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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Nick Cave, Dirty Projectors und King Gizzard & The Lizard Wizard

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Neue Platten gibt's unter anderem von Nick Cave, Dirty Projectors, War On Drugs, O'Sisters, Anthony Moore und King Gizzard & The Lizzrd Wizard.

Von: Angie Portmann

Stand: 19.11.2020

Cover von Nick Caves neuem Album | Bild: Bad Seed Ltd.

Nick Cave - Idiot Prayer; Nick Cave Alone At Alexandra Palace

Während ich das neue Nick Cave-Livealbum höre, lese ich (wie immer, wenn ich Nick Cave höre) seinen Blog „The red hand files“. Hier stellen seine Fans Fragen zu allen Lebenslagen, Nick Cave antwortet darauf, man hat den Eindruck, er ist dabei sehr offen und ehrlich. Seine Antworten klingen poetisch, humorvoll und gleichzeitig den Fragenden immer unglaublich zugeneigt, ja fast liebevoll. Natürlich geht es in den Files auch um das Konzert, das Nick Cave im Juni 2020 im Alexandra Palace in London gespielt hat. Ohne Publikum, ohne Band, Cave solo-solo sozusagen. Gut einen Monat später konnte man einen Stream davon sehen, allerdings nur zu einer fixen Zeit. Wie bei einem richtigen Konzert. Danach war es wieder dunkel. In den Files freut sich ein Fan über den wunderbaren Klang des Flügels auf dem Cave damals spielte, einem Fazioli.

Eine Crowdfunding-Aktion wird gestartet, um Nick Cave diesen Flügel zu kaufen, der lehnt jedoch schmunzelnd ab. Morgen erscheint nun der Mitschnitt dieses Konzerts, nennt sich „Idiot Prayer; Nick Cave Alone At Alexandra Palace“ … und ist ähnlich wie die Red Hand Files ein Geschenk des Australiers an seine Fans. Berührend und oft sehr tröstlich. Wir hören nur die Stimme Nick Caves und besagten, tatsächlich sehr wohl temperierten Flügel. Mit Songs aus dem letzten Album „Ghosteen“, aber auch aus dem Bad-Seeds und Grinderman-Repertoire. Und wie in den Red Hand Files, wie überhaupt immer bei Nick Cave, geht es auch in dieser Songsammlung um die essentiellen Themen des Lebens, die Liebe, den Tod, die Religion und das Große dazwischen. Das klingt trotz der endlos weiten, schrecklich leeren Halle erstaunlicherweise sehr nah und intim. Auf alle Fälle ein sehr, sehr besinnliches Live-Album. (7,9 von 10 Punkten)

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Galleon Ship - IDIOT PRAYER: Nick Cave Alone at Alexandra Palace | Bild: Nick Cave & The Bad Seeds (via YouTube)

Galleon Ship - IDIOT PRAYER: Nick Cave Alone at Alexandra Palace

Dirty Projectors - 5 EPS

Der schnörkellose Titel „5 EPs“ bringt es auf den Punkt. Das neue Dirty Projectors-Album ist im Prinzip nichts anderes als fünf aneinandergeklebte EPs. Alle 2020 veröffentlicht und jetzt im 5er Pack zu haben. Mit fünf musikalischen Schwerpunkten bzw. Stimmen. Denn nach einer Solo-Etappe hat Dirty Projectors-Mastermind Dave Longstreth jetzt wieder eine Band um sich versammelt. Alles offensichtlich sehr eigenständige, sehr unterschiedliche Musiker, die Longstreth jeweils zu einer EP inspiriert haben. Wir hören sanften Folk („Windows open“, gesungen von Maia Friedmann), Future R’n’B („Flight Tower“ mit Felicia Douglass) und orchestrale Dekonstruktionen basierend auf dem Black-Flag-Debüt „Damaged“ („Earth Crisis“ mit der Stimme von Kristin Slipp). Auf einer EP singt Longstreth auch selbst fragilen Bossanova im Stil von Joao Gilberto („Super Joao“). Nachdem sich alle, inklusive ihrer individuellen Vorlieben, vorgestellt haben, kommt es zum Schluss auf der, nomen est omen, „Ring Road -EP“ zur finalen Bandvereinigung. Das klingt insgesamt alles sehr arty, sehr experimentell und nicht unbedingt wie aus einem Guss, aber vor allem die Songs zum Schluss lassen auf eine produktive Zukunft der neu aufgestellten Dirty Projectors hoffen. (7,8 von 10 Punkten)

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Dirty Projectors - Searching Spirit (Lyric Video) | Bild: Dirty Projectors (via YouTube)

Dirty Projectors - Searching Spirit (Lyric Video)

V.A. Wir müssen hier raus - Ton Steine Scherben-Tribute-Compilation

In den Liedern von Rio Reiser war immer eine große Sehnsucht … nach mehr Menschlichkeit, einer liberaleren Gesellschaft, sexueller Freiheit, nach mehr Selbstbestimmung. Scherben-Songs waren der Soundtrack zur Revolte. Am 20. August 1996 starb Rio Reiser, mit 46 Jahren. Heute, 24 Jahre später, sind diese Themen immer noch relevant. Schon allein deshalb ist „Wir müssen hier raus“ keine schlechte Compilation. Aber nicht nur wegen der Qualität der Originale, die schließlich von einer der wichtigsten deutschen Stimmen der 70er bzw. frühen 80er Jahre stammen, sondern auch wegen der Qualität der beteiligten Bands (Slime, Fehlfarben, Östro 430, Beatsteaks, Fettes Brot, Das Bierbeben, usw.).

OK, wenn Jan Delay „für immer und dich“ näselt, schmerzt es leicht. Auch Die Höchste Eisenbahn und ihre sehr smoothe Version von „Schritt für Schritt ins Paradies“ klingt relativ belanglos im Vergleich zum Original. Aber es finden sich auch einige Perlen. „Morgenlicht“ von Rocko Schamoni z.B., der hier die ganz große Showtreppe runterläuft. Schon 2017 hat er den Song für sein Album „Die Vergessenen“ aufgenommen, mit Northern Soul und Rumpel-Pop alle Zweifel, die Rio Reiser jemals hatte, plattgewalzt. Und auch Frank Spilker bzw. die Sterne geben sich optimistisch: „Wenn die Nacht am tiefsten“ ist, ist der Tag am nächsten. Oder die Hamburger/Berliner Band Erregung öffentlicher Erregung, die hier zu ihrer eigentlichen Bestimmung, nämlich Rio Reiser-Songs zu covern, gefunden zu haben scheint. Aber das schönste an einer Compilation wie „Wir müssen hier raus“ ist sowieso die Tatsache, dass man ganz schnell dabei ist, sich die Originale mal wieder anzuhören, alte Ton Steine Scherben-Platten auszugraben … oder Rio Reiser aufzulegen, von dem Frank Spilker behauptet: „Im Grunde war er der deutsche John Lennon“. Und Blixa Bargeld sagt über TSS: „Ton Steine Scherben waren die beste Alternative zu einem schlechten Tag, sie spendeten Kraft und Identität“. (7,7 von 10 Punkten)

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Jan Delay - Für immer und dich | Bild: JanDelayVEVO (via YouTube)

Jan Delay - Für immer und dich

King Gizzard & The Lizard Wizard – KG

Die hyperaktiven King Gizzard & the Lizard Wizard haben einen unglaublichen Output: 16 Alben in zehn Jahren! Ihr neuestes Werk „KG“ veröffentlichen die australischen Psychrocker jetzt auch noch über ihre eigene Plattenfirma, machen auch sonst alles selbst, Artwork, Videos usw. Eifrig bastelt das Sextett an seinem „Gizzverse“, der durchgeknallten Welt der Gizzards und ihrer Fans.

So durchgeknallt wie die Musik der Australier. Ein wilder Highspeed-Beat treibt die Songs über die kosmischen Weiten endloser Krautrockfelder. Arabisch anmutende Klänge, mikrotonale Musik, gibt dem ganzen zusätzlich einen interessanten Dreh, eine Art Sitarfeeling. Selten haben wir Zeit Luft zu holen („Straws in the wind“), immer wieder lassen es die Australier ordentlich krachen („The hungry wolf of fate“). „KG“ ist definitiv ein weiterer, abgefahrener Trip durch das aufregende Gizzverse von Stu Mackenzie und seinen Mitstreitern. Luv it. (8 von 10 Punkten)

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King Gizzard & The Lizard Wizard - Straws In The Wind | Bild: King Gizzard And The Lizard Wizard (via YouTube)

King Gizzard & The Lizard Wizard - Straws In The Wind

The War on Drugs – Live Drugs

Auch The War on Drugs haben mittlerweile ihre eigene Plattenfirma gegründet und ihr neues Album „Live Drugs“ erscheint auf Adam Granduciels eigenem Label Super High Quality Records. Live-Alben sind ja gerade sehr en vogue. Quasi als Ersatz für die vielen, pandemiebedingt entfallenen Konzerte. Das hilft vor allem den Bands, schließlich sind ihnen ihre gesamten Tour-Einnahmen weggebrochen, das hilft aber auch unserer Fantasie, sich an all die wunderbaren Momente zu erinnern … So manche Band nutzt den Live-Album-Hype aber auch, um Spenden zu sammeln. Die Arctic Monkeys z.B. werden im Dezember ein Live-Album veröffentlichen, dessen gesamte Einnahmen an die gemeinnützige Organisation „War Child UK“ gehen. Und Bruce Springsteen hat mit der Veröffentlichung seines Mitschnitts der „River Tour“ aus dem Jahr 1981 den „New Jersey Pandemic Relief Fund“ unterstützt. 

Keiner weiß, wie lange wir noch auf Konzerte verzichten werden müssen. Wird es sie überhaupt jemals wiedergeben, diese sagenhaften Momente, in denen wir schweißverklebt im Mosh Pit stehen, die Lieblingsband zum Greifen nah, umhüllt von Sound, die Beats als Pochen auf der Haut … Ich könnte heulen. Vielleicht werden uns unsere Enkel mal fragen: „Oma, gab es das wirklich? Hunderte, ja Tausende Menschen, freiwillig zusammengepfercht auf engstem Raum? Ohne Abstand? Ohne Maske? Und wir werden ein Live-Album auflegen und sagen: ja … und so hat sich das damals angehört … Tipp: bitte den Enkeln nicht „Live-Drugs“ vorspielen, das neue Live-Album von The War on Drugs. Das ist zwar super high Quality, was den Sound angeht, und ein guter Querschnitt durch die Bandgeschichte … aber leider grottenlangweilig. OK, das ist jetzt vermutlich mein ganz persönliches Problem mit der Band, ein klassischer War on Drugs-Fan hat sicher seine Freude damit. (6,5 von 10 Punkten)

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The War On Drugs - Pain (Live) [Official Audio] | Bild: The War On Drugs (via YouTube)

The War On Drugs - Pain (Live) [Official Audio]

Anthony Moore – Out

Der britische Musiker Anthony Moore, Mitglied bei der Avant-Pop-Band Slapp Happy und dem Prog-Rock-Kollektiv Henry Cow, hatte sein Leben lang zwei Leidenschaften: Experimentalmusik und Pop. 1976 sollte sein drittes Solo-Album erscheinen, ein - endlich auch - Radio-affines Folk-Pop-Album mit sonnig-psychedelischen Melodien und tollen Arrangements. Mit Andy Summers an der Gitarre (kurz bevor der sich The Police anschloss), Kevin Ayers und Peter Blegvad von Slapp Happy. “Johnny’s Dead“, die Single, war schon raus, das Album noch in Produktion – da wechselten bei Virgin, Moores damaliger Plattenfirma, die Zuständigkeiten, und der Release wurde gestrichen. Erst in den 90ern wurde das Album dann tatsächlich veröffentlicht, allerdings nur als CD und mit einem sehr lieblosen, billigen Cover. Heute hat „Out“ das Originalcover, Anthony Moore steht im schicken weißen Anzug in einem psychedelisch bunt beleuchteten Garten, sehr 70’s alles, sehr stylish. Wie die Musik von „Out“. Anthony Moore dürfte dieser Rückschlag in den 70ern schwer getroffen haben, aufhalten konnte es ihn nicht. Seine musikalische Karriere blieb aufregend. Er veröffentlichte drei weitere Solo-Alben, wurde Pink-Floyd-Texter und ist seit 1996 Professor an der Kunsthochschule für Medien in Köln. (7,5 von 10 Punkten)

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Stitch in Time | Bild: Anthony Moore - Topic (via YouTube)

Stitch in Time

O’Sisters – Unity Is Power

Die O’Sisters sind ein Frauen-Kollektiv, das die französische Musikerin und Breakbeat-Produzentin Missill zusammengetrommelt hat. Spread the news – worldwide. Es geht um weibliches Empowerment und Solidarität. Mit Musikerinnen aus Kamerun, Senegal, Bosnien, Kolumbien, der Dominikanischen Republik und New York. Auf einem manchmal leider etwas dünnem Mix aus Electro und Weltmusik wird hier von female superheroes, female superpower und female unity gerappt. Eine ehrenwerte Idee, die leider etwas Cheerleaderhaft rüberkommt. (6,8 von 10 Punkten)

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O'SISTERS - Girlz Are From Venus (Official Video) | Bild: O Sisters (via YouTube)

O'SISTERS - Girlz Are From Venus (Official Video)

Cabaret Voltaire - Shadow Of Fear

Der nächste Musiker ist schon eine Weile im Geschäft. Richard H. Kirk hat nach 20 Jahren Pause die Industrial-Legende Cabaret Voltaire reanimiert. Cabaret Voltaire waren einmal ihrer Zeit weit voraus. Damals, in den 70’s in Sheffield, als sie Industrial miterfanden und eine der Lieblingsbands von Radio-Legende John Peel waren. Cabaret Voltaire revolutionierten den Umgang mit Synthesizer-Sounds, sampelten bevor es Sampler gab und waren Vorreiter in Sachen Techno. 1994 hatten sich Cabaret Voltaire aufgelöst, jetzt sind sie wieder da bzw. eigentlich nur das letzte verbleibende Bandmitglied, Richard H. Kirk. Seltsam orientierungslos wirkende Sprach-Samples driften hier durch vereinsamte Techno-, Dub- und Industrielandschaften. Das Album wirkt etwas un-fokussiert, entwickelt dann aber doch einen gewissen zeitlosen Sog. (7,0 von 10 Punkten)

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Cabaret Voltaire - Vasto (Official Audio) | Bild: Mute (via YouTube)

Cabaret Voltaire - Vasto (Official Audio)

Babeheaven – Home For Now

Babeheaven, das sind Nancy Anderson und Jamie Travis, beide verbindet ein unüberhörbares Faible für TripTop und Soul aus den 90ern. Man denkt an Bands wie Morcheeba oder Hooverphonic und bei manchen Songs auch an Massive Attack. Das Londoner Duo macht seine Sache gut, Nancy Anderson hat eine sehr angenehme Stimme, Jamie Travis hat solide produziert, der Innovationsgehalt geht allerdings gegen Null. (6,9 von 10 Punkten)

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Babeheaven - Craziest Things | Bild: Babeheaven (via YouTube)

Babeheaven - Craziest Things

Matthew Halsall – Salute To The Sun

In Manchester hat sich rund um Matthew Halsall und sein Gondwana Label eine neue aufregende Szene entwickelt. Electronica spielt dort eine wichtige Rolle … und Jazz. Nachzuhören auf dem neuen Album von Matthew Halsall „Salute To The Sun“. Der Trompeter, Komponist und Labelmacher ist quasi mit dem Sonnengruß aufgewachsen. An der Maharishi School in Manchester wurde jeder Tag mit Yoga und einer Meditation begonnen. Kein Wunder, dass Halsall heute Alben macht, die so entspannt klingen, wie „Salute To The Sun“. Bestehend aus Jazz im Stil einer Alice Coltrane, tropischen Field Recordings und sanften Electronica-Klängen. (7,1 von 10 Punkten)

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Matthew Halsall — 'Joyful Spirits of the Universe' (Official Video) [Gondwana Records] | Bild: Gondwana Records (via YouTube)

Matthew Halsall — 'Joyful Spirits of the Universe' (Official Video) [Gondwana Records]


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