Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Chemical Brothers | Mine | Fontaines DC

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Glenn Hansard, The Chemical Brothers, Sophie Auster, Fontaines DC, Bibio, Oddo Nosdam, Damien Jurado, T Bone Burnett, Norah Jones und Mine.

Von: Matthias Hacker

Stand: 11.04.2019

Chemical Brothers Pressebild 2018 | Bild: Target Concerts

Glen Hansard – The Wild Willing

Früher bei der Band The Frames, bringt der Ire jetzt sein viertes Soloalbum raus. Es ist ein düsteres Folk-und Americana-Album. Sein Fingerpicking untermalt Hansard mit Orgeln und Geigen. Er haucht, flüstert und raunt seine Melodien - so wie das auch Mark Lanegan tut. Besonders ist vor allem die erste Hälfte, wenn die Songs mit überraschenden Noiseexperimenten enden. Die zweite Hälfte ist wieder gewöhnlicher Folk a la Glen Hansard. (6 von 10 Punkten)

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Glen Hansard - "I'll Be You, Be Me" | Bild: ANTI- Records (via YouTube)

Glen Hansard - "I'll Be You, Be Me"

The Chemical Brothers – No Geography

Die letzten sechs Alben der Chemical Brothers gingen in Großbritannien auf Platz 1. Auch nach 30 Jahren verändert das Duo aus Manchester sein Erfolgsrezept kaum Das ist dann aber auch erwartbar und nicht inspirierend. State of the art ist es nicht mehr, aber der Sound macht dann doch auch noch Spaß und ist vor allem nostalgisch. Die Songs klingen wie guter alter Big Beat oder es sind Elektrorock-Bretter wie annodazumal. Die fette Produktion übertüncht einfach nur die schwach geschriebenen Songs. (5 von 10 Punkten)

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The Chemical Brothers - Got To Keep On (Official Video) | Bild: ChemicalBrothersVEVO (via YouTube)

The Chemical Brothers - Got To Keep On (Official Video)

Sophie Auster – Next Time

Sophie Auster ist seit der Kindheit berühmt. Wie soll es auch anders sein, wenn man so berühmte Schriftsteller-Eltern wie Siri Hustvedt und Paul Auster hat. Sie ist aber den Weg der Schauspielerin und Sängerin gegangen - mit freundlicher Unterstützung vom Papa, der die Kontakte geknüpft hat. Mittlerweile schreibt sie ihre Texte selbst, singt deutlich tiefer, und die Musik ist ein bunter Strauß: Soulpop, Chansons, Jazzstandards, düstere Film Noir Soundtracks und gleich zu Beginn Mariachi-Bläser. Das Album heißt Next Time. Dieses Aufschieben, dieses „nächstes Mal“, sei so eine inflationär gebrauchte Floskel, meint die New Yorkerin. Es ist eine sich immer wieder selbsterfüllende Ausrede. Sie wollte nichts mehr aufschieben und aus dem “nächsten Mal” ist jetzt ein “dieses Mal” geworden. Dieses Mal hat sie alles so gemacht, wie sie es wollte. Wenn sie das so betont, dann klingt das allerdings nach einer wirklich späten Loslösung vom Papa und seinem Einfluss. Am 5. Mai spielt Sophie Auster in München. (5 von 10 Punkten)

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“Dance With Me” by Sophie Auster | Bild: Sophie Auster (via YouTube)

“Dance With Me” by Sophie Auster

Fontaines DC – Dogrel

Fontaines DC kommen nicht aus feinem Elternhaus, sondern aus einem Arbeiterviertel in Dublin. Hier verdrängen die Wohlhabenden gerade immer mehr die anderen Menschen. Der Sound von Fontaines DC spiegelt diese Zerrüttung mit Postpunk wider. Da rumpelt es auch mal wie in The-Clash-Songs oder hat teilweise so schöne Mod-Melodien wie früher bei The Jam. Wer dann noch Sprechgesang a la Sleaford Mods mag, ist hier goldrichtig. Sie veröffentlichen folgerichtig auf dem gleichen Label wie die Idles, deren Vorband sie auch schon waren. (8 von 10 Punkten)

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Fontaines D.C. - Boys In The Better Land (Official Audio) | Bild: Fontaines DC (via YouTube)

Fontaines D.C. - Boys In The Better Land (Official Audio)

Bibio – Ribbons

In den letzten zehn Jahren hat Bibio ganz fantastische, luzide Melodien komponiert. Seine verspielten Gitarrenzupfer hat er mit einem Sample-Gerät zu abstrakten Elektronica-Clustern gemorpht. Im Kopf drehte sich beim Hören immer ein kleines, buntes Kaleidoskop. Dann hat er sich immer weiter von klassischen Popstrukturen entfernt und ist mehr und mehr ins Sphärische, Atmosphärische und Nebulöse abgetaucht. Diese ausufernden Ambientstudien waren allerdings nicht von Erfolg gekrönt. Jetzt kehrt er zurück zum klassischen Songwriting. Die feinen Folktunes kommen wieder klarer zur Geltung. In den Liedern spielt er sich oft mit irischen Elementen wie der Fiddle und der Flöte. Es kommen auch noch Cello, Klarinette, Harfe und Mandoline zum Einsatz. Es ist ein bodenständigeres, naturnahes Album. Die Titel sind nach Vögeln und Blumen benannt. Der Kleiber fiept in einem Song, Bäche plätschern und dazu zupft Bibio fast schon hypnotisch die Saiten. Neben dem irischen Einschlag tauchen später auch noch mittelalterliche Melodien auf. Vom Elektro-Frickler zum modernen Minnesänger, wer hätte das gedacht? (7,8 von 10 Punkten)

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Bibio - Curls (Official Video) | Bild: Bibio (via YouTube)

Bibio - Curls (Official Video)

Odd Nosdam – Mirrors

Dieses instrumentale Avantgarde-Rap speist sich rein technisch aus Aufnahmen und Samples alter Vinylfundstücke.  Unter allen Songs wirbelt und wabert eine verzerrte Dronegitarre. Darüber wirken seine HipHop-Beats, Klavierakkorde und Synthie-Melodien wie ein strukturgebendes Bindemittel, ohne dass sich die Songs in Schall und Rauch auflösen würden.  Odd Nosdam hat das angesagte HipHop Label Anticon mitbegründet. Sein Album erscheint aber auf dem oberbayerischen Label Alien Transistor. Das ist nicht ungewöhnlich. Beide Labels verbindet eine lange Freundschaft. Anticon gilt als eines der progressivsten HipHop-Labels der USA. Und Alien Transistor war ähnlich visionär und prägend für die Independent Musik in Bayern. Die Label-Bands und Musiker unterstützen sich immer wieder gegenseitig auf Tour. Man mag, kennt und unterstützt sich. (6,5 von 10 Punkten)

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ODD NOSDAM - THE BURN (MIRRORS) | Bild: ODD NOSDAM 71 (via YouTube)

ODD NOSDAM - THE BURN (MIRRORS)

Damien Jurado - In The Shape Of A Storm

Seine letzte Platte war eine Art Abschiedsbrief an sein altes Haus in Seattle. Diese Platte ist ein Abschiedsbrief an seinen alten Freund, Kollegen und Produzenten Richard Swift. Der 2018 mit gerade mal 41 Jahren verstorben ist. Mittlerweile lebt er in Kalifornien und dort hat er sein erstes Akkustik-Album an einem sonnigen Nachtmittag innerhalb von nur 2 Stunden aufgenommen. Er hätte es dann viermal spielen können. Denn das Album ist mit seinen 10 Songs nicht mal eine halbe Stunde lang. Die schwungvollen Songs, in denen er die Gitarrenakkorde schlägt, klingen wie Schnellschüsse. Als hätte er sich in den zwei Stunden vor allem auf die schweren, zerbrechlichen Downer konzentriert. Bei denen steht er dafür aber Größen wie Jason Molina oder Nick Drake in nichts nach. (7 von 10 Punkten)

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Damien Jurado - "South" (Art Track) | Bild: Mama Bird Recording Co. (via YouTube)

Damien Jurado - "South" (Art Track)

T Bone Burnett, Jaye Bellerose & Keefus Ciancia – Acoustic Space

T Bone Burnett hat etliche Grammys und Oscars für seine Soundtracks und Arbeiten als Produzent abgeräumt. Zuletzt hat er sich um die fantastischen Soundtracks der Serie „True Detective“ gekümmert. Seit elf Jahren hat er aber kein eigenes Album mehr gemacht. Jetzt sollen gleich drei Alben in einer Trilogie erscheinen. „Acoustic Space“ heißt der erste Teil der Reihe „The Invisible Light“. Das Thema der Reihe ist die Technologie und wie sie uns im vergangenen Jahrhundert eingenommen und unterworfen hat. Let´s make a future, where we all wanna live. Let´s make a past we don´t have to forgive, beschwört uns T-Bone Burnett förmlich im dystopischen Kabinettstück “Bein’ There”. Für diesen philosophischen musikalischen Zyklus hat T Bone Burnett den renommierten Schlagzeuger Jay Bellerose und Keyboarder Keefus Ciancia dazu geholt. Klar, dass Burnett der große Name im Trio ist, doch die beiden Kollegen alles andere als Handlanger. Man hört, dass sie auf Augenhöhe musizieren. Es verschmelzen Elektro, Folk-, Globalpop und Trance miteinander. (6,9 von 10 Punkten)

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T Bone Burnett, Jay Bellerose, Keefus Ciancia - Anti Cyclone (Visualizer) | Bild: TBoneBurnettVEVO (via YouTube)

T Bone Burnett, Jay Bellerose, Keefus Ciancia - Anti Cyclone (Visualizer)

Und für alle die noch mehr über T Bone Burnett erfahren wollen - Musikchef Michael Bartle hat sich in zwei Spezialsendungen mit der langen Karriere von T Bone Burnett auseinandergesetztt:

Norah Jones – Begin Again

Vor noch nicht mal 2 Wochen hat Norah Jones ihren 40. Geburtstag gefeiert. Diese Single-Sammlung ist allerdings kein Neustart zum runden Jubiläum, wie der Albumtitel das vermuten lässt. Aber es ist ein Sammelsurium der Facetten von Norah Jones. Da gibt ist die elegante Barjazzerin, genauso wie die progressive R'n'B-Queen, die Folksängerin oder die dunkle Gospel-Stimme. Die Songs sind stilistisch kunterbunt gemischt. Sie hat sich anscheinend noch nicht entschieden, wie sich der Neubeginn anhören soll. Ob sie eher klassisch bleiben möchte oder eher progressiv experimentieren will. (5 von 10 Punkten)

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Norah Jones - Just A Little Bit (Audio) | Bild: norahjonesVEVO (via YouTube)

Norah Jones - Just A Little Bit (Audio)

Mine – Klebstoff

Jasmin Stocker aus Mainz zählt zu den größten Poptalenten in Deutschland. Ihre kühle Stimme, ihr klassischer Gesang, ihre eigenwilligen Produktionen und die Texte waren immer besonders. Auf Klebstoff besticht sie wieder mit einer intensiven bildstarken Sprache. Deswegen bleiben ihre Songs auch im Gedächtnis kleben. Mit Pauken und Trompeten klingen die Songs so dicht wie bei Woodkids „Run Boy Run“. Die Beats im Song „Vater“ erinnern an ihre große Leidenschaft für HipHop. Sie hat schon mit vielen Rappern gearbeitet. Die klassische Musikausbildung klingt in den groß orchestrierten Songs wie „Du kommt nicht vorbei“ oder „Guter Gegner“ durch. Ihren Mut merkt man zum Beispiel an einem Dudelsack, den sie auf das Album packt und auch an exotischen Beats. Aber dieser Mix ist mit so klarer Mine-Handschrift geschrieben, dass sich das wunderbar ineinanderfügt. Das hier soll der große Wurf werden. Wenn der Ball da mal nicht an den Händen kleben bleibt. (7 von 10 Punkten)

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Mine - Klebstoff (Offizielles Video) | Bild: MineVEVO (via YouTube)

Mine - Klebstoff (Offizielles Video)


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