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Neuerscheinungen der Woche Amanda Palmer | Foals | Howe Gelb

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Nick Waterhouse, Paul Weller, The Coathangers, Amanda Palmer, den Foals, Sasami, Jusu Ju, Dave, Stella Donelly, Bill Pritchard und Howe Gelb.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 07.03.2019

Cover: Amanda Palmer - There Will Be No Intermission  | Bild: Cooking Vinyl (Sony Music)

Nick Waterhouse – Nick Waterhouse

Nick Waterhouse aus Long Beach Kalifornien ist die Art von Platten-Nerd, der Ray Charles links liegen lässt und dir stattdessen den ganzen Vormittag Geschichten von Joshie Jo Armstead erzählen kann. Sie war Songschreiberin von Charles - und wurde dann zur Mentorin von Waterhouse. Darum hat er auch ein Armstead-Cover auf „Nick Waterhouse“. Wir hören hier ein Retro-Album, alles ist analog eingespielt, Waterhouse hasst alles Digitale, was nicht heißt, dass er nicht reflektiert über unsere digitalisierte Welt nachdenken kann. (6,5 von 10 Punkten)

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Nick Waterhouse - "I Feel An Urge Coming On" (Official Stream) | Bild: Innovative Leisure (via YouTube)

Nick Waterhouse - "I Feel An Urge Coming On" (Official Stream)

Paul Weller – Other Aspects, live at the Royal Festival

Eine Werkschau hat der Modfather letzten Oktober in der altehrwürdigen Royal Festival Hall zu London aufgenommen. Songs aus verschiedenen Jahrzehnten, von 1979 bis 2018, von The Jam über Style Council bis zu seinen Solosachen. Und was soll man sagen: Es ist schon ein kleiner Triumphzug, zusammen mit üppigem Orchester. Auch wenn mir die alten Songs besser gefallen, soll das die neuen Songs in der Liveversion überhaupt nicht abwerten. Schlechte Songs kann Paul Weller gar nicht, und wenn, dann nur welche, die schneller wieder aus dem Ohr raus sind. Das Live-Album “Other Aspects” erscheint als Doppelalbum und als Live-DVD. Für Fans des Modfathers unverzichtbar. (7 von 10 Punkten)

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Paul Weller - Boy About Town (Live At The Royal Festival Hall) | Bild: paulwellertv (via YouTube)

Paul Weller - Boy About Town (Live At The Royal Festival Hall)

The Coathangers – The Devil You Know

The Coathangers aus Atlanta kommen in der Tradition des Albums “White Blood Cells” von den White Stripes daher. Vielleicht würden die White Stripes heute noch so klingen, gäbe es sie noch. Punk-Rock, sehr garage-ig, aber auch mit der richtigen Portion Pop-appeal in den Refrains. Und natürlich auch Haltung, wie bei “Fuck The NRA”. Da beweisen sie, dass sie nicht unbedingt zu Fans der amerikanischen Waffenlobby gehören. In einer Zeit, wo man nicht mehr an jeder Ecke guten Garage-Punk hört, sind die Coathangers mehr als erfrischend. (7,5 von 10 Punkten)

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The Coathangers - Bimbo (Official Video) | Bild: Suicide Squeeze Records (via YouTube)

The Coathangers - Bimbo (Official Video)

Amanda Palmer – There Will Be No Intermission

Für einige wenige ist Amanda Palmer die von den Dresden Dolls, für die meisten ist sie Sängerin, Pianistin, Schriftstellerin, Aktivistin und Bloggerin. Und sie ist die Künstlerin, die angefangen hat, ihre Musik crowdzufunden, also von Fans finanzieren zu lassen. Für ihr erstes Album sei sieben Jahren ist sie sogar noch einen Schritt weitergegangen: Sie ist zur Plattform Patreon gewechselt - und hat dort ihren Fans die Möglichkeit gegeben, nicht nur Geld zu geben, sondern auch Ideen und Textschnipsel. Crowdwriting sozusagen. Trotzdem ist “There Will Be No Intermission” durchzogen von ihren persönlichen Ängsten - vor Verlust, Krankheit und dass die Welt einfach zu schnell vor die Hunde geht. Sie sagt, sie war noch nie vor einem Album so nervös wie jetzt. Sie zieht nämlich komplett blank - und das wortwörtlich, auf dem Cover ist Palmer nämlich so, wie Gott sie schuf, zu sehen. (8,5 von 10 Punkten)

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Amanda Palmer - Drowning In The Sound | Bild: Amanda Palmer (via YouTube)

Amanda Palmer - Drowning In The Sound

Foals – Everything not saved will be lost Part 1

Viele unken immer wieder, dass die Zeit der Foals aus Oxford abgelaufen wäre. Vielleicht gehöre ich auch dazu, aber dem ist nicht so. Die Foals werden für die großen Festivals gebucht, sie verkaufen große Hallen aus. Und mit ihrem fünften Album “Everything not saved will be lost” beschreiben die Foals nicht nur Gamer-Alltag, sie nehmen diese Rolle als eine der größten Bands aus dem UK auch an. Vieles erinnert hier tatsächlich an Pink Floyd - nur mit den Mitteln von Math-Rock und clever-gestreuter Beats. Inhaltlich stellen sie die Frage, was, wenn die Welt, wie wir sie kennen, nicht mehr lange da ist. Part 1 dieses Albumprojekts wird den Status der Foals erstmal sichern - auch wenn das hier mit Sicherheit nicht ihre beste Platte ist. (8 von 10 Punkten)

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FOALS - Exits [Official Music Video] | Bild: Foals (via YouTube)

FOALS - Exits [Official Music Video]

Sasami – Sasami

Bei Sasami Ashworth hören wir Psychedelic-Dream-Pop. Sie fasst ihr Debütalbum folgendermaßen explizit zusammen. Es geht um: Everyone I fucked and who fucked me last year. Sollte man nicht wörtlich nehmen. Dabei helfen hier mit: Devendra Banhart, Meg Duffy und Cherry Glazerr, mit denen Sasami auf Tour war. Wir hören hier eine Art vertontes Instagram-Tagebuch - und das ist hier alles andere als Hochglanz, sondern oft ziemlich dirty. (7 von 10 Punkten)

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SASAMI - Jealousy (Official Video) | Bild: SASAMI (via YouTube)

SASAMI - Jealousy (Official Video)

Juse Ju – Untertreib nicht deine Rolle

“Übertreib nicht deine Rolle” heißt ein Album aus dem Jahr 2014, jetzt kommt mit “Untertreib nicht deine Rolle” eine Nachfolge-EP von Juse Ju. Rapper aus Leidenschaft. In seinem Koordinatensystem kommen Orte wie Stuttgart, München, Shibuya in Japan und Berlin vor. Aus seiner Münchner Zeit kennt er noch Rapper Fatoni sehr gut. Beide sind für mich die momentan reflektiertesten, klügsten Nicht-Gangster-Rapper im Geschäft. Aber hier ist Bravsein kein Schimpfwort, fehlende Aggressivität wird mit Intelligenz wettgemacht. 90er Deutsch-Hip-Hop a la Kinderzimmer Productions und Fettes Brot hätte niemand Besseren finden können, um seinen Spirit in die Zehner Jahre zu überführen. Hört man auch auf “Untertreib nicht deine Rolle”. Übrigens lohnt sich ein Besuch auf der Homepage von Juse Ju, da gibt’s viel Musik für umsonst zum Runterladen. (7,5 von 10 Punkten)

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Juse Ju - Becoming Juse Ju (prod. Dexter) | Bild: Juse Ju (via YouTube)

Juse Ju - Becoming Juse Ju (prod. Dexter)

Dave – Psychodrama

Der Hype ist da, der Hype ist real - und er hat jetzt seinen Peak erreicht, denn Rapper Dave veröffentlicht sein Debütalbum “Psychodrama”. Dave ist gerade mal 20, hatte im November seine erste Nummer 1 in Großbritannien. Und das zu Recht: “Funky Friday” beschreibt den sozialen Wandel im Königreich. Darum geht’s auch in Songs wie dem eben gehörten “Black” - was passiert mit der eigenen Identität, in einem Land, das immer mehr nach rechts rückt. Wenn der Hype hilft, dass man über diese Themen in Brexit-UK spricht, dann ist dieser sowas von gerechtfertigt. (7 von 10 Punkten)

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Dave - Black | Bild: Santan Dave (via YouTube)

Dave - Black

Stella Donnelly – Beware Of The Dogs

Mit dem Song “Old Man” gibt die Australierin Stella Donnelly dem frisch erschienenen Buch von Sophie Passmann namens “Alte weiße Männer” gleich mal einen Titelsong. Und auch sonst greift Mrs. Donnelly den Zeitgeist aka die #metoo-Bewegung mehr als einmal auf. Was aber über ihrem folk-poppigen Debüt-Album schwebt, ist ein Wort, Powerlessness, zu Deutsch: Machtlosigkeit. Das beschäftigt Stella Donnelly sehr, sie arbeitet das Ganze aber durchaus mit viel Humor auf. Wirklich bemerkenswert, wie sie mit gewitzten Texten gegen den Zeitgeist schießt. Macht ihr so schnell niemand nach, auch wenn sie nicht immer die zwingendensten Songs hat. Stella Donnelly ist wie eine kleine Schwester, die dir die ungeschönte Wahrheit ins Gesicht sagt, du ihr aber nicht böse sein kannst, weil sie dich dabei so anstrahlt. (7 von 10 Punkten)

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Stella Donnelly - Tricks | Bild: StellaDonnellyVEVO (via YouTube)

Stella Donnelly - Tricks

Bill Pritchard – Midnight Lullabyes

Bei Bill Pritchard ist es für mich schon immer die Stimme. Klar, er hat auch die Songs, meistens über vergessene Orte oder Menschen, aber in Bill Pritchards Stimme steckt so viel Lebenserfahrung, was immer mehr zu Weisheit wird. Ein belesener Crooner des kleinen Mannes. Auf seinem zweiten Album auf Tapete Records geht’s um die britischen Midlands, um Europa - und es geht um Streicher. Die hört man auf “Midland Lullabies” in allen Varianten, mal schlingen sie sich zärtlich um Pritchards Stimme, mal treiben sie den Song hurtig an. Eine schöne kleine Platte ist ihm da gelungen. (6,5 von 10 Punkten)

Howe Gelb – Gathered

Das neue Soloalbum von Howe Gelb heißt “Gathered”, übersetzt: versammelt. Weiter kann es heißen: gewinnen oder ernten. Auf “Gathered” wurde sich also versammelt und das überall auf der Welt - von Cordoba in Spanien über Paris, Amsterdam und weiter nach Kopenhagen. Und was braucht man zum Versammeln? Andere Menschen, in dem Fall Künstler wie M. Ward, Anna Karina oder Pieta Brown. Mit ihnen sind wirklich schöne, kontemplative Duette entstanden. Gelb gibt hier den croonenden Troubadour, der das tut, was er am besten kann: sich nur von der Musik treiben lassen. (7 von 10 Punkten)


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