Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Jónsi, Róisín Murphy und Aloe Blacc

Die Neuheiten der Woche: Wir hören hinein in die frischen Werke von u. a. Jónsi, Theo Parrish, Sa-Roc, Róisín Murphy, Aloe Blacc, Jaded Hearst Club, Death Valley Girls, The Nude Party, Hello Forever und Wandl.

Von: Mattias Hacker

Stand: 01.10.2020 23:05 Uhr

Theo Parrish – Wuddaji  | Bild: Sound Signature

The Jaded Hearts Club - You’ve Always Been Here

The Jaded Hearts Club ist eine Supergroup mit namhaften Musikern in den Reihen:  Graham Coxon von Blur, daneben Matt Bellamy von Muse und noch Leute von Last Shadow Puppets, Jet und The Zutons. All diese Namen stehen für rockigen Gitarrensound. Der Jaded Hearts Club schreibt aber keine eigenen Songs, sie covern ausschließlich alte Hits – vorwiegend aus dem Bereich des Northern Soul. Darunter Hits wie „Reach Out I'll be there von The Four Tops, „I put  a spell on you“ von Screamin' Jay Hawkins oder Marvin Gayes „This Love Starved Heart Of Mine“. Prinzipiell ist das eine schöne Idee dieser Midlife-Gitarren-Boyband und sie machen sich die Songs wirklich zu eigen. Die 2-3 Minüter rocken allesamt und sind definitv neue Variationen. Aber die Platte ist auch etwas monoton und die tollen Originale verblassen bei dieser „Rock-Gleichmacherei“. (7 von 10 Punkten)

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The Jaded Hearts Club - I Put A Spell On You (Official Video) | Bild: The Jaded Hearts Club (via YouTube)

The Jaded Hearts Club - I Put A Spell On You (Official Video)

The Nude Party – Midnight Manor

Wie oft musste man den Satz schon lesen: „Sie erfinden das Rad nicht neu, ABER....“ In diesem Fall muss ich diese abgedroschene Floskel selber bemühen. Midnight Manor ist vielleicht ein unspektakuläres, aber ein grandioses Rock'n'Roll Album. The Nude Party haben live on tape im Hinterland New Yorks aufgenommen und das war die absolut richtige Entscheidung. Die Jungs harmonieren und grooven so gut zusammen, man spürt die Band-Magie und Spielfreude. Die Jungs, die sich beim Studieren in North Carolina kennengelernt haben, mukken so lässig wie der Black Rebel Motorcycle Club, besinnen sich traditionell auf den Blues wie die Stones und live on tape ist bei ihnen so viel Drive drin wie einst bei The Band in Big Pink. Das ist eine klasse Durchhörplatte und am Ende angekommen will man gleich wieder von vorne anfangen. Ob die Songs in Richtung Honky Tonk, Blues-Rock, mit Steelguitar mehr in den Nashville-Country oder zum Rockabilly neigen – ganz egal, sie sind allesamt gut. Die Platte macht großen Spaß. Auf „Easier Said And Done“ singen sie:  „Es ist leichter gesagt als getan, in einer Rock n Roll Band zu spielen“. Bei ihnen klingt es allerdings ziemlich leicht und gut: Easier Said And Done. (8,2 von 10 Punkten)

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The Nude Party - Lonely Heather [Official Video] | Bild: The Nude Party (via YouTube)

The Nude Party - Lonely Heather [Official Video]

Death Valley Girls – Under The Spell Of Joy

Nun von den saftigen Mittelgebirgen North Carolinas in die sengende Hitze des Death Valleys - diesem Wüstenstreifen im Osten Kaliforniens, wo erst im August wieder mehr als 54 Grad gemessen wurden. Nach diesem lebensfeindlichen Plätzchen haben sich die Death Valley Girls benannt. Und ja bei ihrer Musik kommt man auch ins Schwitzen. Die nölenden Gitarren, das dystopische-dröhnende Tenorsaxophon, das Schlagzeug klappert und zirpt wie eine Schlange im Gebüsch, und dazu der furztrockene Fuzz-Bass. Der verhallte Sound legt die Lieder unter einen mystischen Schleier. Beim Hören der zweiten Platte der Band aus L.A. springt sofort das Kopfkino an. „Under the spell of Joy“ ist feiner Psychrock mit deutlich weniger Hard- und Punkrockeinflüssen wie noch bei ihrem Debüt. Ein bisschen verhält es sich bei dieser Platte allerdings wie mit einem tatsächlichen Besuch im Death Valley. Man kann sich schnell darin verlieren und je länger man bleibt, umso ermüdender wird das Ganze. (7,5 von 10 Punkten)

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Death Valley Girls - "Under the Spell of Joy" (OFFICIAL AUDIO) | Bild: Suicide Squeeze Records (via YouTube)

Death Valley Girls - "Under the Spell of Joy" (OFFICIAL AUDIO)

Hello Forever – Whatever It Is

Das kann einem beim sonnigen Feelgood Iartpop der Gruppe „Hello Forever“ nicht passieren. Wir bleiben hier an der Westküste der USA, aber eher in milderen Gefilden. Bei Hello Forever klingen Surf- und Doowoopmelodien der Beach Boys an, die gerne auch mal psychedelisch werden, aber nicht so arg wie etwa bei einem Animal Collectiv. Sie spielen Strokes Riffs mit einer Brian May Gitarre, Westcoast Rock durchstrahlt von farbenfrohe Vokal-Harmonien der Beatles oder von Vampire Weekend. Es ist das reinste Referenz-Feuerwerk und strotzt nur so vor Ideenreichtum und Musikalität. Wer die Musik der Beatles, Beach Boys, Vampire Weekend oder Dirty Projectors schätzt, kommt an dieser Platte wohl nicht vorbei. (8,5 von 10 Punkten)

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Hello Forever - I'm Feeling it (Official Live Video) | Bild: Hello Forever (via YouTube)

Hello Forever - I'm Feeling it (Official Live Video)

Róisín Murphy - Róisín Machine

Die ehemalige Frontfrau von Moloko feiert ein großes Comeback. „Róisín Machine“ ist  eine zeitlose Dance- und Discoplatte. Sie kostet dabei die komplette nostaligische Disco-Palette aus: Hand-Claps, Funk-Bass und schicke Nile Rodgers-Gitarrenlicks. Wir entdecken aber genauso gut House-Stomper wie Four-To-The-Floor Beats. Wenn die Klubs schon geschlossen sind, dann kann man zu dieser Platte immerhin seine besten Tanzschritte aufs Wohnzimmer-Parkett pinseln. Im Song „Murphy’s Law“ singt Roisin Murphy noch: „Ich fühle, dass meine Geschichte noch nicht erzählt ist.“ Nach diesem Album finde ich auch, dass diese Geschichte noch nicht auserzählt ist. Übrigens: Murphys Law bedeutet in ihrem Fall nicht, dass schiefgehen wird, was schiefgehen kann. Sondern, dass getanzt wird, wo getanzt werden kann. (8 von 10 Punkten)

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Róisín Murphy - Simulation (OFFICIAL VIDEO) [HD] | Bild: PermVacRecords (via YouTube)

Róisín Murphy - Simulation (OFFICIAL VIDEO) [HD]

Jónsi – Shiver

Jónsi war die markante, ätherische Stimme der isländischen Band Sigur Ros. 2013 ist ihr letztes Studioalbum erschienen. Jónsi veröffentlicht dafür jetzt sein zweites Soloalbum. Wieso es so lange gedauert hat? Er ist längst nicht mehr nur Musiker, sondern arbeitet als interdisziplinärer Künstler in Los Angeles. Aber sobald das Album „Shiver“ startet, ist sie wieder da: diese vertraute Stimme, die gleichzeitig so weltfremd klingen kann. Im Vergleich zu Sigur Ros Songs ist „Shiver“ viel elektronischer, gleichzeitg poppig und experimentel. Es hat zwar wieder diese elegischen Passagen, aber nicht so ausgedehnt wie bei Sigur Ros. Die Musik ist nicht so sphärisch, sondern durch Beats und das Songwrtiing viel strukturierter und definierter. Die Beats sind dabei auch gern mal experimentellerer Natur wie in „Wild Eye“, dessen Intro-Beat auch aus der Feder Aphex Twins stammen könnte und mit seinen digitalen, synthetischen Sounds eher an ein kaputtes Modem oder übersteuerte Lautsprecherboxen erinnert. Er frickelt, strapaziert den Vocoder und zerfetzt Melodien. Man darf keine ruhige Sigur Ros Platte erwarten, aber dafür eine spannende Jonsi Platte. (8 von 10 Punkten)

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Salt Licorice (Official Video) Jónsi ft. Robyn | Bild: Jónsi (via YouTube)

Salt Licorice (Official Video) Jónsi ft. Robyn

Wandl - Womb

WWW: Womb vom Wiener Wandl. Auf seinem zweiten Album sammelt er dichte Sound-Skizzen mit HipHop-Einflüssen und Piano-Loops. Man spürt Großstadt-Melancholie. Ein Album zum aus dem Fenster ins nasskalte Wien schauen  Wir drinnen haben es durch die warmen Piano-Samples kuschlig warm, sie erinnern an Produzenten-Legende J-Dilla. Wandl hat ein feines Händchen für Stimmungen, Längen und Nuancen. Nicht zu unrecht feiert ihn die Plattenfirma als den „HipHop Bon Iver“. (7,8 von 10 Punkten)   

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Wandl -  Double Exposure (Official Music Video) | Bild: Wandl (via YouTube)

Wandl - Double Exposure (Official Music Video)

Sa-Roc – The Sharecroppers Daughter

Die US-Rapperin Sa-Roc hat ihr neues Album „The Sharecroppers Daughter“ getauft. Ihr Vater stammt aus einer Familie, die im rassistschen Süden eine kleine Tabakplantage gepachtet hatte, ständig konfrontiert mit Rassismus. Sie selbst sei in Washington aufgewachsen, wo gerade Reagon's War On Drugs ausgetragen wurde. Zwei unterschiedliche Autobiografien von Papa und Tochter, die aber laut Sa-Roc miteinander verbunden sind. Nicht nur durch die Verwandtschaft – sondern durch ihr Schwarzsein und die Erfahrung von Rassimus. Das thematisiert sie in Songs wie „Black Renaissance“. Sa-Roc rappt sehr straight, teilweise in Doubletime. Musikalisch sind es überwiegend Old School Beats, die aber manchmal auch etwas mehr RnB-Glamour und Melodien bekommen. Dazu kommen renommierte Gastauftritte wie von Saul Williams. (7,8 von 10 Punkten)

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Sa-Roc - Deliverance (Official Video) | Bild: Rhymesayers Entertainment (via YouTube)

Sa-Roc - Deliverance (Official Video)

Aloe Blacc – All Love Everything

Die Stimme von Aloe Blacc haben wir durch seinen  Hit „I Need A Dollar“ immer im Ohr. Seine neue Soloplatte „All Love Everything“ ist allerdings weit nicht so lässig, sondern eher der typische chartstaugliche Mix aus Mainstream, Gospelpop, Neo-Soul und R'n'B. „Alle lieben alles“ - das steht fast schon exemplarisch für die beliebigen Popsongs. Das ist besonders schade, weil Blacc nicht nur billigen Pop von der Stange kann, sondern mit dem Titelsong oder Glory Days beweist, dass er noch mehr kann. Hier trägt Aloe Blacc nämlich nicht ganz so dick auf. Das Album handelt vom Leben nach der Hochzeit: Von Kindern, Familie und dem Vatersein. Mich lassen der Heile-Welt-Kitsch und schnulzige Pop aber weitestgehend kalt. (6 von 10 Punkten)

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Aloe Blacc - Hold On Tight (Official Lyrics Video) | Bild: Aloe Blacc (via YouTube)

Aloe Blacc - Hold On Tight (Official Lyrics Video)

Deerhoof - Love-Lore

Die US-Indierock-Band Deerhoof hat überraschend ein neues Album namens „Love-Lore“ releast. Es ist schon das zweite Album dieses Jahr, aber „Love Lore“ war nicht  zeitwaufwändig, Sie haben die Platte an einem Nachmittag in New York eingespielt und die Songs sind allesamt Medleys verschiedenster Coverversionen. In den 35 Minuten haben Deerhoof angeblich über 40 Coversongs versteckt und verarbeitet. Es ist dementsprechend ein wilder Ritt, aber wer den ungewöhnlichen Wir-scheren-uns-nichts-um-Hörgewohnheiten-Sound von Deerhoof kennt, wird nicht überrascht sein. Sie covern Songs von den 50er- bis in die 80er-Jahren. Dabei sind Kraftwerk, The Police, Ornette Coleman, die Star Trek und Knight Rider Melodie, die B52's, Filmmusik von John Williams, Sun-Ra, und viele mehr. Am Ende ist es ein ziemlich diffuser Mix und nicht gerade ein Highlight der Band. (6,5 von 10 Punkten)

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Love-Lore 1 (Ornette Coleman/JD Robb/Voivod/Earl Kim) | Bild: Deerhoof - Topic (via YouTube)

Love-Lore 1 (Ornette Coleman/JD Robb/Voivod/Earl Kim)

Theo Parrish – Wuddaji

Der Detroiter DJ und Produzent Theo Parish hat für sein siebtes Album einen ungewöhnlichen Titel gewählt: Mit Wuddaji geht er auch neue Wege, was seinen Sound anbelant. Es ist ein sehr stimmungsvolles Album mit weniger Deep House und Technoanleihen, dafür kommen mehr Jazz-Noten, Disco, Funk, Broken Beat und Latin zum Zug. Es geben besonders die Percussions und ein Rhodes Piano den Ton an. (8,4 von 10 Punkten)

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Theo Parrish - Hennyweed Buckdance | Bild: soundsgroovy (via YouTube)

Theo Parrish - Hennyweed Buckdance


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