Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Young Fathers | David Byrne | Albert Hammond Jr.

Der kompakte Überblick über die Neuerscheinungen der Woche: Mit dabei sind unter anderem David Byrne, August Greene, Albert Hammond Jr., Young Fathers, Gengahr & Jimi Hendrix.

Von: Ralf Summer

Stand: 08.03.2018

Artwork: Young Fathers - Cocoa Sugar | Bild: Ninja Tune

August Greene – August Greene

Auch diese Platte erscheint bei einem Label ausserhalb der klassischen Musikindustrie: das Debüt der neuen US-Supergroup August Greene. Vielleicht dürfte man gar nicht Platte oder Album sagen, denn die zehn Songs von August Greene sind nur online erhältlich und auch nur bei einem Anbieter. Bei Amazon. Dort dürfte man sich über die neue Supergroup aus den USA freuen: das neue afro-amerikanische Trio August Greene besteht aus Rapper Common, Jazz-Pianist Robert Glasper und Beatbastler Karriem Riggins und bringt sicher neue Kunden. Auf ihrem digitalen Debüt führen die Drei fort, was so vielversprechend für sie begann: ihr erstes gemeinsames Stück "Letter To The Free" für die Netflix-Film "13th" wurde gleich mit einem Emmy prämiert. Auf "August Greene" vermischen sie Jazz, R'n'B und HipHop zu einem sehr, sehr geschmeidigem Amalgam. Die Kooperation ist ideal für einen verdienten Rapper wie Common, der seit 25 Jahren dabei ist, nun auch in ruhigeren Gefilde zu glänzen. Inhaltlich geht es um Politik, beispielsweise um schwarze Präsidenten. Common war so etwas wie Obamas Lieblings-Rapper, aber er rappt unter anderem über seine berühmten Freundinnen Erykah Badu, Serena Williams und Taraji P. Henson. Musikerin - Tennisspielerin - Schauspielerin. NPR nennt den Sound "erwachsenenen Folk-Rap". Nach Filmen, Dokus und Serien mischt Amazon nun auch in der Musik mit - "August Greene" erscheint bei Amazon Originals. Das bedeutet, wenn man Alexa brav bittet, werden die Mp3s sofort auf den Rechner geladen. Und wenn August Greene doch noch mal als LP/CD erscheinen sollte, schickt sie die Sprachassistentin per Drohne. Muss jeder selbst entscheiden, ob man Amazon unterstützen soll... (7 Punkte von 10)

Young Fathers - Cocoa Sugar

Ganz klassisch auf LP und CD erscheint das neue Album der Young Fathers. Und auf ihrer dritten Platte erweitern die drei Schotten ihr Repertoire: Sie gehen noch weiter vom HipHop weg, öffnen sich mehr für Soul und auch für Afro-Voodoo-Riddims ("Fee Fi"). "Wow" kann man zwischen dem Motorik-Beat von Neu! und dem Electro-Punk von Suicide auflegen. "Border Girl" ist seltsamer Funk-Pop, der einen mitnimmt. Und mit "In My View" pflegen sie aber auch den klassischen YF-Stil: Indie-Rap, der an TV On The Radio erinnert. Gut, daß Alloysious Massaquoi, Graham 'G' Hastings und Kayus Bankole in ihrem Kellerstudio geblieben sind und nicht den Versuchungen großer Produktionen erlegen sind. Überhaupt klingen ihre Beats so sympathisch unfett, manchmal schrottig – wie auf der neuen Single "Toy". Respekt! Sie bleiben eine der interessantesten Bands ihrer Art – und auch Größe. Gerade weil es nicht überraschend wäre, sich zu Superstars glätten zu lassen. Das auffällige Cover, das an Grace Jones erinnert, wird dieses Pop-Jahr sicher auch überleben. Der Titel "Cocoa Sugar" bezieht sich auf die Bittersüße unserer Existenz: dass wir in einer Welt leben, "die alles andere als fair und perfekt ist, doch trotzdem ist es lebenswert hier zu sein". Leider spielen sie "hier" nur einmal (in Deutschland): 9.4. Berlin. (8 Punkte von 10)

David Byrne - American Utopia

Nach 14 Jahren Pause wieder mal ein Album vom Talking Head: seine neue Platte "American Utopia" ist Teil seines Multimedia-Projekts "Reasons To Be Cheerful" - das in den USA Lebensfreude spenden soll, auch wenn es gerade nichts zu lachen gibt. Da wird der Talking zum Laughing Head. Byrne ist ein Radl-Fan, Bio-Einkäufer und Sammler von positiven Nachrichten, die die Welt besser machen – höre "Doing The Right Thing". Wenn die Zeit reif ist, springt also auch wieder mal ein Album raus - "American Utopia" erreicht leider nicht die Qualität seiner früheren Band. Beteiligt waren Brian Eno als Produzent und als Mitmusiker Daniel Lopatin (Oneohtrix Point Never), Sampha, Jack Penate, Jam City, TTY und Happy Isaiah Barr. Keine Frau dabei - "tut mir leid, dass ich nicht mit Frauen kollaboriert habe. In der Musikindustrie es es leider ein weit verbreitetes und problematisches Phänomen, dass Frauen unterrepräsentiert sind" - bedauert David Byrne es, seine neue Platte allein mit Herren aufgenommen zu haben. Hätte vielleicht nicht geschadet. Denn nicht die ganze Platte überzeugt.Aber Stücke wie "Gasoline And Dirty Sheets", "Every Day Is A Miracle" und "Everybody's Coming To My House" sind ihr Geld wert. Und seine Stimme macht natürlich alles wett! Auf seiner Tour will er auch alte Stücke spielen. Ua am 26.6. in Wien, am 27.6. in Berlin und am 11.7. in Zürich. (7,5 Punkte von 10)

Albert Hammond Jr. - Francis Trouble

Die Indie-Fans kennen ihn als Gitarristen der New Yorker Band The Strokes. Albert Hammond Jr. hat sein viertes Album draußen: auf "Francis Trouble" verhandelt er seine eigene, ungewöhnliche Geschichte: seine Mutter, das Model Claudia Fernandez, wusste zwar, dass sie vom berühmten Musiker Albert Hammond schwanger war, aber sie dachten an nur ein Kind. Im November 1979 verlor sie ihren erstgeborenen Sohn Francis Hammond. Erst Wochen später merkte ein Arzt, daß sie noch ein zweites Kind austrägt: Albert Hammond Jr. Doch erst vor zwei Jahren, im Alter von 36, erfuhr Albert Jr. von einer Tante diese Geschichte. Und weil Albert Jr. am 9.4. geboren ist und 9 x 4 auch 36 ergibt, musste die Platte nun 36 Minuten lang sein. Leider kommt er weder an seine tollen Strokes-Früh-Songs noch an sein eigenes, feines "Como Te Llama" von 2008 heran. "Francis Trobule" erscheint auf Red Bull Music. Hammond ist einer von acht Musikern auf dem Label des österreichischen Energy Drink-Herstellers. Vermutlich kennt Albert Hammond Jr. in New York die politischen Diskussionen um den Red Bull-Chef hier im deutsch-sprachigen Raum nicht. Das Münchner Schallplattengeschäft Optimal bestellt die Platte nicht – wegen der rechts-konservativen Haltung von Milliardär Dietrich Mateschitz, dem Chef von Red Bull. Ich konnte nur 3 Songs vorhören und ich muss sagen: Leider kommt er 2018 weder an seine tollen Strokes-Früh-Songs noch an sein eigenes, feines „Como Te Llama“ von 2008 heran.

Jimi Hendrix – Both Sides of the Sky

Er gehört zum "Club Of 27" - der Popstars, die mit 27 aus dem Leben schieden (Cobain, Joplin, Morrisson, Jones). Als Pop-Figur ist Jimi Hendrix unsterblich. Auch für sein Label. "Both Sides Of The Sky" ist der dritte (und letzte) Teil von wiederentdeckten Aufnahmen der Jahre 1968-1970. Zehn der 13 Songs des Albums sind laut Sony unveröffentlicht. Und mit seiner Live-Band, der Band Of Gypsies, im Studio eingespielt: Bill Cox am Bass und Buddy Miles am Schlagzeug, Jimi an der Gitarre und Gesang (nicht immer). Ein Song ("Hear My Train A Comin'"), der zu Hendrix-Live-Repertoire gehörte, wurde von der Original Jimi Hendrix Experience eingespielt. Als Gäste tauchen auf: Johnny Winter, Stephen Stills. Ob dieser Nachlass an seine weltberühmten Alben wie "Electric Ladyland" oder "Are You Experienced" herankommt? Wem es nicht gefällt: der Autodidakt aus Seattle hat ja zu Lebzeiten auch mit anderen Musikern aufgenommen: Ike & Tina Turner, Sam Cooke, B.B. King, Isley Brothers, Little Richard, Wilson Pickett … vielleicht mal wieder da reinhören? (6,5 Punkte von 10)                  

JB Dunckel - H+

Jean Benoit Dunckel ist Teil des bekannten französischen Duos Air – seit 20 Jahren spielen die beiden aus Versailles ihre Version von Retronica sprich Retro & Electronica. Dunckel macht auch viel neben Air: er spielte schon als Darkel und als Tomorrow’s World Platten ein, dazu mehrere Soundtracks. Nun also sein Solo-Debüt unter eigenem Namen. Das Cover zeigt es und der Titel sagt es: "H+" steht für ein positiv geladenes Wasserstoff-Ion – auch Proton genannt. "H+" ist auch das Symbol für Transhumanismus, der Philosophie, die den Menschen um Technik erweitert, betrachtet. Dunckel träumt vom romantischen Transhumansismus, in dem "der Mensch niemals altert und die Liebe ewig ist". Für einen Air-Fan der Anfangstage kommt das alles sehr dünn und bestenfalls lauwarm daher. Wie auch über die letzten Platten von Air. (6 Punkte von 10)

Gengahr - Where Wildness grows

Nach drei Jahren erscheint der Zweitling der Londoner Indie-Rock-Band. Das Album wurde erst aufgenommen, dann gelöscht (wegen Unzufriedenheit) und schließlich anders eingespielt. Flirrender Indie-Pop, der großen Gesten, der aber sympathischerweise an den großen Hits vorbeischrammt. Nicht neu, erinnert an englische Bands wie die Klaxons oder Wild Beasts - aber live sicher mitreisßend: Gengahr spielen am 10. April in München in der Milla. (6,5 Punkte von 10)

Station 17 - Blick

Vor 30 Jahren wurde die Gruppe von Bewohnern der Wohngruppe 17 der Evangelischen Stiftung Alsterdorf. Seit 1991 veröffentlicht die Band aus benachteiligten Menschen Platten – vor allem mit Musikern aus Hamburg wie DJ Koze, FM Einheit oder Thomas Fehlmann. Auf dem zehnten Album wirken mit: Andreas Dorau (kriegt es recht poppig hin), Andreas Spechtl (Ja, Panik), Schneider TM, Ulrich Schnauss und Krautrocker wie Faust, Harald Grosskopf und Günter Schickert (Klaus Schulze). Aufgenommen wurde das herrlich verspulte Werk an den wenigen warmen Tagen des Sommers 2017 von Nordfriesland – nahe der dänischen Grenze. Am 11. Mai kommt Station 17 auch in die Milla nach München. (7 Punkte von 10)       

SMERZ – Have Fun EP

Das in Kopenhagen lebende Mädchen-Duo mit einer zweiten EP: nach der 7-Track "Okey EP" von 2017, nun neun Songs auf der "Have Fun"-EP. Hauptsache kein Album, oder wie? Die beiden Norwegerinnen klingen mit ihrem teilweise pluckerndem, teilweise wuchtigem Electro-R'n'B abgedrehter, düsterer als bisher. Das englische Indie-Label XL (Radiohead, Peaches) nahm sie unter Vertrag und am 22. März wird im Berliner Berghain die Release-Party zur EP gefeiert. Kalter, heißer Scheiß. (7,5 Punkte von 10)       

Liza Anne – Fine But Dying

Ihr Durchbruchs-Album "Two" wurde 20 Millionen Mal gestreamt. Ihr neues Werk nahm die amerikanische Songwriterin in Paris auf und veröffentlicht hat es das Qualitäts-Label Arts&Craft (Broken Social Scene, Moby). Liza Anne Odachowski aus Nashville spielt keinen Nashville-(Country-)Sound klingt aber trotzdem traditionell und singt von ihrer Angststörung ("Paranoia"), Südstaaten-Gastfreundschaft ("Small Talks") oder Fernbeziehung ("I'm Tired, You're Lonely"). Ein ernst gehaltenes Album einer Musikerin, von der die Erwachsenen immer sagten, sie sei zu happy um richtig traurig werden. Wie man sich täuschen kann. (6,5 Punkte von 10)

Stimming x Lambert - Exodus (Check)

Zwei Hamburger (ok, Lambert wohnt in Berlin) mit einer Überraschungs-Platte: Martin Stimming, gefeierter House-DJ-Produzent und der sehr talentierte Mr. Lambert am Klavier (er coverte schon Bowie, Moderat, Tocotronic) mit einem gemeinamen Werk. "Exodus" ist zugleich der Startschuss fürs neue Label Kryptox, das Mathias Modica (Gomma) in Berlin für (Neo-)Klassik und Avantgarde gegründet hat. Nach einem Compilation-Beitrag der Beiden nun also instrumentale Piano-tronics-Tracks wie "Morsches Holz", "Edelweiss" oder "Trauerweide", die hie und da an Nils Frahms' neue Elektronik-Ausflüge erinnern. Lambert spielte kleine Melodienfragmente auf Klavier, Geige oder Gitarre in Berlin ein und schickte die Dateien auf die Reise - nach Asien, wo Stimming gerade tourte. Der kombinierte dann zum Beispiel in Hotels in Japan die Analog-Instrumente-Sound mit seinen klöppeligen Beats. Wohltuend anders als die meisten andereren Neo-Klassik-Werke dieser Art. Nicht perfekt, aber anders. Nice surprise. (7,5 Punkte von 10)