Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von K.I.Z., Main Concept, black midi und Mustafa

Die Neuheiten der Woche im Überblick. Mit dabei sind u. a. Solomun, K.I.Z., UV-TV, Main Concept, Mustafa, Moby, black midi, A.G. Cook, Flowerpornoes und Ozan Ata Canani...

Von: Thomas Mehringer

Stand: 27.05.2021

Cavalcade  - black midi | Bild: Beggars Group

UV-TV – Always Something

Die New York Times hat eine Liste veröffentlicht mit der Überschrift “Frauen machen dieser Tage die beste Rock Musik” - in der Liste finden wir auch die New Yorker Band UV-TV wieder. Das Trio um Sängerin und Gitarristin Rose Vastola kommt vom Punk, hat aber keine Angst davor, Pop-Melodien in ihre Songs zu packen. Jetzt erscheint mit “Always Something” ihr drittes Album, eines, das sich weit zurück in die 90er und manchmal auch in die 80er teleportiert. Die Band verehrt The Jesus And Mary Chain genauso wie Johnny Marr von The Smiths. Mit den Parquet Courts und den Screaming Females waren sie vor der Pandemie schon auf Tour. Ich hoffe sehr, dass UV-TV nach Corona auch nach Bayern kommen. Die neue Platte macht richtig Lust, dieses Power-Pop-Trio live zu sehen. (7,2 von 10 Punkten)

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Always Something | Bild: UV-TV - Topic (via YouTube)

Always Something

Solomun – Nobody is not loved

Wenn es als DJ und Produzent gut läuft, musst du keine Alben veröffentlichen. Bester Beweis: Solomun, der in Hamburg aufgewachsene Bosnier, der mittlerweile in Luxemburg lebt. Vor elf Jahren kam sein Debütalbum raus. Mit Mixes und einzelnen Tracks hat sich Solomun in den letzten Jahren zu den besten DJs und Remixern gemausert, die es auf dem Planeten gibt. Ich als Gamer bin Fan von ihm, seitdem er in GTA Online aufgelegt hat. Jetzt erscheint sein zweites Album und zwar ein hochkarätig besetztes: “Nobody is not loved” heißt es und hat Hollywoodstars wie Jamie Foxx als Gäste zu bieten, genauso wie die Poetin Anne Clark und die Newcomer Isolation Berlin. Solomuns Tracks biedern sich den Gästen nicht an, sie geben ziemlich klar vor, wo es hingehen soll. So sticht auch kein Track aus diesem clubigen Album raus - was es alles in allem zu einer formidablen Platte macht, keiner exzellenten, aber Solomuns Platz ist eh nicht auf den heimischen Bluetooth-Lautsprechern, sondern in den Clubs und großen Festivals dieser Welt. (7,4 von 10 Punkten)

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Solomun - Home (Official Video) | Bild: Solomun (Official) (via YouTube)

Solomun - Home (Official Video)

A.G. Cook – Apple Vs. 7G

Alexander Guy Cook ist der Gründer des Londoner PC Music-Labels. Mit seinem Label und seinem Alter Ego A. G. Cook ist er 2013 in See gestochen, um sozusagen Amerika zu entdecken - nur ist in diesem Fall Amerika ein Synonym für den Pop der Zukunft. Letztes Jahr hat A. G. Cook mit “7G” und “Apple” zwei Debütalben veröffentlicht, Songs aus diesen beiden Platten remixen jetzt befreundete Künstler*innen, die sich Cook bei seiner Suche nach Amerika angeschlossen haben: Caroline Polacheck, Charli XCX oder Hannah Diamond. Gemeinhin erwartet man ja, dass Remixe noch eines draufsetzen, da das aber bei den Originalen fast schon nicht mehr möglich ist, wird hier meist sehr fein dekonstruiert. Raus kommen dabei Songs, die ganz klar auf dem Kompass anzeigen: Amerika ist nicht mehr weit. (7,8 von 10 Punkten)

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A. G. Cook - Silver vs. Silver | Bild: ARTIFICIAL BLOOM (via YouTube)

A. G. Cook - Silver vs. Silver

black midi – Cavalcade

Ich versuche mal die Musik von black midi in ein Bild zu packen: Stellen wir uns eine Person vor, die sich anzieht, aber nicht erst Unterhemd, Shirt, Pullover, sondern hier kommt erst der Pullover, Unterhemd drüber, Shirt, dann nochmal ein Shirt, nochmal eines, und dann vier Pullover - und diese Person im Schichtenlook tanzt dann wild. Das ist das eine Bild, das man dieser Punkband aus London geben kann, oder man folgt dem Titel ihres zweiten Albums: “Cavalcade”, das heißt so viel wie Reiterzug. Und von dem fühlt man sich beim Hören überrollt. Mit einer Ausnahme: dem stringenten und wunderschönen Song “Marlene Dietrich”. Sie können nämlich auch dezent und ohne Krachschichten, wenn sie denn wollten - aber gut, dass sie nicht wollen. (8,2 von 10 Punkten)

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John L | Bild: Black Midi - Topic (via YouTube)

John L

K.I.Z. – Rap über Hass

Ich komm nicht aus der Eastside, nicht aus der Westside, Bruder, ich komme aus der Steinzeit” - diese Zeile aus dem neuen Album “Rap über Hass” fasst das Werk von K.I.Z., den Kannibalen in Zivil, gut zusammen: Während die Gesellschaft und auch K.I.Z. mit Jan Böhmermann diskutieren, ob man diskriminierende Wörter wie das N- oder Z-Wort noch sagen soll, nutzen sie gleichzeitig das Wort “schwul” immer noch als homophobes Schimpfwort. Brutale politische Inkorrektheit gehören auch 2021 noch zu den Stilmitteln von K.I.Z.. Ein Stilmittel das - zugegeben - oft schwer zu ertragen ist. Nicht selten hört man in den Songs auf “Rap über Hass” 50 Prozent Hass-predigenden, frauenverachtenden Straßenslang, 45 Prozent Ironie und dann kommen aber die 5 Prozent, die K.I.Z. stabil im linken politischen Spektrum verorten. Das Album beginnt mit einem Zitat aus einer Bundestagsrede eines AfD-Politikers, der sich über K.I.Z. echauffiert. Und wenn ein AfD-Abgeordneter zu politischer Korrektheit aufruft, dann haben die Kannibalen in Zivil alles erreicht, was sie erreichen wollten. (6,8 von 10 Punkten)

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K.I.Z - MEHR ALS NUR EIN FAN (OFFICIAL VIDEO) (prod. by Drunken Masters x Nico K.I.Z) | Bild: K.I.Z (via YouTube)

K.I.Z - MEHR ALS NUR EIN FAN (OFFICIAL VIDEO) (prod. by Drunken Masters x Nico K.I.Z)

Main Concept – 3.0

„3.0“ von Main Concept hat nichts mit Trap, Mumble Rap oder sonstigen neuen Strömungen im HipHop zu tun: Main Concept aus München feiern ihr 30-jähriges Jubiläum mit dem 90er Sound, den sie selbst entscheidend mitgeprägt haben. Wir hören Boombap-Beats, Reggaetunes und David P in Bestform. “3.0” heißt das Jubiläumsalbum von Glammerlicious, DJ Explizit und David P. Letzterer praktiziert ja als Arzt am Münchner Goetheplatz und impft auch gerade fleißig. Mit tollen Tracks wie “Righteous Lyricist” setzt er sich und Main Concept auch als Hip-Hop-Crew selbst ein Denkmal - wer Fragen zu Haltung, Style und Flow hat, muss nur diesen Song hören. Und am Ende des neuen Albums gibt’s dann auch einen Freestyle mit den alten Weggefährten Samy Deluxe und Roger Rekless, aufgenommen auf der Hamburger Reeperbahn. (7,8 von 10 Punkten)

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MAIN CONCEPT - Der Ich Bin | Bild: 58Beats (via YouTube)

MAIN CONCEPT - Der Ich Bin

Flowerpornoes – Morgenstimmung

Ja, ich habe einen Softspot für die Flowerpornoes, für die Stimme und Texte von Tom Liwa. Dem Mann, dem viele Unwissende eine esoterische Schlagerhaftigkeit vorwerfen, der aber vor allem nur eines ist: Rogn Rohl - wie Sven Regener immer so schön sagt. Und am meisten Rock ‘n’ Roll ist bei Liwa immer mit seiner Band, den Flowerpornoes. Neu ist, dass die Band jetzt komplett auf Eigenvertrieb umgestellt hat, seit dem letzten Album 2020 wird alles nur noch bei bandcamp.com vertrieben, Spotify und Amazon werden das Album nicht in die Finger kriegen, lassen sie uns wissen. Eine neue Freiheit, die man auch hört. Und ja, Liwas Texte sind durchaus naturgetrieben spirituell, aber die Band heißt nun mal Flowerpornoes und nicht Steingartenpornoes. Und mit ihnen ist auch 2021 zu rechnen. (6,9 von 10 Punkten)

Ozan Ata Canani – Warte mein Land, warte

Ozan Ata Canani ist heute 57 Jahre alt, lebt in Leverkusen und er war das erste Gastarbeiterkind, das Songs auf Deutsch und Türkisch komponiert hat. Jetzt kommt sein Debütalbum “Warte mein Land, warte” - ein spätes Debüt, aber ich bin sehr froh, dass es noch geklappt hat. Der Impuls dazu kam aus München: „2013 habe ich einen Anruf bekommen. Da scherzt aber jemand mit mir, dachte ich. Nach 35 Jahren ruft dich einer an. Die haben mich dann ins Musikleben reingebracht bzw. zurückgeholt: Imran Ayata und Bülent Kullukcu. Das Lied erschien dann auf dem Trikont Verlag: „Songs Of Gastarbeiter“. Volume 2 kommt im Herbst. Zum 60. Jahrestag, wo die Türken nach Deutschland kamen“. Mit der Compilation “Songs Of Gastarbeiter” von Trikont fing also alles an, jetzt erscheint das Debütalbum von Ozan Ata Canani, und das hat die Energy und den Groove, wie wir es auch von Altin Gün kennen. Große Hörempfehlung in dieser Woche. (8,5 von 10 Punkten)

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Ozan Ata Canani  - Alle Menschen Dieser Erde (Offical Video) | Bild: Fun in the church (via YouTube)

Ozan Ata Canani - Alle Menschen Dieser Erde (Offical Video)

Mustafa – When Smoke Rises

Mustafa Ahmed ist 23, kommt aus Toronto, aus einer harten Ecke von Toronto, dem Regent Park. Mit 12 Jahren hat er in seiner Highschool ein viel beachtetes Gedicht geschrieben. Seine zentralen Themen: Armut und sozialer Aufstieg. Seine Eltern sind aus dem Sudan nach Kanada gekommen. Als Mustafa The Poet hat er sich fortan in Kanada einen Namen gemacht, jetzt erscheint sein Debütalbum mit der Unterstützung von Jamie XX, James Blake und Sampha. Auf “When Smoke Rises” erzählt er ergreifende Geschichten als Teil der Community im Regent Park in Toronto - aber das tut er nie ohne Hoffnung und schon gar nicht unreflektiert. Mustafa ist nicht nur ein großartiger Poetry-Slammer, sondern auch ein talentierter Song-Poet. Wer sich davon überzeugen will, muss aber das ganze Album hören, denn Hit-Singles wird man bei Mustafa nicht finden. (7,0 von 10 Punkten)

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Mustafa - Ali | Bild: Mustafa (via YouTube)

Mustafa - Ali

Moby – Reprise

Der stolze Veganer Moby hat seine größten Hits mit dem Budapest Art Orchestra neu eingespielt und er lässt Gäste wie Jim James, Gregory Porter oder Mindy Jones dazu singen. Standesgemäß erscheint das Album “Reprise” auch bei der Deutschen Grammophon. Auch wenn die neuen Versionen mit Orchester auch mal ganz schön grooven, fügt Moby seinen Signature-Songs hier wenig Neues hinzu. Liegt auch daran, dass die Gäste alle eher auf Nummer sichergehen. Nettes, kleines großes Projekt. (6,5 von 10 Punkten)

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Moby - 'Natural Blues' (Reprise Version) ft. Gregory Porter & Amythyst Kiah (Official Music Video) | Bild: Moby (via YouTube)

Moby - 'Natural Blues' (Reprise Version) ft. Gregory Porter & Amythyst Kiah (Official Music Video)


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