Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Beyoncé, Lizzo, Loyle Carner und der Fat White Family

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Yes We Mystic, Wand, Stealing Sheep, Beyonce, Lizzo, Loyle Carner, Fat White Family, Gus Dapperton, Drugdealer, Rupa & The April Fishes und The Midnight Hour.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 19.04.2019

Fat White Family | Bild: Sarah Piantadosi

Yes We Mystic – Ten Seated Figures

Delikate Melodien, kontemplativer Groove und schlagende Raserei klingt auf Englisch noch schöner: pummeling frenzy. So beschreibt sich das Quintett Yes We Mystic aus Kanada auf ihrer bandcamp-Seite. Ich kann das Ganze übersetzen mit: Prog-Rock, der zugänglich geworden ist. Aber trotzdem spannend bleibt. Auch bemerkenswert, die Band hat ein Kunstprojekt für ihr drittes Album gestartet: Fünf andere Menschen werden sich als die Band ausgeben, auch performen und Interviews geben - unter gleichem Namen. Die Frage, die dahinter steht: Wo steckt die Wahrhaftigkeit von Kunst bzw. eines Künstlers? Alles in allem ein ambitioniertes, artsy Rundumpaket von Yes We Mystic, die ihrem Namen alle Ehre machen. (6,5 von 10 Punkten)

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Yes We Mystic - Please Bring Me to Safety (Official Video) | Bild: Yes We Mystic (via YouTube)

Yes We Mystic - Please Bring Me to Safety (Official Video)

Wand – Laughing Matter

Langjährige Heimat von Wand ist das Drag City-Label, das bekannt dafür ist ein besonders guter Nährboden für Psychedelic-Sound zu sein. Von dort kann man sich auch mal verwachsen in Richtung Indie-Pop zum Beispiel. Das hört man auf “Laughing Matter” auch, da ist der Song “Rio Grande” ein gutes Beispiel. Wand gehören zu den Bands, die nie was Heterogenes abliefern, der Anspruch ist es - auch für sich selbst - die Spannung zu halten. Schaffen sie auch auf “Laughing Matter” wieder einmal problemlos. (7 von 10 Punkten)

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Wand "Rio Grande" (Official Music Video) | Bild: Drag City (via YouTube)

Wand "Rio Grande" (Official Music Video)

Stealing Sheep – Big Wows

Wie leben wir in Zeiten von Social Media? Das ist ein zentrales Thema von Stealing Sheep, einem All-Female-Trio aus Liverpool. Aber im Prinzip geht’s doch wieder um Adorno: Gibt es ein richtiges Leben im Falschen? Bauen wir uns durch Social Media eine Wand auf, durch die wir uns nur von unserem wahren Ich entfernen? Schlaue Fragen, schlauer Indie-Pop, den wir hier auf dem Album “Big Wows” hören. Zynismus trifft Optimismus - irgendwie sind Stealing Sheep die freundliche, hoffnungsvolle Variante von The Knife. Eine Referenz an das schwedische Duo haben Stealing Sheep auch auf “Big Wows” versteckt. (7 von 10 Punkten)

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Stealing Sheep - Joking Me | Bild: StealingSheepVEVO (via YouTube)

Stealing Sheep - Joking Me

Beyoncé - Homecoming: The Live Album

Das Coachella Festival 2019 ist gerade zu Ende gegangen, da haut Beyoncé ihren Headliner-Auftritt vom letzten Jahr als Live-Album raus. Zur Erinnerung, das war das Festival, auf dem auch Destiny‘s Child eine Live-Reunion gefeiert haben. Nicht ganz zufällig steht jetzt auch eine Doku namens “Homecoming” über Beyoncé auf Netflix. Zufall ist nicht das Ding der Queen of R&B. Das Live-Album ist natürlich eine Art Best Of, wie sich das für ein Headliner-Set gehört, dazu gemogelt wurden noch Ausschnitte aus der Doku, ein Song von Tochter Blue Ivy und noch ein recht unspektakuläres Cover von Frankie Beverly und Maze. Aber um ehrlich zu sein: Die Live-Songs machen auch ohne Bildebene mit Mega-Choreo und der ganzen durchgestylten Show schon ziemlich was her. Okay, Beyoncé ist nicht umsonst der größte lebende Popstar - sorry, Madonna. Aber was das Hörvergnügen ein wenig mildert, ist, dass dieses Live-Album Teil der Doku-Promotion ist. Bei allem künstlerischen Anspruch darf man nie vergessen: Beyonce will uns auch immer was verkaufen. (6,5 von 10 Punkten)

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Homecoming – Ein Film von Beyoncé | Offizieller Trailer | Netflix | Bild: Netflix Deutschland, Österreich und Schweiz (via YouTube)

Homecoming – Ein Film von Beyoncé | Offizieller Trailer | Netflix

Lizzo – Cuz I Love You

Ein wenig entschärft singen und rappen Lizzo und Missy Elliott auf dem Song „Tempo“: Langsame Songs sind für dünne Frauen, wir haben Fülle, wir brauchen Tempo. Melissa Jefferson, genannt Lizzo, beschreibt genau diese Zeile ziemlich gut, sie ist schwarzes Plus-Size-Model und setzt sich für die Body Positivity-Bewegung ein. Jetzt kommt ihr neues Album “Cuz I Love You”. Ein auf Hochglanz produziertes R&B-Pop-Album. Hören wir nur die Singles, frage ich mich: Was kann Lizzo eigentlich nicht? Sie singt, rappt und jede Zelle ihres Körpers sagt: Lieb mich so, wie ich bin und lieb du dich so, wie du bist. Darum auch der Albumtitel “Cuz I Love You” - auf dem übrigens nicht einmal der Megahit “Boys” drauf ist. Sie kann es sich leisten. Eines ist jetzt schon klar, es ist das Jahr der Lizzo. (8 von 10 Punkten)

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Lizzo - Tempo (feat. Missy Elliott) [Official Audio] | Bild: Lizzo Music (via YouTube)

Lizzo - Tempo (feat. Missy Elliott) [Official Audio]

Loyle Carner – Not Waving, But Drowning

“Not Waving, But Drowning” heißt das zweite Album von Benjamin Coyle-Larner, wir kennen ihn als Loyle Carner. Übersetzt: Ich winke nicht, ich ertrinke! Loyle Carner geht leise unter. Und dabei höre ich ihm gerne zu. Der Rapper aus London mag es relativ smooth, der große Clubsound ist nicht sein Ding, er mag dezente, soulige Beats, auch auf Album Nummer zwei, auf dem er sich auch ein paar Gäste dazugeholt hat: Jorja Smith zum Beispiel oder auch Soulbruder Sampha. Insgesamt ist das Introvertierte auf “Not Waving, But Drowning” Carners Stärke, auch weil er hier konsequent bleibt, sich nicht verstellt - auch wenn dadurch die Singledichte vor allem im Vergleich zum Debüt leidet. Aber wenn schon untergehen, dann mit Loyle Carner. (7,5 von 10 Punkten)

Fat White Family – Serf’s Up

Die Fat White Family ist die Band you love to hate - und sie ist die Band, die Großbritannien 2019 verdient hat oder viel mehr sogar braucht. Denn auch die Band um das Brüderpaar Saoudi kennt das Tanzen am Abgrund nur zu gut. Für das neue Album “Serf’s Up” ist das verlorene Bandmitglied Saul Adamczewski rechtzeitig wieder vom Heroin-Entzug zurück. Er bringt einen Größenwahn mit, der die Fat White Family so unberechenbar macht. Zum einen atmet das Septett die britische Pop-Historie, alles was Postpunk, Britpop und Glam zuzuordnen ist, das beherrschen die Family aus dem Effeff - allerdings mit einer gewissen ironischen Distanz. Und zum anderen kommen da Sounds aus dem Hip-Hop, ausgeliehen bei Afrika Bambaataa oder Kanye West. “Serf’s Up” ist die bisher beste Platte von der vielleicht besten Live-Band der Insel. Und eines ist sicher: die Fat White Family wird nicht aufhören, mit einem Bein am Abgrund zu balancieren. (9 von 10 Punkten)

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Fat White Family - Tastes Good With The Money (Official Video) | Bild: Fat White Family (via YouTube)

Fat White Family - Tastes Good With The Money (Official Video)

Gus Dapperton - Where Polly People Go To Read

Gus Dapperton ist Anfang 20, kommt aus der Provinz im Staate New York und sieht aus wie ein verschollener Bruder von Nick Carter von den Backstreet Boys, ein Teenie-Schwarm also. Dapperton zeigt, wie wichtig Mode und Look im Pop durch Plattformen wie Instagram geworden sind. Das Coole an Dapperton: Er kokettiert mit dem Insta-Chic und nicht nur damit. Er ist der beste Schauspieler der Welt - nur hat das noch niemand bemerkt, darüber singt er im Song “World Class Cinema”. Was Mac deMarco für die junge Slacker-Generation ist, ist Gus Dapperton für die Influencer: einer der sich - Gott sei Dank - nicht allzu ernst nimmt und auch noch handwerklich sehr gute Songs auf ein Album packen kann. (7 von 10 Punkten)

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Gus Dapperton - World Class Cinema | Bild: GusDappertonVEVO (via YouTube)

Gus Dapperton - World Class Cinema

Drugdealer – Raw Honey

Michael Collins hat seinem musikalischen Kollektiv den absolut sympathischen Namen Drugdealer gegeben. Auf seinem zweiten Album “Raw Honey” dealt er mit Yacht Rock und den Stimmen von Weyes Blood oder Country-Sänger Dougie Poole. Collins hat als Drugdealer einen ganz besonderen Zugang zu seinen Songs, er will sich nicht als Künstler ausdrücken, sondern er nimmt die Perspektive des Hörers ein. Was interessiert meine Peer Group? Die Frage stellt er sich und die Antwort ist: 70er Soft – und Yacht Rock, der auch wirklich genauso aus diesem Jahrzehnt gepurzelt sein könnte. Braucht die Welt wirklich noch eine neue Melodie? Drugdealer sagen nein, sie braucht gute. Und die hören wir auf “Raw Honey” - wenn auch nicht durchgehend. (6,5 von 10 Punkten)

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Drugdealer - Honey feat. Weyes Blood (Official Audio) | Bild: Drugdealer (via YouTube)

Drugdealer - Honey feat. Weyes Blood (Official Audio)

Rupa & The April Fishes – Growing Upward

Es klingt vielleicht komisch, aber das Album “Growing Upward” klingt exakt wie eine Platte einer Ärztin, die sich als Aktivistin für indigene Völker einsetzt. Komisch darum, weil Rupa Marya genau das ist. Genauso stellt man sich ein aktivistisches Album vor, mit einem Sound, der früher Weltmusik hieß, mit Reggae, mit viel Bläsern und indigenen Gesängen. Zum anderen wegen der Lyrics. Hier gibt’s Geschichtsstunde plus Aufklärungsunterricht, die Forderung nach offenen Grenzen und der Einhaltung von Menschenrechten, alles dabei. Das mag der Sound des Zeitgeistes sein, der Soundtrack zum wirklich wichtigen Klimaschutz, aber nüchtern betrachtet kommt das ziemlich oll und bräsig daher und für mich dann doch einen Tick zu missionarisch. Das Album kommt natürlich nur digital, um keinen Plastikmüll zu verursachen. (5,5 von 10 Punkten)

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+Rupa & the April Fishes + Growing Upward+ | Bild: Rupa & the April Fishes (via YouTube)

+Rupa & the April Fishes + Growing Upward+

The Midnight Hour – Live At Linear Labs

The Midnight Hour sind Beastbastler Adrian Younge und Ali Shaheed Muhammad, der war Gründungsmitglied von A Tribe Called Quest. Zusammen haben sie schon den Hip-Hop-esken Soundtrack zur Netflix-Serie “Luke Cage” produziert und sie sind im überwiegend instrumentalen Fahrwasser geblieben. Jetzt legen sie ein Livealbum vor, aufgenommen in den Linear Labs in Los Angeles, und es wandelt auf den Spuren von Quincy Jones. Dabei vergessen die Beiden ihren Wurzeln nicht und grooven mit ihrer 9-köpfigen Band so, wie man nur im Hip-Hop grooven kann. The Midnight Hour haben für sich eine Retro-Nische gefunden, die jetzt schon über mehrere Alben funktioniert - und jetzt in einem spannenden Live-Album ihren vorläufigen Höhepunkt hat. (7 von 10 Punkten)

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The Midnight Hour: NPR Music Tiny Desk Concert | Bild: NPR Music (via YouTube)

The Midnight Hour: NPR Music Tiny Desk Concert

Tallest Man On Earth – I Love You. It’s A Fever Dream

Immer noch erschreckend, dass ich als großgewachsener Mensch dem Tallest Man On Earth auf den Kopf spucken könnte, wenn ich wollte - aber keine Angst, ich will nicht. Dafür ist mir der durchschnittlich gewachsene Kristian Matsson alias der Tallest Man On Earth viel zu sympathisch. Wobei ich mir oft denke, eigentlich wäre Tallest Voice On Earth ein viel passenderer Name für ihn. Denn auch auf dem Album “I Love You. It’s A Fever Dream” trägt alles seine große Stimme, die immer noch an den jungen Bob Dylan erinnert. Seine letzte Platte “Dark Bird Is Home” war noch eine Bandplatte, jetzt hört man nur noch seine Akustikgitarre und eine Mundharmonika. Mehr braucht’s auch nicht, so wohl auch am 8. Juni im Münchner Circus Krone, da präsentiert Bayern 2 den Tallest Man On Earth. (6,5 von 10 Punkten)

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The Tallest Man on Earth: "I'm a Stranger Now" | Ep. 7 of The Light in Demos | Bild: The Tallest Man on Earth (via YouTube)

The Tallest Man on Earth: "I'm a Stranger Now" | Ep. 7 of The Light in Demos


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