Bayern 2 - Nachtmix


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Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Acid Pauli, Alicia Keys und Gus Dapperton

Die Neuheiten der Woche im kompakten Überblick. Wir hören hinein in die frischen Werke von u. a. Acid Pauli, Alicia Keys, Butcher Brown, Elderbrook, Gus Dapperton, Yusuf, Ammar 808, Cults, Deradoorian und Fenne Lily.

Von: Matthias Hacker

Stand: 17.09.2020 23:05 Uhr

Acid Pauli - MOD | Bild: ouiemusic

Alicia Keys – Time Machine

Wegen der Covid Pandemie bringt RnB Superstar ein halbes Jahr später als geplant ihr neues Album raus. Es ist das neunte Album und heißt schlicht: “Alicia”. Es gibt darauf beatlastige Songs wie Time Machine, sie sind aber die Ausnahme. Sonst hören wir eher smoothe Jazz- und RnB-Balladen und leichten Pop. Textlich sticht besonders der Song “Good Job” heraus: Er ist eine Ode an die stillen Helden des Alltags. Sie singt über alleinerziehende Mütter, Soldat*Innen, Medizinstudent*Innen und Krankenpfleger*Innen und ist damit gerade während Corona hochaktuell. Alicia Keys lebt ja in New York und hat dort die dramatischen Corona-Auswirkungen ja auch mit eigenen Augen sehen können. (6,8 von 10 Punkten)

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Alicia Keys - Good Job (Visualizer) | Bild: aliciakeysVEVO (via YouTube)

Alicia Keys - Good Job (Visualizer)

Gus Dapperton – Orca

Wir bleiben in der Nachbarschaft. Gus Dapperton lebt auch in New York. Orca heißt sein zweite Album und erzählt uns hier von Rückschlägen und vom bitteren Beigeschmack des Lebens. Wenn ich mir die Texte allerdings so durchlese, klingt das eher nach banalen Lebensweisheiten und Glückskekssprüchen. Einem 23-jährigen Pop-Songwriter, der mit seinem ersten Album auf einer Erfolgswelle gesurft ist, nehme ich das ganze Leid nur bedingt ab. Doch die düstere Note in der Musik steht ihm. Und trotzdem sind die meisten Lieder eher eindimensional geschrieben. Man hört, dass Gus Dapperton die Songs im Alleingang geschrieben hat. Man muss schon bis zum letzten Drittel des Albums durchhalten, um etwas facettenreichere Songs wie Medicine zu finden. Und auch dann zahlt sich das Warten nur bedingt aus. Ganz anders verhält es sich bei Fenne Lily. (6 von 10 Punkten)

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Gus Dapperton - Bluebird (Official Music Video) | Bild: Gus Dapperton (via YouTube)

Gus Dapperton - Bluebird (Official Music Video)

Fenne Lily – Breach

Ursprünglich stammt sie allerdings aus dem idyllischen Dorset in England, das auch die Heimat von PJ Harvey ist, die Fenne Lily auch als ihr Vorbild bezeichnet. Genauso wie Nico , The Velvet Undergrond oder Feist. Ich finde, dass man all diese guten Referenzen in ihrer Musik hören kann. Die Songwriterin hat mich ab dem ersten Song ihres neuen Albums in ihren Bann gezogen. Es ist ein sehr nachdenkliches, introvertiertes Album. Sie hat es nämlich in der Isolation geschrieben - wohlgemerkt noch weit vor der Corona-Pandemie. Sie hat sich in Berlin eingesperrt, um dort in aller Einsamkeit zu texten und zu komponieren. Ihre Erkenntnis: Die Isolation bringt Klarheit, entgiftet von all den Eindrücken und Einflüssen und die Isolation hilft einem bei der Selbstfindung – das ist nicht immer ein Spaß. Ideal für den Herbst und gegebenenfalls für eine Quarantäne. (8,5 von 10 Punkten)

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Fenne Lily - Solipsism (Official Video) | Bild: FenneLilyVEVO (via YouTube)

Fenne Lily - Solipsism (Official Video)

Deradoorian – Find The Sun

Wie eben schon Alicia Keys hat auch die Kalifornierin Deradoriaan ihr Album wegen der Pandemie um ein halbes Jahr nach hinten geschoben. Jetzt erscheint ihr zweites Soloalbum seit sie bei den Dirty Projectors ausgestiegen ist.  „Find The Sun“ ist wieder ein hochinteressantes und entrücktes Indie-Album von ihr. In „The Illustrator“ trommelt sie etwa neun Minuten lang so hypnotisch, dass wir uns wie in einer schamanischen Schwitzhütte fühlen. Und letztendlich ist das auch ihr Plan. Auch Deradoorian will mit dieser Platte ausdrücklich, dass wir mehr zu uns selbst finden, in uns hineinhören und unser inneres Licht finden. „Find the sun“ eben. (7 von 10 Punkten)

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Deradoorian - "Mask Of Yesterday" | Bild: ANTI- Records (via YouTube)

Deradoorian - "Mask Of Yesterday"

Elderbrook – Why Do We Shake In The Cold

Der Brite hat eine klassische Musikausbildung und beherrscht etliche Instrumente, die er sich selbst beigebracht hat. Zu Beginn seiner Karriere hat er damit noch verschiedenen Genres ausprobiert: Dance, Hip-Hop, Folk, Electronica und Soul. Mittlerweile kann man seine Songs im Mainstream-Dancepop einsortieren. Der Titelsong zählt zu den spannenderen Stücken. Mich hats weniger von der Kälte geschüttelt, vielmehr beim Hören der Platte . Das ist größtenteils einfach uninspirierter Dance-Pop. Not my cup of tea. (6 von 10 Punkten)

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Elderbrook - Why Do We Shake In The Cold? (Official Video) | Bild: Elderbrook (via YouTube)

Elderbrook - Why Do We Shake In The Cold? (Official Video)

Cults - Host

Das Debüt des New Yorker Indierock Duos und vor allem den Soundtrack zum Jim Jarmush Film „Only Lovers Left Alive“ fand ich sehr toll. Letztern hat Sängerin Madeline Follin geschrieben und er war meines Erachtens weitaus besser als der Film. Das neue Album des Duos heißt „Host“ - übersetzt „Wirt“. Es geht um parasitäre Beziehungen und das  Ausnutzen des Anderen. Dieses ungute Gefühl transportieren sie auch in der Musik. Beispielsweise in „Spit you out“, wo sie anfangs auch die Melodie von Radioheads „No Surprises“ aufgreifen. Die ganze Platte ist nicht gerade eingängig und die meisten Songs bleiben schlecht im Ohr. Zu unsortiert und wenig originell. Prinzipiell hab ich ein Faible für so düstere Indierockduos wie Cults oder The Kills – aber diese Platte konnte mich dann doch nicht ganz überzeugen können. (7 von 10 Punkten)

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Cults - Monolithic (Official Video) | Bild: CultsVEVO (via YouTube)

Cults - Monolithic (Official Video)

Acid Pauli – MOD

Das dritte Album des Weilheimer Soundtüftlers Acid Pauli aka Console aka Martin Gretschmann ist eine Ode an den Modular-Synthesizer, nachdem dieser gerade wieder eine Renaissance erlebt. Die Platte ist zwar rein technisch ein Experiment, aber sie klingt nicht experimentell. Im Gegenteil: Es ist ein sehr dezentes, reduziertes, durchhörbares  Ambient-Album. Produziert mit Modular-Synthesizern und heißt deshalb auch „MOD“. Mein persönliches Highlight ist gleich die erste Seite und das Stück „Sublime Frequencies Of Cairo“.  Die Lieder sind lang, bauen sich über weite Spannungsbögen auf, sind aber alles andere als langweilig. (8 von 10 Punkten)

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Acid Pauli: Sublime Frequencies Of Cairo | Bild: Ouïe (via YouTube)

Acid Pauli: Sublime Frequencies Of Cairo

Ammar 808 – Global Control, Invisible Invasion

Ammar 808 ist ein sehr spannendes Projekt des tunesisch-belgischen Produzenten Sofyann Ben Youssef. Die Nummer 808 im Namen steht für den legendären Drumcomputer Roland 808, mit welchem er am liebsten arbeitet. Damit produziert er spannenden Ethno-Electroclash. Sein 2018er Album „Maghreb United“ landet heute noch regelämäßig bei mir zuhause auf dem Plattenspieler, weil der Mix aus nordafrikanischen Gesängen und modernen Elektrobeats so gut funktioniert. Für das neue Album ist er mit einem Koffer voller Aufnahmegeräte nach Chennai in Indien gereist.  Dort hat er mit einheimischen Musikern regionale Lieder aufgenommen und neu interpretiert. Auch zu Indien hat er eine biografische Beziehung. Er hatte dort schon studiert und Sitar-Spielen gelernt. Deswegen war schnell klar, dass ihn das neue Album dorthin führen wird. Nicht ganz vier Wochen war er in Indien, 10 Tage davon im Studio und jetzt können wir das Ergebnis hören: Es reicht von Trance, über indischen Straßenrap, Sitar-Rock und indischen Dancehall. Der Albumtitel: „Global Control / Invisible Invasion“ bezieht sich nicht auf Corona-Verschwörungsmythen und Allmachtsfantasien. Im Gegenteil: Er stand schon vor Corona fest und bezieht sich auf hinduistische Lehren. (6,5 von 10 Punkten)

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AMMAR 808 - MAHAGANAPATIM  ( featuring K.L.SREERAM ) | Bild: AMMAR 808 (via YouTube)

AMMAR 808 - MAHAGANAPATIM ( featuring K.L.SREERAM )

Sasebo – SSS (Sasebo Super Spreader)

Bleiben wir gleich beim länderübergreifenden Soundclash und kommen zu bayerisch-japanischen Bandpojekt: Sasebo aus München. Ihr Albumtitel bezieht sich ganz klar auf die Corona Zeit. Der Titel „SSS“ steht für „Sasebo Super Spreader“. Sasebo – Das neueste Release des Münchner Labels Gutfeeling, das man vor allem mit dem Namen G.Rag verbindet. In diesen bluesig knarzenden, dahin rumpelnden Soundkosmos des Labels passen Sasebo perfekt. Auf dem Grundgerüst aus Southern Bluesgitarre, Rumpel-Schlagzeug und einem morbiden Akkordeon spielt sich hier meist noch eine Kakofonie aus Flöten, Triangeln und Bläsern ab – dazu gibt’s rauen, assoziativen japanischen Gesang. Sasebo nennen das bayerisch japanischen Anarcho Blues – und das trifft es wohl ziemlich genau. (7 von 10 Punkten)

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Monkey Business | Bild: Various Artists - Topic (via YouTube)

Monkey Business

Cat Stevens / Yusuf  - Tea For The Tillerman 2

Bleiben wir gleich bei Musikern, die sich für Spiritualität und Religion begeistern. Cat Stevens ist 1977 zum Islam konvertiert und nennt sich seither Yusuf. 1970 hatte er noch als Cat Stevens sein Album Tea For The Tillerman veröffentlicht. Dadurch ist er zum internationalen Superstar geworden, denn es fanden sich seine großen Hits daraf: Wild World, Where Do The Children Play und auch Father & Son. Das Album feiert jetzt 50-jähriges Jubiläum und Yusuf hat es aus diesem Anlass nochmal neu aufgenommen und die Songs etwas aufgefrischt. Wild World ist beispeilsweise weniger poppig und er spielt es im Ragtime und mit einem frankophonen Akkordeon. Das mittlerweile doch recht abgedroschene Father & Son kriegt etwas mehr Dynamik. Es sind nach wie vor tolle Lieder und der neue Anstrich tut ihnen hörbar gut. (7,5 von 10 Punkten)

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Yusuf / Cat Stevens - Father And Son | Bild: YusufVEVO (via YouTube)

Yusuf / Cat Stevens - Father And Son

Butcher Brown - #kingbutch

Butcher Brown ist eine Kombo aus Virginia, die sich einem Mix aus Jazz, Rap, Funk und Fusion verschrieben hat. #kingbutch heißt das neue Album und ist sehr heterogen. Ein Gemischtwarenladen mit so vielen Genres im Angebot: Da steht kühler Urban-Groove, neben Progressive Jazz, neben einem astreinen, schon fast schwitzigen Funk-Song. Und dann taucht neben all den Instrumentals plötzlich wieder ein Rap-Song. Die Band spielt ihr neues Album technisch so tight und sauber, dass leider das der Vibe etwas abhanden kommt. Da mag ich es eben besonders gern, wenn der harte Rap diesen kühlen, abgeklärten Sound etwas konterkariert und abfedert. (7,5 von 10 Punkten)

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Butcher Brown - #KingButch (Official Audio) | Bild: Butcher Brown (via YouTube)

Butcher Brown - #KingButch (Official Audio)

Bear's Den + Paul Frith - Fragments

Bear's Den spielten zuletzt besondere Livekonzerte mit Orchester – unter anderem in der Elbphilharmonie in Hamburg, Dafür hat die Band mit dem Arrangeur und Komponisten Paul Frith zusammengearbeitet. Er hat schon Erfahrung mit Gitarrenbands, hatte schon mit The XX oder Radiohead gearbeitet. Die neuen Versionen mit Streichern und Konzertpiano kamen beim Publikum allerdings live so gut an, dass sie jetzt auch als CD erscheinen. Die Musik ist nun wirklich sehr elegisch. Das transportiert sich live wohl besser. (6,5 von 10 Punkten)

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Bear's Den + Paul Frith - When You Break - Fragments | Bild: Bear's Den (via YouTube)

Bear's Den + Paul Frith - When You Break - Fragments


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