Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von den Idles, Sufjan Stevens und Marie Davidson

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von u. a. den Fleet Foxes, Idles, Sufjan Stevens, Marie Davidson, Sylvan Esso, Public Enemy, Hen Ogledd, Beverly Glenn-Copeland und Will Butler.

Von: Angie Portmann

Stand: 24.09.2020 23:05 Uhr

IDLES - Ultra Mono | Bild: PIAS

Sufjan Stevens - The Ascension

„Come run away with me, sweet remedy, sweet … fantasy” singt Sufjan Stevens im gleichnamigen Song, der, wie überhaupt das ganze Album, einen sakralen Touch hat, einer sanften Meditation ähnelt. Wir begleiten Stevens auf einer Art spirituellen Trip. Dabei driften wir auf flächigen Keyboard-Sounds durch seine experimentelle Electronica. Seine manchmal fast zerbrechlich, ja transparent klingende Stimme scheint darin ab und zu fast unterzugehen. Führt uns aber letztendlich dann doch sicher raus aus dem Dilemma, raus aus diesem kaputten Amerika, raus aus dieser Welt, die um uns herum zu zerbröckeln scheint … nach oben ;-). Das achte Album von Sufjan Stevens ist Eskapismus pur und heißt nicht umsonst „The Ascension”, die Himmelfahrt. Vielleicht brauchen wir einfach alle wieder etwas mehr Abstand zu dieser seltsamen Welt, um das Essentielle besser erkennen zu können … ? So oder so ist Sufjan Stevens mit “The Ascension” wieder ein wunderbar berührendes Album gelungen. Kosmische Indietronica von einem Außerirdischen.

Sufjan Stevens sagt dazu, „My objective for this album was simple: Interrogate the world around you. Question anything that doesn’t hold water. Exterminate all bullshit. Be part of the solution or get out of the way. Keep it real. Keep it true. Keep it simple. Keep it moving.” (8,2 von 10 Punkten)

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Sufjan Stevens - The Ascension [Official Audio] | Bild: Sufjan Stevens (via YouTube)

Sufjan Stevens - The Ascension [Official Audio]

Idles – Ultra Mono

Die Idles aus Bristol sind den Sleaford Mods schon lange ein Dorn im Auge. Ihr wütender Working-Class-Postpunk sei Fake, die Band selbst saturierte Mittelklasse-Jungs, die keine Ahnung hätten, worüber sie sängen, so Jason Williamson, der Sänger der Sleaford Mods. Ihm und allen anderen Kritikern der Band schleudert Joe Talbot, der Kopf der Idles, jetzt ein sattes „Fuck you“ entgegen: „I‘m a lover“. Und weiter: „You say you don’t like my clichés, I sloganeering and I catch phrase, I say, love is like a freeway and fuck you – I’m a lover”. Die Idles sehen sich nicht als eine politische Band im klassischen Sinne. Schon gar nicht als protestbewegte Working-Class-Aktivisten. Stattdessen geht es ihnen diesmal vor allem um „Selbst-Akzeptanz“ … wie sich im Booklet nachlesen lässt. Um eine Anleitung zur Selbstliebe. Was nicht heißen soll, dass nicht auch Themen wie Rassismus, Sexismus und toxische Männlichkeit ihren Platz finden auf diesem grandiosen Album. Diesem so wuchtig wie wütenden Postpunk-Manifest. Dringlich und immer super tight. Die Druckwelle bläst einen quasi an die Wand. Und gleichzeitig plädiert Joe Talbot für eine Taktik der Sanftheit, der Höflichkeit: „Kill them with kindness“. Denn, wie Daniel Johnston schon wusste, „True love will find you in the end“… so Talbot im letzten Stück von “Ultra mono”. Schöne neue Gitarrenwelt. (8,1 von 10 Punkten)

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IDLES - KILL THEM WITH KINDNESS (Official Audio) | Bild: IDLES (via YouTube)

IDLES - KILL THEM WITH KINDNESS (Official Audio)

Marie Davidson & L’Oeil nu – Renegade breakdown

 „Work it“ von Marie Davidson im Soulwax-Remix war 2019 mein Highlight auf dem Dancefloor. Ein zynisches Selbstoptimierungsmantra, ein Knaller, der immer und überall funktioniert hat. Deshalb war ich auch besonders gespannt auf den neuen Longplayer von Marie Davidson & L’Oeil nu, der zusammen mit ihrem Ehemann Pierre Guerineau und Asael Robitaille entstanden ist.

Als umtriebige „Working class woman“ versucht sich Marie Davidson mit „Renegade Breakdown“ neu zu erfinden. Vom stressigen Club-und Tourleben genervt hat die frankokanadische Elektronik-Musikerin technoide Klänge fast völlig gestrichen und gibt stattdessen die nachdenkliche, charmant melancholische Chanteuse. Mal ganz reduziert nur mit klassischem Besenschlagzeug, mal mit experimenteller Elektronik unterlegt, mal mit Streichern, mal eher discoid, mal an 80’s Wave erinnernd. Ein nicht uninteressantes, aber noch etwas unentschlossenes Album, das die Zerrissenheit dieser Künstlerin perfekt illustriert. Aufgerieben zwischen dunklem Dancefloor und der offensichtlichen Sehnsucht nach dem großen Songentwurf, Pop als dem ewigen Heilsversprechen für die müde Seele einer Getriebenen. (7,5 von 10 Punkten)

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Marie Davidson & L’Œil Nu - 'Renegade Breakdown' (Official Lyric Video) | Bild: Marie Davidson (via YouTube)

Marie Davidson & L’Œil Nu - 'Renegade Breakdown' (Official Lyric Video)

Sylvan Esso – Free love

„Free love“ von Sylvan Esso aus Wisconsin ist eine durch und durch sympathische Synthie-Pop-Platte, immer leicht verschroben, angenehm neben der Spur und gleichzeitig voller toller Melodien und verspielter Electronica. Man wippt, ja manchmal tanzt man sogar (z.B. beim sommerlichen  „Ferris wheel“). Man stellt sich dazu zwei ebenso grundsympathische Menschen vor. Amelia Meath und Nick Sanborn. Die beiden machen seit 2012 zusammen Musik, sind mittlerweile sogar verheiratet und haben ihr drittes Album trotzdem „Free love“, freie Liebe, genannt. Und das hat seinen Grund:  in dem Song „Frequency“ singt Meath darüber, wie es ist, sich in einen Radio DJ zu verlieben, obwohl man nur deren Stimme hört. Nachdem sich Meath dieses Jahr als bisexuell geoutet hat, bekommen Songzeilen wie „She’s the one, I swear to god“ damit eine ganz neue Bedeutung, ebenso wie der Albumtitel „Free love“. (7,8 von 10 Punkten)

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Sylvan Esso - Free | Bild: SylvanEssoVEVO (via YouTube)

Sylvan Esso - Free

Hen Ogledd – Free humans

Es pluckert sanft, die Synthies quietschen, die Welt von Hen Ogledd (walisisch für „der alte Norden“) ist ähnlich bunt und aufregend wie die der Flaming Lips. Ihre Experimentierfreude scheint schier grenzenlos zu sein, nicht einmal die Erdanziehung kann sie stoppen. Hen Ogledd machen fabelhaft durchgeknallten Pop bzw. Freak Folk, gewürzt mit Krautrock und Avantgarde. Passenderweise veröffentlichen sie ihre Alben deshalb auch auf dem Domino-Sublabel Weird World. Hen Ogledd, das ist der Freak-Folk-Experte Richard Dawson (laut Spiegel der „Miraculix des Folk“) zusammen mit dem Harfenisten Rhodri Davies, Dawn Bothwell an der Groovebox und am Glockenspiel … und Sängerin Sally Pilkington. Ihre magische Experimentalmusik mit Hang zum Absurden, sei es Weltraum-Golf oder das Monster von Loch Ness, landet dann aber doch immer wieder beim Pop, bei den großen Melodien und catchy Refrains. Ganz egal wie abgefahren das Thema des jeweiligen Songs auch ist. Über „Crimson star“ sagt Richard Dawson z.B. “'Crimson Star' is a gentle, pungent pop song about a retired entertainer looking back on their adventures during the heyday of space tourism.” (7,8 von 10 Punkten)

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Hen Ogledd - Space Golf (Official Audio) | Bild: Domino Recording Co. (via YouTube)

Hen Ogledd - Space Golf (Official Audio)

Fleet Foxes  - Shore

Die Fleet Foxes haben ihr neues Album „Shore“ ohne Vorankündigung, aber auch ohne Plattenfirma veröffentlicht, klassischer Rush-Release also.

Wir Menschen lieben es ja bekanntlich, wenn wir uns auf bestimmte Dinge verlassen können. Dinge wie den Kaffee am Morgen, den Nachtmix um 23.05 Uhr und Bands, die ihren Trademark-Sound feiern, egal was passiert. Die Fleet Foxes sind in dieser Hinsicht eine Bank. Auch ihr neues Album „Shore“ klingt zuverlässig nach dem sanften Retro-Folk- bzw. Soft-Rock der letzten Alben. Liebevollst arrangiert, Streicher, Bläser, Gitarren, Keyboard und die Stimme von Sänger Robin Pecknold, alles harmonisch perfekt aufeinander abgestimmt. Ein sanfter Abgesang auf den Sommer, den Herbst und seine Melancholie schon mitgedacht. Deshalb haben die Fleet Foxes ihre vierte Platte auch pünktlich zum Herbstbeginn rausgehauen. Pecknold über den Albumtitel: „Für mich ist SHORE ein Ort der Sicherheit am Rande von etwas Ungewissem“, „auf der einen Seite fühlt man sich von dem unbekannten Abenteuer angezogen, aber gleichzeitig ist man froh darüber, festen Boden unter den Füßen zu spüren.“ (7,5 von 10 Punkten)

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Fleet Foxes - Shore | Bild: Fleet Foxes (via YouTube)

Fleet Foxes - Shore

Will Butler – Generations

Will Butler ist Bassist bei einer der erfolgreichsten Indie-Bands unserer Zeit, bei Arcade Fire und der große Bruder des Sängers Win Butler. Aber das ist ihm offensichtlich nicht genug. „Generations“ ist jetzt schon sein zweites Soloalbum, auf dem er sich u.a. mit seinen Vorfahren und deren Einfluss auf sein Musikerdasein beschäftigt. Aber auch mit der Geschichte Amerikas und deren Impact auf seine und Amerikas Situation heute. Und sich dabei immer wieder fragt: wo steh ich in all dem Chaos? Und was kann ich, Will Butler, tun? Man muss wissen: Butler ist ein sehr politisch denkender Mensch. 2018 hat er seinen Master in Public Policy in Harvard gemacht. Aber auch er weiß keine Antworten. Zumindest finden sie sich nicht auf seinem neuen Album. Auch musikalisch ist Butler noch auf der Suche. Pendelt zwischen muskelbepackten Rave-Rock („Outta here“), weinseliger Klavierballade („Fine“) und gut gelauntem Synthie-Pop („Close your eyes“). Er hat sich bemüht, offensichtlich. Überzeugen konnte mich Butler mit diesem etwas überambitionierten Album nicht. (6,5 von 10 Punkten)

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Will Butler - Bethlehem (Official Video) | Bild: Will Butler (via YouTube)

Will Butler - Bethlehem (Official Video)

Public Enemy – What you gonna do when the Grid goes down

Public Enemy sind wieder da. „What you gonna do when the Grid goes down“ ist schon ihr zweites Album in diesem Jahr, allerdings das erste, das sie bei ihrem alten Label Def Jam veröffentlichen. Bis heute gelten Public Enemy als die Gründer und der Inbegriff des politischen HipHops – ihr Song „Fight The Power“ hat sich zur Hymne im Kampf der „Black Lives Matter“-Bewegung entwickelt.

Aber Public Enemy machen keine halben Sachen, vor allem nicht in schwierigen Zeiten wie diesen. Für ihr neues, ihr 15. Album punkten sie mit einer nicht unbedingt jungen, aber dafür super kompetenten Gästeliste. Darunter Cypress Hill, George Clinton, Ice-T, Nas und Black Thought von The Roots. Und, das freut mich besonders, Mike D und Ad-Rock von den Beastie Boys sind auch mit dabei. Zusammen haben sie den Public Enemy-Klassiker aus dem Jahr 1987, “Public Enemy No.1“ neu aufgenommen. Bombe. Aber auch frische Tracks wie „Beat them all“ oder „Grid“, Public Enemys Abrechnung mit dem Internet, laufen bei mir. Genauso wie ihre klare Haltung zu den anstehenden Präsidentschaftswahlen „Vote this joke out“ fordern Public Enemy. Natürlich ist „What you gonna do when the Grid goes down“ auch eine Zeitreise. Aber eine, die gewaltig Spaß macht. (8,1 von 10 Punkten)

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When The Grid Go Down... | Bild: Public Enemy - Topic (via YouTube)

When The Grid Go Down...

Beverly Glenn-Copeland – Transmissions

 „Transmissions“ ist eine Art Best of mit Songs, die Glenn-Copeland im Laufe seiner Karriere veröffentlicht hat. Einer sehr ungewöhnlichen Karriere von einem sehr ungewöhnlichen Künstler. Beverly Glenn-Copeland ist Musiker, Komponist und Transgender Aktivist. Schon 1947, im Alter von drei Jahren, steht für Beverly fest: ich bin ein Junge. Allerdings sollte er sich erst 55 Jahre später zu einer Geschlechtsangleichung entschließen. Einer der größten Fans von Glenn-Copeland ist Dan Snaith alias Caribou. Ohne Glenn-Copeland würde vermutlich das letzte Caribou-Album („Suddenly“) nicht so klingen wie es klingt, meint er. Die Fähigkeit von Glenn-Copeland selbst den schwierigsten Dingen und Situationen noch eine positive Seite abgewinnen zu können, hat Snaith schwer beeindruckt. Entdeckt hat er ihn auf YouTube. Der Song „Ever new“ war sein erster Kontakt. Er stammt aus dem Album „Keyboard Fantasies“ aus dem Jahr 1986. Glenn-Copeland hat davon 10 Exemplare verkauft, die restlichen 40 landeten im Schrank. Bis 30 Jahre später ein japanischer Sammler zufällig darauf stieß und die Sachen ins Netz stellte. Und ich muss gestehen, auch mich hat diese warme, tröstliche Musik fasziniert, Musik, die mich manchmal an Joni Mitchell, manchmal an Vashti Bunyan erinnert, die Jazz, Folk, Blues und Pop miteinander verbindet und daraus eine warme Wolldecke gestrickt hat. Das kann man jetzt New Age oder auch Ambient nennen, man kann sich aber auch einfach nur damit zudecken und beruhigt einschlafen... (7,9 von 10 Punkten)

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Beverly Glenn Copeland - Sunset Village (2020) | Bild: Beverly Glenn-Copeland (via YouTube)

Beverly Glenn Copeland - Sunset Village (2020)


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