pongratz

Ein befreundeter Trompeter von G. Rag & den Landlergschwistern hat über Maxi Pongratz mal gesagt: Dieser Mann mit seinem Akkordeon spielt für die Ewigkeit. Er muss nämlich immer und überall spielen, am besten noch beim Warten auf die Straßenbahn. Und so kann Maxi Pongratz auch nicht aufhören, wenn seine Band Kofelgschroa aus Oberammergau Pause macht. Jetzt erscheint sein erstes Sololalbum auf Trikont und natürlich erinnert hier viel an die Kofels, aber auch noch mehr an Karl Valentin, an den Blick von München aus an einem sonnigen Tag in die Berge, überhaupt an Freiheit - sogar über den Tod hinaus. Maxi Pongratz ist der vielleicht authentischste Künstler und Songschreiber den Bayern gerade hat. (7,5 von 10 Punkten)

Steve Lacy – Apollo XXI

Für Steve Lacy ist eine Weltkarriere vorgesehen. Er hat schon Indie-Fame als Gitarrist von The Internet, er hat für Kendrick Lamar einen Song auf dem Smartphone aufgenommen, er war zuletzt auf dem Vampire Weekend-Album zu hören, er modelt und er mag Prince. Jetzt legt er sein Debütalbum vor und es ist jetzt kein Überwerk, aber es wird reichen, um diesen Mann so zu pushen, wie es sonst nur die Kronen-Zeitung kann, zu einem weltweit bekannten Gesicht. Ehrlich gesagt, vom Sound seines Debüts bin ich ein wenig enttäuscht. Es ist typischer Radiostoff, bei dem keiner ausschalten wird - aber auch niemand extra anschalten.  (6,5 von 10 Punkten)

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Steve Lacy - Playground (Official) | Bild: Steve Lacy (via YouTube)

Steve Lacy - Playground (Official)


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