Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Darkside, Molly Burch und Anika

Die Neuheiten der Woche im Überblick. Mit dabei sind u. a. Jackson Browne, Darkside, Molly Burch, Anika, Piroshka, Emma Jean Thackray, Peyton und Leon Bridges

Von: Matthias Hacker

Stand: 22.07.2021

Cover: Anika - Change | Bild: PIAS

Anika – Change

Acht Jahre lang hat die in Berlin lebende Britin Anika nichts mehr unter ihrem Namen veröffentlicht. Sie hat in der Zwischenzeit stattdessen mit den TripHop-Legenden Tricky und Geoff Barrow von Portishead zusammengearbeitet. Dazu kamen auch noch zwei Alben mit ihrer Band „Exploded View“. Auf ihrem Solodebüt vor elf Jahren hat die Engländerin noch Songs von Yoko Ono, Bob Dylan oder den Kinks in Dub-Versionen verwandelt. Auf „Change“ ändert sich das und sie hat nun alle Songs selbst geschrieben. Während der Lockdowns hatte sie viel Zeit, in sich hineinzuhorchen und hat dann diese emotionale Mischung aus Zukunftsängsten und Selbstermutigung „erbrochen“, wie sie es selbst nennt. Mir gefällt besonders diese eindringliche Tonalität ihres Avantgarde Pops: die hypnotischen Bass-Melodien, die elektronischen Soundeffekte und dunklen Soundscapes. Der monotone Sprechgesang tut sein Übriges zur Drohkulisse. Auch in ihren Texten lese ich Empowerment und Aufbegehren: Zitat: „Feel Yout Power“ und im Titelsong singt sie: „I think we can change“. Wir sollten einfach mal auf andere hören und von ihnen lernen, wenn wir selber keine Ahnung von der Materie haben. Ich interpretiere das als einen Wink in Richtung „Querdenker“. (8 von 10 Punkten)

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Anika - Change (Official Music Video) | Bild: Anika (via YouTube)

Anika - Change (Official Music Video)

Darkside – Spiral

Sehr intensiv und latent bedrohlich nehme ich auch immer die Musik von Darkside wahr. Der Name trägt das Dunkle ja schon im Namen. Darkside ist das Projekt des chilenischen Elektro-Superstars Nicolas Jaar und dem amerikanischen Gitarristen Dave Harrington. Auch bei den Beiden ist es nun acht Jahre her, dass sie gemeinsam veröffentlicht haben. Wieder mal klingen die Songs von Darkside sehr mysteriös, befremdlich und wie aus einer anderen Welt gestohlen. Es sei ihr „Jam-Projekt“ betonen Jaar und Harrington. Bei diesen Zweier-Jams spielt Spiritualität eine wichtige Rolle. Wir nehmen Platz in der Schwitzhütte dieser zwei Soundschamanen. Sie lassen die Soundbits und Gitarrenpicks unrhythmisch auf die Basslayer tröpfeln und mixen einen psychedelischen Hexensud. Dann schmiegt sich doch wieder ein Gitarrenlick auf einen klassischen Beat wie in der Vorabsingle Liberty Bells und gönnt uns etwas Orientierung im sonst sehr formlosen Songwriting. Dann zwitschern plötzlich Vögel aus dem Off. Diese Momente sind es, die uns auf der neuen Darkside daran erinnern, dass es auch immer noch eine Sonnenseite gibt. Hier klingt Spiral heller und optimistischer als der Vorgänger. (8,2 von 10 Punkten)

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DARKSIDE - "Lawmaker" (Official Audio) | Bild: DARKSIDE (via YouTube)

DARKSIDE - "Lawmaker" (Official Audio)

Emma Jean Thackray – Yellow

Schon seit ein paar Jahren ist sie eine feste Größe im lebendigen Londoner NU-Jazz. Ihr Debüt jazzt nicht nur, es gospelt, poppt, rockt und groovt. Ihr Debüt-Album soll sich wie ein psychedelischer Trip anfühlen und tut es auch. Er führt uns musikalisch die Treppen hinab in den Underground Londons - ob hinter dem jeweiligen Lied eher ein Jazzclub oder doch ein Underground Dancefloor wartet - weiß man bei Emma Jean Thackray nie so genau. Konzeptionell steht sie in der Tradition von Sun Ra und Kamasi Washington. Sie ist die Zeremonienmeisterin, mischt Spiritualität mit düsterer Science-Fiction, 70er Jahre Fusion mit P-Funk. Das Album macht klar: Die Vorschusslorbeeren waren definitiv berechtigt. (8 von 10 Punkten)

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Emma-Jean Thackray - Our People (Live At The Church Studios) | Bild: Emma-Jean Thackray (via YouTube)

Emma-Jean Thackray - Our People (Live At The Church Studios)

Piroshka – Love Drips Gathers

Die Indie-Supergroup, bestehend aus Mitgliedern der britischen Shoegaze-Band „Lush“ und ehemaligen Musikern von „Moose“, „Modern English“ und „Elastica“ legt ihr zweites Album vor. War die erste Piroshka-Platte noch voller Britpop, überzeugt „Love Drips Gathers“ mit Shoegaze. Dem Genre, das seinen Namen daher hat, weil die Gitarristen die ganze Zeit auf ihre Effektgeräte auf dem Boden starren. Sprich: auf ihre Shoes gazen. Love Drips Gathers ist im Vergleich zum Vorgänger kontemplativer, nimmt sich mehr Zeit und Raum. Klanglich ziehen die Dreampop- und Shoegaze-Nebelschwaden durch das Album, das allerdings sehr dünn produziert ist. Die fehlenden Bässe lassen das Album kühl und distanziert wirken, was sicherlich auch der Plan war. Thematisch konzentriert sich die Band diesmal weniger auf Politisches, sondern auf das Private, das ja auch immer politisch ist. (6 von 10 Punkten)

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Piroshka - V.O. (Official Video) | Bild: bellaunioninc (via YouTube)

Piroshka - V.O. (Official Video)

Peyton – PSA

Die Musik ist der texanischen R&B-Sängerin in die Wiege gelegt worden. Schon als Kind sang sie in Gospelchören und spielte in klassischen Ensembles. Jetzt macht sie luftigen R&B. Dabei ist ihre Großmutter ihre große Inspiration. Die war einst als Songwriterin für einen Grammy nominiert und als Klavierlehrerin at sie eine gewisse Beyonce unterrichtet. Das Piano sorgt für einen der schönsten Songs der Platte – auch wenn der Haters heißt. Als Teenager versteckte sich Peyton im Kirchenchor gerne in den hinteren Reihen. Erst nach und nach hat sie ihre Ängste abgebaut und Selbstbewusstsein tanken können. Mit ihrem Debüt „PSA“ sucht sie nun das Rampenlicht. In ihren Texten beschwört sie das gewonnene Selbstbewusstsein. Sie singt, dass sie sich nicht von Hatern fertigmachen lässt. In „Ppl say“ macht sie nochmal klar: „Sollen die Leute nur reden, ich mach mein Ding“. Diese Floskeln klingen zuweilen so, als müsse sie sich immer noch Mut zureden. Allerdings bleiben die Texte auch sonst sehr oberflächlich, handeln etwa vom Kiffen und von Männern. Das Debütalbum von Peyton Booker erscheint beim renommierten Soullabel „Stones Throw Records“. Ein sinnlich arrangiertes, leicht souliges R&B Album. Trotzdem muss ich sagen, dass mich Stimme und Stil oft an Arlo Parks erinnern und deren Debüt weitaus tiefgründiger und musikalisch ist. (6,5 von 10 Punkten)

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Peyton - What Did I Do | Bild: Stones Throw (via YouTube)

Peyton - What Did I Do

Altın Gün - Âlem

Nur ein paar Monate nach ihrem Album Yol, das ja das erste türkischsprachige Album der Woche im Zündfunk auf Bayern 2 war, erscheint nun ein Überraschungsalbum der Niederländer. Die sechsköpfige Band aus Amsterdam hat sich ja darauf spezialisiert, türkische Volksmusik und anatolischen Psychrock zu modernisieren. Sie sind mit Coversongs von Neşet Ertaş und Selda Bağcan bekannt geworden, aber schon auf YOL waren erste selbstkomponierte Stücke, und ihr Sound wurde elektronischer. Auch auf Âlem finden sich eigene Kompositionen wie Kısasa kısas. Der Song beweist auch, dass sie den elektronischen Weg weitergehen wollen, den sie mit YOL beschritten haben. Âlem ist eine Ode an den Synthpop der 80er und in ein, zwei Songs sogar an den 90er Jahre Eurodance. Produziert hat das Belgische Synth-Duo Asa Moto. Damit emanzipieren sich Altın Gün aus dem anatolischen Psychrock. Ihre Retro-Fangemeinde wird aber auch diesen Blick nach hinten in die Musikgeschichte lieben. Ich tu’s jedenfalls. Die Platte erscheint übrigens ausschließlich digital und auf Bandcamp. Jeder gekaufte Song kommt dabei einer Umweltorganisation zu Gute und schützt nachhaltig einen Quadratmeter Erde. Und das ist kein Lippenbekenntnis. Altın Gün setzen schon lange auf nachhaltiges Touren. Sie reisen nicht im Flieger, sondern nur im Van oder Zug, Backstage gibt es kein Plastik und sie bestehen auf vegetarisches Catering.  (7,5 von 10 Punkten)

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Altın Gün - Kısasa kısas | Bild: Altın Gün (via YouTube)

Altın Gün - Kısasa kısas

Leon Bridges – Gold Diggers Sound

Die Geschichte von Leon Bridges ist sprichwörtlich. Er arbeitete früher als Tellerwäscher und heute ist er ein Popstar. Vor Jahren machte er noch sehr gospeligen Soul und Blues, hat sich aber über die Jahre immer mehr in Richtung modernem RnB entwickelt. Den Trend führt er auf „Gold Digger Sound“ fort. Das ist stimmungsvoller sommerlicher RnB-Pop. Ich gebe zu: Zuerst hat mich die glatte Produktion abgeschreckt. Mein vorschnelles Urteil: Ja, jetzt kommt Massenware, ein Album, dass ihm endgültig dem Mainstream-Erfolg bringen soll. Aber dann. Je länger ich Gold Diggers Sound gehört habe, umso mehr habe ich den Groove und Charme dieser Platte gespürt. Der glatte Sound geht nicht auf Kosten des Songwritings. Hier knistert zwar kein Retrosound mehr wie früher bei Leon Bridges, dafür ist der Sound jetzt durchgehend so fein produzierter RnB-Pop, dass die Platte sogar an Frank Oceans Meisterwerk „Channel Orange“ erinnert. Kommt da zwar nicht ganz ran, aber allein der Vergleich zeigt, dass Leon Bridges musikalisch nicht mehr in den Rückspiegel schaut. Und am Ende wird mit dieser Platte auch wirklich Goldgräberstimmung aufkommen, denn sie wird sich sicherlich gut verkaufen. (7,8 von 10 Punkten)

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Motorbike | Bild: Leon Bridges - Topic (via YouTube)

Motorbike

Jackson Browne - Downhill from everywhere

Seit fünf Jahrzehnten schreibt und komponiert Jackson Browne Musik. Erst für Stars wie Nico oder The Byrds – dann später unter seinem Namen. Mit 72 Jahren veröffentlicht die Songwriterlegende wieder ein Album. Da klingt so viel Erfahrung und musikalische Finesse durch. Die Platte hat mich daran erinnert, das Songwriting ein Kunsthandwerk ist, für das man Talent und Technik braucht. Jackson Browne ist ein Meister. Das ist oberste Liga US-amerikanische Rockmusik. Mit sozialkritischen und politischen Texten. Jackson Browne mag alt geworden sein und sein Sound oldschool, aber er schreibt so gut wie eh und je. Lesern des Rolling Stones Magazins wird bei diesem Album das Herz aufgehen. (8 von 10 Punkten)

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Running on Empty | Bild: Jackson Browne - Topic (via YouTube)

Running on Empty

Molly Burch  - Romantic Images

Die studierte Jazzsängerin aus Texas probiert sich mehr in elektronischen Gefilden. So nah am Pop war sie noch nie. Mit Keyboards tanzt sie jetzt auch mal auf dem 80ies Dancefloor und ihre rauchige hohe Stimme würde der eskapistischen Kate Bush alle Ehre machen. (7 von 10 Punkten)

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Molly Burch - Took A Minute (Official Video) | Bild: MollyBurchVEVO (via YouTube)

Molly Burch - Took A Minute (Official Video)