Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Kruder & Dorfmeister, Lambchop und Marika Hackman

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Neue Platten gibt's unter anderem von Yukon Blonde, Quakers, Aesop Rock, Marika Hackman, Lambchop, Nels Cline Singer, Brian Eno, Kruder & Dorfmeister, der Star Feminine Band und Aya Nakamura.

Von: Matthias Hacker

Stand: 12.11.2020

Quakers – II: The Next Wave
| Bild: Stones Throw Records

Yukon Blonde - Vindicator

Die Kanadier haben wieder wohlig warmen Indierock geschrieben, gerade richtig für die kalten Novembernächte. Sie sind trotz ihres Namensbezugs zum großen Yukon River schon lange nicht mehr auf naturverbundenen Folkrock festgelegt. Schon auf den Vorgängern haben sie sich im Songwriting ausprobiert und vielschichtigere Melodien entwickelt. Vindicator macht da weiter. Aufgenommen haben sie es im Proberaum, die Gesangsspuren auch mal in einem Schlafzimmerschrank eingesungen oder in ner alten Hütte auf einer Insel geübt. Diese Experimentierfreude und der Macher-Spirit spiegeln sich auch im Sound wider. (7,8 von 10 Punkten)

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Yukon Blonde - Your Heart's My Home (Lyric Video) | Bild: Yukon Blonde (via YouTube)

Yukon Blonde - Your Heart's My Home (Lyric Video)

Quakers – II: The Next Wave

Wenn Geoff Barrow Musik macht, dann wird diese richtig gut und wegweisend - und er macht viel Musik. Er ist ein Tausendsassa. Er war das musikalische Mastermind bei Portishead, er hat zuletzt super Platten mit seinem Projekt beak veröffentlicht, und vor acht Jahren hat er mit seinen beiden Producerkollegen Supa K und 7STU7 die HipHop-Crew Quakers ins Leben gerufen, deren Debüt zurecht von allen gefeiert wurde. Jetzt folgt der zweite Streich der Quakers. “II - The Next Wave” ist thematisch – so sagen sie es selbst – ein Manifest für Aktivisten. Auf die kongenialen Samples und Beats des Produzententrios rappen renommierte MCs wie Sampha The Great oder Black Opera. Themen sind US-Politik, Waffengesetze, Black Empowerment und alles was gerade sonst noch den US-MCs politisch unter den Nägeln brennt. Im Ergebnis: Politischer Conscious Rap auf herrlich athmosphärische Samples. Keiner der 33 Tracks der neuen Quakers Platte ist länger als 3 Minuten. Aber alle 33 Songs bieten neue Ansätze, Referenzen und Ideen. Ein HipHop-Album erster Güteklasse. Textlich ist es politisch und thematisch ist es aktuell aus der Zeit heraus geboren, musikalisch weist es – wie immer bei Geoff Barrow – in die Zukunft. (9 von 10 Punkten)

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Quakers feat. Sampa the Great - Approach with Caution | Bild: Stones Throw (via YouTube)

Quakers feat. Sampa the Great - Approach with Caution

Aesop Rock – Spiritual World Field Guide

Vorsicht, es besteht Verwechslungsgefahr. Es geht nicht um ASAP Rocky, den US-Rapper, der in Schweden ins Gefängnis musste und damit sogar eine kleine diplomatische Krise ausgelöste. Das ist Aseop Rock. DER kommt aus der New Yorker Underground-Szene, lebt schon lange in Portland und steht für klugen, sozialkritischen, aber durchaus aggressiven Alternative-Rap. Sein neues Album heißt und ist ein „Spritual World Field Guide“. Gleich zu Beginn verspricht der Erzähler, dass wir nun auf eine transzendentale Reise gehen. Was dann folgt ist ein extrem gutes Rapalbum. Auf Oldschool-Beats und spacige Sounds rappt Aesop Rock eine hypnotische Line nach der anderen. Spritual World Field Guide ist genauso abgedreht, aberwitzig und herrlich kreativ wie Hitchers Guide to the Galaxy. Aesop Rock ist sozusagen der Douglas Adams des Rap. Es tauchen an allen Ecken und Enden Monster und Gespenster auf. Ein US-Journalist hat vor Jahren festgestellt, dass Aesop Rock unter allen US-RapperInnen das größte Vokabular benutzt. Mit Spiritual World Field Guide kommen da jetzt noch einige Highlights und Neuschöpfungen hinzu. Mir fällt zu dieser Platte nur ein Wort ein und zwar: Anhören! (8,8 von 10 Punkten)

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Hands On: Aesop Rock - Spirit World Field Guide | Bild: Rhymesayers Entertainment (via YouTube)

Hands On: Aesop Rock - Spirit World Field Guide

Marika Hackman – Covers

Ihr 2017er Album ist eins der besten Indierock-Alben der letzten 5 Jahre. Auch Hackman hatte während Corona viel Zeit, die sie für dieses Coveralbum genutzt hat. Der Titel ist auch schlicht „Covers“. Ihre Versionen sind eher introvertiert und beklemmend und spiegeln ihre Stimmung im britischen Lockdown wieder. Sie hat sich ausschließlich ihrer absoluten Lieblingslieder angenommen. Lieder, die sie eh schon auswendig kann und die nach wie vor bei ihr rauf und runter laufen. Das sind Songs wie Playground Love von Air – berühmt geworden durch den Sofia Coppola Film „Virgin Suicides“, das ist ein Cover von Grimes, All Night von Beyonce oder Between The Bars von Elliott Smith. Mir gefällt Covers deswegen so gut, weil es nicht nur neue Versionen bekannter Lieder sind, die Hackman covert. Es ist auch eine neue, andächtigere Version von Marika Hackman selbst. (8 von 10 Punkten)

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Marika Hackman - Realiti | Bild: Marika Hackman (via YouTube)

Marika Hackman - Realiti

Lambchop - TRIP

Auch Lambchop stellen ihr erstes Coveralbum vor. Bei Frontmann Kurt Wagner war die Idee allerdings schon vor Corona geboren. Schon im Dezember 2019 holte Wagner die ganze Band zu sich nach Nashville. Jedes Bandmitglied durfte einen Song mitbringen, den die Band dann covert. Pro Tag sollte ein Song entstehen. Die Band entschied sich für Lieder von The Supremes, George Jones, Stevie Wonder, Wilco und The Mirrors. Auch ein bisher unveröffentlichtes Stück des Yo La Tengo Bassisten wählten sie aus. Im Vergleich zu Marika Hackman ist die Auswahl ungewöhnlicher, exquisiter und ja, sagen wir wie es ist: älter. Man merkt dann doch, dass die Lambchop-Mitglieder ein älteres Baujahr sind.  Hier mag ich die ruhigen, lambchoppigen Versionen etwa von Wilcos Reservations. (7,5 von 10 Punkten)

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Lambchop - Reservations (Official Audio) | Bild: Lambchop (via YouTube)

Lambchop - Reservations (Official Audio)

Nels Cline Singers – Share The Wealth

Apropos Wilco: Bevor Gitarrist Nels Cline 2004 bei Wilco einstieg, veröffentlichte er schon Platten mit seinem Trio Nels Cline Singers. Wegen Wilco wurden die Singers dann zum Nebenprojekt, aber Cline hat kontinuierlich nebenher Platten veröffentlicht. „Share The Wealth“ ist das erste Album in sechs Jahren und bietet wieder den typischen rockigen Freejazz-Stil der Band, zwischendurch aber auch mal mit smootheren Cool-Jazz-Stellen und hypnotischen Gitarrenloops. Nicht vom Namen täuschen lassen. Bei den Nels Cline Singers singt niemand, alles ist instrumental. (8,5 von 10 Punkten)

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The Nels Cline Singers - Segunda | Bild: Blue Note Records (via YouTube)

The Nels Cline Singers - Segunda

Kruder & Dorfmeister – 1995

Das große Highlight der Woche ist die neue Platte von Kruder & Dorfmeister. Es ist sozusagen ihr Debütalbum – nach 25 Jahren. Peter Kruder und Richard Dofmeister hatten zwar LPs, aber eben nicht mit eigenem Material, sondern nur Mixes und Remixes auf DJ Kicks oder ihren K&D Sessions. Zum 25-jährigen Jubiläum ihrer ersten und einzigen Maxi trafen sie sich seit 2018 wieder intensiver, tourten und kramten die alten Aufnahmen von 1995 wieder hervor. Das ist Downtempo und Triphop at its best. Daneben klingen viele tolle Einflüsse wie Brasil, BossaNova, Dub, auch mal BigBeat und am Ende Drum n Bass an. K&D sagen, dass es sich jetzt einfach richtig angefühlt hat, die Platte raus zu bringen. Das tut es. 1995 hätte schlecht altern können, aber Kruder und Dorfmeister beweisen hier, wie gut ihr Stil war, bevor er durch massenhafte Genre-Sampler verwässert wurde. Nachtmix Kollege Ralf Summer hat Kruder und Dorfmeister interviewt. Sein langes Stück über die neue Platte und Sampling in Zeiten von Shazam gibt’s nachzulesen auf der Seite bayern2.de zündfunk . (8,5 von 10 Punkten)

Zündfunk-Klicktipp:

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Kruder & Dorfmeister - Johnson (Official Video) | Bild: Kruder & Dorfmeister (via YouTube)

Kruder & Dorfmeister - Johnson (Official Video)

Brian Eno – Film Music 1976 - 2020

Brian Eno hat seine wichtigsten Soundtracks und Filmmusikarbeiten auf eine neue Compilation gepackt. Darunter finden sich unter anderem „Deep Blue Day“ aus der Toilettenszene in „Trainspotting“, das elegisch „Prophecy Theme“ aus der David Lynch Verfilmung von „Dune – der Wüstenplanet“,oder auch das fantastische Blood Red aus der Doku „Arena“ über den Künstler Francis Bacon. Das ist eins der sieben bis dato unveröffentlichten Stücke auf der Compilation. Die Scores sind zum Teil so intensiv, dass man eigentlich gar keine Bilder mehr braucht, um den Thrill zu spüren. Ein guter Einblick in das cineastische Arbeiten Brian Enos. Die Platte erscheint digital, ist er im Januar auch als CD und Vinyl verfügbar. (8 von 10 Punkten)

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Brian Eno - Decline And Fall (From "O Nome da Morte") | Bild: BrianEnoVEVO (via YouTube)

Brian Eno - Decline And Fall (From "O Nome da Morte")

Star Feminine Band – Star Feminine Band

Die Star Feminine Band kommt aus einer abgelegenen Region im Nordwesten des Benin. Es ist eine Gruppe junger Mädchen im Alter zwischen neun und fünfzehn Jahren. Ein Profimusiker hat übers Radio angeboten, kostenlose Musikstunden zu geben und hat dann mit seinen Schülerinnen die Band gegründet. Es war sein ausdrückliche Ziel, die jungen Mädchen im Land zu pushen. Mittlerweile ist die Girlband der ganze Stolz einer ganzen Region. Zu Recht. Sie spielen eine energetische Mischung aus Garagen-Rock, Psychedelic und Pop, kombinieren dazu aber traditionelle Einflüsse ihrer Heimat. Der Benin steht ja für Afrofunk und Cavacha-Musik - allerdings fast ausschließlich von Männern gespielt. Jetzt übernehmen die Mädchen der Star Feminine Band. (7,5 von 10 Punkten)

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STAR FEMININE BAND - FEMME AFRICAINE (OFFICIAL) | Bild: Born Bad Records (via YouTube)

STAR FEMININE BAND - FEMME AFRICAINE (OFFICIAL)

Aya Nakamura – Aya

Es geht glech weiter mit französischsprachiger Afropopmusik und weiblichem Empowerment. Das ist nämlich auch die Message der Sängerin Aya Nakamura. Sie ist in Mali geboren, als Kind nach Frankreich in die Banlieus von Paris gezogen und mittlerweile nicht mehr nur in Frankreich ein Star. Sie mischt Afrobeat und RnB, gern auch mal mit Tropical Einflüssen. In der Single Jolie Nana singt sie „You are a pretty gal – Jolie Nana“. (ohne Wertung)

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AYA - 13.11.2020 - NOUVEL ALBUM | Bild: Aya Nakamura (via YouTube)

AYA - 13.11.2020 - NOUVEL ALBUM


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