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Neuerscheinungen der Woche The National | Dirty Projectores | The Cowboy Junkies

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von The National, Dirty Projectors, The Cowboy Junkies, Jayhawks, Lululc, Chastity, Tanukichan, Amy Shark, Mattiel und Wiz Khalifa.

Von: Angie Portmann

Stand: 12.07.2018

Cover: Dirty Projectors - Lamp Lit Prose | Bild: Domino Records

Dirty Projectors – Lamp Lit Prose

„Sometimes I felt depressed ... but now I feel energy“. David Longstreth hat mit „Lamp Lit Prose“ das vermutlich euphorischste Album seiner Karriere aufgenommen. Nach der Trennung von Amber Coffman, dem Ende ihrer Liebes- und Bandbeziehung plus dem dazugehörigen Trennungsalbum im vergangenen Jahr, ist der Kopf der Dirty Projectors jetzt wieder bester Dinge und offensichtlich frisch verliebt. In dem Song „Blue bird“ singt er schon fast grenzdebil beseelt: ... „sky is blue, sunshine is everywhere, breeze is blowing, messing up your hair ... you and me, me and you, something sweet, something new“. Longstreth klingt hier so frisch und aufgeräumt, die Melodien so verzückt wie schon lange nicht mehr. Unterstützt wird er dabei von seiner alten Rhythmusgruppe, von Bassist Nat Baldwin und Drummer Mike Johnson, von alten und neuen Paradiesvögeln: u.a. der The Internet-Sängerin Syd, Amber Mark, Empress Of, Robin Pecknold von den Fleet Foxes und dem ehemaligen Vampire Weekend-Mitglied Rostam Batmanglij. Ein irres Staraufgebot – aber im Vergleich zur faszinierend bizarren Vielschichtigkeit von Dirty Projectors Meisterwerken wie „Swing Lo Magellan“ macht „Lamp lit prose“ mit seiner irritierend guten Laune einen relativ überdrehten, ja fast hyperaktiven Eindruck. (7,8 von 10 Punkten)

The National – Boxer (Live in Brussels) 

The National, die Lieblingsband der Obamas und einer ihrer größten Unterstützer aus dem Popbereich im Wahlkampf 2008. Im Jahr davor hatten sich The National mit ihrer vierten Platte „Boxer“ hochgeboxt in die oberste Indie-Rock-Liga. „Boxer“ war das Album, das dem Quintett aus Ohio zum internationalen Durchbruch und zu zahlreichen Kuratoren-Jobs verholfen hat. Zur Feier des 10jährigen Jubiläums von „Boxer“ haben The National die Platte noch mal 1:1 live nachgespielt. Leider springt  der Spirit, der The National-Konzerte so legendär hat werden lassen, auf dem Live-Mitschnitt nicht über. Auch die Topics so mancher Songs haben heute eher eine historische und weniger eine politische, eine aktuelle Bedeutung. Das macht „Boxer“ (Live in Brussels) zu einer etwas blutleeren Angelegenheit. Der Mitschnitt dieses Konzert im November 2017 in Brüssel wurde bereits am Record Store Day im April auf Vinyl veröffentlicht. Jetzt ist das Live-Album auch auf CD bzw. digital erschienen. Vor zwei Wochen David Bowie live, morgen The National live in Brüssel. Man merkt, wir nähern uns dem berüchtigten Sommerloch, das viele Plattenfirmen mit Live-Alben zu stopfen versuchen. (6,5 von 10 Punkten)

Luluc – Sculptor

The National-Sänger Matt Berninger sagte über das Vorgänger-Album von Luluc:  „Das einzige Album, das ich monatelang hören wollte“. Und Janet Weiss von Sleater-Kinney wird von der Plattenfirma mit dem Satz zitiert: „Es ist Musik, ohne die man nicht mehr leben kann, wenn man sie einmal gehört hat.“ Da liegt die Latte ziemlich hoch für Album Nummer drei. Luluc, so nennen sich Zoe Randell und Steve Hassett, ein australisches Indie-Folk-Duo, das sein drittes Album auf dem legendären SubPop-Label veröffentlicht. Ebenso legendär die Gästeliste: mit dabei sind z.B. J. Mascis, Jim White und Aaron Dessner von The National. Die Band verfügt offensichtlich über beste Kontakte, denn Luluc haben auch schon die Fleet Foxes und Josè Gonzales supportet. Aber vielleicht ist es auch einfach nur ihr ausgesprochen ergreifender Sound, der die beiden Wahl-New Yorker zu Everybody’s Darling gemacht hat. Diese minimalistischen, fragilen Arrangements, die Luftigkeit und Transparenz. Dieser Mut, sich selbst und seine Songs so nackt, so verletzlich und gleichzeitig so dunkel und wunderschön klingen zu lassen. Ich gestehe, ich bin auch ein bisschen hingerissen. (8 von 10 Punkten)

Cowboy Junkies – All that reckoning

Ähnlich verzückt waren vermutlich auch die Fans der frühen Cowboy Junkies. Vor 30 Jahren ist ihr Album „The Trinity Session“ erschienen, aufgenommen mit nur einem Mikro in der „Church of Holy Trinity“ in Toronto. Ein mittlerweile legendäres Statement in Sachen Alternative Country und Slow Motion. Seitdem touren die drei Geschwister Timmins unermüdlich und veröffentlichen in regelmäßigen Abständen neue mehr oder weniger introvertierte Platten. Ihre jüngste Platte „All that reckoning“ erscheint nach einer ungewöhnlich langen Pause von sechs Jahren. Mastermind Michael Timmins meinte dazu, man sei sich lange Zeit nicht darüber im Klaren gewesen, ob das Album-Format heutzutage überhaupt noch relevant sei. Aber sie seien zu dem Schluss gekommen, wenn die Cowboy Junkies Musik machen, dann nur so. Und da die allgemeine Lage, selbst für eine kanadische Band, momentan eine etwas ungemütliche sei, ist „All that reckoning“ nicht nur eine persönliche, sondern auch eine politische Platte geworden. „Welcome to the age of dissolution“. Willkommen im Zeitalter der Auflösung. Sich selbst meinen die Cowboy Junkies damit zum Glück nicht. Wir hören wie gewohnt die tolle, immer leicht schläfrige Stimme von Margo Timmins, das ausgefeilte Songwriting ihres Bruders Michael und die typischen dunklen Schatten, die unter allen Songs der Cowboy Junkies liegen. Im November kommen die Kanadier mit ihrem wunderbar narkotisierenden Sound auch nach Deutschland. Spielen aber leider nur in Hamburg und Berlin ... jeweils in einer Kirche, wo sonst. Perfektes Setting die Zeit für eine Weile anzuhalten. (7,4 von 10 Punkten)

Tanukichan – Sundays

Tanukichan, das ist die Amerikanerin Hannah van Loon aus San Francisco. Auf ihrem Solo-Debüt „Sundays“ haucht sie uns niedlichen Dream Pop ins Ohr, um gleichzeitig immer wieder Gitarrenwände vor uns aufzubauen. Von klassischem Shoegazer-Sound zu sprechen, wär trotzdem nicht ganz treffend. Denn bei Tanukichan spielt auch der Computer eine wichtige Rolle, von ihm kommen cheesy Drumbeats und wabernde Synthieflächen. Chill Wave und Produzent Chaz Baer von Toro y moi lassen grüßen. Das klingt oft sehr atmosphärisch, hat aber auch den  müden Lo-Fi-Charme von klassischen Bedroom-Recordings, schlägt also quasi zwei Fliegen mit einer Klappe. (7 von 10 Punkten)

Mattiel – Mattiel

Bereits im März ist das Debüt von Mattiel aus Atlanta, Georgia digital erschienen. Jetzt steht auch der Tonträger im Regal. Ihr sympathischer Retropop bzw. souliger Rock’n’Roll propagiert das Durchhalten, egal wie sehr man ignoriert wird. Das ändert sich hoffentlich, man würd es ihr wünschen. (7,4 von 10 Punkten)

Wiz Khalifa – Rolling Papers 2

Wenn Wiz „Weed-head“ Khalifa in Songs wie „Gin and drugs“ über Drogen singt, ist klar, was er damit meint. Denn der Rapper aus Pittsburgh, Pennsylvania, vertreibt nicht nur seine eigene Blättchenmarke, sogar eine Grassorte wurde nach ihm benannt („Khalifa Kush“). Mit HipHop-Gassenhauern wie „Young, wild and free“, „See you again“ oder „Sucker for pain“ ist Khalifa trotzdem mittlerweile im Mainstream angekommen. Morgen erscheint „Rolling papers 2“, von dem bisher leider nur fünf, eher düstere Songs von der Plattenfirma freigegeben wurden. Songs wie das hedonistische „Gin and drugs“ oder der minimalistische  Trap-Tune „Real rich“. Laut Wiz Khalifa ist „Rolling papers 2“ ein sehr persönliches Album, in dem es nicht nur um besagten Lifestyle geht, sondern z.B. auch um seine im vergangenen Jahr verstorbene Transgender-Schwester Lala. (noch ohne Wertung)

Chastity – Death Lust

Für Wiz Khalifa ist Gras das Allheilmittel schlechthin. Für Brandon Williams alias Chastity heißt die Wunderdroge Hardcore bzw. Noiserock. „Death Lust“, das Debüt von Brandon Williams aus dem kanadischen Städtchen Whitby, östlich von Toronto, kämpft mit kantigen Riffs und verzerrten Gitarren gegen Angst, Depression und Isolation. „Sadness is the danger of being young, dreaming of days still to come„. Brandon Williams komprimiert hier die späten 80’s, frühen 90’s Gitarren, also Alternative Rock, Metal und Hardcore Punk. Helmet, Deftones oder die Smashing Pumpkins dürften dabei seine Vorbilder gewesen sein. Trotzdem ist „Death Lust“ kein Klon, sondern ein Brett, so wütend wie erlösend. (7,6 von 10 Punkten)

Amy Shark – Love Monster

Im März dieses Jahres war der australische Shooting-Star Amy Shark und ihr Song „Adore“ noch in den Werbespots einer großen Parfümerie-Kette zu hören. Jetzt gibt es das gut aussehende und sicherlich auch immer gut duftende Pop-Girlie auf Albumlänge. Titel „Love monster“. Perfekter Gebrauchspop, so belanglos wie überflüssig. (3 von 10 Punkten)

Jayhawks - Back Roads and Abandoned Motels

Wie gut, dass es da noch Bands gibt, auf die man sich auch nach 33 Jahren on the road  verlassen kann ... Bands wie z.B. die Jayhawks. Für ihr neues Album „Back roads and abandoned motels“ haben die Alternative-Country-Veteranen quasi ihre eigenen Songs gecovert. Wir hören Stücke, die Sänger und Gitarrist Gary Louris eigentlich für andere geschrieben hat: für die Dixie Chicks, Carrie Rodriguez oder Jakob Dylan. Das klingt im ersten Moment nach Resterampe – ist es aber nicht. „Back roads and abandoned motels“ ist ein gelungenes, in sich stimmiges Jayhawks-Album, das alle Fans des Quintetts begeistern dürfte. Und das zeigt, was für ein großartiger Songschreiber und souveräner Frontmann Gary Louris doch ist. Einer, der das Mikrophon auch mal den Kollegen überlassen kann. So werden einige Songs von Schlagzeuger Tim O’Reagan bzw. Keyboarderin Karen Grotberg gesungen, die wiederum ihre Sache so gut macht, das man hofft, dass dies nicht ihr letzter Auftritt auf einem Jayhawks-Album war. Und zum Schluss gibt’s dann doch noch zwei niegelnagelneue Songs, die schon mal Appetit machen auf das nächste Jayhawks-Album. (7,2 von 10 Punkten)

Deafheaven – Ordinary Corrupt Human Love

Blackgaze, das ist eine Mischung aus elegischen Shoegaze-Passagen und „bösem“ Blackmetal. Die Band dazu heißt Deafheaven, kommt aus San Francisco und veröffentlicht mit „Ordinary Corrupt Human love“ erneut ein Album, das Indie- UND Metalfans gleichermaßen bedient, vorausgesetzt, sie sind flexibel genug und keine schubladenfixierten Traditionalisten. Dann ist dieses Album, so wie dessen Vorgänger auch schon, eine Offenbarung. (7,5 von 10 Punkten)