Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Angel Olsen, Helge Schneider und Yello

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von u. a. Aluna, Pvris, Helge Schneider, Sarah Walk, The Avett Brothers, Angel Olsen, Peter Broderick, Disclosure, Yello, Kelly Lee Owens und Harmonious Thelonious.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 27.08.2020 23:05 Uhr

Whole New Mess | Bild: Jagjaguwar

Helge Schneider – Mama

„Herzlichen Glückwunsch zu ihrer Entscheidung, diese Schallplatte zu kaufen. Sie erwerben ein Stück Zeitgeschichte“, das schreibt Helge Schneider ins Booklet seiner neuer Platte “Mama”. Wenn man so will, seiner Isolationsplatte, er spielt alle Instrumente selbst, rein akustisch, mit analogen Gegenständen und mit Mikrofonen, die oft älter sind als Helge selbst. Die Songs sind musikalisch dadurch relativ fokussiert für den Humoristen, aber die Gaga-Texte sind es natürlich nicht - was aber auch ein Segen ist. Im Corona-Sommer 2020 kommt eine Platte wie “Mama” gerade recht: Schon drüber, aber auch mit melancholischen, fast schon Spätwerk-Momenten. (7 von 10 Punkten)

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Helge Albumtrailer Mama | Bild: Helgeshow (via YouTube)

Helge Albumtrailer Mama

Aluna – Renaissance

Aluna ist ein Teil des sehr erfolgreichen britischen Pop-Duos AlunaGeorge. Mit ihrem Solodebüt will sie eine “Renaissance” einleiten und zwar eine “Black Renaissance”. Aluna ist sehr inspiriert von der Black Lives Matter-Bewegung, als schwarzes Mädchen, das in einem weißen Vorort aufgewachsen ist. Außerdem thematisiert sie: den Gender Pay Gap und das Muttersein in Zeiten der stetigen Veränderung. Aluna ist während den Aufnahmen zum Album schwanger geworden. Sie veröffentlicht auf dem Label von Dancehall-Produzent Diplo, und tatsächlich sind die dubbigen Stücke auf “Renaissance” die stärksten, allen voran der Track „Get Paid“ mit Princess Nokia und Jada Kingdom. (6,8 von 10 Punkten)

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Aluna - Envious (Official Music Video) | Bild: Aluna (via YouTube)

Aluna - Envious (Official Music Video)

Pvris – Use Me

Wenn wir gerade einen Festivalsommer gehabt hätten, wäre der Sound von Pvris der der Stunde gewesen. Pvris schreibt man mit “v” anstelle eines “a” - aber gesprochen wird es wie die französische Hauptstadt. Die Band um Sängerin Lindsey Gunnulfsen kommt aber nicht aus Frankreich, sondern aus Massachusetts und würde bei Rock im Park 2020 zwischen Paramore und Muse gespielt haben - Futur 2. Wenn es denn ein Rock im Park 2020 gegeben hätte. Wir hören ziemlich bombastisch produzierten, aber nicht unspannenden Stadion-Rock, vor allem die leisen Stücke sind State-Of-The-Art-Pop, auf den Taylor Swift neidisch sein würde. (6,5 von 10 Punkten)

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PVRIS - Gimme a Minute (Official Music Video) | Bild: PVRIS (via YouTube)

PVRIS - Gimme a Minute (Official Music Video)

Sarah Walk – Another Me

Im Opener ihres neuen Albums klagt Sarah Walk an: Warum muss ich mich um dieses Chaos kümmern? Von dir kam nichts! Du hörst nicht mal zu! Du hast mich immer nur klein gehalten: Wenn das Liebe ist, dann hast du keine Ahnung von Liebe. Das alles singt sie in Richtung Patriarchat. Sei traurig, wütend, verletzt und endlich frei, ergänzt sie und beschreibt damit sehr adäquat die folgenden zehn Songs auf “Another Me”. Ein aufwühlendes Album einer Frau, die zurecht sagt: Es gibt so viele andere Erfahrungen und Gefühle, die eine Frau haben kann - außerhalb von romantischen Beziehungen. Neben Fiona Apples “Fetch The Bolt Cutters” eines der Ausnahme-Alben über weibliche Selbstbestimmung in diesem Jahr. (7,5 von 10 Punkten)

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Sarah Walk  - nobody knows (Official Music Video) | Bild: Sarah Walk (via YouTube)

Sarah Walk - nobody knows (Official Music Video)

Angel Olsen – Whole New Mess

Ich habe in einem Interview mit Songwriterin Angel Olsen die Erfahrung gemacht: Sie schreibt bzw. singt nur über ihre Gefühle, sie redet nicht drüber. Darum bin ich im Gespräch ganz schön aufgelaufen, was sie mir aber nur noch sympathischer gemacht. Nach nur einem Jahr nach ihrem tollen Album “All Mirrors” erscheint jetzt wieder eine Gefühlsschau - teilweise mit den Songs vom Vorgänger nur in alternativen, reduzierten Versionen. Olsen sagt über das neue Album “Whole New Mess”: Eine Trennung bedeutet auch, dass du Freunde um dich rum verlierst. Und dann musst du rausfinden, wer bist du, wer warst du in deinen Beziehungen - und darum geht’s auf “Whole New Mess”. Es ist kein Demo-Album geworden, wie man vermuten könnten, sondern etwas eigenständiges, Konsistentes, auch weil mir Angel Olsen reduziert und ihre Stimme exponiert eh immer am besten gefällt. (8,4 von 10 Punkten)

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Angel Olsen - Waving, Smiling (Official Audio) | Bild: Angel Olsen (via YouTube)

Angel Olsen - Waving, Smiling (Official Audio)

The Avett Brothers – The Third Gleam

The Avett Brothers aus North Carolina haben eine Billboard-Nummer-1 und ausverkaufte Hallen in den USA auf dem Konto - und jetzt auch ein Isolationsalbum. Aufgenommen als Trio, ohne Drums, zwischen dem Ausbruch der Pandemie und dem Mord an George Floyd und den weltweiten Black Lives Matter-Demos. Die Platte “The Third Gleam” erahnt aber schon den sozialen Sprengstoff in den Staaten. Auf dem Track “I Should’ve Spent The Day With My Family” wechseln sie die Perspektive und versuchen nachzufühlen, wie es ist, wenn man einen geliebten Menschen verliert. Die Avett Brothers gehen neben obligatorischen Liebesballaden auch zurück zum sozialkritischen Ursprung von Folk, Country und Americana, erinnern genauso an Woody Guthrie wie an Crosby, Stills & Nash, in harmonischen Momenten. Diese Platte hören weiße Dudes zum Runterkommen, nach der letzten Black Lives Matter-Demo. (7,1 von 10 Punkten)

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The Avett Brothers - Victory (Official Lyric Video) | Bild: theavettbrothers (via YouTube)

The Avett Brothers - Victory (Official Lyric Video)

Peter Broderick – Blackberry

Gerade ploppen sehr viele Überraschungsalben auf, die in den letzten Monaten in Isolation geschrieben wurden: der US-Songwriter Peter Broderick bringt auch ein Überraschungsalbum raus, aber er hat es bereits 2019, vor Corona, in seinem Schlafzimmer in London in Eigenregie aufgenommen. “Blackberry”, also die Brombeere, hat der Ehemann von Songwriterin Brigid Mae Power als Albumtitel gewählt, weil ihm unsere Natur Sorgen macht. “Blackberry” ist ein Album, das rausfinden soll, was der Klimawandel mit unseren sozialen Beziehungen macht. Dazu croont Broderick wirklich großartig auf seinem Schlafzimmer-Folk. Eine sehr gelungene, sehr verspielte Überraschungsplatte. Jetzt erscheint sie digital, am 30. Oktober dann physisch auf Platte und CD. (7,8 von 10 Punkten)

For Belarus by For Belarus

Seit letzter Woche steht ein Sampler für Belarus auf bandcamp.com, heißt auch “For Belarus”. Er soll Solidarität und Geld spenden für die Opfer der Repressionen vor und nach der Wahl des Autokraten Lukaschenko. Die Erlöse gehen an die Belarus Solidarity Foundation. Es ist ein internationaler Sampler, natürlich mit weißrussischen Bands, aber auch mit Beiträgen aus Belgien von Thomas Azier oder auch aus Deutschland: Gudrun Gut hat den Song “Frei sein” beigesteuert. Ich finde aber tatsächlich am spannendsten: den Einblick in die Musikszene von Belarus - und da ist von Lo-Fi-Pop bis Ska-Punk alles dabei. (7,5 von 10 Punkten)

Disclosure – Energy

Ganz ehrlich, man muss in diesen Zeiten dankbar sein, dass das britische Brüderpaar hinter Disclosure nicht diese Art von elektronischer Musik macht, die Hits aus den 90ern mit einem neuen Billo-Beat recycelt. Guy und Howard Lawrence machen originäre Elektro-Tracks, die wie schon der Vorgänger ein Ziel hat: die Spitze der Charts. Zwei Nummer 1-Alben haben sie schon im UK - und jetzt wird es mal Zeit für noch ein paar Länder, darunter natürlich die USA. Dazu haben sich die Brüder US-Größen wie Kelis, Kehlani und Common auf die Platte geholt. Auch wenn das Ziel Chartspitze klar ist: die Tracks von Disclosure haben Seele, Soul. Das Album heißt “Energy”, hat es auch, zusammen mit einem ziemlich guten Flow und Groove, trotzdem wirkt es nicht wie ein Album, sondern eher wie ein Mixtape. (8,2 von 10 Punkten)

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Disclosure - ENERGY (Official Video) | Bild: DisclosureVEVO (via YouTube)

Disclosure - ENERGY (Official Video)

Yello – Point

Dieter Meier ist dieses Jahr 75 geworden, Kompagnon Boris Blank ist 68. Seit 42 Jahren sind die beiden Schweizer als Yello unterwegs. Yello ist die Abkürzung für “Yelled Hello”, das rausgebrüllte Hallo. In den 80ern gab es fast keine Hollywood-Produktion, in dem kein Yello-Song vorkam - von “Ferris macht blau” bis “Miami Vice”. Und später natürlich bei den Simpsons mit “Oh Yeah”. Wenn man so will, profitieren die Altmeister jetzt vom 80er Comeback. Ihr Sound auf “Point” klingt modern, nicht retro, aber dennoch haben wir es unverkennbar mit Yello zu tun. Dieter Meier brummt die Dada-Vocals über die Synthie-Beats, es blitzen immer mal wieder Gitarrenlicks auf, die ein 20-jähriger heute nicht anfassen würde. Dieter Meier hat vor ein paar Jahren mit seinem Solodebüt schon gezeigt, dass er noch up to date ist - auch Yello bleiben es mit “Point”. Ein unterhaltsames Spätwerk. (7 von 10 Punkten)

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Frautonium Intro | Bild: Yello - Topic (via YouTube)

Frautonium Intro

Kelly Lee Owens – Inner Song

Die Waliserin Kelly Lee Owens macht es sich auf ihrem zweiten Album “Inner Song” nicht einfach, also so gar nicht - aber sie triumphiert am Ende. Die letzten drei Jahre der ausgebildeten Intensivschwester waren emotional sehr hart. Ihr durch diese Zeit geholfen, hat die Musik von Radiohead. Darum fängt das neue Album auch mit einem Cover von “Arpeggi” an. Ihr “Comeback”-Song, wie sie sagt. Dann folgt auch gleich einer der Techno-Hits des Jahres: Melt! - Kelly Lee Owens Kommentar auf die Klima-Krise. Ein weiterer Höhepunkt: der Track “Corner Of My Sky” mit ihrem walisischen Landsmann John Cale. “Inner Song” heißt das Album und Kelly Lee Owens kehrt ihr Inneres technoid nach außen. Wir hören: Eine kathartische Befreiung. (8,5 von 10 Punkten)

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Kelly Lee Owens - On (Official Video) | Bild: KellyLeeOwensVEVO (via YouTube)

Kelly Lee Owens - On (Official Video)

Harmonious Thelonious – Plong

Das neue Album von Harmonious Thelonious heißt “Plong” und ist damit mein Lieblingsalbumtitel in dieser Veröffentlichungswoche. Hinter Harmonious Thelonious steckt der Düsseldorfer Stefan Schwander, sein bekanntestes Projekt heißt Antonelli Electr..
Auf dem Album “Plong” mixt er Minimal House mit Düsseldorfer Monoton. (6,8 von 10 Punkten)

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Harmonious Thelonious – Geistertrio Booking | Bild: Bureau B (via YouTube)

Harmonious Thelonious – Geistertrio Booking


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