Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Neue Alben von Courtney Barnett, Jon Hopkins & Damon Albarn

Hier sind die Neuheiten der Woche im Überblick: Mit u. a. Rosie Lowe, Irreversible Entanglements, Courtney Barnett, Aesop Rock, Pip Blom, Jon Hopkins, Damon Albarn und Hiphop-Producer Madlib.

Von: Matthias Hacker

Stand: 11.11.2021

Courtney Barnett - If I Don't Hear From You Tonight [Official Video] | Bild: courtneybarnett (via YouTube)

Irreversible Entanglements – Open The Gates

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit: „Open The Gates“ für politischen Jazz der Irreversible Entanglements aus Philadelphia.  Man kann es Agit Jazz nennen, der postkoloniale Strukturen in Frage stellt. Genauso trifft hier kosmologischer Afrofuturismus auf die harte Lebenswirklichkeit Schwarzer Menschen in den USA. Der theoretische und programmatische Überbau kommt dabei von der Poetin und Frontfrau Moormother, deren Soloalbum in der Musik von Morgen schon viel Lob bekommen hat. Moormother versteht sich mit den Irreversible Entanglements als sozialer Seismograph, greift politische Nachrichten wie im Song „So Close To The News“ auf und malt Schwarze Utopien in die Jazz-Triolen. Open The Gates legt sich genauso mit der US-amerikanischen Polizei und Regierung an wie mit dem Rassismus und Kapitalismus. Das sind 73 tolle Minuten Jazz mit offenem Visier. (7,5 von 10 Punkten)

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Irreversible Entanglements - Open The Gates (Official Music Video) | Bild: Don Giovanni Records (via YouTube)

Irreversible Entanglements - Open The Gates (Official Music Video)

Courtney Barnett – Things Take Time, Take Time

Ihr drittes Album beginnt mit dem schönen Satz: „Früh morgens bin ich langsam, ich zieh mir einen Stuhl ans Fenster und schau nach draußen, was so passiert.“ Die Australierin blickt auf die Straße eines kleinen Kaffs und beobachtet die kleinen Abenteuer des Alltags: einen Müllwagen, Kinder beim Radfahren oder Gassi gehende Hunde – samt ihrer Herrchen. Obwohl sie auch viel über unglückliche Beziehungen, Sehnsucht und die Langeweile im Lockdown erzählt, scheint die Barnett trotzdem guter Dinge zu sein. Ihr neues Album klingt positiv, nicht mehr so aufgekratzt und aufgeräumt. Es heißt ja auch, „Things Take Time. Take Time“. Dinge brauchen Zeit, also nimm dir Zeit. Das Album ist allerdings nur 34 Minuten kurz.  Auf den ersten Blick wirkt es, als hätte sie sich gar nicht so viel Zeit genommen. Aber die repetitiven Krautrockelemente und der tiefenentspannte, fast schon trantütige Gesang entschleunigen und lassen die Zeit gefühlt stillstehen. Barnett erzeugt mit sehr viel Chorus-Effekt auf der E-Gitarre einen voluminösen Klang und lässt uns damit in den Soundkosmos abtauchen, den wir auch bei Kurt Vile oder War On Drugs so gerne mögen. Manchmal muss man sich eben die Zeit nehmen, sich hinsetzen und gut zuhören. Wenn man aufmerksam und achtsam ist, dann gibt es auch in nur knapp 34 Minuten Slackerrock so viel Schönes zu entdecken. (8 von 10 Punkten)

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Courtney Barnett - If I Don't Hear From You Tonight [Official Video] | Bild: courtneybarnett (via YouTube)

Courtney Barnett - If I Don't Hear From You Tonight [Official Video]

Rosie Lowe & Duval Timothy – Son

Sie kommt aus Devon im Südwesten Englands und eher vom eleganten R 'n' B. Er lebt teils in Sierra Leone und teils in London und kommt eher aus der Ecke experimenteller Klaviermusik, Malerei und Fotografie. Beide haben sich in London kennengelernt und ihre gemeinsame Begeisterung für Chormusik entdeckt. Beide wollten mehr mit ihrer Stimme machen. Das tun sie jetzt auf dem gemeinsamen Album. Sie clustern einzelne Stimm-Snippets über Klavier-Harmonien, klassischen Arrangements und Samples. Die Aufnahmen sind in London und Freetown entstanden. Dabei haben sie auch ihre Umgebung mitgeschnitten und lassen Straßen, Marktplätze und Küstengeräusche einfließen. Man sollte Lust auf stimmliche Experimente haben, aber die Gratwanderung zwischen Stimmkunst und R 'n' B gelingt. (7 von 10 Punkten)

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Son - Rosie Lowe & Duval Timothy (Official Audio) | Bild: Duval Timothy (via YouTube)

Son - Rosie Lowe & Duval Timothy (Official Audio)

Damon Albarn – The Nearer The Fountain, More Pure The Stream Flows

Auch der frühere Blur-Sänger kommt wie Rosie Lowe ursprünglich aus Devon im Südwesten Englands. Damon Albarn hat dort in der alten Heimat sein zweites Soloalbum aufgenommen. In einem abgelegenen Haus an der Küste hat auch er Fieldrecordings betrieben und den Küstenwind und das Rauschen der Wellen eingefangen. Etwa im Instrumental „Esja“ oder in „The Tower of Montevideo“. Hier hören wir kühle britische Küstenwinde mit einer warmen Brise Tango. Vom Blur-Britpop oder vom Hiphop seiner Gorillaz ist nichts mehr zu hören. „The Nearer The Fountain, More Pure The Stream Flows“ ist so poetisch und ruhig, wie der Titel verspricht. Beim Hören taucht oft eine trübe und regnerische Kulisse vor unserem inneren Auge auf, wir sehen den Nebel förmlich an der Veranda vorbeiziehen. Damon Albarn vertont seine Heimkehr und Heimat. Wasser spielt dabei eine zentrale Rolle. Neben den Fieldrecordings mit Meer und Wind klingen die leichten Beats wie Blubbern und die sanften Pianoakkorde, als würden Regentropfen von der Fensterscheibe abperlen. Dazu gesellt sich wie schon auf dem Vorgänger Everyday Robots das Saxophon. Das graue Albumcover ziert ein großer Felsen, der majestätisch in der Brandung liegt. Die Titel heißen: „Royal Morning Blue“, „Giraffe Trumpet Sea“, „The Cormorant“ oder „Polaris“. Es ist eine klare Klang- und Bildsprache. (8 von 10 Punkten)

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Damon Albarn - Royal Morning Blue (Official Music Video) | Bild: Damon Albarn (via YouTube)

Damon Albarn - Royal Morning Blue (Official Music Video)

Jon Hopkins – Music For Psychedelic Therapy

Arthur Schopenhauer sagte einst: „Architektur ist gefrorene Musik.“ Jon Hopkins dreht das Zitat um und sagt: „Musik ist flüssige Architektur.“ Das neue Album funktioniert nach dem Motto: Nomen est omen. Hopkins möchte es auch als psychedelische Therapie oder zumindest als Teil davon verstanden wissen. In der Plattenankündigung meint er: „Weltweit, werden psychedelische Behandlungsformen immer weiter legalisiert, die Wirkung der Musik wird im Vergleich zu den chemischen Substanzen aber noch viel zu stark unterschätzt.“ Im Lied „Sit Around The Fire“ hat er sogar Aufnahmen des Gurus Ram Dass aus den 70ern verwendet. Der britische Producer bekam diese Aufnahmen zugespielt, setzte sich ans Klavier und improvisierte spontan das Lied dazu. Das ganze Album sollen wir intuitiv wahrnehmen. „Music For Psychedelic Therapy“ erinnert dabei nicht nur des Titels wegen an Brian Enos „Music For Airports“. Es erscheint jetzt digital und auf CD. Schallplatten gibt es für die Vinyl-Fans erst im Februar. (7 von 10 Punkten)

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Jon Hopkins - Music For Psychedelic Therapy (Excerpt) | Bild: Jon Hopkins (via YouTube)

Jon Hopkins - Music For Psychedelic Therapy (Excerpt)

Idles – Crawler

Und wir berechnen gleich die zweite Therapiestunde. Diesmal allerdings mit viel brachialerer Musik. Idles aus Bristol legen ihr viertes Album in vier Jahren vor. Auf „Crawler“ therapiert sich Sänger Joe Talbot selbst: Er führt uns in dunkle Ecken seiner Psyche. Zu seiner Sucht, zu traumatischen Erlebnissen, zu Ratlosigkeit und Verzweiflung. Alles beginnt mit dem Titel „MT420 RR“. Das ist die Modellnummer eines Motorrads, das Talbot bei einem Autounfall beinahe das Leben gekostet hätte. Das Lied ist ein beunruhigend ruhiger Einstieg, der in der Frage gipfelt: „Are You Ready For The Storm?“. Danach bricht Crawler über uns herein. Talbot schreit nach Medication und wenig später verstörend und schon voller Selbstaufgabe „I'm ok, I'm okay“. Es ist ihm nur schwer zu glauben. Hoffentlich vernarben die psychischen Verletzungen mit diesem Album etwas und tun weniger weh. Meine Diagnose: Idles bleiben kein bisschen hinter den hohen Erwartungen zurück. (9 von 10 Punkten)

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IDLES - CAR CRASH (Official Video) | Bild: IDLES (via YouTube)

IDLES - CAR CRASH (Official Video)

Pip Blom – Welcome Break

Nach so viel schwerer Kost jetzt etwas Leichteres zur Abwechslung. Die Amsterdamer Band Pip Blom, benannt nach ihrer Sängerin Pip Blom. Bisschen DIY-Rock, bisschen Vintage-Westcoast Sound. Das Album hat eingängige Indierock-Hymnen. Das erinnert an die guten Alben der Band Best Coast. Es ist zwar nicht jeder Song ein Hit, aber es reicht, um den Herbstblues zu vertreiben. (6,5 von 10 Punkten)

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Pip Blom - I Know I'm Not Easy To Like | Bild: pip blom (via YouTube)

Pip Blom - I Know I'm Not Easy To Like

Embryo – Auf Auf

Hiphop-Producer Madlib ist großer Fan der Musik von Embryo und hat vor Jahren schon mit Embryo-Gründer Christian Burchard in einem bayerischen Weinkeller gejammt. Christian Burchard ist leider 2018 gestorben, und seitdem führt seine Tochter Marja das Embyro-Ensemble. Über die letzten Jahre sind die Aufnahmen zur neuen Platte „Auf Auf“ entstanden, die morgen auf „Madlib Invazion“ erscheint. Madlib himself hat es produziert. Die Bandbreite reicht von Free-Jazz über Jazzrock, psychedelischen Alphörnern bis hin zu afghanischen und marokkanischen Einflüssen. Das Album gibt es jetzt schon digital. Physisch dann erst nächste Woche. (7 von 10 Punkten)

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Embryo - Baran - Auf Auf on Madlib Invazion | Bild: embryo2000 (via YouTube)

Embryo - Baran - Auf Auf on Madlib Invazion