Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Fatoni | Brandt Brauer Frick | Eleni Mandell

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Yeasayer, Stef Chura, The Divine Comedy, Plageu Vendor, Robag Whrume, Brand Brauer Frick, Low Hum, Eleni Mandell, Fatoni und Pixx.

Von: Matthias Hacker

Stand: 06.06.2019

Cover: Fatoni - Andorra  | Bild: Urban (Universal Music)

Yeasayer – Erotic Reruns

Yeasayer aus New York sind nach zehn Jahren zum Trio geschrumpft. Sie haben es wie wenige geschafft anspruchsvollen, arty Pop zu machen, der fluffig geblieben ist und nicht so verkopft wie bei den Dirty Projectors. Im Planschbecken zwischen Global-Pop und Yacht Rock paddeln sie jetzt mehr und mehr in Richtung Fleetwood Mac und sonnigem Feelgood-Sound. Yeasayer Fans finden aber nach wie vor ihre alten Zutaten – den klassischen Yeasayer Hit „24 Hour“, die barocken Sounds der 60er Jahre wie in „Let Me Listen In On You“, Songs mit düsterem 80ies Touch und psychedelische Arrangements. (7 von 10 Punkten)

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Yeasayer - Fluttering in the Floodlights | Bild: shaman's flight (via YouTube)

Yeasayer - Fluttering in the Floodlights

Stef Chura – Midnight

Das zweite Album von Stef Chura ist eine Hommage an ihre Heimatstadt Detroit und an Indierock im Allgemeinen. Es gibt keinen schlechten Song, ob Ballade oder Kracher. Man kann entweder die Indierock-Abteilung im CD-Regal querhören oder einfach die zwölf Stücke auf „Midnight“. Denn es ist ein eklektisches, kurzweiliges Album, auf dem ganz viele Referenzen anklingen. Ständig hört man Bezüge zu Jason Molina, Pavement, Bright Eyes, Cloud Nothings, sie schreit wie Karen O, grungt wie Courtney Love und schreibt Slacker-Hymnen wie Courtney Barnett. Aber die CD wirkt nicht altbacken oder rückwärtsgewandt. Sie schmiegt sich in die melancholischen Downtempo-Songs und Piano-Balladen, um uns einen Gitarrenschlag später an die Wand zu nageln. Auf dem Song „Sweet Sweet Midnight“ singt auch Will Toledo – besser bekannt als Car Seat Headrest – mit. Er hat das Album produziert und spätestens beim gemeinsamen Lied erkennt man, was für eine wunderbare Kombination dieses Songwriter-Team bildet. (8 von 10 Punkten)

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Stef Chura - Sweet Sweet Midnight | Bild: Saddle Creek (via YouTube)

Stef Chura - Sweet Sweet Midnight

The Divine Comedy – Office Politics

The Divine Comedy widmen sich den Idiotien des Büroalltags mit viel bitterbösem Humor. Sarkastisch textet Mastermind Neil Hannon in Richtung eines Angestellten: „You will never work in this town again!“ Er singt vom Kampf mit dem Fotokopierer, der Firmen-Weihnachtsfeier und Powerpräsentationen. Er spickt die Lyrics mit Büro-Small-Talks, mit Fetzen aus einem Bewerbungsgespräch und Projekt-Pitches. Das Büro als Schauplatz der Göttlichen Komödie, auf dem sich die großen Dramen unserer Zeit abspielen. Musikalische Gefälligkeit kann man The Divine Comedy auf Office Politics nicht mehr vorwerfen. Das Album strotzt nur vor kreativen und mutigen Ideen wie mit Drum-Bass-Beats und Autotune-Gesang bei „The Synthesizer Service Centre Super Summer Sale“. Synthesizer spielen insgesamt eine neue große Rolle. Dazuu gesellen sich ein knarzender Rockbass, monotone Beats und eine Jazztrompete, die an das Geräusch eines Faxgeräts erinnert. Das ist cool. Wer die Balladen von Divine Comedy mag, kommt auch nicht zu kurz. Das Album hat Funk, tolle Melodien, Mut, Witz, Biss. Aber natürlich wohnt dem Büroalltag auch eine Tristesse und Tragik inne, aber wo sonst könnte man das so gut verpacken wie in The Divine Comedy – der Göttlichen Komödie. (8,5 von 10 Punkten)

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The Divine Comedy - Norman and Norma | Bild: TheDivineComedyVEVO (via YouTube)

The Divine Comedy - Norman and Norma

Plageu Vendor – By Night

Weniger Feingeist, dafür rockig auf die Zwölf. Das Alternative-Quartett aus Südkalifornien presst in eine halbe Stunde pure Energie. Der Schlagzeuger treibt unaufhaltsaman. Bei den zwei, drei psychedelischeren Songs schwimmen sie etwas, aber sobald der Drummer wieder tight knüppelt, sind sie wieder auf Kurs und machen Spaß. (6 von 10 Punkten)

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Plague Vendor - "All of the Above" (Lyric Video) | Bild: Epitaph Records (via YouTube)

Plague Vendor - "All of the Above" (Lyric Video)

Robag Wruhme– Venq Tolep

Er liebt ungewöhnliche Schreibweisen und Fantasiesprachen. Als würde er seinen Alben klingonische Namen geben. Sie hießen bisher „Wuzzelbud“, „Abusus adde“ oder „Thora Vukk“. Auf Venq Tolep bleibt er nicht nur seiner ungewöhnlichen Namensgebung, sondern auch seinem atmosphärischen Ambient-Sound treu. Dieser warme atmosphärische Klang erinnert an die alten International Pony Platten. Kein Wunder, dass ihn DJ Koze auf sein Label Pampa geholt hat. Vor Jahren sind die ersten Lieder für das neue Album entstanden. Das letzte aber erst dieses Jahr. Auf dem Abschluss-Track „Ende 2“ gibt es auch eine kleine Überraschung. Hier dürfen sich Freunde von Robag Wruhme vorstellen – sie kommen aus Tiflis, Melbourne, Brooklyn, Tel Aviv, Plauen. Zugegeben klingt das ein bisschen kitschig, aber doch auch liebevoll und süß. (7,5 von 10 Punkten)

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Robag Wruhme - Venq Tolep (PAMPACD014) | Bild: Pampa Records Official (via YouTube)

Robag Wruhme - Venq Tolep (PAMPACD014)

Brandt Brauer Frick – Echo

Das Berliner Trio zählt zu den Pionieren, die technoide Tracks für klassische Orchesterinstrumenten komponierten. Das Crossover-Konzept „Klassik im Klub“ wurde auch durch sie immer beliebter. Meiner Meinung nach völlig zu Recht. Die akustischen Instrumente bringen eine angenehme Leichtigkeit in die hämmernden Techno-Arrangements. „Echo“ soll eine Art Rückblick und Echo aus den Anfangstagen sein. (8 von 10 Punkten)

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Brandt Brauer Frick - Masse (Official Music Video) | Bild: Brandt Brauer Frick & Park Bennett (via YouTube)

Brandt Brauer Frick - Masse (Official Music Video)

Low Hum – Room to breathe

Collin Desha, der auf Hawaii geboren ist und dann in die Künstlerszene LA`s eingetaucht ist. Fake Reality besteht weitestgehend aus psychedelischen Bluesstompern.  Der Sound und die Musik von Low Hum sind gut, aber die 0-8-15-Gesangsmelodien verderben den Spaß und langweilen leider. Den Vergleich zu Tampe Impala rechtfertig er nicht. (5 von 10 Punkten)

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Low Hum - Room To Breathe | Bild: LOW HUM (via YouTube)

Low Hum - Room To Breathe

Eleni Mandell – Wake Up Again

Dieser Gesang und die Geschichten berühren. Songvorlagen hat Mandell zu Genüge gesammelt. Zwei Jahre lang hat sie in einem Frauengefängnis nahe Los Angeles Songwriting-Kurse gegeben. Die Organisation „Jail Guitar Doors“ wurde von Billy Bragg gegründet. Man hört, dass von diesen Kursen nicht nur die Gefangenen profitiert haben. Sie singt über die zerstörten Träume, die gemachten Fehler und die starken Charaktere, die sich in einem Frauenknast ansammeln. Im ersten Stück der Platte „Circumstance“ singt sie von zwei Frauen. Eine übernimmt die Verantwortung für ihre Notlage, die zweite schiebt alles auf ihren Freund. Eleni Mandell singt sehr empathisch über die beiden und verurteilt nicht. Musikalisch packt sie diese Geschichten in bittersüßen Songwriter-Rock. (7 von 10 Punkten)

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Eleni Mandell - What's Your Handle? (Radio Waves) (Official Music Video) | Bild: Eleni Mandell (via YouTube)

Eleni Mandell - What's Your Handle? (Radio Waves) (Official Music Video)

Fatoni – Andorra

Der Münchner Rapper Fatoni hat mit Yo, Picasso 2015 eines der besten deutschen Rapalben der letzten zehn Jahre gemacht. Danach mit Mine eine fantastische Generationenkritik an die Millenials geschrieben. Bei "Andorra" geht es weniger um den Kleinstaat, sondern um den sogenannten Andorra-Effekt. Der besagt in der Sozialpsychologie, dass sich Menschen den Erwartungen anpassen, die die Gesellschaft auf sie projiziert. Demnach fügen wir uns in Fremdbilder und erfüllen Klischees. Identitätspolitik war schon immer ein großes Thema von Fatoni. Es ist auch eins der Themen unserer Zeit – wenn wir uns in Insta ständig selber darstellen und in Filterblasen selbst bestätigen. Allerdings: Die Beats von Dexter und die Texte von Fatoni sind nicht an Yo Picasso heran. Man könnte aber auch sagen, dass Fatoni sich gegen Andorra-Effekt wehren und die Erwartungen eben nicht erfüllen will. (7 von 10 Punkten)

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Fatoni - Clint Eastwood (prod. Dexter) | Bild: Fatoni (via YouTube)

Fatoni - Clint Eastwood (prod. Dexter)

Pixx - Small Mercies

Hannah Rodgers aus der Nähe Londons nennt sich Pixx. Auf ihrem Debüt „The Age Of Anxiety“ verhandelte sie die Angstattacken und Albträume, die sie schon als Kind hatte. Auf Small Mercies wendet sie den Blick etwas von ihr ab und blickt auf die Gesellschaft. Auf die Zerstörung der Umwelt, Genderdiskussionen und die Problematik von streng-religiösen Schulen. Über ihre Zeit in so einer Einrichtung erzählt sie in Disgrace.
Eine spannende Mischung aus bassgetriebenen Synthrock und düsterem Experimentalpop. Für Fans von Planningtorock. (7,5 von 10 Punkten)

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Pixx - Andean Condor | Bild: PixxVEVO (via YouTube)

Pixx - Andean Condor


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