Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Cassius | Hot Chip | Prince

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Prince, The Raconteurs, Mannequin Pussy, Hatchie, black midi, Cassius, Hot Chip, Two Door Cinema Club, Holy Ghost, Emma Elisabeth und Richard Reed Parry

Von: Thomas Mehringer

Stand: 20.06.2019

Hot Chip | Bild: Ronald Dick

Prince - Originals

Es erscheint mit “Originals” ein neues posthumes Album von Prince. Mit 15 Tracks, 14 sind unveröffentlicht, und dabei handelt es sich um die Demos von Hits, die Prince für andere Künstler geschrieben hat, wie eben “Manic Monday” für die Bangles oder “You’re My Love” für Country-Star Kenny Rogers. Hört man “Originals” einmal durch und blendet aus, dass man die Songs von anderen Bands und Künstlern kennt, ist die Platte ein weiterer Beweis für Prince Genius. Tracks wie “Holly Rock” oder “Love..Thy Will Be Done” sind extrem gut gealtert. Eines wird also klar: Prince hätte in den Achtzigern noch zig weitere Hits haben können, hätte er nicht so manchen Song an die richtigen Leute gegeben. Bei aller Dankbarkeit für die Veröffentlichung der Demo-Perlen riecht es ein wenig nach Leichenfledderei, denn Rap-Milliardär Jay-Z hat die Finger mit im Spiel und mit dem Album schon für seinen Streamingdienst Tidal geworben. (8 von 10 Punkten)

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The Bangles - Manic Monday | Bild: TheBanglesVEVO (via YouTube)

The Bangles - Manic Monday

The Raconteurs - Help Us Stranger

Es ist vollkommen egal, in welchem Jahrzehnt die Raconteurs um Jack White ein Album rausbringen, Nuller oder Zehner, es wird immer so klingen als wären sie gerade Anfang der 70er mit Led Zeppelin auf Tour. Der Albumopener “Bored & Razed” ist natürlich eine Anspielung auf “Dazed & Confused” von Led Zeppelin, die Stones werden auf dem Album “Help Us Stranger” auch zitiert und Donovan gecovert. Zur Erinnerung: die Raconteurs sind eine Art All-Star-Band, wobei es nur einen Star gibt, nämlich Jack White. Dazu kommen der von mir sehr geschätzte Brendan Benson, der aber nie seinen großen Durchbruch hatte und Jack Lawrence und Patrick Keeler, die mal als The Greenhornes unterwegs waren. Ihr letztes Album ist vor elf Jahren erschienen, jetzt kommt das insgesamt dritte und es schließt nahtlos an die Vorgänger an. Vier Buddies feiern den Rock ‘n’ Roll und den Blues - und ich habe dafür nur a whole lotta love. (7,5 von 10 Punkten)

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The Raconteurs - "Bored and Razed" (Lyric Video) | Bild: The Raconteurs (via YouTube)

The Raconteurs - "Bored and Razed" (Lyric Video)

Mannequin Pussy - Patience

Mannequin Pussy aus Philadelphia sind eine Moshpit-Band. Zwar ist ihr Sound jetzt nicht so mega-hart, wir hören weniger Death Metal-, sondern eher Shoegaze- und Punk-Elemente, aber im Zweifel ist es Sängerin Marisa Dabice lieber, wenn man im Moshpit zu ihren Songs abgeht, als am Rande des Konzerts zu weinen - beides würden die Texte aber zulassen. Wir hören einer Frau zu, die gerade 30 geworden ist und das Leben plötzlich anders sieht, die selbstbewusster ist, als in ihren Zwanzigern, aber trotzdem durch und durch unsicher bleibt. Mannequin Pussy sind mit ihrem dritten Album im besten Sinne die Emo-Band der Woche - vielleicht sogar der Stunde. (7 von 10 Punkten)

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Mannequin Pussy - "Who You Are" (Lyric Video) | Bild: Epitaph Records (via YouTube)

Mannequin Pussy - "Who You Are" (Lyric Video)

Hatchie - Keepsake

Bei dieser Künstlerin lasse ich mich ausnahmsweise nicht zu einem dummen Joke auf Kosten ihres Namens hinreißen. Sie heißt Hatchie - und ich werde jetzt nicht Gesundheit sagen. Sondern: Respekt für ein formidables Debüt. Hatchie heißt eigentlich Harriette Pilbeam und ist in der australischen Stadt geboren, aus der auch Robert Forster kommt: Brisbane. Sie spielt Dream-Pop und Shoegaze, mischt aber auch viele zuckersüße Pop-Elemente mit rein und das ganz natürlich: Hatchie ist Jahrgang 93 und mit Carly Rae Jepsen und Kylie Minogue aufgewachsen. Großes Talent, diese Hatchie mit einem soliden Debüt. (7 von 10 Punkten)

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Hatchie - Unwanted Guest (Official Audio) | Bild: Double Double Whammy (via YouTube)

Hatchie - Unwanted Guest (Official Audio)

black midi - Schlagenheim

Selten hat in letzter Zeit ein Bandname besser zum Sound gepasst. Wir haben gehört: black midi. Midi ist eigentlich die Abkürzung für “Musical Instrument Digital Surface”, meint also die digitale Schnittstelle zu einem Instrument. black midi wiederum ist auch ein Genre, das aus Japan kommt und in dem diese Schnittstellen genutzt werden, um eigenen Sound zu kreieren. Die Band black midi aus London klingt wie tausende Schnittstellen, die übereinander gelegt wurden - und das ergibt keine Kakophonie, sondern arty Prog-Rock. Das Album “Schlagenheim” ist ziemlich radikal, definitiv anstrengend und darum aber auch ziemlich großartig. (8 von 10 Punkten)

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black midi - ducter | Bild: black midi (via YouTube)

black midi - ducter

Cassius - Dreems

An Fronleichnam ist bekannt geworden, dass Produzent Philippe Zdar bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen ist. Zwei Tage vor dem Release seines neuen Albums als Cassius. Über dem Album wird auf alle Zeit ein dunkler Schatten liegen. Vor 20 Jahren haben Zdar und sein Kollege und Freund Hubert Boom Bass angefangen die französische French-House-Ära entscheidend mitzuprägen. Das Vermächtnis hört man auf “Dreems” ganz deutlich, aber man hört auch alte Freunde wie Mike D von den Beastie Boys. “Dreems” ist ein solides Album geworden, eines das in großen Teilen das Leben feiert - jetzt hängt der dunkle Schatten des Todes über ihm. Und erst nach der Trauer wird die Zeit zeigen, wie wir dieses Album in Erinnerung behalten.

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Calliope | Bild: Cassius - Topic (via YouTube)

Calliope

Hot Chip - A Bath Full Of Ecstasy

Auch über dem neuen Album von Hot Chip hängt ein Schleier des Abschieds, denn der Produzent von “A Bath Full Of Ectasy”, Philippe Zdar, ist tot. Und er hat dem siebten Studioalbum von Hot Chip sehr viel gegeben. Es war das erste Mal, dass die Briten die Verantwortung ganz aus den Händen gegeben haben. Und das hat sich gelohnt, Zdar holt alles aus dem Sound der Band raus. Es krankt bei diesem Album woanders: Wenn man sich auf etwas verlassen kann, dann, dass Hot Chip auf ihrem siebten Studioalbum betont unpolitisch bleiben. In Zeiten von Brexit und Populismus setzen Hot Chip auf die “Melody Of Love”, so heißt der Opener und rote Faden des Albums. Je mehr sich der Sound hochschraubt, desto konventioneller, ja fast langweilig, kommt der Song daher. Vielleicht sollten Hot Chip doch mal explizit politisch werden…(7 von 10 Punkten)

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Hot Chip - Melody of Love (Official Video) | Bild: HotChipVEVO (via YouTube)

Hot Chip - Melody of Love (Official Video)

Two Door Cinema Club - False Alarm

Der gut gemachte, dynamische Indie-Pop vom Trio Two Door Cinema Club aus Nordengland hat nicht wirklich ein Verfallsdatum. Im Prinzip hätte das Album “False Alarm” auch so in den Nuller Jahren veröffentlicht werden können und die Indie-Kids wären Kopf gestanden. 2019 liefert der Cinema Club immer noch, aber gefühlt gehen die Indie-Kids nicht mehr so steil. Der Zeitgeist ist gegen diese Art von Power-Pop, die treuen Fans werden hier aber nix zu meckern haben. (7 von 10 Punkten)

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Two Door Cinema Club - Dirty Air (Official Audio) | Bild: Two Door Cinema Club (via YouTube)

Two Door Cinema Club - Dirty Air (Official Audio)

Holy Ghost - Work

Holy Ghost sind zwei Freunde aus der Grundschule, Nick Millhiser und Alex Frankel aus Brooklyn. Zusammen haben sie in den Zehner Jahren schon zwei Disco-Pop-Alben veröffentlicht, alle beide auf dem DFA-Label von James Murphy, jetzt kommt das erste auf West End Records. Und das ist nur konsequent, weil so viel Disco ist auf dem Album “Work” nicht mehr zu hören, aber dafür immer noch catchy Synthie-Pop, der in den besten Momenten einen schwerelosen 80ies Groove beschwört. (6,5 von 10 Punkten)

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Holy Ghost! - "Nicky Buckingham" (Official Audio) | Bild: Holy Ghost! (via YouTube)

Holy Ghost! - "Nicky Buckingham" (Official Audio)

Emma Elisabeth - Melancholic Milkshake

Emma Elisabeth Dittrich hat mehrere Neustarts in ihrem Leben hinter sich: in Schweden geboren, nach Berlin gezogen, da einen Plattenvertrag bekommen und ein deutschsprachiges Album veröffentlicht, danach will sie 2013 zum Eurovision-Song-Contest, scheitert aber - das alles als Betty Dittrich. Seit zwei Jahren hört sie nur noch auf ihre beiden Vornamen Emma Elisabeth. Sie veröffentlicht ein sehr schönes Coveralbum und jetzt kommt der nächste Neustart: die erste eigene Platte als Emma Elisabeth, aufgenommen in Berlin, mitgeholfen hat auch Ex-Franz Ferdinand Nick McCarthy.  Emma ist darauf auf den Spuren von Jenny Lewis und Sharon Van Etten. Das kann sich hören lassen. “Melancholic Milkshake” heißt das Debüt - Geschmacksrichtung: bittersüß. (6,5 von 10 Punkten)

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Emma Elisabeth - Into the Blue (Official Video) | Bild: Emma Elisabeth (via YouTube)

Emma Elisabeth - Into the Blue (Official Video)

Richard Reed Parry - Long Way Back

Dieser Mann kann mit seinen Soloplatten nur in Planetarien auf der ganzen Welt live spielen, denn für naturalistische Visuals ist seine Musik gemacht - sie ist inspiriert von der Natur: “Quiet River Of Dust” heißt sein Projekt, jetzt erscheint mit “That Side Of The River” Volume 2. Der Mann dahinter heißt Richard Reed Perry und wir kennen ihn als Gründungsmitglied von Arcade Fire. Mich erinnern die Alben von Parry an die Opern, die Damon Albarn geschrieben hat - auch weil beide stark von japanischer Mythologie inspiriert sind. Der Nachteil ist wirklich: auf Platte wirkt’s nur halb so stark, man braucht noch eine visuelle Ebene für diesen sphärischen Field-Recording-Folk. (7 von 10 Punkten)

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Richard Reed Parry - "Long Way Back" | Bild: ANTI- Records (via YouTube)

Richard Reed Parry - "Long Way Back"


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