Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von den Doves, Flaming Lips und Sam Prekop

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von den Doves, Flaming Lips, Rhauder & Paul St Hilare, Haiku Hands, Soom T, Tolouse Low Trax, Everything Everything, Suzanne Vega, Marilyn Manson, Peter Heider, Ashra Tempel und Sam Prekop.

Von: Ralf Summer

Stand: 10.09.2020 23:05 Uhr

Sam Prekop - Comma | Bild: Thrill Jockey / Indigo

SUZANNE VEGA –  An Evening of New York Songs and Stories

Er war ein guter Freund von ihr und spielte seinen Hit irgendwann nicht mehr live: Suzanne Vega und ihre Geschichte + Coverversion von Lou Reeds „Walk On The Wild Side“. Einer der vielen Höhepunkte auf ihrem Live-Album „An Evening of New York Songs and Stories“. Kommt morgen, aber wurde schon 2019 aufgenommen: im Cafe Carlyle in Manhattan. Eartha Kitt spielte früher gern dort, Woody Allen noch immer. Und nun eine Best-Of-Live vor kleiner Runde. Inklusive den Suzanne Vega Hits „Tom´s Diner“, „Luka“ oder „Marlene on the Wall“. Aber auch mit seltenen Stücken und vielen Geschichten der Songwriterin zum Thema „New York“. Sehr intim. (7,4 von 10 Punkten)

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Suzanne Vega - Walk On The Wild Side (Official Video) | Bild: Suzanne Vega (via YouTube)

Suzanne Vega - Walk On The Wild Side (Official Video)

FLAMING LIPS – American Head

Wayne Coyne stellt sich die Frage: wie hätte es geklungen, wenn Tom Petty & The Heartbreakers in den frühen 70ern in seiner Heimatstadt Oklahoma City in einem Musik-Studio hängengeblieben wären? Es wären „traurige, heimweh-geplagte, naive Lieder geworden, die sie in ihrem Zustand geschrieben hätten“, so der Kopf der Flaming Lips, der noch immer dort wohnt. Die Meldung vom Tod des bekannten US-Musikers führte auch zur Beschäftigung mit dem Begriff „American Band“, die Petty & Co anhaftete. Coyne dachte bis zu den Heartbreakers immer, dass Pop-Bands aus der großen, weiten Welt kommen und nicht aus einem Land. So führte Pettys Tod zum neuen Album-Titel „American Head“. Die Flaming Lips wollten nun beileibe nicht wie Tom Petty klingen, sondern sich generell in eine US-Band der 70er hineinversetzen. Und die eigene Familiengeschichte besingen: die Schwester rebelliert, der wahnsinnige Bruder, die Opfer der Mutter, die Intensität des Vaters.

Die Flips klingen bei ihrer eigenen Zeitreise wie immer: poppig-psychedelisch. Und mit Kasey Musgraves ist auch die Country-Grammy-Gewinnerin mit von der Partie. Bleibt die Frage: was sind das für Zeiten, in denen alte Bands einfach nicht lockerlassen und viele junge Formationen in die Tasche stecken? (7,9 von 10 Punkten)

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The Flaming Lips - Mother Please Don't Be Sad [Official Music Video] | Bild: flaminglips (via YouTube)

The Flaming Lips - Mother Please Don't Be Sad [Official Music Video]

SAM PREKOP – Comma

Ein Routinier ist Sam Prekop – der gebürtige Londoner ist Gitarrist der US-Postrock-Formation The Sea and Cake. Und traumwandelt spielerisch auf seiner neuen Platte „Comma“ zwischen Krautrock und Electronica, dass es eine wahre Freude ist. Es ist sein fünftes Solo-Album – kommt wie immer auf Thrill Jockey, Chicago. Passt prima nach der neuen elegischen Platte von Michael Rother (Neu!) und vor Roman Flügel.

Toll, wie frisch sich Prekop nach 25 Jahren präsentiert und neben der gewohnten Gitarre auch leichte Beats und Modular-Synthies pluckern lässt. Erstmals tauchen Elemente von „tropical futurism“ mit Percussion auf: „Rhythmus war sein Narrativ“, verrät sein Label. Und Brian Eno und das Yellow Magic Orchestra als Anknüpfungspunkte: „wenn Avantgarde auf Pop trifft“. (8,4 von 10 Punkten)

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Sam Prekop - "Above Our Heads" (official music video) | Bild: Thrill Jockey Records (via YouTube)

Sam Prekop - "Above Our Heads" (official music video)

TOLOUSE LOW TRAX – Jumping Dead Leafs

Aus dem Düsseldorf von Kreidler und dem Salon Des Amateurs kennen und schätzen wir seine Platten. „Sirup-artiger, in Trance versetzender Tribal-Sound“ - so beschreibt das Info die neue Platte von Detlev Weinrich. „Jumping Dead Leafs“ heißt sein viertes Solo-Werk und erinnert hier und da an den etwas ungelenk aber ungemein mitreißenden Digital-Funk von Mike Paradinas in den 90ern. "Milk In Water" hat z. B. was von Jake Slazengers "Das Ist Ein Groovybeat, Ja"-LP (Warp, 1996). Das etwas melancholischere „Sales Pitch“ dagegen war von Paradinas' anderem 90er-Projekt µ. Die Instrumental-Tracks (nur leichte Vokal-Samples) sind eher angenehm runtergestrippt und furztrocken. Jahrelang war TSLX mit Sampler, kleinen Synthies und Effekten unterwegs – von Brasilien bis zur Mongolei – vom Club bis zum Museum – solo und mit Kreidler oder Toresch. Auf dem Rückcover steht "Thanks and Goodbye Düsseldorf". Dem Vernehmen hat es ihn schon seit Längerem privat nach Frankreich verschlagen. Ins Land von (Namensgeber) Toulouse Lautrec, dem Maler und Grafiker Ende des 19. Jahrhunderts. (8,1 von 10 Punkten)

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Tolouse Low Trax – Jumping Dead Leafs | Bild: Bureau B (via YouTube)

Tolouse Low Trax – Jumping Dead Leafs

RHAUDER & PAUL ST HILAIRE – Assemblage

Diese Stimme steht für ein Genre: Dub-Techno. Paul St Hilaire kommt aus der Karibik und landete in den 90ern in Berlin. Und dort schon bald bei Dub & Reggae-Lovers, die aus dem Techno kamen und etwas Neues machen wollten: Rhythm & Sound – aka Mark Ernestus und Moritz Von Oswald. Rauschende Elektronik und drüber die Stimme von Paul St Hilaire. Damals nannte er sich Tikiman – den Namen musste er aber an einen US-Tiki-Möbel-Händler abtreten. Seitdem ist Paul St Hilaire eine willkommene Abwechslung für alle Berliner Techno-Produzenten, die sich nach   jamaikanisch-gestimmter Tiefe sehnen: nach einem Album mit dem Kanadier Deadbeat kommt nun eines mit Rhauder. Bürgerlich Marco Rhauderwiek, der seit 2008 hauptsächlich Maxis veröffentlicht. Nach dem 2017er „Derdeoc“-Album nun der Zweitling der Beiden: technoide Deepness, zeitlos und gut. (8,3 von 10 Punkten)

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Rhauder & Paul St. Hilaire - No News (Original Mix) | Bild: Floating Station (via YouTube)

Rhauder & Paul St. Hilaire - No News (Original Mix)

SOOM T – The Arch

Sie wird „Princess des Raggamuffin“ genannt. Aber das greift hier fast zu kurz.
Als MC Soom T haben wir sie an der Seite von deutschen Elektronik-Projekten wie Bus oder T.Raumschmiere kennengelernt. Inzwischen hat Sumati Bhardwaj das MC aus dem Künstlernamen gestrichen. Und auch britischen Künstlern wie dem Mad Professor oder King Creosote ihre Stimme geliehen. Auf „The Arch“ verknüpft die in Glasgow lebende Inderin Dancehall, Dub und Reggae. Soom T hat die neue (4.) Platte mit ihrem Freund, DJ Kunta, und der Band Highly Seen aus Lyon eingespielt - und endlich ein größeres Publikum verdient! (8,2 von 10 Punkten)

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Soom T - Far From Home (Official Video) | Bild: Soom T Official (via YouTube)

Soom T - Far From Home (Official Video)

PAUL EPWORTH – Voyager

Das erste Album des Londoner Goldhändchens, der erst Bloc Party und Maximo Park aufnahm, um dann als Produzent bei Kate Nash und Adele zu landen – und mit ihr die Riesenhits „Rolling in the Deep“ und „Skyfall“. Sein spätes Debüt ist dementsprechend voller Gäste: in erster Linie tolle US-Rapper wie Vince Staples, Kool Keith, Ty Dolla $ign und Jay Electronica. Zwischen den HipHop-Stücken: kurze Electronic-Stückchen. Der 45jährige Gitarrist und Sänger hat ein ungewöhnliches Major-Pop-Album auf der Höhe der Zeit eingespielt: ohne zu sehr nach dem Mainstream zu schielen. (7,5 von 10 Punkten)

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Paul Epworth - Mars & Venus (Visualiser) ft. Vince Staples, ISHMAEL, Elle Yaya | Bild: PaulEpworthVEVO (via YouTube)

Paul Epworth - Mars & Venus (Visualiser) ft. Vince Staples, ISHMAEL, Elle Yaya

EVERYTHING EVERYTHING – Re-Animator

Hm. Schwelgerischer Indie-Pop mit hoher männlicher Singstimme. Klar, da fallen einem sofort Thom Yorke und Radiohead bzw. Chris Martin und Coldplay ein. Und allmählich vielleicht auch Jonathan Higgs und seine Band Everything Everything. „Re-Animator“ heißt das fünfte Album der Briten. Es geht u. a. um das Gefühl, dass bald etwas Schlimmes passiert („Violent Sun“) und siehe da: an dem Tag, als der Corona-Lockdown ausgerufen wurde, brach ein Feuer aus und zerstörte einen Großteils des Equipments der Band aus Manchester: Gitarren von den Großeltern, den alten Bass usw. Den Clip zum Song „Violent Song“ drehte wie sonst auch Frontmann Higgs. Hoffentlich bringt die Veröffentlichung am 11. September nicht noch mehr Pech für Everything Everything. Aber sie wollten es so: sie sind so stolz auf die Platte, dass sie – wegen dem Lockdown - auf morgen geschoben haben. (7,3 von 10 Punkten)

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Everything Everything - Big Climb | Bild: evrythngevrythngVEVO (via YouTube)

Everything Everything - Big Climb

HAIKU HANDS – Haiku Hands

Boller-Beats, Female Raps, Tanz-Choreographie – das australische Damen-Trio vom Diplo-Label mit ihrem Debüt. "Singen ist nicht ihre Stärke", so unsere Kollegin Ann-Kathrin Mittelstrass in der Pop-Kolumne der SZ – "aber das Lied 'Fashion Model Art' reißt es wieder raus". Na ja, der Humor vielleicht auch: "you can be my man, bitch" skandieren sie in Track 2. Aber das ganze Album der Nakazawa-Sisters und Freundin Bea Lewis ist schon recht auf mitbrüllen & losprollen angelegt. Und als Mix von Charlie XCX und den Beastie Boys. Nennen wir es: EDM light. Für Festivals, die heuer fehlen. Und für die Beschallung von Bars und Kneipen, die am 19.9. wieder öffnen dürfen, kommen Haiku Hands leider zu Großraum-mäßig daher. (6,9 von 10 Punkten)

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Haiku Hands - Jupiter (Official Full Stream) | Bild: Haiku Hands (via YouTube)

Haiku Hands - Jupiter (Official Full Stream)

MARILYN MANSON – We Are Chaos

Wir kennen ihn schon als Maler. In letzter Zeit ist MM immer häufiger als Schauspieler zu sehen: u. a. in Sons of Anarchy über American Gods bis zu The New Pope. Nun hatte der Schock-Rocker aus L.A. wieder Zeit für ein neues Album: "We Are Chaos" hat – wie der Zufall es will – den 11. September als Veröffentlichungs-Datum. Das Cover ziert das eigens von ihm angefertigte Gemälde "Infinite Darkness" - Dunkelheit, eines seiner Lieblingsthemen. Dabei ist die neue MM ein Konzeptalbum: es ist ein "Spiegel-Shooter" für den Hörer und Fan. "Es gibt so viele Zimmer, Schränke, Tresore und Schubladen. Aber in der Seele oder in Deinem Museum der Erinnerungen, sind die Spiegel das Schlimmste", so MM, "Scherben und Splitter von Geistern verfolgten  meine Hände, als ich die meisten dieser Texte schrieb." Musikalisch bleibt er nach 30 Jahren bei seinen Leisten: Gefühl und Härte, Melodie und Mords-Wumms, angetäuschte Süße trifft auf bittere Sägezahn-Sounds. "Die Menschheit ist das Schlimmste." Hier ist kein Menschenfreund am Werk. Und hat wie immer Spaß dran. "Keep My Head Together" sollte als Song hängenbleiben. (7,0 von 10 Punkten)

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Marilyn Manson - Don't Chase The Dead (Official Audio) | Bild: Marilyn Manson (via YouTube)

Marilyn Manson - Don't Chase The Dead (Official Audio)

DOVES – The Universal Want

"There Goes The Fear" und "Black And White Town" heißen ihre millionenfach gestreamten Hits von 2002 bzw. 2005. Ob sie an die Erfolge von damals anknüpfen können? Da braucht es vielleicht auch Fans wie Noel Gallagher, der die Doves zum Comeback im vergangenen Jahr als Support einlud. Nun das Rückkehr-Album der Band aus Manchester: "The Universal Want" ist nach elf Jahren Pause die erste Platte des Trios um die Williams-Brüder. In Zwischenzeit hatten diese mit Black Rivers ihre eigene Band, Bassist Jimi Goodwin nannte sich Odludek. Und davor waren sie in einem ganz anderen Genre unterwegs: bevor sie zu Doves wurden, waren sie Club-Gänger in der Hacienda und hatten in den 90ern mit Dance Erfolg: als Sub Sub landeten sie mit "Ain´t No Love (Ain´t No Use)" einen Top3-Hit im UK, der gar an Deee-Lite erinnerte. Und, tatsächlich, der Titelsong der Platte, endet mit Beats wie aus der Zeit als sie noch Teenie-Tänzer im berühmten Club ihrer Heimatstadt waren. Die große Zeit des Indie-Rocks ist bekanntlich vorbei. Vermutlich werden die Doves nicht mehr ganz so hoch fliegen können wie früher. Aber im Dreieck von Elbow, Beta Band oder Manic Street Preachers sollte doch noch Platz für genug Fans sein. (7,7 von 10 Punkten)

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Doves - Cathedrals Of The Mind | Bild: DovesVEVO (via YouTube)

Doves - Cathedrals Of The Mind

PETER HEIDER – Hell_Moll - Dunkel_Dur

Wir kennen ihn als eine Hälfte des fränkischen Downbeat-Duos Boozoo Bajou. Peter Heider aus Erlangen geht nun nach vier Platten mit dem Nürnberger Florian Seyberth erstmals eigene Wege. Wie der Titel des Solo-Debüts schon verrät: wir haben es mit einem Doppel-Konzept-Album zu tun. "Hell_Moll" ist voller analoger, modularer Synthesizer-Sounds und Live-Instrumenten mit Krautrock-Bezug. Teil 2 ist eher Avantgarde/Jazz. Peter spielte E-Piano, Vibrafon, Marimbafon, Bass, Shruti und Effekte. Aus dem Nürnberger Indie-Freundeskreis, die mitwirkten, kennen wir Frieder Graef (Smokestack Lightnin'), Robin v. Velzen (Robocop Kraus) und Frank Mollena (Missouri). Der von Heider verehrte Maler Roger Libesch gestaltete die beiden LPs. Für Kollegin Angie Portmann ist der leicht dubbige Track "Unter Strom" in ihren Top10 des Monats. Eine gelungene Studie zwischen E und U. (7,8 von 10 Punkten)

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Peter Heider - Hell_Moll_Dunkel_Dur | Bild: Boozoo Bajou (via YouTube)

Peter Heider - Hell_Moll_Dunkel_Dur

ASH RA TEMPEL - Gin Rose (LP)

Zwei Granden der „Berliner Schule“ (der 70er Jahre), Klaus Schulze von Tangerine Dream und Manuel Göttsching ("E2 E4") mit einem Live-Album, das es bisher nur auf CD gab. "Gin Rose" wurde im April 2000 in der Royal Albert Hall in London aufgenommen. Die drei Stücke "Gin Rose part 1" (21min47), "Gin Rose part 2" (20min28) und "Eine Pikante Variante" (27min42) wurden live gespielt, als der britische Musiker und größte lebende Krautrock-Fan Julian Cope Ash Ra Tempel zu seinem "Cornucopea"-Festival einlud. Schulze an den Tasten und Knöpfen, Manuel Göttsching an der Gitarre. Er veröffentlicht das Vinyl auf seinem MG-Label. An seinem (68.) Geburtstag: 9.9. Ash Ra Tempel, die schon mit Timothy Leary spielten, sind auch heute noch aktiv: inzwischen sind Harald Grosskopf und Steve Baltes mit von der Partie. Danke für den Vinyl-Release, hören wir die weltweite Fan-Gemeinde jubeln! (7,6 von 10 Punkten)

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Gin Rosé , Pt. 3 (Live, 2000, London, Royal Festival Hall) | Bild: Ash Ra Tempel - Topic (via YouTube)

Gin Rosé , Pt. 3 (Live, 2000, London, Royal Festival Hall)


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