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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von London Grammar, Son Lux und Paul McCartney

Die Neuheiten der Woche im Überblick. Mit dabei sind u. a. London Grammar, Paul McCartney, Son Lux, Low Island, Cory Hanson, Der Plan, Norah Jones, AJ Tracy und Andy Stott.

Von: Angie Portmann

Stand: 16.04.2021 10:00 Uhr

Paul McCartney ist bei Jimmy Fallon zugeschaltet, um sein neues Album III vorzustellen | Bild: picture-alliance/dpa

London Grammar - Californian soil

„Californian Soil“, das dritte Album von London Grammar wird vermutlich, ebenso wie die beiden Vorgänger, ganz oben in den britischen Charts landen. Denn auch auf „Californian Soil“ trifft die imposante, sehr variable Stimme von Hannah Reid auf die eleganten Beats, die dezenten Synthie-Flächen, die ihre beiden Bandkollegen vor ihr wie einen roten Teppich ausbreiten. Das erinnert manchmal an 90’s Trip Hop, manchmal sogar an melancholisch-sanften Electro Pop a la Cocteau Twins.

Kennengelernt haben sich die drei an der Uni von Nottingham, von dort kommen übrigens auch die Sleaford Mods. Beide verbindet die Wut – wenn gleich London Grammar ihre Wut unter einem Mäntelchen orchestralen Schönklangs verstecken. Aber Songs wie „Lord it’s a feeling“ können durchaus eine textliche Wucht entfalten, Songschreiberin Hannah Reid geht es hier nicht nur um die Abrechnung mit einem manipulativen Ex-Lover, sondern auch mit der immer noch von Männern dominierten Musikindustrie. Die Zeile „I saw the way you made her feel like she should be somebody else“ … einer Person das Gefühl geben, sie müsse sich erst ändern, um perfekt zu sein …. das kann eine Liebes- wie eine Geschäftsbeziehung betreffen. Diese Unverschämtheiten will sich Hannah Reid nicht mehr gefallen lassen, „Californian soil“ sei ein feministisches Statement. Sagt nicht nur Hannah Reid, sondern auch ihre beiden männlichen Mitmusiker. „Hannah ist begabt, wunderschön und eine wunderbare, unterschätzte Songwriterin. Wenn sie Angst hat, dann ist es unsere Aufgabe, da zu sein, um sie zu unterstützen.“ So Keyboarder Dot Major. Aus der ehemals schüchternen Indie-Pop-Band ist eine selbstbewusste, emanzipierte Breitwand-Pop-Band geworden. Hier ist alles Hochglanz, die Songs, der Sound, die sehr zeitgemäße Post-„#metoo“-Haltung. Damit könnten die drei Briten große Stadien füllen, wenn man sie denn lassen würde. (7,8 von 10 Punkten)

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London Grammar - All My Love (Official Visualiser) | Bild: LondonGrammarVEVO (via YouTube)

London Grammar - All My Love (Official Visualiser)

Son Lux - Tomorrows III

Der in LA lebende Ryan Lott und seine Mitstreiter, die beiden New Yorker Musiker Rafiq Bhatia und Ian Chang, arbeiten hier weiter an der musikalischen Apokalypse. Vertonen mit ihren düsteren, digitalen Klangexperimenten den nächsten Science-Fiction-Hype. Klingen mal dunkel-schleppend wie Portishead, mal pathetisch wie Woodkid. Futuristische Avantgarde, die sich keine KI, sondern zum Abschluss dieser Trilogie (die im Juli auch physisch erscheint) noch weitere menschliche Stimmen ins eigene, sehr experimentelle Klanguniversum geholt hat. Wir hören Ryan Lott u.a. im Duett mit Kadhja Bonet, Holland Andrews und der kalifornischen Sängerin und Songwriterin Kiah Victoria. Es geht, auch das gerade ein omnipräsentes Thema, um Identität und deren Neudefinition. Dazu nimmt Ryan Lott schon mal einen Song aus Teil 1 und lässt ihn auf Teil 3 dieser Trilogie in neuem Gewand wieder auftauchen, und zwar als Duett mit Kadhja Bonet. Soulfule Balladen prallen hier auf abstrakte elektronische Improvisation. Weird und auch auf Teil 3 ziemlich faszinierend. (7,8 von 10 Punkten)

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Son Lux — "A Different Kind of Love" (Official Video) | Bild: Son Lux (via YouTube)

Son Lux — "A Different Kind of Love" (Official Video)

Paul McCartney - McCartney III Imagined

Aktuelle Musiker*innen von St. Vincent über Beck, Damon Albarn bis Anderson.Paak haben die Songs des letzten McCartney-Solo-Albums “III” (erschienen im Dezember 2020) gecovert bzw. in ihrem Sinne reinterpretiert. Das klingt erstaunlicherweise, trotz der Heterogenität der von McCartney ausgewählten Künstler, relativ homogen. Es orgelt sanft, der Groove könnte nicht geschmeidiger sein. Nur wenige Stücke fallen etwas aus der Reihe, Ed O’Brien und Paul Epworth z.B. und viell noch Josh Homme. Aber deren Songs sind auch auf dem Original relativ rockig. Eingefleischte Paul McCartney-Fans mögen mir verzeihen, aber etliche Songs hier haben tatsächlich noch gewonnen. Klingt das Macca-Original von „Pretty Boys“ z.B. noch sehr reduziert, wird es in der Neuinterpretation von Khruangbin zum psychedelischen Groove-Monster. Oder der Gospel-Soul von Blood Orange, der „Deep down“ noch soulfuler klingen lässt. Dazu Phoebe Bridgers tolle Stimme, die dem beatlesken „Seize the day“ einen wunderbaren neuen Folk-Anstrich verpasst. Tolle Auswahl, Sir Paul. (7,8 von 10 Punkten)

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Pretty Boys | Bild: Paul McCartney - Topic (via YouTube)

Pretty Boys

Low Island - If you could have it all again

“Who are you and what do you stand for?” …auf ihrem Debüt „If you could have it all again” ziehen Low Island Bilanz und stellen ständig unbequeme Fragen. Was tun, wenn die Liebe sich verabschiedet? Die 20’s vorüberziehen und man es in den Augen der anderen immer noch nicht „geschafft“ hat? Wo stehen wir, im Leben, in der Musik? Ein nachdenkliches Album voller Fragen und Geschichten von Fehlschlägen und enttäuschten Hoffnungen – nicht ohne im letzten Song mit dem Wort „hope“ zu enden. Low Island, das sind Sänger Carlos Posada, Gitarrist Jamie Jay, der Jazz-Schlagzeuger Felix Higginbottom und Bassist Jacob Lively. Die vier hatten sich Anfang 2020 zum Musikmachen nach Frankreich abgesetzt, eine Scheune angemietet und angefangen aufzunehmen. Lockdowntechnisch perfekt getimt. Der dort aufgenommene Sound pingpongt zwischen nervösem Postpunk und vertrackten Dance-Grooves. Hot Chip und Caribou lassen grüßen. Balladen können sie natürlich auch, diese Low Islands, der neueste britische Export-Schlager in Sachen indielastigem Elektro-Pop. Mal lässig croonend, mal direkt auf die Tanzfläche schielend. Hier bleiben keine Wünsche offen. Das Einzige, was man dem Art-Pop-Quartett evtl. vorwerfen könnte, ist, dass sie musikalisch so schwer greifbar sind. (7,9 von 10 Punkten)

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Hey man, | Bild: Low Island - Topic (via YouTube)

Hey man,

Cory Hanson – Pale horse rider

Flashbacks hat man ja heutzutage beim Anhören neuer Platten ständig - bei Cory Hanson musste ich z.B. sofort an Mercury Rev denken. Der Wand-Frontmann beginnt sein zweites Solo-Album „Pale horse rider“ ähnlich psychedelisch verspult. Gefolgt von sehr berührender Americana a la Kevin Morby. Reduziert, ruhig und atmosphärisch wie im Fall von „Angeles“, „Limited Hangout“ oder dem Titelsong „Pale horse rider“, der früher oder später, klassisch countryesk, die Ankunft des Teufels verspricht. Kein Wunder, wurde das Album auch in der kalifornischen Wüste aufgenommen, in einem Haus umgeben von riesigen psychotropen Kakteen. (8 von 10 Punkten)

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Cory Hanson "Pale Horse Rider" (Official Music Video) | Bild: Drag City (via YouTube)

Cory Hanson "Pale Horse Rider" (Official Music Video)

Der Plan – Save your software

Welche psychotropen Pflanzen waren wohl bei Der Plan im Spiel - als sie Mitte der 1980er Jahre die Idee hatten, sich als Mensch-Maschinen (Projektname „Fanuks“) unsterblich zu machen?

Moritz Reichelt, Kurt Dahlke und Frank Fenstermacher waren in den 1980ern mit ihrer Band Der Plan Wegbereiter der Neuen Deutschen Welle. Experimentierfreudige Dilettanten, Liebhaber von skurrilen Küchengeräten und Kinderliedern, die mit minimalsten Mitteln Synthiepop produzierten, dadaistisch und niemals humorfrei. Damals veröffentlichten die drei nicht nur NDW-Klassiker wie „Geri Reig“ oder „Normalette Surprise“, sondern arbeiteten auch an einem Roboterprojekt, das sie selbst ersetzen sollte. Die sogenannten „Fanuks“ funktionierten allerdings nicht wie gewünscht. Ein erster Prototyp mit dem hübschen Namen „LP3“ musste wegen eines irreparablen Knies ausrangiert werden, so die Sage. Zwei Jahre später löste sich die Band auf. Die Musik, die eigens für das Roboterprojekt produziert worden war, wurde nie veröffentlicht. Die Fanuks-Tapes gerieten in Vergessenheit. Bis sie durch eine durch die Coronakrise ermöglichte Inventur des Bandarchivs wiederentdeckt wurden. Dazu kamen musikalische Skizzen aus dem Jahr 1989, die 2020 neuaufgenommen wurden und fertig war ein neues Plan-Album. Frei nach dem Motto: Forget your irony, forget your fake ID – es lebe Der Plan. (7,6 von 10 Punkten)

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Der Plan - Copy Copy Machine | Bild: Bureau B (via YouTube)

Der Plan - Copy Copy Machine

AJ Tracey - Flu game

Der Sohn einer walisischen Sozialarbeiterin und eines Londoner Rappers hat gerade einen extrem guten Lauf und etliche Singles in den britischen Charts. AJ Tracey aus Westlondon heißt eigentlich Ché Grant, benannt nach der Revolutions-Ikone Ché Guevara, seine Musik hat allerdings so gar nichts revolutionäres an sich. Neben poppig-luftigen UK-Garage und smoothen R’n‘B-Schleichern mit säuselnden Latino-Gitarren finden sich auf dem neuen Album von AJ Tracey aber auch einige eher düstere Grime-Tracks. Düster ist auch die Stimmung von AJ Tracey, er vergleicht das Album mit Michael Jordan, dem legendären Basketballspieler, der selbst mit einer schlimmen Lebensmittelvergiftung weiterkämpfte und seiner Mannschaft, den Chicago Bulls, den Meisterschaftstitel sicherte. Auch wir erleben gerade harte Zeiten, so AJ Tracey, aber auch da ginge es immer darum, sein Bestes zu geben. Unterstützt von Featuregästen wie Mabel (Tochter von Neneh Cherry), Kehlani, T-Pain, MoStack und Millie GoLightly ist das Album dann auch durchaus „on point“, für meinen Geschmack aber zu offensichtlich abgeschliffen und auf die Charts hin produziert. (7,5 von 10 Punkten)

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AJ Tracey - Little More Love | Bild: AJ Tracey (via YouTube)

AJ Tracey - Little More Love

Andy Stott – Never the right time

Hier wurde nichts abgeschliffen, keine Kanten glattgebügelt, Andy Stott-Alben sind mittlerweile wie Rohdiamanten, scharf und dunkel. Lässt man sich darauf ein, taucht man ab in eine geheimnisvolle, wunderschöne Welt der Entschleunigung, begegnet Dubstep und Ambient, Field recordings und akustischen Instrumenten. Aber auch der seltsam entrückten Stimme seiner ehemaligen Klavierlehrerin Allison Skidmore. (7,9 von 10 Punkten)

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Andy Stott - Never The Right Time (Full Album) | Bild: Love Collective II (via YouTube)

Andy Stott - Never The Right Time (Full Album)


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