Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Wen | The Innocence Mission | 77:78

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Simon Love, 77:78, The Innocence Mission, RVG, Papst, Yungblud, Goldfrapp, Golden-Hits, DJ Spooky, RP Boo und Wen.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 05.07.2018

Cover: The Innocence Mission - Sun On The Square | Bild: Bella Union

77:78 – Jellies

Jetzt da die WM läuft, kommt immer wieder die alte Weisheit hervor: Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive den Pokal. Und auch bei Alben könnte man so eine Weisheit ableiten: Alben, die von glücklichen Menschen geschrieben werden, gewinnen unser Herz für eine kurze Zeit, die Platten von traurigen Menschen stehen am Ende des Jahres in den Kritiker-Top-10. Das Debüt “Jellies” von 77:78 wurde von einem Duo aufgenommen, das so glücklich ist, dass man es gar nicht aushält. Aaron Fletcher und Tim Parkin kennen wir schon von The Bees, von dort haben sie ihre Leichtigkeit mit zur neuen Band 77:78 mit rüber gerettet. Sie spielen unbeschwerten Indie-Pop, der vor allem an die Beatles erinnert. (7,5 von 10 Punkten)

Simon Love – Sincerely S. Love x

Electric Light Orchestra, Beatles, Beach Boys, Elton John - die Klassiker, alle hört man sie auf dem eklektischen zweiten Album von Simon Love aus London bestens raus. Auch hier geht die Platte direkt ins Herz, weil man die Referenzen alle sofort erkennt und weil wir hier einem glücklichen Mann zuhören, der uns eigentlich nur sagen will, wie sehr er seine Frau liebt. Geht gleich schon los mit dem ersten Song, der so viel heißt wie: Gott segne den Deppen, der dich hat gehen lassen. Simon Love macht hier seinem Namen alle Ehre. (7 von 10 Punkten)

The Innocence Mission – Sun On The Square

Sufjan Stevens ist großer Fan von dieser Band aus Pennsylvania, er sagt über die Songs vom Ehepaar Peris, dass die Texte von Karen Peris ein große Wirkung haben, weil sie eine sensorische Sprache pflegen, viele Alltags-Substantive, die in den Songs eine enorme Bedeutung bekommen. Und damit hat Sufjan Stevens eigentlich alles zu ihrem neuen Album “Sun On The Square” gesagt. Ich kann nur noch hinzufügen: Mich berührt die Stimme von Karen Peris hier sehr, sie liegt irgendwo zwischen Joni Mitchell und Vashti Bunyan. (7 von 10 Punkten)

RVG – A Quality Of Mercy

RVG, das steht für Romy Vager Group. Und ja Romy ist die Frontfrau dieser Post-Punk-Band aus Melbourne, ihre tiefe Stimme hat sie noch aus ihrem früheren Leben. Romy ist eine Transfrau, sie ist als Mann geboren worden. Sie war da schon Fan von Bands wie Echo & The Bunnymen, den Psychedelic Furs oder den Go-Betweens. Genau in dieser Tradition treten auch RVG auf. Ihr Debütalbum ist gelungen, aber trotzdem wünscht man sich für die Band, dass sie noch einen eigenen Stil, eine eigene Stimme im Post-Punk finden - so wie das die Frontfrau für sich schon getan hat. (6,5 von 10 Punkten)

Pabst – Chlorine

Noise-Rock aus Berlin von Pabst, die haben nichts mit dem Pontifex zu tun, Pabst schreibt man mit einem “b” in der MItte. Recht heilig kommt ihr Sound eh nicht daher. Pabst klingen auf ihrem Debüt nach dem guten alten Grunge, aber so, dass man nie auf die Idee kommen würde, dass sie aus Berlin kommen könnten. Was als großes Kompliment gemeint ist. (6,5 von 10 Punkten)

Yungblud – 21st Century Liability

Der Großvater dieses jungen Mannes stand schon mit Marc Bolan von T. Rex auf der Bühne: Dominic Harrison kommt aus der Nähe von Sheffield und nennt sich Yungblud. Im August wird er 20 und ist dementsprechend ein junger Bengel, der mit Musik der Arctic Monkeys und Jamie T aufgewachsen ist. Der Sound seines Debüts klingt leider alles andere als rough, sondern schon ziemlich durchformatiert. Das passt auch gar nicht dazu, dass Yungblud sich als Protestsänger mit sozialem Gewissen gibt, darum heißt sein Album auch “21st Century Liability”. Er klingt viel mehr, als wolle er mit allen Mitteln ins Radio - und weniger in die Herzen seiner Hörer. (5, 5 von 10 Punkten)

Goldfrapp – Silver Eye Deluxe

Auf diesem Doppelalbum hören wir Dave Gahan zusammen im Duett mit Alison Goldfrapp. Den Song kennen wir schon aus dem letzten Jahr, er wird jetzt neu veröffentlicht, auf der Deluxe Version von “Silver Eye”. Das Goldfrapp-Album ist letztes Jahr auf Platz 6 der UK-Charts gelandet, jetzt gibt’s eine Neuauflage mit Dave Gahan von Depeche Mode als Duettpartner, Joe Goddard von Hot Chip hat darauf geremixt, genauso wie der deutsche Techno-Produzent Chris Liebing. Das sind alles nette Zugaben zu einem Album, das nur einen Makel hat: Es war bei weitem nicht das beste Goldfrapp-Album. (6 von 10 Punkten)

Golden Hits  - 10 Years Of Munich HipHop Compilation

Golden Hits ist eine Compilation mit rappenden Kindergärtnern, Krankenpflegern und Mathematik-Studenten aus München - und damit ein Gegenentwurf zum Battle- und Gangsta-Rap, der in München auch eine Vergangenheit hat. Der Sampler feiert den Münchner HipHop der Jahre 2005 bis 2015 und vom Sound her erinnert er eher an Jurrasic 5 und A Tribe Called Quest. Bei den 30 Tracks sind auch ein paar Ausfälle mit dabei, die nach Jugendzentrum Schwabing klingen, aber auf der anderen Seite gibt’s auch Tracks, deren Beats, Groove und Reime auch Hamburger Füchse begeistern müssten. Das Fahrenzhausener Tramp-Label taucht damit nicht mehr nur Soul- und Funk-Perlen empor, sondern auch kontemporären HipHop - und das sehr hörenswert. (7,5 von 10 Punkten)

DJ Spooky presents Phantom Dancehall

DJ Spooky aus New York, wir kennen ihn als umtriebigen Künstler, als Autor, Musiker und zuletzt auch als Schöpfer von zahlreichen Sound-Installationen. Seine neue Platte ist auch Teil einer solchen Installation. Morgen kommt DJ Spooky presents Phantom Dancehall auch auf Platte, erstmals erschienen ist das Album schon im April, zum Record Store Day, seit ein paar Wochen gibt’s alle Tracks digital, jetzt kommt die LP. DJ Spooky sagt über “Phantom Dancehall”: Alle wegen führen zum Dancehall - egal ob man von HipHop, Dubstep oder Electronic kommt. Da mag viel Wahrheit drin stecken, nur leider ist es schade, dass sein Mix nicht sehr kreativ daherkommt. Die Mehrzahl der 9 Tracks wirkt wirklich wie eine fade Beigabe zu einer seiner Installationen. (6 von 10 Punkten)

RP Boo – I Tell You What

Kavain Space aus Chicago nennt sich RP Boo. Er hat in den 90ern das Footwork-Genre entscheidend mitgeprägt. Er war der Produzent, der die Sub-Bässe eingeführt hat, das sind die Basstöne, die das menschliche Ohr kaum mehr wahrnimmt. Auf seinem neuen Album arbeitet wieder mit diesen Sub-Bässen, aber noch mehr mit verschiedensten Samples. Das ist alles nicht mehr so wild gemischt, aber der Altmeister meldet sich genau zum richtigen Zeitpunkt wieder. Wo Jlin mit ihrem Footwork-Sound das Album des Jahres im Zündfunk und Nachtmix gestellt hat, brauchen wir dringend formidablen Nachschub - und den bekommen wir hier. (8 von 10 Punkten)

Wen – Ephem:era

Das Magazin Electronic Beats hat Owen Darby einen schönen Titel spendiert, in Anlehnung an Monty Pythons „Life Of Brain“, heißt es hier nur „Life Of Grime“. Vom Grime und Dubstep kommt Owen Darby, der sich einfach nur Wen nennt. Anfang der Zehner Jahre aus der Piraten-Radio-Szene in London hochgekommen, veröffentlicht er morgen sein zweites Album - und es ist eines der besten in dieser Woche. Denn er schafft es hier in einen Groove reinzukommen, der Grime hinter sich lässt, man könnte fast von Post-Grime sprechen. Ich bin mir sicher, dass bei Tracks wie “Blips” oder “Grit” ein Jamie XX genau hinhören wird. (8,5 von 10 Punkten)