Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Jeb Loy Nicols, Sleater-Kinney und Loraine James

Die Neuheiten der Woche im Überblick. Mit dabei sind u. a. Maxi Pongratz, Micha Acher & Verstärkung, Jeb Loy Nicols, Migos, Sleater-Kinney, Red Ribbon, Fritzi Ernst, Islands, Garbage und Loraine James

Von: Angie Portmann

Stand: 10.06.2021

Cover: Loraine James - Reflection | Bild: Hyperdub / Cargo

Jeb Loy Nichols – Jeb Loy

Es ist fast 30 Jahre her, da war Jeb Loy Nichols mit „Just a visitor“ und seiner Band, den Fellow Travellers, Album des Jahres im Zündfunk. Ihr slicker Mix aus Alternative-Country und Dub war 1992 vor allem hier bei uns in Deutschland sehr en vogue. Auch die Spex war damals begeistert und hatte die Fellow Travellers auf der 1 in ihren Jahrescharts. Frappierend ist allerdings, dass die Band heute zwar auf Spotify zu finden ist, aber nur lausige 278 monatliche Hörer hat. Da hat jede windige Newcomerband aus Süd Wales mehr Fans. Okay, die Fellow Travellers haben sich 1995 aufgelöst und Jeb Loy Nichols war ab da solo unterwegs. Ich bin aber trotzdem ein bisschen schockiert. Jeb Loy Nichols, der übrigens ursprünglich aus dem US-Bundesstaat Missouri kommt, lebt seit 20 Jahren mit seiner Frau Loraine Morley auf einer Farm in Wales. Dort ist auch das unbeugsame, kapitalismuskritische Album „Jeb Loy“ entstanden. Mit Streichern und Bläsern, die auch auf einer alten (nicht der aktuellen!) Lambchop-Platte zu finden sein könnten. Country-Soul, der so entspannt daherkommt, dass man sich sofort, wie in eine Hängematte, hineinlegen möchte. Ein sehr warme, tröstliche Wiedersehensplatte, danke Jeb! (7,9 von 10 Punkten)

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Can't Cheat the Dance | Bild: Jeb Loy Nichols - Topic (via YouTube)

Can't Cheat the Dance

Maxi Pongratz, Micha Acher & Verstärkung – Musik für Flugräder

„Musik für Flugräder“ heißt die neue Platte von Maxi Pongratz, dem Kopf von Kofelgschroa, die ja gerade pausieren, und von Micha Acher. Aufgenommen haben sie „Musik für Flugräder“ zusammen mit einer siebenköpfigen Verstärkung, einer Art Bigband, bestehend aus Theresa Loibl, Agnes Liberta, Maria Hafner, Timm Kornelius, Matthias Meichelböck, Alois Schmelz und Cico Beck. Alles Namen, die man vielleicht schon mal gehört hat, wenn man Aloa Input, die Hochzeitskapelle, G.Rag & Die Landlergschwister, Zwirbeldirn, Notwist oder das Alien Ensemble kennt. „Musik für Flugräder“ ist ein sehr unspektakuläres, eher reduziertes, rein akustisches Instrumental-Album. Mit einem leichten Hang zur Melancholie, so charmant wie die Erzählung vom Leben des ein klein wenig verrückten Gustav Mesmers, dem sogenannten „Ikarus vom Lautertal“, der zu Lebzeiten unzählige Flug(fahr)-Räder konzipiert hat – die allerdings nie wirklich abhoben. Die Schönheit des Scheiterns, hier wird sie in all ihrer Pracht liebevollst illustriert. Dazu sagt Micha Acher, der hier als musikalischer Leiter fungiert, die Titel arrangiert und sechs Tracks zusammen mit Pongratz komponiert hat: „‘Musik für Flugräder‘ ist unser persönlicher Soundtrack zu den filmisch festgehaltenen Flugversuchen Gustav Mesmers. So wie dieser bei seinen Versuchen zu Fliegen niemals abgehoben ist, und dennoch das Glück des Fliegens ausstrahlte, haben wir bei den Aufnahmen den Moment festgehalten, anstatt die Perfektion zu suchen.“ (7,8 von 10 Punkten)

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Maxi Pongratz, Micha Acher & Verstärkung "Elias" (Official Video) | Bild: Trikont Unsere Stimme (via YouTube)

Maxi Pongratz, Micha Acher & Verstärkung "Elias" (Official Video)

Fritzi Ernst - Keine Termine

Schnipo Schranke waren für viele der Inbegriff der charmant-trotzigen Indie-Pop-Band, Songs wie „Pisse“ oder „Cluburlaub“ Klassiker. Nach dem Ende von Schnipo Schranke hat die eine Hälfte des Duos, Daniela Reis, zusammen mit Ehemann Ente Schulz als „Ducks on Drugs“ im vergangenen Jahr ein Album veröffentlicht. Nun ist auch das Solodebüt der anderen Schranke-Hälfte da, von Fritzi Ernst. Wie die Schnipo Schranke-Alben produziert von Ted Gaier von den Goldenen Zitronen.

Man muss vermutlich weder depressiv noch chronischer Eigenbrötler sein, um dieses Gefühl nicht zu kennen: Heute mal keine Verpflichtungen, keine Termine, nichts machen müssen, wie wunderbar! “Alle wollen was erleben. Ich könnt’ mich übergeben“. Fritzi Ernst zelebriert dieses Gefühl des bedingungslosen Cocoonings nicht nur in dem Titelsong „Keine Termine“. Auch in anderen Songs ihres Solodebüts geht es um Rückzug, um ein glücklicheres Leben außerhalb der üblichen Sozial-Routinen. Entwaffnend charmant, wenn Ernst singt: „ich war doch immer brav, Mama, darf ich zurück in meine Schlafkammer“. Musikalisch ist das Ganze vom Klavier dominiert, kein Wunder: Fritzi Ernst hat nach dem Ende von Schnipo Schranke eine Klavierbauer-Ausbildung gemacht. Aber davon abgesehen bleibt Ernst dem Schnipo Schranke-Prinzip treu. Musikalisch wie textlich unaufgeregt bis simpel, aber immer auf den Punkt. „Alle treffen sich mit Leuten / ich geh‘ nur raus zum Therapeuten“. „Keine Termine“ deshalb Depressionspop zu nennen, trifft es aber nicht unbedingt. Fritzi Ernst sieht zwar in den Abgrund, den eigenen und auch den ihres Gegenübers („Rubin“), liebt aber auch die selbstgewählte Isolation, jede Sekunde, die sie nichts machen muss. Nieder mit dem Zwang zur Selbstoptimierung. Stattdessen: Prokrastination mit Genuss! Da wippt man gerne mit. (8 von 10 Punkten)

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Fritzi Ernst - Keine Termine (Offizielles Musikvideo) | Bild: Fritzi Ernst (via YouTube)

Fritzi Ernst - Keine Termine (Offizielles Musikvideo)

Sleater Kinney – Path of Wellness

Sleater-Kinney waren in den 1990er Jahren der Inbegriff einer Riot Grrrl-Band. Laut, selbstbewusst, clever. Umgeben von einer männlich dominierten Sub- und Popkultur propagierte das Trio aus Olympia, Washington, einen neuen Feminismus, gaben ihm ein neues, glitzerndes Image. Das zehnte Album von Sleater-Kinney klingt musikalisch überraschend konventionell, erinnert manchmal fast an The Gossip. Im Gegensatz zum Vorgänger aus dem Jahr 2019: „The Center won’t hold“ war relativ experimentell, mit einem Tool-artigen Intro, bedrohlich, dystopisch. Aber für „The Center …“ hatten sich Carrie Brownstein, Corin Tucker und Janet Weiss auch mit der großartigen St. Vincent als Produzentin zusammengetan. Ihr neues Album haben die zum Duo geschrumpften Sleater-Kinney (Schlagzeugerin Janet Weiss ist 2019 ausgestiegen) jetzt zum ersten Mal selbst produziert. Und haben für „Path of Wellness“ ein rockiges Outfit gewählt. Mit unwiderstehlichen Pop-Hooks und nervös-schrammeligen Gitarren. Inhaltlich geht’s schon lange nicht mehr nur um weibliche Selbstbestimmung, sondern im weitesten Sinne um die politische und gesellschaftliche Lage in den USA. Im Video zur Single „Worry with You“ sehen wir z.B. ein Paar in einer wirklich SEHR kleinen Wohnung seinen Pandemie-Alltag meistern (oder eben auch nicht). Man nervt sich gegenseitig bis aufs Messer, wobei das Ganze auch seine komischen Momente hat. Fazit: Sleater-Kinney haben vielleicht nicht mehr die Dringlichkeit, die sie in den 1990er Jahren hatten - als feministische Role-Model fungieren mittlerweile andere - aber ihr nach wie vor cleverer, sich ständig verändernder Indie-Entwurf hat immer noch Charme und Relevanz. (7,8 von 10 Punkten)

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Sleater-Kinney - Method (Official Lyric Video) | Bild: Sleater-Kinney (via YouTube)

Sleater-Kinney - Method (Official Lyric Video)

Red Ribbon - Planet X

Red Ribbon, die rote Schleife, das ist nicht nur das weltweite Symbol der Solidarität mit HIV-Infizierten und Aids-Kranken - Red Ribbon, das ist auch die Band von Emma Danner aus LA. Ihr sanft dahingleitender Dreampop klingt 2021 vielleicht nicht wahnsinnig neu und innovativ, Red Ribbon machen ihre Sache aber ausgesprochen gut und geben dem Genre eine angenehm folky Note. „Planet X“ heißt ihr mittlerweile drittes Album, das im Vergleich zum Debüt von Red Ribbon wesentlich atmosphärischer klingt, stringenter nach Landstraße, diesem immerwährenden Sehnsuchtsort. Und so gehen wir mit Red Ribbon auf einen nächtlichen Trip durch die weite kalifornische Wüste, vorbei an den Schatten von Mazzy Star, Warpaint und  Beach House. Nicht, dass wir die Strecke nicht schon kennen würden, aber man fährt sie doch immer wieder gerne… (7,9 von 10 Punkten)

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Red Ribbon - "Planet X" (Official Video) | Bild: Danger Collective Records (via YouTube)

Red Ribbon - "Planet X" (Official Video)

Islands – Islomania

2016 wollte Sänger Nick Thorburn die Islands schon begraben, eigentlich. Er schrieb Drehbücher, Graphic Novels und arbeitete gelegentlich für die BBC. Sein Plan war, wenn, dann nur noch für andere Musik zu schreiben. Aber aus den Songs, die in dieser Zeit entstanden, wurde dann doch wieder ein neues Islands-Album, zum Glück. „Islomania“ ist jetzt das mittlerweile achte Album der Kanadier. Mit zehn kleinen, und je öfter ich das Album höre, auch einigen großen Hits zwischen Indie- und Synthie-Pop, sympathisch aufgedreht, angenehm unrund, mit hüpfenden Synthie-Sounds, schiefen Gitarren (u.a. gespielt von Mike Stroud von RATATAT), discoiden Beats und dem verklemmt euphorischen Mathe-Lehrer-Charme von Sänger Nick Thorburn. Pop mit dem gewissen Twist. I like it. (7,8 von 10 Punkten)

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Islands - Carpenter (Official Visualizer) | Bild: IslandsAreForever (via YouTube)

Islands - Carpenter (Official Visualizer)

Migos – Culture III

Man möchte es nicht glauben, aber nach Jahren (!) des Teasens kommt tatsächlich ein neues Migos-Album. Nach „Culture“ (2017) und „Culture II“ (2018) heißt das jüngste Werk des Trios aus Atlanta … genau „Culture III“. Die Migos bleiben ihrem Stil treu und setzen auf ihrem neuen Album fort, was sie mit den beiden Vorgängern begonnen haben, nämlich die Hochglanz-Version von tiefergelegtem Super-Trap-Rap. In diesem Metier sind die drei Rapper schon megaerfolgreich. Quavo, Offset und Takeoff haben in den USA schon so einiges gerissen: Multi-Platin-Verkäufe, Nr. 1-Hits, Streaming-Rekorde, Grammy-Nominierungen und … Vergleiche mit den Beatles! Eine Success-Story, von der ich zu behaupten wage, dass sie auch mit diesem Album fortgeschrieben werden wird … allein die Gästeliste spricht Bände, die drei Migos haben sich nur A-Prominenz ins Studio geholt: Drake, Justin Bieber, Cardi B und Future sind mit dabei und sogar zwei bereits verstorbene Rapper, nämlich Pop Smoke und Juice WRLD. Und wie das Trio bzw. ihre Produzenten z.B. das Temptations-Sample von „Papa was a rolling stone“ in den Song „Avalanche“ eingebaut haben, das ist schon top. Produktionstechnisch 1a-Ware -- die aber bis Sendungsbeginn nicht vollständig zugänglich war. (ohne Wertung)

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Migos - Time Fly (Audio) | Bild: Migos Studio (via YouTube)

Migos - Time Fly (Audio)

Loraine James – Reflection

Schon vergangenen Freitag ist das wirklich sehr tolle Album der britischen Produzentin Loraine James erschienen. Loraine kommt aus dem Norden Londons, aus dem gemütlichen Enfield. „Reflection“ ist experimentelle Electronica mit extrem viel Soul und etlichen interessanten Gästen wie Eden Samara und Le3 bLACK. Grime, R’n’B und Jazz verschwimmen hier zu einem schwerelos dahin floatenden Kontinuum. Nachdenkliche, sehr introvertiert wirkende Electronica für die After Hour. (8 von 10 Punkten)

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Reflection | Bild: Loraine James - Topic (via YouTube)

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