Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Pole, Tunng und All Diese Gewalt

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Neue Platten gibt's unter anderem von Ólafur Arnalds, Pole, Tiña, Sirens of Lesbos, SOL, Pale Honey, Thelonious Monster, JW Francis, Black Dog und „Sur Sur“.

Von: Ralf Summer

Stand: 05.11.2020

Die Band Sirens Of Lesbos auf der Couch | Bild: Sirens Of Lesbos

TUNNG – Dead Club

Kaum sind wir in der "staaden Zeit", ploppen andere Themen im Pop auf: Tunng aus England wählen: den Tod. Im ersten Lied erzählt gleich eine Stimme, dass wir beim Thema Tod nicht an unseren Tod, sondern immer ans Sterben eines anderen Menschen denken würden. Die Erzähler-Stimmen sind in den Teil der Lieder eingeflochten, in denen nicht gesungen wird. Und sie stammen aus einem Podcast, den die Band während der Aufnahmen initiiert hat: zu verschiedenen Aspekten des Themas sprechen unterschiedliche Menschen - u. a. aus Literatur, Philosophie, Wissenschaft - auch ein Musiker der Band Tinariwen und Rapperin Speech Debelle. Also eine Konzept-Platte, eine Art "Todes-Collage". "Dead Club" ist tröstlicher Indietronica-Folk-Pop - die mehrstimmigen Tunng erinnern an die Beta Band. Die Stücke heißen "Scared to Death", "The Last Day" oder "Death Cleaning".

Trauernden stößt vielleicht der Titel "Death is the new Sex" auf – aber ansonsten hilft der empathische Ton tatsächlich bei Trauerbewältigung geliebter Menschen. Tunng zitieren den Autoren Max Porter, der am Ende der Platte zu hören ist: "Trauer fühlt sich vierdimensional und abstrakt an. Trauer ist das Ding mit den Federn." (8,5 von 10 Punkten)

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tunng - Death is the New Sex [Official Audio] | Bild: Full Time Hobby (via YouTube)

tunng - Death is the New Sex [Official Audio]

TIÑA – Positive Mental Health Music

Ein bisschen Parquet Courts, ein bisschen Clap Your Hands Say Yeah, ein bisschen Ian Brown (nur stimmlich) – diese neue englische Band hat das Mehr. Die fünf Londoner waren 2019 mit „I Feel Fine“ eine der Entdeckungen auf der jährlichen Counter Culture-Compilation aus dem Hause Rough Trade (neben Arlo Parks und Crumb). Der Titel des Debüts ist bewusst gewählt: „Positive Mental Health Music“ ist als Antwort auf den Nervenzusammenbruch des Sängers zu lesen: Josh Loftin versuchte ihn während der Albumaufnahmen zu verarbeiten. Es geht um „Versagensangst, Depression, Isolation - Schreiben ist wie ein Mysterium“, sagt Loftin, der sich zur Zeit mit rosa Cowboy-Hut und rosa Kleidung fotografieren lässt. Der Vorab-Hit „I Feel Fine“ lässt sich in dem Zusammenhang als Trotz-Statement verstehen. Die Band, die man „Tinja“ ausspricht, wurde von Dan Carey entdeckt, dem Produzenten von Hot Chip und Ka(t)e Tempest und auf dessen Label Speedy Wunderground veröffentlicht. Wäre früher mal ein Atomic Café-Hit geworden. (8,6 von 10 Punkten)

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Rosalina | Bild: Tina - Topic (via YouTube)

Rosalina

ALL DIESE GEWALT - Andere

Er wurde schon als der "deutsche Rick Rubin" bezeichnet: Max Rieger ist Kopf der gefeierten Stuttgarter Noise-Rock-Band Die Nerven. Und auch Produzent für so unterschiedliche MusikerInnen wie Drangsal, Ilgen-Nur, Jungstötter oder Münchens Friends of Gas. Der vielseitige Musiker arbeitet solo als Obstler (Black Metal) bzw All Diese Gewalt. "Bei ´Die Nerven´ haben wir kollektive Gedanken und teilen jede Reaktion durch drei. Dort bin ich viel angriffslustiger und deutlich weniger verletzlich als solo." Das hört man seiner dritten Platte als All Diese Gewalt auch an. "Vier Jahre Selbstdekonstruktion müssen reichen", sagt Rieger. Textlich zum Teil angenehm hermetisch – wir wissen oft nicht, warum es geht. Für mich ist es ein Meisterwerk – zwischen Electro, Indie und Pop. "Erfolgreiche Life" heisst eines der Stücke, das wünschen wir ihm. "Erfolgreiche Karriere", Max! Rieger ist ein Sieger ;) (9,0 von 10 Punkten)

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all diese gewalt - ANDERE [Official Video] | Bild: GlitterhouseTV (via YouTube)

all diese gewalt - ANDERE [Official Video]

SIRENS OF LESBOS - SOL

Gleich ihr erstes Lied, „Long Days, Hot Nights“, war meine persönliche Club-Hymne der Zehner-Jahre. Der Claptone-Remix des Hits von 2014 hat inzwischen über 20 Millionen Streams. Das bunt zusammengewürfelte Quintett aus der Schweiz hat sich also sechs Jahre Zeit gelassen fürs Debüt. Was wohl auch daran liegt, dass sie vorschnell einen Major-Deal unterschrieben - und wieder kündigten.

Die aus der Hauptstadt Bern stammende Crew – drei Frauen (davon zwei singende Schwestern), zwei Männer, wollen den sogenannten „World-Beat“ beleben - sie selbst haben unterschiedliche kulturelle Backgrounds: England, Eritrea, Sudan und Tschechien. Melvyn lieferte schon Musik für einen Karl Lagerfeld-Film und Arci war Mit-Betreiber eines Clubs (in dem auch schon DJ Premier oder Todd Terje auflegten). Doch ihr Debüt mit dem Titel „SOL“ (Sirens of Lesbos als auch Spanisch für "Sonne") geht nun weg vom Club-Sound – hin zu Global Grooves und Soul-Pop, dazu Rap,- Jazz- und Yacht Rock-Elemente. Man merkt, dass hier Steely Dan- und Trap-Fans in einem Studio sind. Sehr urban, sehr lässig, sehr kosmopolitisch. Ein Bern-Stein, der wie London oder New York funkelt. (7,5 von 10 Punkten)

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Sirens of Lesbos - Birds | Bild: Pan African Music (via YouTube)

Sirens of Lesbos - Birds

TRAK TRAK – Sur Sur

Schöne Überraschung: Trak Trak ist eine neue Allstar-Band aus Nürnberg – u. a. mit Musiker- und MusikerInnen von Bands wie Robocop Kraus und Wrongkong. Dazu die in der Stadt lebende argentinische Sängerin Romina Schenone. Zusammen sind die sechs Künstler aus vier Ländern Trak Trak. Ihr Debüt "Sur Sur" (Süd Süd erscheint bei Mono-Ton Schallplatten, dem Label des gleichnamigen Plattenladens in der Nürnberger Innenstadt. Sie spielen eine Cumbia, die an vielen anderen amerikanisch-afrikanisch-europäischen Stilen gespiegelt wird. Neben dem schmissigen "Teléfono" bleibt das ruhige Schlussstück hängen: "Pólitico Psicodélico" - in dem es um Politiker im Allgemeinen und Mauricio Macri, Unternehmer, Fussball-Boss und argentinischer ex-Präsident im Besonderen geht. Schenones Text ist "Lobgesang bzw Hymne an die Politiker-Lüge" - verkleidet als mexikanische Bolero-Ballade. Nächste Woche stellen wir Trak Trak im Zündfunk/Bayern2 vor. Mit Interview. (7,5 von 10 Punkten)

PALE HONEY – Some Time, Alone

PJ Harvey und Sleater-Kinney werden oft als Vergleich für diese schwedische Band genannt. Stimmt nicht mehr ganz. Das Damen-Duo aus Göteberg legen nun Album Nummer Drei vor. Tuva Lodmark, Gitarre und Gesang, und Nelly Daltrey, Schlagzeug (und Artwork) waren im Studio mit Produzent Anders Lagerfors, der Bass und Keys spielte. Und schon rollt es düster-treibend über uns hinweg: wie in "Killer Scene" und "Set Me Free". Pale Honey kommen 2020 eher poppig-gefällig und gar groovy daher – wie im Titelstück "Some time, alone". Was nichts anderes meint als: sie brennen schon darauf, von ihrem Herdenimmunitäts-Land aus wieder auf Tour zu gehen. Und uns alle anzustecken. Mit ihrem frischen Sound. (7,0 von 10 Punkten)

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Pale Honey - Some time, alone | Bild: Pale Honey (via YouTube)

Pale Honey - Some time, alone

ÓLAFUR ARNALDS - Some Kind of Peace

Der Isländer zählt zu den Pendlern zwischen E- und U-Musik, zwischen Club und Konzerthalle. Arnalds, der viel mit dem Hamburger Nils Frahm gearbeitet hat, ist auf der Suche nach "einer Art Frieden". Den fand er im Vorfeld, als er mit dem englischen Musiker-Freund Bonobo ein paar Tage ins isländische Hochland reiste. Zum Zelten. Dort entstand die Grundlage für ihren gemeinsamen Track "Loom", mit dem die Platte beginnt. Neben Bonobo gibt es zwei Gäste: die Sängerinnen JFDR aus seiner Heimat und Josin aus Köln. In seinem Hafenstudio in Reykjavik wachsen Klassik, Ambient-Elektronik und atmosphärischer Pop spielerisch zusammen. "Some Kind of Peace" ist eine Platte über die Möglichkeiten der Liebe, das Sesshaft-Werden - und wie man das Ganze während einer globalen Pandemie handhabt, so Ólafur Arnalds. (8,0 von 10 Punkten)   

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some kind of peace | Bild: Ólafur Arnalds (via YouTube)

some kind of peace

POLE - Fading

Nach fünf Jahren Pause in neues Album von Berlins Knister-Dub-Pionier Stefan Betke. Die Instrumentals tragen Titel wie "Drifting" oder "Erinnerung" - das hat einen Grund. Der Albumtitel "Fading" bezieht sich auf das Entschwinden seiner Mutter, die an Demenz litt. "Ich sah, wie sie ihre Erinnerungen verlor. Ohne Gedächtnis verwandelte sie sich in das, was sie wahrscheinlich am Anfang ihres Lebens war -  so etwas wie eine noch zu füllende Hülle." Angehörige von Demenz-Kranken wissen zu gut, was Betke meint. Er selbst hat die Pole-typischen Knackser und Störgeräusche in seiner Musik zurückgefahren: „auch meine Geschichte verblasst langsam“, wie er sagt. Hoffentlich dauert das aber noch lange und Betke vergisst eines nicht: seine Fans. Die sich immer wieder über seine abstrakte Zeitlupen-Bassmusik freuen. Sie wird nie verbassen, ähm verblassen. (8,0 von 10 Punkten)

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Pole - Nebelkrähe (Official Audio) | Bild: Mute (via YouTube)

Pole - Nebelkrähe (Official Audio)

BLACK DOG - Fragments

Seit 30 Jahren gibt es das britische Trio – und sie gelten als Vorreiter in Sachen "Electronica/IDM" - zusammen mit anderen Acts von der Insel wie Autechre oder Aphex Twin. Auch der Black Dog-Ableger Plaid zählt dazu. Fürs neue Album arbeiteten die Sheffielder mit der Mitgliederplattform Patreon zusammen: Fans unterstützen die Band finanziell und bekommen dafür Exklusiv-Songs. So entstand Monat für Monat ein neuer Track. Die Covid-Zeit nutzte das erfahrene Trio nun, um diese einzeln erschienenen Stücke zu bearbeiten und bündeln. Passender Titel der neuen Platte: "Fragments". Black Dog laufen erst ab Track 5 zu gewohnter Form auf. Neben "Black Smoke" bleibt "Cup Noodle" und "Constructivist" hängen - Electronica-Schleicher mit leichten Beats und haunting melodies. Der Rest ist experimenteller Ambient, viele skizzenhafte Snippets. Auch wenn sie es auf ihrer Bandcamp-Seite so beschreiben: "We make Techno". (7,0 von 10 Punkten)

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"Fragments" by The Black Dog - Album Preview | Bild: Dust Science (via YouTube)

"Fragments" by The Black Dog - Album Preview

URLAUB IN POLEN – All

Da hat jemand viel Neu! gehört: zumindest was den Motorik-Beat der Krautrock-Helden betrifft. Stoisch zieht das Schlagzeug des Duos und die Gitarre folgt. Wie in den 70ern bei Klaus Dinger und Michael Rother. Zumindest bei Songs wie „Impulse Response“ und „The Hunter“. Das Kölner Duo meldet sich neun Jahre nach seiner Auflösung zurück: namentlich Sänger Georg Brenner und Multiinstrumentalist Jan Philipp Janzen. Janzen, Gründungsmitglied bei Von Spar und aktueller Schlagzeuger der Sterne - war zwischenzeitlich Produzent für Andere (Die Sterne, The Field, Albrecht Schrader). Dementsprechend knackig und gut klingt die Platte auch. „All“ ist also ihr unverhofftes, sechstes Album – darauf mischen sie Neo-Krautrock mit Space-Synthies und Prog-Rock. Dazwischen halten kurze Wellenbrecher den Flow auf, um sie auf andere Schwurbel-Pfade zu leiten. Am Ende lassen Urlaub In Polen dann auch etwas Glam zu: ihr Schluss-Instrumental „Proxy Music“ ist nach „Roxy Munich“ (F.S.K.) wieder mal eine Verbeugung vor einer anderen wichtigen Band der 70er. Glam und Kraut gehen hier kurz zusammen. (7,5 von 10 Punkten)

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Urlaub in Polen - Impulse Response | Bild: Tapete Records (via YouTube)

Urlaub in Polen - Impulse Response

JW FRANCIS – We Share a Similar Joy

Welcher Musiker ist schon Assistent eines Nobelpreisträgers? Er. Welcher Musiker ist Reiseführer in New York? Er. Welcher Musiker hat Bands in gleich sechs Städten? Er. JW Francis hat für seine erste und bisher einzige große Tour Fans in aller Welt aufgerufen, lokale Bands zu gründen, damit er alleine anreisen kann. JW Francis ist beeinflusst von Musikern seiner Heimat: Jonathan Richman und The Velvet Underground. Der New Yorker erinnert mit seinem Jingle-Jangle-Pop leicht an Mac Demarco. Macht also Spaß - wie der Titel schon verspricht. Ich würde gern die Freude eines gemeinsam erlebten Konzertes teilen. Auch wenn JW Francis keine "Fan-Band" in einer deutschen Stadt hat. Noch nicht. (7,5 von 10 Punkten)

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JW Francis - Good Time (Official Video) | Bild: JW Francis (via YouTube)

JW Francis - Good Time (Official Video)

THELONIOUS MONSTER – Oh that Monster

Ob das nochmal was wird? Diese Band feiert schon ihre dritte Reunion. "Oh That Monster" erschien schon einen Tag vor der US-Wahl. Mit dem Titel hatten die L.A.- Altpunks ihre Wahl-Empfehlung abgegeben. Als sich Thelonious Monster aufgelöst haben, 2004, wurde gerade George W. Bush zum zweiten Mal Präsident gewählt. "Einige von uns spielten seit Jahrzehnten keine Musik mehr", gibt Sänger Bob Forrest zu. Amerika, deine alten Männer. (6,5 von 10 Punkten)

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Thelonious Monster - Buy Another Gun | Bild: Thelonious Monster (via YouTube)

Thelonious Monster - Buy Another Gun

                      

                       


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