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Neuerscheinungen der Woche Bill Callahan | Kate Tempest | Bonaparte

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Bill Callahan, Kate Tempest, Tusks, Self Discovery for Social Survival, MNDSGN, NuNairobi, Bonaparte, Jordan Rakei, Calexico and Iron & Wine

Von: Angie Portmann

Stand: 13.06.2019

Kate Tempest | Bild: David Stewert

Bill Callahan - Shepherd In A Sheepskin Vest

„Shepherd In A Sheepskin Vest" beginnt als inszenierte Rückkehr zu alten Lofi-Tagen. Im Opener rauscht es, als würden wir eine verstaubte, lange Zeit auf dem Speicher verschollene Smog-Kassette hören. Seit drei Jahrzehnten gilt Bill Callahan jetzt schon als der Prototyp des zurückhaltenden Einzelgängers, der Indie-Starschnitt des unnahbaren Singer/Songwriters. Jetzt ist dieser Mann plötzlich ein „Family Man“, hat geheiratet, Hanly Banks, eine Dokumentarfilmerin und Therapeutin, hat einen Sohn bekommen und singt unglaublicherweise auch noch über all diese Dinge. Schön und thematisch sehr passend auch das Folk-Traditional „Lonesome Valley“, ein Song, den u.a. auch schon die Carter Family gesungen hat, hier mit Callahans Frau im Background. Der Stil Callahans hat sich wenig verändert. Die Songs sind nach wie vor ruhige, verhaltene Songs. Mit seiner warmen, tiefen Stimme singt Bill Callahan Essentielles über Leben und Tod, nur dass sich diese essentiellen Dinge jetzt eben sehr oft in den eigenen vier Wänden bzw. einer ländlichen Idylle abspielen. Ein wunderschöner Beweis dafür, dass es nicht immer eine unglückliche Liebe braucht, um eine tolle Singer/Songwriterplatte zu machen. Oder um es mit den Worten von Bill Callahan zu sagen: „Ich wollte beweisen, dass das Leben nicht zu Ende ist, wenn man sich irgendwo niederlässt“. (8 von 10 Punkten)

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Bill Callahan – Angela | Bild: Mehmed Begić (via YouTube)

Bill Callahan – Angela

Kate Tempest - The Book Of Traps And Lessons

Auf dem Cover: die Vorderseite eines Reisepasses. Die Umrisse von Great Britain, skizziert von Kate Tempest. Ihrer Meinung nach ist es mittlerweile ein Privileg, die richtigen Papiere zu besitzen. In England wird ja schon gefordert: „bringt den alten blauen Pass zurück“, „macht Großbritannien wieder britisch“. Eine toxische Diskussion rund um die Frage, wer ist britisch und wer nicht. Das neue Album von Kate Tempest widmet sich diesem unerfreulichen Thema ohne die Hoffnung und den Glauben an die Liebe, die wahrhaftige, aufzugeben. Dabei ist „The Book of Traps and Lessons“ vor allem eins, ein Buch. Aufgenommen zusammen mit Rick Rubin, dem legendären amerikanischen Produzenten, der es wie kein anderer versteht, Künstler auf ihre Essenz zu reduzieren. Genres spielen dabei keine Rolle. Rubin hat schon Superstars wie Kanye West, Adele oder Slayer produziert, die Beastie Boys, Johnny Cash oder eben jetzt  Kate Tempest. Schon vor fünf Jahren hatte er sie angerufen, nachdem er sie im Fernsehen gesehen hatte, und wollte mit ihr eine Platte machen. Damals hatte die Britin keine Zeit, aber sie blieben in Kontakt. Für „The Book of Traps and Lessons“ hat Rick Rubin Kate Tempest und ihren musikalischen Partner Dan Carey jetzt dazu gebracht, das Rap-Ding zu begraben. Statt den obligatorischen HipHop-Beats, wollte er nur ihre nackten Worte, ihre Geschichten hören – subtil unterstützt von der Musik, von melancholischen Synthieflächen, Streichern, nostalgischen Kirmesklängen. Entstanden ist so ein absolut brillantes Spoken Word-Album. Ein musikalisch sehr reduziertes, aber völlig faszinierendes Album. Mit einer weniger wütenden, aber dafür umso eindringlicheren Kate Tempest. Und Rick Rubin hat dieses radikale Spoken Word-Talent perfekt inszeniert. (8,5 von 10 Punkten)

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Kate Tempest - Holy Elixir (Audio) | Bild: KatetempestVEVO (via YouTube)

Kate Tempest - Holy Elixir (Audio)

Tusks – Avalanche

Nach ihrem Debüt haben Tusks bzw. Emily Underhill viele mit Explosions in the Sky oder Sigur Ros verglichen. Auf ihrer neuen Platte „Avalanche“ gibt die junge Londonerin jetzt ihrer Stimme deutlich mehr Raum. Geht in Richtung introvertiertem Dream Pop statt düsteren Drone-Experimenten. Zwar wird ihr atmosphärischer Cinemascope-Sound zwischendurch immer wieder von Gitarrenausbrüchen erschüttert, Wolf Alice lassen grüßen, aber Underhill hat diesmal klar den Focus auf dem Songwriting. Es gibt auch einiges zu verarbeiten: einen komplizierten Ellenbogenbruch und eine zwanghafte Verhaltensstörung z.B. Underhill hat ständig Angst, beim Autofahren andere Menschen zu verletzen. Daneben hat sich Underhill diesmal aber auch von einer Reise nach Island inspirieren lassen. Entstanden ist so kühle Indie-Electronica, unter deren Oberfläche heiße Quellen brodeln. Zumindest manchmal.  (7 von 10 Punkten)

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Tusks - Be Mine (Official Audio) | Bild: Tusks (via YouTube)

Tusks - Be Mine (Official Audio)

Self Discovery for Social Survival – Various Artists

Surffilme gibt es ja schon seit den 1950er Jahren, die Musik dazu auch. Bisher war die Reihenfolge immer fix: zuerst wurde der Film gedreht, dann kam die Musik dazu. Den Machern von „Self Discovery for Social Survival“ war das nicht genug. Hier gehen Surfer UND Musiker gemeinsam auf einen Trip, fahren nach Mexico, auf die Malediven und nach Island. Sitzen zusammen am Tisch und diskutieren die Welle des Tages, sind beide Teil des Surflebens. Direkt nach der Reise sind dann die Musiker, quasi noch mit nassen Haaren, in ihr Studio gegangen und haben das Erlebte Sound werden lassen. Eine ziemlich geniale Idee wie ich finde. Mit dabei international gefeierte Surfer und u.a. Musiker von den Allah Las, MGMT und den Peaking Lights. Die Allah Las liefern dabei mit extrem tiefenentspannten, leicht psychedelischen Instrumentals den klassischen After-Surf-Soundtrack. Mit den MGMT-Jungs tauchen wir ab und geraten das ein oder andere Mal musikalisch eher unter die Welle. Das mag vor allem daran liegen, dass MGMT in Island mit dabei waren, dort die Wellen eher grau und das Wetter frostig waren. Dafür aber die Quellen umso heißer und die Pilze wilder. Nur der etwas belanglos-tanzbare Elektro-Pop der Peaking Lights hat sich mir in diesem Kontext nicht ganz erschlossen. Aber vielleicht sind die Malediven tatsächlich mehr Hochglanz-Hotelprospekt und weniger coole Surflocation. Ich freu mich auf alle Fälle schon sehr auf den Film und empfehle den Soundtrack zur Einstimmung! (7,5 von 10 Punkten)

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Self Discovery For Social Survival | Official Trailer (2019) | Bild: Mexican Summer (via YouTube)

Self Discovery For Social Survival | Official Trailer (2019)

MNDSGN – Snaxx

Ringgo Ancheta, Kalifornier mit philippinischen Wurzeln, ist Hip-Hop-Produzent im Stil von J Dilla. Es muss nicht immer das perfekt produzierte HipHop-Album sein, ab und zu reichen auch kleine Häppchen voll und ganz. Bei MNDSGN sind das lässig dahin groovende Instrumentals, abstrakte Beat-Skizzen mit abgefahrenen Samples, die oft nicht länger als eine Minute dauern. Dazwischen der ein oder andere extrem soulige Songentwurf, der sofort Lust auf mehr macht. Mehr bzw. ein vollständiges Album soll es laut MNDSGN erst 2020 geben. Wir müssen uns fürs erste noch mit „Snaxx“ begnügen. (8 von 10 Punkten)

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Mndsgn - Deviled Eggs - Snaxx | Bild: Stones Throw (via YouTube)

Mndsgn - Deviled Eggs - Snaxx

NuNairobi – Kenya’s Music Hub

Der Sampler „NuNairobi – Kenya’s Music Hub“ liefert einen ausführlichen Überblick über die verschiedensten Szenen, die Kenias Hauptstadt aktuell prägen. Da ist alles dabei, vom klassischen BoyBand-Sound über Elektro-Pop, Hip Hop, Dancehall, Benga und Indie-Rock bis zum coolen Elektro-Rap einer Muthoni the Drummer Queen. Was die Songs verbindet ist definitiv nichts, erfreulicherweise. Wer also dachte, er kenne den Sound Nairobis, wird eines besseren belehrt. Zu divers sind die verschiedenen Kollektive und ihre Akteure, die hier ausführlich vorgestellt werden, u.a. auch mit einem Stadtplan inklusive Konzerthallen und Auftrittsorten. Als musikalischer Reiseführer mehr als perfekt. (7 von 10 Punkten)

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Dunia Ina Mambo | Bild: Just a Band - Topic (via YouTube)

Dunia Ina Mambo

Bonaparte – Was mir passiert

Von Nairobi geht’s jetzt nach Abidjan an der Elfenbeinküste. Dort hat Tobias Jundt bzw. Bonaparte sein neues Album aufgenommen ... für mich die Überraschung der Woche. Bonaparte waren ja bisher die Party-Animals schlechthin, die aus jedem ihrer Konzerte ein schrilles Spektakel machten. Aber Tobias Jundt scheint eine kleine Sinnkrise hinter sich zu haben. Schluss mit lustig, ein neues Leben musste her. Er ging nach Afrika, nach Abidjan und hat dort ein neues Album geschrieben und produziert, zusammen mit dort lebenden Musikern. Entstanden ist so ein Mix aus afrikanischen Gitarren und Berliner Elektronik. Erstaunlicherweise sind fast alle Songs auf deutsch, erinnern  manchmal schwer an Bilderbuch, manchmal sogar an Hildegard Knef. Einmal singt Jundt auf Schwyzerdütsch, zusammen mit Sophie Hunger. Selbst das klingt dann dank der polyphonen Rhythmen nicht uninteressant und vor allem gar nicht mehr so „Anti Anti“, wie wir es von Bonaparte kennen. Live sind mir aber vermutlich die alten Kracher lieber. (7,2 von 10 Punkten)

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BONAPARTE - Warten (feat. Bop De Narr) (Official Video) | Bild: BONAPARTE (via YouTube)

BONAPARTE - Warten (feat. Bop De Narr) (Official Video)

Jordan Rakei – Origin

Der Neuseeländer, der mittlerweile in London lebt, ist dort gut vernetzt. Er ist zusammen mit Tom Misch und Alfa Mist Teil der „Are We Live“-Crew. Hat vier Tracks für Loyle Carners neues Album geschrieben und ist schon mit Bonobo auf der Bühne gestanden. Sein neues Album „Origin“ erinnert mich allerdings sehr an ein Genre, dessen goldene Zeiten schon eine Weile hinter ihm liegen: Acid Jazz nämlich. In den 90ern omnipräsent, mittlerweile eher ein Exot. Jordan Rakei lässt das aber völlig kalt. Sein soulfuler Gesang plus die entsprechend geschmeidige Produktion macht aus „Origin“ eine kleine, aber feine Zeitreise.  Passend dazu blickt Rakei auch thematisch gern zurück. „Ich befürchte, dass wir auf lange Sicht das Gefühl der Verbundenheit miteinander verlieren.“, so Jordan Rakei. Schuld daran ist seiner Meinung nach die böse Technik. Auf der Single „Say something“ spricht er sich sogar explizit gegen KI-Systeme aus, die eine dann dystopische Welt regieren werden, so Rakei. JaJa, früher war alles besser ... Jordan, damit kommst du bei mir nicht durch. (7,1 von 10 Punkten)

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Jordan Rakei - 'Rolling into One' | Bild: Jordan Rakei (via YouTube)

Jordan Rakei - 'Rolling into One'

Calexico And Iron & Wine – Years To Burn

„Years to burn“  haben die Wüsten-Folkies von Calexico zusammen mit dem Singer/Songwriter Iron & Wine aufgenommen. Es ist nicht das erste Mal, dass Joey Burns, John Convertino und Sam Beam zusammen im Studio waren. Schon vor 14 Jahren haben sie gemeinsam das sehr stimmungsvolle „In the reins“ veröffentlicht. Und auch auf „Years to burn“ harmonisieren die drei wieder ganz hervorragend. Von den sanften Mariachi-Trompeten über jazzy Improvisationspassagen bis zu himmlischen Harmoniegesängen, alles drin, was das Fanherz höher schlagen lässt. Damit lässt sich ganz ausgezeichnet durch die Dunkelheit driften. Vor allem mit dem tollen „Bitter suite“, das als spanisches Klagelied beginnt und mit einem einsamen Sam Beam endet. (7,3 von 10 Punkten)

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Calexico and Iron & Wine - Midnight Sun | Bild: Sub Pop (via YouTube)

Calexico and Iron & Wine - Midnight Sun


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