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Neuerscheinungen der Woche The Comet Is Coming | Karen O & Danger Mouse | Cinematic Orchestra

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von The Comet Is Coming, Karen O & Danger Mouse, Cinematic Orchestra, Stephen Malkmus, Bernadette LaHengst, Matmos und The Faint.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 14.03.2019

The Comet Is Coming (Bandfoto) | Bild: Fabrice Bourgelle / Universal

The Comet Is Coming - Trust In The Lifeform Of The Deep Mystery

Schon wieder ein neues Projekt von Bandleader und Saxofonist King Shabaka. Nach Sons Of Kemet und Shabaka and the Ancestors jetzt also The Comet Is Coming. Das Trio aus England besteht aus Shabaka, Betamax am Schlagzeug und Danalogue am Keyboard. Ihr abgespacter Jazz rockt und kippt manchmal in einen Rave ab. Nicht alle Tracks haben so viel Dampf auf dem Kessel wie der Track „Summon the Fire“. Gerade die ersten beiden Stücke sind schwerfälliger. Besonders die verzerrten Bässe und das rockige Schlagzeug lassen diese Lieder archaisch wirken. Man kann diesen Sound schon als eine Art auf die Erde niedergehenden Kometen verstehen – Comet Is Coming. So out of space und anarcho klingt das gerne mal. Auch der Albumtitel passt: “Trust In The Lifeform Of The Deep Mystery”. Diese Fusion aus Elektronik, Afrobeat und Jazz erinnert definitiv an das kosmische Wunderwesen Sun Ra. In dessen Tradition muss man The Comet Is Coming sehen. Gelungen ist auch der Gastauftritt von Rapperin Kate Tempest. (8,5 von 10 Punkten)

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The Comet Is Coming - Summon The Fire (Audio) | Bild: TheCometIsComingVEVO (via YouTube)

The Comet Is Coming - Summon The Fire (Audio)

Cinematic Orchestra – To Believe

Cinematic Orchestra mit Main Man Jason Swinscoe waren Pioniere für sphärische, cineastische Kompositionen, die eben nicht aus dem Klassikkontext stammten. Auf "To Believe" beweisen sie, dass sie es auch noch nach zwölf Jahren Pause können. Die sphärischen Synthesizerteppiche unterspielen sie immer wieder mit jazzigen Schlagzeugbeats. Der britische Landsmann Roots Manuva rappt, im ersten Lied hören wir den Kalifornier Moses Sumney. Das Album ist abwechslungsreich und doch homogen. Die Lieder sind lang – zwischen sechs und zwölf Minuten, aber sie sind auch alle so gut und dicht produziert, dass keine einzige Länge entsteht. Man braucht hier keine Bilder und sieht beim Hören trotzdem einen Film vor Augen - da werden sie ihrem Bandnamen wieder mal gerecht. (8,5 von 10 Punkten)

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The Cinematic Orchestra - 'To Believe feat. Moses Sumney' | Bild: Ninja Tune (via YouTube)

The Cinematic Orchestra - 'To Believe feat. Moses Sumney'

Brian Jonestown Massacre – Brian Jonestown Massacre

Alle Jahre wieder gibt es ein Album vom Brian Jonestown Massacre. Ursprünglich kommen sie aus Kalifornien, leben aber mittlerweile in Berlin. Nur sieben Monate nach ihrem letzten Album erscheint das selbst-betitelte "Brian Jonestown Massacre". Ihr 18. Studioalbum hätte eigentlich schon 2018 erscheinen sollen, aber ihre Tournee lief so erfolgreich, dass sie den Release verschieben mussten. Musikalisch ist "Brian Jonestown Massacre" auch wieder beim Neopsychedelic- und Shoegazer-Sound angekommen. Aber die Songs sind nicht mehr ganz so fuzzy und vernebelt. Die Akustikgitarre ist wichtiger geworden, wodurch vor allem die langsamen Songs einen leicht folkigen Touch bekommen. Sie hatten zwar leider nie den riesigen Erfolg wie etwa der Black Rebel Motorcycle Club, sich über 20 Jahre Bandgeschichte völlig zurecht eine große treue Fanbase erspielt. (7 von 10 Punkten)

Stephen Malkmus - Groove Denied

Der ehemalige Pavement-Sänger hatte angekündigt, dass er an einem Berliner Elektroalbum arbeitet. Aber ein richtiges Elektroalbum ist es nicht geworden. Nomen est omen: "Groove Denied" täuscht das auf den ersten paar Tracks nur an, danach kommen wieder die typischen schiefen Slackermelodien, wie man sie von Stephen Malkmus kennt. Das Album kommt auch relativ schnell nach seinem letzten Album mit der Band, The Jicks. Es ist nicht ganz klar, was uns der Pavement-Sänger mit dieser Platte sagen will. Es klingt nach Ausprobieren mit Synthpop, Industrial, 80er Wave und Krautrock. Es klingt wie gewollter Dilettantismus, was erstmal nicht abwertend gemeint sein soll. Aber dann ist der Mut zu gering und der Atem zu kurz. Er bleibt wie schon zuletzt leider hinter den Erwartungen zurück. (6 von 10 Punkten)

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Stephen Malkmus - "Viktor Borgia" (Official Music Video) | Bild: Stephen Malkmus (via YouTube)

Stephen Malkmus - "Viktor Borgia" (Official Music Video)

Karen O & Danger Mouse – Lux Prima

Noch eine Musikerin, die man vor allem durch ihre frühere Band kennt. Karen O war die Frontfrau der Yeah Yeah Yeahs. Schon lange wollten sie und Starproduzent Danger Mouse zusammen ein Album machen. Jetzt hat es geklappt. Es ist das erste Album von Karen O, seitdem sie Mutter geworden ist. Ohne konkrete Vorstelllungen seien sie an das Album herangegangen. In den Songs lässt sich besonders die Handschrift von Danger Mouse heraushören. Die überrascht kein bisschen mehr, nachdem er sie schon an so vielen Künstlern angewendet hat. Ich finde nicht, dass er Karen O gut in Szene setzt. Es müssen ja nicht wie früher die kratzigen hippen Punksongs sein, aber seine 60ies-Pop-Arrangements sind glatt und angepasst – also das wofür Karen O nie gestanden hat. Aber vielleicht waren auch einfach die Erwartungen an das Album zu hoch. (6 von 10 Punkten)

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Karen O & Danger Mouse - TURN THE LIGHT | Bild: Karen O & Danger Mouse (via YouTube)

Karen O & Danger Mouse - TURN THE LIGHT

The Faint – Egowerk

Es wirkt fast so, als würden wir die ganzen alten Indiestars der späten 90er und Nullerjahre feiern. Nach Stephen Malkmus und Karen O kommen auch noch The Faint. 2001 zählten sie zu den bekanntesten Vertretern des Genres Electroclash. 2019 mögen sie immer noch knüppelnde Beats und schnelle Staccato-Synthesizer. Die Band aus Omaha veröffentlicht auch auf dem bekannntesten Label der Stadt – Saddle Creek. Das Indielabel hat die Bright Eyes groß gemacht, Two Gallants, The Thermals und Tokyo Police Club. Aber wie man anhand dieser Namen schon merkt, hatte das Label seine größte Zeit in den Nullerjahren. The Faint werden auch nicht mehr das ganz große Thema sein, aber das Album ist gut. Es ist erfrischend wie sie uns immer noch mit ihrem Elektropunk die Refrains und Botschaften vor den Latz knallen. Auf "Egowerk" beschäftigt sie vor allem das Thema Social Media – und nicht dessen gute Seite. Immer noch im Punk verhaftet, mögen sie es nämlich gar nicht, dass auf Social Media alles in eine Norm gepresst wird. Es muss schließlich instagrammable sein – und likeable. Ob es ihnen gefällt oder nicht: Für ihr Album kriegen sie trotzdem einen Like. (8 von 10 Punkten)

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The Faint - Child Asleep | Bild: Saddle Creek (via YouTube)

The Faint - Child Asleep

Bernadette LaHengst – Wir Sind Die Vielen

In die gleiche Kerbe schlägt Bernadette LaHengst. Sie erträgt den Hass der Schreihälse in den Foren und auf rechten Demos auch nicht mehr. Sie haut uns zwar nicht mehr mit der Braut ins Auge, wie ihre frühere Band hieß, sondern ist längst solo. Sie singt Deutsch, Englisch, Französisch und Arabisch. So versteht sie dieses "Wir" – es ist ein übergreifendes, gemeinsames "Wir". So gut und abwechslungsreich und wenig schlageresk war sie schon lange nicht mehr. Die Mischung aus Klavierchansons, Krautrock und Songwriter-Pop ist gut, die Songs sind melancholisch, aber immer mit Optimismus versehen. Sie ist eine Meisterin des Subtexts. Ich habe mich beim Hören gefragt, warum muss Helene Fischer die Stimme der Nation sein und die Massen begeistern? Das könnte doch auch Bernadette LaHengst. (7,5 von 10 Punkten)

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Bernadette La Hengst | Wir sind die Vielen | Der Song zum Demo-Herbst 2018 | Bild: FUTURZWEI Stiftung Zukunftsfähigkeit (via YouTube)

Bernadette La Hengst | Wir sind die Vielen | Der Song zum Demo-Herbst 2018

Waving The Guns – Das muss eine Demokratie aushalten können

WGT sind eine Rostocker Rapgruppe, die mittlerweile auf dem Label Audiolith veröffentlicht. Da haben schon viele kritische Stimmen aus dem linkspolitischen Pop ein Zuhause gefunden. Dementsprechend gehören Waving The Guns auch hierhin. Ihr Unmut gegen die Staatsgewalt muss raus. Ihre Antihaltung richtet sich aber auch gegen den Mainstream: "Mir ist egal ob das ein Hit wird/Oder zu sperrig für die Rotation". Sie wollen nicht gefällig sein. Musikalisch ist es meist klassischer Rap, aber textlich geht es dem Status Quo an den Kragen. Auch linken Agit-Rap wie von WGT muss eine Demokratie aushalten können. Im Gegenteil: Sie braucht ihn sogar. (7 von 10 Punkten)

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Waving The Guns - Perlen vor die Säue / Das muss eine Demokratie aushalten können (Official Video) | Bild: Audiolith (via YouTube)

Waving The Guns - Perlen vor die Säue / Das muss eine Demokratie aushalten können (Official Video)

SCARLXRD – Infinity

Nun zu Rap ganz anderer Couleur. Hier geht’s weniger um den politischen Aspekt als vielmehr um den emotionalen. Der Stil des Briten SCARLXRD (gesprochen: Scarlord) ist sehr intensiv, weil er wie am Spieß schreit. Der Stil heißt Screamo und kommt aus dem Emo-Bereich. Unter sein Geschrei legt er aber weniger Gitarren und harte Metalriffs, sondern Trapsounds. Mit dieser Form des Emotionen-Auskotzens ist er nicht der Erste, wenn man an den letztes Jahr erschossenen Rapper XXXTentacion denkt. Aber SCARLXRD ist doch einer der wenigen Erfolgreichen mit diesem Sound. Es ist definitiv eine spezielle Ästhetik, aber das hat man naserümpfend auch schon über andere Genres gesagt. Womöglich hören wir bald noch mehr Rapper in diesem Stil gröhlen. Man erkennt SCARLXRD übrigens immer daran, dass er eine schwarze Maske vorm Mund trägt, wie Ärzte im OP. Diese Maske kann er am Mund aber mit einem Reißverschluss zum Sprechen öffnen. Soll wohl den Emocharakter unterstreichen. (4 von 10 Punkten)

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scarlxrd - STFU. | Bild: scarlxrd (via YouTube)

scarlxrd - STFU.

Benjamin Francis Leftwich – Gratitude

Zur Entspannung für die Ohren kann man nach SCARLXRD sanftere, harmonische Klänge von Songwriter Benjamin Francis Leftwich hören. Vom klassischen Songwriter hat er die Abzweigung in Richtung soften Indietronic genommen und arbeitet jetzt mit einem Sampler. Damit pitcht und verfremdet er Gitarre und Stimme, kann aber bei den Gesangsmelodien nie drüber hinwegtäuschen, dass er aus dem klassischen Pop kommt - manche Strophen oder Refrains sind nämlich sehr melodramatisch. (5 von 10 Punkten)

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Benjamin Francis Leftwich - Gratitude | Bild: BenjaminFLVEVO (via YouTube)

Benjamin Francis Leftwich - Gratitude

Matmos – Plastic Anniversary

M.C. Schmidt und Drew Daniels sind nicht nur ein Liebespaar, sondern ziemlich sicher auch eines der schrägsten Musikerduos. Sie machen aus allem Musik. Mit den Seiten einer Bibel, mit OP-Werkzeug, mit tauendem Eis, mit Totenschädeln und vielem mehr. Das letzte Album haben sie nur mit den Sounds einer Waschmaschine aufgenommen. Zum 25. Bandjubiläum gibt’s ein "Plastic Anniversary". Darauf haben sie Musik einzig und allein aus Plastik gemacht und benutzen dafür Brustimplantate, Pokerchips, Gymnastikbälle und Klobürsten aus Plastik. (7 von 10 Punkten)

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Plastic Anniversary | Bild: Matmos - Topic (via YouTube)

Plastic Anniversary


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