Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Deap Valley, Makaya McCraven, Ben Lamar Gay & Euroteuro

Hier sind die Neuheiten der Woche im Überblick: Mit u. a. Deap Valley, Euroteuro, Makaya McCraven, Ben Lamar Gay, Robert Plant & Alison Krauss und Chris Liebing.

Von: Angie Portmann

Stand: 18.11.2021

US-Band Deap Valley | Bild: picture alliance / dpa | Tracey Nearmy

Ben Lamar Gay – Open Arms To Open Us

Ben Lamar Gay und seine sonischen Extravaganzen. Egal wie vertrackt die Rhythmen, wie exotisch die Instrumental- und Spoken-Word-Einschübe, die Doo-Wop-Chöre, Querflöten, Weihnachtsglöckchen und brasilianisch anmutende Gesangseinlagen … „Open Arms To Open Us“ folgt seinen ganz eigenen Gesetzen. Das Album gleicht einer Wildwasserfahrt, vorbei an unruhigen Jazz-Trompeten, lässigen Tuba-Untiefen, wilden Cello-Einwürfen und weirden Electronica-Experimenten. Ein unberechenbarer Klangrausch, der Jazz, Folk und Freestyle, genauso wie Soul, Blues, Americana, Psychedelia und Tropicalia atmet und zusammengehalten wird von einem unwiderstehlichen Rhythmus. Mit „Open Arms To Open Us“ öffnet Ben Lamar Gay für uns nicht nur seine Arme, sondern auch sein wahnwitzig kleinteiliges, aber trotzdem absolut stimmiges Klanguniversum. Unterstützt wird der Musiker aus Chicago dabei von zahlreichen Gästen, u.a. auch von der fabelhaften Angel Bat Dawid. Wem der November gerade allzu grau und kalt erscheint, die Aussicht auf den uns bevorstehenden Corona-Winter allzu trostlos, für den ist Ben Lamar Gays geballte Ladung Tropicália-Weirdness eventuell die Rettung.  (8,2 von 10 Punkten)

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Ben LaMar Gay - Aunt Lola and the Quail (Official Video) | Bild: Nonesuch Records (via YouTube)

Ben LaMar Gay - Aunt Lola and the Quail (Official Video)

Makaya McCraven - Deciphering The Message

"Ladies and gentlemen, as you know, we have something special down here at Birdland this evening: a recording for Blue Note Records." Diese Textzeile kennt man nur zu gut, wenn man in den 90ern groß geworden ist. Und zwar von US3 und ihrem Hit „Cantaloop“. Das Original ist aber natürlich noch viel älter, Art Blakey hat mit der Bühnenansage von Pee Wee Marquette sein Live-Album „A Night At Birdland Vol. 1“ eröffnet. Das war 1954. Das Birdland, auch „The Jazz Corner of the World“ genannt, war damals einer der New Yorker Nachtklubs, in dem auch etliche Live-Mitschnitte entstanden, u.a. von Miles Davies und John Coltrane. Wenn Makaya McCraven mit diesem Sample sein neues Album, übrigens sein Debüt für Blue Note Records eröffnet, ist sofort klar, was er damit will: nämlich der Jazzgeschichte, aber auch seinen eigenen Lieblingstracks, Tribut zollen. Zurück zum Jazz, zum Be Bop bzw. Hard Bop der 1950er/60er Jahre heißt die Devise. Makaya McCraven hat dazu Originale aus dieser Zeit gesampelt und geremixt. Und ihnen später mit seiner eigenen Band, zu der u.a. auch der Gitarrist Jeff Parker gehört, einen neuen Vibe, mehr Groove gegeben. Den vorzüglich ausgewählten Stücken ihren Charme, ihre Melodien gelassen, aber sie mit mehr Beats, mehr Drive, mehr Wumms ausgestattet. Das mag Jazz-Puristen die Nackenhaare aufstellen, eröffnet aber einer ganzen Generation groove-affiner, junger Menschen den Zugang zu einem unglaublichen Schatz. Beschenkt sie mit 50 Jahre alten Blue Note-Perlen (u.a. von Kenny Dorham, Horace Silver und Jack Wilson Jr.), die hier so modern und zeitgemäß klingen als hätten ihre Urheber sie gerade erst erdacht. Dazu hat Makaya McCraven auch etliche Stücke gekürzt. Was tut man nicht alles, um den Jazz wieder attraktiver zu machen. (8,1 von 10 Punkten)

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Makaya McCraven - Frank's Tune (AKA “De’Jeff’s Tune") | Bild: Blue Note Records (via YouTube)

Makaya McCraven - Frank's Tune (AKA “De’Jeff’s Tune")

Coldcut X Mixmaster Morris – Compilation „@0“

Die Chillout-Lounges unserer Club-Welt dürften gerade sehr mau besucht sein, trotzdem scheint es doch nach wie vor ein Bedürfnis nach klassischer Ambient-Musik zu geben. Zumindest bei Matt Black, der einen Hälfte des britischen Elektronik-Duos Coldcut. Zu seiner Motivation eine Ambient-Compilation mit weitestgehend neuen Tracks von jungen, aber auch von sehr erfahrenen Ambient-Musikerinnen und -Musikern zusammenzustellen, sagt Black: „‚@0‘ bezieht sich auf den Grenzzustand, den ich oft erlebt habe, wenn meine mentale und emotionale Stabilität nicht 100% war, kurz vor dem Absturz in die Depression. Ich stellte fest, dass Ambient-Musik mit ihrer sanften Faszination die Energie etwas anhebt, was dazu beiträgt, diese Abwärtsspirale zu vermeiden und langsam aus diesem Dilemma heraus zu navigieren. ‚@0‘ ist ein Balancepunkt.“ Seit über 30 Jahren segeln wir jetzt also schon durch diesen Ocean of Sound auf der Suche nach Balance, die uns aus dem Dilemma herausnavigiert. Und auch wenn wir glauben, diese schon fast kanonisch gewordenen Synthie-Sounds, die romantischen Klassik-Samples und offenen Hall-Räume bis ins ff zu kennen, entdeckt man auf dieser Compilation doch immer wieder kleine, feine Überraschungen. Die Tracks von Skee Mask und Helena Hauff z.B. oder „The Fire Burns Out“ von den Kuratoren Coldcut selbst, das die spätherbstliche Melancholie fast majestätisch klingen lässt. Keine Neuerfindung des Genres, aber in diesen unruhigen Zeiten durchaus tröstlich. (7,7 von 10 Punkten)

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Altered Fist on PTV: Mixmaster Morris ambient track | Bild: Coldcut (via YouTube)

Altered Fist on PTV: Mixmaster Morris ambient track

Houeida Hedfi - Fleuves De l’Ame

Houeida Hedfi ist Wissenschaftlerin, Energiegewinnung mit Wasser ist eines ihrer Spezialgebiete. Daneben ist sie aber auch Musikerin, Percussionistin mit einem ausgeprägten Faible für Melodien. Vor neun Jahren hat sie Olof Dreijer von the Knife kennengelernt. Dreijer war damals in Tunesien, um eine Compilation mit tunesischen Musikerinnen aufzunehmen. Seitdem arbeiten die beiden zusammen. Ihr erstes gemeinsames Werk, „Fleuves de l’Ame“, ist ein sensibler Clash traditioneller tunesischer Musik mit einer aktuellen, ja globalen Soundästhetik. Die acht Songs tragen dann auch alle - passend zu Hedfis Arbeit als Wissenschaftlerin - Namen großer Flüsse, und klingen auch so: dunkel, geheimnisvoll, elegant dahin gleitend und … wie von einer Frau gemacht, betont Hedfi. Denn, ihre Musik nehme nicht so viel Platz ein wie die eines Mannes. Interessante Behauptung. (7,8 von 10 Punkten)

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Houeida Hedfi - Appel du Danube | Bild: Houeida Hedfi (via YouTube)

Houeida Hedfi - Appel du Danube

Deap Vally – Marriage

Kurz dachte ich Deap Vally seien jetzt endgültig die neuen Royal Trux, so herrlich cool und abgefuckt klingt „Perfuction“, der Opener ihres neuen Albums „Marriage“. Kaum zu glauben, dass sich die beiden kalifornischen Rock-Musikerinnen, die Schlagzeugerin Julie Edwards und die Gitarristin Lindsey Troy, bei einem Handarbeitskurs in Los Angeles kennengelernt haben sollen. Denn der Rock’n’Roll von Deap Vally ist roh und heavy. Irgendwo zwischen besagten Royal Trux, den White Stripes und The Kills. Flaming-Lips-Frontmann Wayne Coyne war begeistert und hat schon 2020 mit den beiden als Deap Lips ein Album aufgenommen. Aber Deap Vally haben auch eine romantische Seite. Und sie haben mit den Flaming Lips die Lust am Experiment entdeckt und sich eine Menge Gäste eingeladen. Von Peaches über KT Tunstall, Jennie Vee von den Eagles Of Death Metal, Jamie Hince von The Kills, JennyLee von Warpaint und Ayse Hassan von den Savages. Eine illustre Runde, die den Deap Vally-Sound auf „Marriage“ noch aufregender hat werden lassen. (8 von 10 Punkten)

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Deap Vally - Magic Medicine (Official Video) | Bild: Deap Vally (via YouTube)

Deap Vally - Magic Medicine (Official Video)

Robert Plant & Alison Krauss – Raise The Roof

Never change a winning team – bereits 2007 haben Robert Plant und Alison Krauss mit ihrem gemeinsamen Cover-Album „Raising Sand“ sechs Grammys gewonnen. Nun erscheint die Fortsetzung dieses erfolgreichen Projekts, wieder produziert von T Bone Burnett. Die Rezeptur ist erprobt, die Beteiligten Vollprofis. Alison Krauss hat schon sagenhafte 27 Grammys auf dem Kaminsims stehen. Robert Plant hatte vor seiner Coop mit der Queen Of Bluegrass zwar noch keinen einzigen Grammy, aber immerhin hat der Rolling Stone den ehemaligen Led Zeppelin-Frontmann auf Rang 15 der 100 besten Sänger aller Zeiten gelistet. Laut Produzentenlegende T Bone Burnett harmonieren die beiden deshalb so gut, weil sie so unterschiedlich sind. Da die immer gut vorbereitete Alison Krauss, superperfektionistisch und makellos ihr Gesang. Dort der gern improvisierende Robert Plant, der alles, nur nicht clean klingen will. Schon der sehr atmosphärische Opener, ein Calexico-Cover, macht klar, hier wurde sich viel Mühe mit der Auswahl der gecoverten Songs gegeben. Schließlich ist einen Song zu covern, laut Plant, „wie ein Urlaub an einem neu entdeckten Traumreiseziel“. Neben Calexico haben sich die beiden für Songs von so unterschiedlichen Interpreten wie Merle Haggard, Allen Toussaint, The Everly Brothers oder Bert Jansch entschieden. Von letzterem, dem schottischen Folk-Musiker Jansch, den Plant schon seit seiner Jugend verehrt, stammt „It Don’t Bother Me“. Und trotz der unterschiedlichen Vorlagen klingt doch alles wie aus einem Guss. Es würde mich nicht wundern, wenn auch mit „Raise The Roof“ wieder der ein oder andere Grammy bei den beiden landen würde. (7,8 von 10 Punkten)

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Robert Plant & Alison Krauss - It Don’t Bother Me (Official Audio) | Bild: Robert Plant & Alison Krauss (via YouTube)

Robert Plant & Alison Krauss - It Don’t Bother Me (Official Audio)

Euroteuro – Volume II

Die Wiener Euroteuro gehen gern mit Voodoo Jürgens auf Tour, dazwischen liegen sie auf der faulen Haut, feiern das Nichtstun und schreiben geniale Gassenhauer wie „Wenn Alle Das Täten“. Wobei, um genau zu sein, der Song stammt gar nicht von Euroteuro, sondern von dem Wiener Anarcho-Liedermacher Georg Kreisler. Genial ist er trotzdem.„Wenn alle das täten, dann hätten halt alle einen herrlichen Vormittag“. Euroteuro lassen es eher gemütlich angehen, Hektik ist nicht ihr Ding, die Hälfte der Songs auf dem neuen Euroteuro-Album „Volume II“ sind dann auch bereits 2020 erschienen. Euroteuro machen Elektroschlager, schwarzhumorigen, systemkritischen Dada-Pop mit Schnipo-Schranke-Charme, eingängige Songs mit absurden Texten und billigen 80’s Synthies. Live vermutlich sehr unterhaltsam, auf Albumlänge musikalisch etwas redundant. (7,5 von 10 Punkten)

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Euroteuro - Allein sein (official musicvideo) | Bild: Siluh Records (via YouTube)

Euroteuro - Allein sein (official musicvideo)

Chris Liebing – Another day

Bei dem Namen Chris Liebing denkt man sofort an Großraum-Raves mit Liebing ganz oben auf dem DJ-Pult. Dazu stampfender Techno und eine johlende Menge. Damit verdient der Frankfurter seit Jahrzehnten seinen Lebensunterhalt. Mit der großen Abfahrt in den noch größeren Techno-Clubs. Vom Omen bis Ibiza. „Another Day“ ist allerdings kein Dance-Album (auch wenn es von einigen Stücken schon Remixe für den Dancefloor gibt), sondern ein Großraum-Listening-Album. Ein Album der großen Worte, großen Gesten, großen Melodiebögen. Liebing hat dafür mit veritablen Musikern zusammengearbeitet, von Cold Specks, die sich jetzt nur noch Ladan nennt, wie ihr Vorname, bis zu Miles Cooper Seaton, einem vor kurzem verstorbenen Mitglied der US-amerikanischen Rockband Akron/Family. Auch sein Labelboss Daniel Miller von Mute-Records hat seine modularen Synthies mit ins Studio gebracht. So weit so vielversprechend. Produzent Ralf Hildenbeutel, fame of 90’s Harthouse- und Eye Q-Produktionen, hat dann daraus sehr funktionelle, elektronische Musik gezimmert. Industrial für die Afterhour. Zeitlos, bisweilen aber auch etwas seelenlos. (6,5 von 10 Punkten)

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Chris Liebing - Circles feat. Tom Adams (Jan Blomqvist Remix) | Bild: Chris Liebing (via YouTube)

Chris Liebing - Circles feat. Tom Adams (Jan Blomqvist Remix)