Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Whitney, Son Lux und Oscar Jerome

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von Whitney, Son Lux, Fantastic Negrito, Son Lux, King Buzzo, James Dean Bradfield, Rumer, Jacob Coller, Burna Boy, Pirx und Oscar Jerome

Von: Angie Portmann

Stand: 13.08.2020 23:05 Uhr

Dizzy & Oscar Jerome | Bild: Caroline

Whitney – Candid

Whitney aus Chicago sind bekannt für ihren sanften, zart dahin schmelzenden Retro-Folk- bzw. Soft-Rock, nostalgisch, überraschungsarm, aber immer sehr sehr gut gemacht. Sonnig mit einem leicht melancholischen Touch. Mit perfekt arrangierten Streichern und Bläsern, ruhigen Gitarren- und Keyboardklängen und einer Atmosphäre, die einen geradezu in die imaginäre Hängematte hineindrückt und dort versinken lässt. Da es sich bei „Candid“ um ein Cover-Album handelt, macht das die Sache nicht unbedingt spannender, aber Julien Ehrlich und Max Kakacek liefern auch hier wieder, wofür wir sie so schätzen, nämlich superentspannten, harmonieverliebten Vintagesound. Egal ob das Original von Kelela, David Byrne oder John Denver stammt. Wobei ich gestehen muss, dass mich „Take me home, country roads” in all seiner Cheesyness dann doch etwas irritiert hat. Trotz Waxahatchee als Featuregast. Nummern wie „Hammond Song“, im Original von der 1970’s Girlgroup The Roches, ist dann aber wieder Schönklang pur. Also ab in den Chillmodus. (8 von 10 Punkten)

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Whitney - Hammond Song (Official Audio) | Bild: Whitney Chicago (via YouTube)

Whitney - Hammond Song (Official Audio)

Sea girls – Open up you head

Die Sea Girls aus England klingen schon fast unverschämt nach den Nullerjahren. nach glasklaren Indie-Rock-Hymnen, direkt, schnörkellos und sehr effektiv. Nur die Lyrics lassen auf 2020 schließen, wenn Henry Camamile singt: „I’m on your news feed twice a day“ … Davon abgesehen passen die Briten perfekt in eine Retro-Playlist mit Maximo Park, Arctic Monkeys und den Killers. Offensichtlich besteht bei den Fans nach wie vor eine tiefe Sehnsucht nach Melodien galore, denn selbst als die Sea Girls noch kein Album veröffentlich hatten, haben sie bereits Hallen ausverkauft … als man noch Hallen ausverkaufen konnte. „Open up your head“ besteht aus 13 euphorischen Indie-Knallern (und einer Ballade) mit viel Uhs und Ohs, knackigen Gitarren und plakativen Refrains. Eine Platte, gespickt mit schwungvollen, aber leider sehr gleichförmigen Ohrwürmern, die sich auf Albumlänge etwas abnutzen. (6,8 von 10 Punkten)

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Sea Girls - Transplant (Live Session) | Bild: Sea Girls (via YouTube)

Sea Girls - Transplant (Live Session)

Jacob Collier – Djesse 3

Der junge Londoner Jacob Collier ist ein Phänomen, ein absolutes Allround-Talent. Es gibt vermutlich kein Instrument, das Collier nicht spielt, keine musikalische Formel, die er nicht kennt. Dazu singt er, und das meistens mehrstimmig. Seine Musik produziert er allein in seinem Zimmer – und auch auf der Bühne ist er allein. Seine One-Man-Shows sind mittlerweile legendär. Für sein neues Album „Djesse 3“ (eine auf vier Platten ausgelegte, grammy-garnierte Albumserie) hat er sich allerdings prominente Unterstützung ins Studio geholt. Darunter Jessie Reyez, Rapsody, Kimbra und Tank and the Bangas. Noch bunter als die Gästeliste sind nur die Harmonien und hyper-komplexen Rhythmen bei Jacob Collier. Sich angesichts dieser stilistischen Vielfalt auf ein Genre festzulegen, erscheint geradezu lächerlich. Manche sprechen da von Jazz, Collier selbst redet nur von den Musikern, die ihm etwas bedeuten, von Stevie Wonder oder Prince. „Djesse 3“ ist auf alle Fälle ein sehr erstaunliches, wunderbar chaotisches Album von einem genialen Wunderkind, das alles kann nur keine Schubladen. (7,9 von 10 Punkten)

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In Too Deep (feat. Kiana Ledé) - Jacob Collier [OFFICIAL AUDIO] | Bild: Jacob Collier (via YouTube)

In Too Deep (feat. Kiana Ledé) - Jacob Collier [OFFICIAL AUDIO]

Oscar Jerome – Breathe deep

Als Teil der gerade so angesagten Londoner Nu-Jazz-Szene kannte man Oscar Jerome schon länger, schätzte ihn für seinen Input beim Afrobeat-Ensemble  Kokoroko und für seine Zusammenarbeit mit Musikern wie Yussef Dayes, Shabaka Hutchings und Moses Boyd. Aber der junge Jazz-Gitarrist präsentiert sich auf seinem Debütalbum „Breathe deep“ nicht nur als großes Talent auf seinem Instrument, sondern auch als begnadeter Songwriter, der auch politische Themen aufgreift. Den Song „Your saint“ z.B. hat Jerome in Paris geschrieben, bestürzt angesichts der Tatsache, dass dort obdachlose syrische Familien gezwungen waren in überlaufenen Metro-Stationen zu leben. Zusammen mit dem Rapper Brother Portrait aus Sierra Leone ist hier ein Song entstanden, der mal an den großartigen Flow von Ghost Poet, mal an den ergreifenden Soul eines Gil Scott-Heron erinnert. Aber egal, welches Genre oder welchen Gast (neben Brother Portrait ist z. B. auch Lianne LaHavas dabei) Jerome hier in seine Vision von Nu-Jazz einfließen lässt, sein Debütalbum "Breathe deep" kommt mit einer virtuosen Leichtigkeit um die Ecke, die mich ziemlich umgehauen hat. (8,1 von 10 Punkten)

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Oscar Jerome - Give Back What U Stole From Me (OFFICIAL VIDEO) | Bild: Oscar Jerome (via YouTube)

Oscar Jerome - Give Back What U Stole From Me (OFFICIAL VIDEO)

Fantastic Negrito – Have You Lost Your Mind Yet?

Keep it unreal. In Interviews erzählt Fantastic Negrito gern Geschichten, bleibt vage, liebt das Unscharfe. Geboren als das achte von 12, vielleicht waren es aber auch 13, 14 oder 15 Kindern, wächst Xavier Amin Dphrepaulezz in einer strenggläubigen Familie auf. Mit 12 haut er ab bzw. wird rausgeschmissen, auch da variiert er gern. Wird Dieb und Dealer, bricht sich bei einem Autounfall beide Hände und liegt drei Wochen im Koma. Ab da wendet sich das Blatt, Fantastic Negrito veröffentlicht zwei Alben, die beide einen Grammy für das „Beste zeitgenössiche Bluesalbum“ bekommen. Beim Blues bleibt er auch auf seinem neuen Album »Have You Lost Your Mind Yet?«. Aber eben mit den typischen Unschärfen in Richtung Soul, Funk, R’n’B und HipHop. Unterstützt von Feature-Gästen wie Tarriona Ball aka Tank von Tank and the Bangas und E-40. Nur die Lyrics von Fantastic Negrito bringen es auf den Punkt, widmen sich der Realität. So wettert er dezidiert gegen die Unbillen unserer modernen Gesellschaft. Beschäftigt sich diesmal vor allem mit dem Thema psychische Gesundheit, die er durch die Informationsflut bedroht sieht. Schreit an gegen soziale Ungerechtigkeit („Justice in America“) und singt über junge Amokläufer („How long“). Und bleibt dabei – erstaunlicherweise – optimistisch („Chocolate samurai“). Auch wenn ich musikalisch nicht immer auf Negritos Seite und seinem Hybrid-Blues stehe, für seine Menschenliebe, seine Lebensfreude bekommt er von mir einen Extra-Punkt. (7,5 von 10 Punkten) 

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Fantastic Negrito: HAVE YOU LOST YOUR MIND YET? - Preview | Bild: Fantastic Negrito (via YouTube)

Fantastic Negrito: HAVE YOU LOST YOUR MIND YET? - Preview

James Dean Bradfield – Even in Exile

James Dean Bradfield, der Sänger und Gitarrist der Manic Street Preachers, macht ein Album über Victor Jara, den chilenischen Sänger, Theaterregisseur und politischen Aktivisten. Angesichts der sozialistischen Grundhaltung, für die die Manics schon seit Jahrzehnten stehen, keine Überraschung. Victor Jara war nach dem Militärputsch gegen Salvador Allende 1973 vom Pinochet-Gefolge verhaftet und im Estadio Chile gefoltert und getötet worden. Vor seiner Ermordung mit 44 Schüssen hatten ihm die Militärs noch die Hände gebrochen, um ihn daran zu hindern, Gitarre zu spielen. „Even in exile“, das zweite Soloalbum von James Dean Bradfield, beschäftigt sich dann auch vor allem mit dem tragischen Ende des kommunistischen Revolutionärs und Poeten Jara. Und natürlich mit seinem Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit und Unterdrückung, heute aktueller denn je. Die Lyrics stammen von Patrick Jones, dem Schriftsteller und Bruder von Nicky Wire, dem Texter und Bassisten der Manics. Zwar behauptet Bradfield die Musik Jaras hätte ihn ebenfalls sehr inspiriert – allerdings ist davon auf dem Album nicht allzu viel zu hören. Außer dem Instrumental „La Partida“, im Original von Jara, stammen alle Songs aus der Feder des Walisers. Und klingen auch mehr oder weniger unverkennbar nach ihm bzw. seiner Band, den Manic Street Preachers. Die großen Melodien, die opulenten Arrangements, der mitreißende Breitwand-Brit-Rock. Da fallen die wenigen experimentellen Ausreißer nicht wirklich ins Gewicht. Geben aber „Even in exile“ trotzdem eine besondere, manchmal sogar berührende Note (z.B. „Under the mimosa tree“, „Santiago sunrise“). (7,8 von 10 Punkten)

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SEEKING THE ROOM WITH THE THREE WINDOWS | Bild: James Dean Bradfield - Topic (via YouTube)

SEEKING THE ROOM WITH THE THREE WINDOWS

Son Lux – Tomorrows I

Hat Ryan Lott in seinen Anfangstagen noch tausend und eine Melodie bzw. Idee auf abstrakte Soundskulpturen geschichtet, lässt er sich auf seinem neuen Album „Tomorrows I“ wesentlich mehr Zeit, gönnt sich mehr Raum für seine apokalyptischen Klangszenarien, diese düsteren, digitalen Sinfonien. Unterstützt wird er dabei schon seit 2015 von zwei New Yorker Musikern, dem Gitarristen Rafiq Bhatia und dem Drummer Ian Chang. Zusammen klingen sie intim wie Sufjan Stevens, dunkel-schleppend wie Portishead, versponnen wie Bon Iver und raumfüllend-majestätisch wie Woodkid. Ihr futuristischer, so mancher mag ihn vielleicht auch pathetischen Kunstpop nennen, beschäftigt sich diesmal u.a. mit dem sehr aktuellen Thema der Neudefinition von Identität, emotionaler und musikalischer Natur. Das perfekte Thema für eine avantgardistisch-anspruchsvoll Platte wie „Tomorrows I“. (7,9 von 10 Punkten)

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Son Lux — "Plans We Made" (Official Visualizer) | Bild: Son Lux (via YouTube)

Son Lux — "Plans We Made" (Official Visualizer)

Rumer – Nashville tears

Der Liebe wegen hat es die britische Sängerin Rumer in den amerikanischen Süden verschlagen. 2015 hatte sie den Produzenten und Musikdirektor von Burt Bacharach, Rob Shirakbari geheiratet und lebte seitdem mit Mann und Kind im ländlichen Arkansas, arbeitete in einem Friseursalon und wartete auf neue Songideen. Auf der Suche nach Inspirationen fuhr sie nach Nashville und entdeckte dort die Country-Songs von Hugh Prestwood. Prestwood ist mit seinen Songs schon in der Nashville Songwriters Hall of Fame gelandet, lebt heute aber in New York und arbeitet dort als Lehrer. So ist „Nashville tears“ entstanden, das sechste Album von Rumer und ihr drittes mit Coverversionen. Ein sehr glatt produziertes Album, das sehr ruhig und unauffällig dahinplätschert, Songs wie das gerade gehörte countryeske „Deep summer in the deep south“ wirken in diesem Umfeld schon fast hektisch. Das kann man jetzt zeitlos schön nennen – oder auch furchtbar langweilig. Ich plädiere für letzteres. (5,8 von 10 Punkten)

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Rumer - Deep Summer in the Deep South (Official Video) | Bild: Rumer (via YouTube)

Rumer - Deep Summer in the Deep South (Official Video)

Burna Boy – Twice as tall

Der Nigerianer Damini Ogulu hat im vergangenen Jahr mit seinem Album „African Giant“ einen regelrechten Burna Boy-Hype bei uns ausgelöst. Sein neues Album „Twice as tall“ schreibt jetzt die Geschichte von „African giant“ fort und dürfte ihm den globalen Durchbruch bringen. Was zu begrüßen wäre …  auch wenn Burna Boy diesmal seine elegante Fusion von Afrobeat, Hip Hop, Reggae und Dancehall mit afrikanischer „Consciousness“ ein klein wenig von den Vorgaben des US-Mainstreams glattbügeln ließ. Das mag vermutlich am Co-Produzenten des Albums liegen, am US-Hitproduzenten P. Diddy. Aber das war wahrscheinlich auch der Plan. Pandemiebedingt wurde zwar hauptsächlich nur über Zoom kommuniziert, aber auch so steuerte P. Diddy noch das Schlagzeug von Anderson.Paak und Timbaland als zusätzlichen Produzenten bei. Außerdem mit dabei auf “Twice as tall“: Naughty by nature, Youssou N’Dour, Stormzy und die kenianische Band Sauti Sol – aber auch nigerianische Talente wie LeriQ, Telz, P2J und Rexxie.

Von Anfang an geht es auf „Twice as tall“ um „black love“, um afrikanisches Selbstbewusstsein. Das von Burna Boy ist natürlich, verdientermaßen ;-), twice as tall - und das seiner afrikanischen Landsleute sollte es seiner Meinung auch sein.

Und das ist auch der Punkt, der Burna Boy momentan so relevant macht, er fungiert als Sprachrohr Afrikas. Spricht Dinge an, die im globalen Hochglanz-Pop in der Regel nicht auftauchen. In dem Song „The monsters you made“ z.B. singt Chris Martin von Coldplay einen catchy Refrain, während Burna Boy von historischen Ungerechtigkeiten und systemimmanenten Rassismus rappt. Das macht er sehr clever und gleichzeitig absolut chartskompatibel. Und das wird vermutlich noch sehr sehr big. (7,8 von 10 Punkten)

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Burna Boy - Level Up (Twice As Tall) (feat. Youssou N'Dour) [Official Audio] | Bild: Burna Boy (via YouTube)

Burna Boy - Level Up (Twice As Tall) (feat. Youssou N'Dour) [Official Audio]

King Buzzo with Trevor Dunn – Gift of sacrifice

Acoustic-Songs seien in der Regel „crap“ - das hat Roger „Buzz“ Osbourne, der Frontmann der Melvins, mal in einem Interview behauptet. Wenn er unplugged spiele, dann müsse das anders, neu klingen, nicht wie der übliche Singer/Songwriter-Kram. Das hat schon vor sechs Jahren vorzüglich funktioniert, bei „This machine kills artist“. Das war Fuck-It-All-Folk statt Melvins-Heavyness. Sechs Jahre später gibt’s jetzt die Fortsetzung dieses akustischen Experiments. Diesmal hat King Buzzo noch einen langjährigen Freund, den Bassisten Trevor Dunn mit ins Boot geholt, fame of Mr. Bungle und Fantomas. Dessen großartiges Bassspiel plus Buzzos harte Gitarren-Riffs machen aus „Gift of sacrifice“ definitiv keine handelsübliche Unplugged-Platte, sondern eindringlichen Avantgarde-Rock mit sehr reduzierten, aber nicht minder intensiv wirkenden Mitteln. Manchmal hab ich mich sogar dabei ertappt, wie ich versucht habe, die so entstandenen musikalischen Freiräume selbst zu füllen, quasi ein Melvins-Brett zu hören, wo gar keines ist. Spooky. (7,9 von 10 Punkten)

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King Buzzo (with Trevor Dunn) "I'm Glad I Could Help Out" (Official Video) | Bild: Ipecac Recordings (via YouTube)

King Buzzo (with Trevor Dunn) "I'm Glad I Could Help Out" (Official Video)


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