Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Bright Eyes, Tocotronic und Lemon Twigs

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von u. a. The Notwist, Girl Friday, Dent May, Bebel Gilberto, Bright Eyes, Lemons Twigs, Tocotronic, Erasure, The Killer, Nas, Cut Copy und Marcos Valle.

Von: Matthias Hacker

Stand: 21.08.2020 10:15 Uhr

Bright Eyes - "Down in the weeds, where the world once was"
| Bild: Dead Oceans

Tocotronic – Sag Alles Ab (Best Of 1994-2020)

Nach 27 Jahren Bandgeschichte schnüren auch Tocotronic mal ein großes Best-Of Paket, benannt nach ihrem Song „Sag alles ab“. Die Retrospektive erscheint in unterschiedlicher Ausführung. Das Premiumstück ist eine 4CD Box und Begleitbuch mit Anekdoten und alten Bildern. Drei der vier Cds sind eine klassische Rückschau mit den größten Hits in chronologischer Reihenfolge. Angefangen bei  Drüben auf dem Hügel, über Let There Be Rock, bis zu Hi Freaks und Kapitulation. Wirklich spannend wird es dann auf CD 4. Hier gibt’s dann endlich Fan-Service: mit 18 Raritäten, Demo-Versionen und Live-Mitschnitte, aber auch Songs, von denen es gar keine fertigen Studio-Aufnahmen gibt wie dem schönen nachdenklichen “Aufruhr“ oder „Total Folk“ aus den Anfangsjahren. (7,5 von 10 Punkten)

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Tocotronic - Sag alles ab - Unboxing Video | Bild: Tocotronic (via YouTube)

Tocotronic - Sag alles ab - Unboxing Video

Dent May – Late Checkout

Das fünfte Album des Kaliforniers ist wie ein kalter Luftstoß, der durch eine überhitzte Wohnung weht. Angenehm, erfrischend und ehe man es sich versieht, ist es schon wieder vorbei.Charmanter, sonniger Indiepop mit Einflüssen aus Disco, Softrock und dezentem Funk. Das Animal Collective hat ihn einst entdeckt und seine erste Platte veröffentlicht. Er ist aber nicht so verspult wie das Animal Collective. Er ist ein sehr fokussierter Songwriter, der auch Disko, Soft Rock und Funk mag. Ein super Durchhör-Album für den Spätsommer. (7,8 von 10 Punkten)

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Dent May - "I Could Use A Miracle" (Official Music Video) | Bild: Carpark Records (via YouTube)

Dent May - "I Could Use A Miracle" (Official Music Video)

The Lemon Twigs – Songs for the general public

The Lemon Twigs sind zwei Brüder, Anfang 20, kommen aus New York und aus dem Dunstkreis von Foxygen. Die beiden sind so extravagant, so glam, so show, so abgerockt: wild, extrovertiert, anarchisch und verdammt gut. Da stehen sie in ihren fransigen Jeansjäckchen und engen Hosen, wirken fast schon wie eine Karrikatur. Ja – würden die beiden es nicht ernst meinen, The Lemon Twigs könnten Spinal Tap sein. Sie lieben die große Rockpose. Es ist herrlich. Dieses Dickauftragen artet musikalisch auch mal aus. Aber diese überbordende Musikalität ist beeindruckend. Man hört den Songs der an, wie sie sich am Riemen reißen müssen, um nicht noch mehr Ideen, Riffs und Tempowechsel in einen 4-Minuten-Song zu packen. Ihre dritte Platte ist „etwas“ reduzierter und weniger Rockmusical als der Vorgänger. Aber es ist immer noch Reizüberflutung, pickepackevoll mit Rockreferenzen zu Hardrock, Progrock, Yachtrock, Soft Rock und Glam Rock. Auf „Songs for the general public“ geht’s so rund, dass man danach eine Pause braucht. (8 von 10 Punkten)

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The Lemon Twigs - Moon (Official Audio) | Bild: The Lemon Twigs (via YouTube)

The Lemon Twigs - Moon (Official Audio)

Bright Eyes – Down in the weeds, where the world once was

Neun lange Jahre mussten die Fans der Bright Eyes bis zu ihrer Reunion warten. Dann kam auch noch Corona dazwischen – Album und Tour verschoben. Aber jetzt ist das Comeback Album da. Die Erwartungen waren sehr hoch, aber Conor Oberst und seine Freunde aus Omaha, Nebraska übertrumpfen sie nochmal. "Down in the weeds, where the world once was" ist ein poetischer Titel. Dahinter vermutet man erstmal Nostalgie, Ernüchterung oder Verbitterung. Aber weit gefehlt. Ja, das Album beginnt mit einem dystopischen Hörspiel. Sehr cineastisch landen wir plötzlich in einer Bar mit Ragtime-Piano. In diesem Westernsaloon schnappenwir ein paar wirre spanische Wortfetzen auf. Man ist gleich überrascht und von Anfang an mittendrin. Wenn dann auf dem zweiten Song endlich die markante Stimme von Conor Oberst erklingt, dann kommen wir erst recht nicht mehr los. Dann Verzerrer neben Synthesizern neben Blasinstrumenten neben Streichern. Dabei verkünsteln sie sich nicht, und die Fans bekommen auch klassische Bright Eyes Hits. Die Band hat hörbar Bock und Conor Oberst wächst als Erzähler über sich hinaus. (9,1 von 10 Punkten)

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Pageturners Rag | Bild: Bright Eyes - Topic (via YouTube)

Pageturners Rag

Nas – King’s Disease

Rap-Legende Nas veröffentlicht ein Album, das wesentlich von den "Black Lives Matter"-Protesten der letzten Monate beeinflusst worden ist. Schwarz ist mehr als eine Hautfarbe oder ein sozialer Status, für ihn ist es ein Symbol. Er ist einer der besten und wichtigsten Rapper der 90ziger und Nuller Jahre. Die Hälfte seiner 10 Alben ist in den USA auf Platz 1 der Charts gelandet. Wohlgemerkt zu einer Zeit, in der das auch noch etwas bedeutet hat. Obwohl aus einem sozial schwachen Teil New Yorks kommend, war er schon immer der Feingeist und Poet unter den MCs. Die neuen Texte sind diesmal Poesie und Politik. (ohne Wertung; das Album lag nicht vor)

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Nas "King's Disease" (Official Audio) | Bild: Mass Appeal Records (via YouTube)

Nas "King's Disease" (Official Audio)

Chuck Prophet – High As Johnny Thunders

Chuck Prophet hatte leider nie den großen Durchbruch. Verdient hätte er ihn. "The Land That Time Forgot" heißt die Hommage an seine Heimat: die Bay-Area bei San Francisco. Eine geschichtsträchtige Gegend, die schon so vieles gesehen hat: Goldgräber, Hippies, Rockstars und heute Silicon Valley Yuppies. Die lässigen Texte der Platte stammen aus der Feder seines Songwriter-Partners, dem Dichter "klipschutz". Die Lieder erzählen von den Good Old Days. Prophet spielt dazu good old Country, Americana, Rock n Roll, warmen Westcoast Sound mit ein paar Surf- und Doowoop Melodien. (8 von 10 Punkten)

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High as Johnny Thunders | Bild: Chuck Prophet - Topic (via YouTube)

High as Johnny Thunders

Erasure – The Neon

Das Synth-Pop-Duo Erasure hatte in den 80ern ihre großen Hits wie "Always" oder "A Little Respect". Morgen erscheint ihr 17. Album. The Neon heißt es und zählt nicht zu ihren Besten. Den Liedern fehlen diese bittersüßen Harmonien und gerissenen Tonverschiebungen wie in den 80ern. Es hat seinen Grund, wieso Andy Bell und Vince Clark fast nur noch in Schlagershows und nostalgische Fernseh-Hitparaden eingeladen werden. "The Neon" ist eindimensionaler Elektropop. (4 von 10 Punkten)

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Erasure - Shot A Satellite | Bild: erasureinfo (via YouTube)

Erasure - Shot A Satellite

Cut Copy Freeze, Melt

Das machen Cut Copy aus Australien deutlich besser. Mastermind Dan Withford hat in seiner Kindheit in Melbourne wohl Erasure gehört. Den Einfluss des 80er-Synthpop ist genau zu hören. Aber Cut Copy schlagen eben die Brücke in die Moderne. Bei ihnen ist nichts billig und schnell produziert. Im Gegenteil. Es ist schon fast detailversessen. Das hören wir keine billigen Presets oder Samples, die Beats stammen nicht aus dem Drumcomputer, sondern sind in mühsamer Kleinstarbeit analog aufgenommen worden. Ein alter Hocker wird da zur Trommel umfunktioniert, das Knarzen eines alten Pianos kommt in die Effektschleife, der Klang eines Wald-Horns wird zum Klangteppich. Gemixt klingt das nach DreamPop und Staccato-Synthpop. (7,5 von 10 Punkten)

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Cut Copy - Stop Horizon [Official] | Bild: Cut Copy (via YouTube)

Cut Copy - Stop Horizon [Official]

Girl Friday – Androgynous Mary

Was, wenn die Jungfrau Maria androgyn war, dieses Gedankenspiel entwerfen die vier Damen aus L.A. schon im Titel. Das Cover ziert eine Person, die nicht eindeutig männlich oder weiblich ist. Ihr Debüt klingt dann schön spröde, düster und gut. Ob von Mann oder Frau gespielt – oder einem androgynen Dazwischen – wen kümmert das schon? Der erste Titel der Platte heißt: "This is not the Indierock I Signed For". Je weiter wir in ihr Debüt reinhören, ist das dann eben auch Postpunk, Shoegaze und Stonerrock. Also weit mehr als nur Indierock. (7,5 von 10 Punkten)

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Girl Friday - Public Bodies [OFFICIAL VIDEO] | Bild: hardlyartrecords (via YouTube)

Girl Friday - Public Bodies [OFFICIAL VIDEO]

The Killers – Imploding The Mirage

Die Band ist geschrumpft und angeschlagen. Der Gitarrist macht Pause auf unbestimmte Zeit, der Bassist hat einen Hörschaden. Es mussten also Sänger Brandon Flowers und der Schlagzeuger der Band deutlich mehr Songwriting übernehmen. Die Gitarre verstummt etwas, der Syntesizer rückt ins Zentrum. Schon in der Single „In My Own Souls Warning“ klingt Brandon Flowers mehr denn je wie der junge Bruce Springsteen. Wenn die Killers etwas können, dann ist es pompöse Hymnen schreiben, zu denen man sich die Seele aus der Brust schreien kann. So einen Überhit wie damals "Mr. Brightside" gibt es auf der neuen Platte nicht, aber "Imploding The Mirage" ist ihr bestes Album seit langem. Entgegen des Albumtitels ist die Band trotz der Umstände nicht in sich zusammengefallen. (7,8 von 10 Punkten)

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The Killers - My Own Soul’s Warning | Bild: TheKillersVEVO (via YouTube)

The Killers - My Own Soul’s Warning

The Notwist – Ship EP

Sechs Jahre ist es her seit The Notwist ein reguläres Album veröffentlicht haben. Seitdem waren sie in verschiedenen Nebenprojekten aktiv. Eines davon war „Spirit Fest“, zusammen mit der japanischen Band Tenniscoats. Auf dem Titeltrack Ship arbeiten sie hörbar wieder mit ihnen, es singt Sängerin Saya. Der zweite Song der drei Stücke auf Ship ist eine tolle, klassische Notwist Ballade. Hier erkennen wir dann auch die Stimme von Sänger Markus Acher. Das dritte und letzte Stück ist ein Instrumental. Die EP ist ein Ausblick auf ein kommendes Album, auf welchem Notwist wieder mit neuen Sounds und noch mehr internationalen Gästen arbeiten wollen. (7,5 von 10 Punkten)

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Ship | Bild: The Notwist - Topic (via YouTube)

Ship

Bebel Gilberto – Agora

Sie ist die Tochter von Joao Gilberto und längst selbst bekannte und ausgezeichnete Sängerin und Komponistin. Die Brasilianerin musste zuletzt viel durchmachen. Erst ist ihr bester Freund gestorbenund kurz später auch noch ihre Eltern. Sie verarbeitet das auf "Agora". (7 von 10 Punkten)

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Agora | Bild: Bebel Gilberto - Topic (via YouTube)

Agora


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