Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Chilly Gonzales | Spiritualized | Spirit Fest

Was in dieser Pop-Woche neu ist: Wir hören in die frischen Werke von Chilly Gonzales, Spiritualized und Spirit Fest rein - und auch Paul McCartney und Paul Simon legen neue Alben vor! Außerdem: das Best Of von Britta.

Von: Ralf Summer

Stand: 06.09.2018

Chilly Gonzales - Solo Piano III | Bild: Chilly Gonzales

Zwölf Jahre waren sie weg, nun kommt Christiane Rösinger und ihre Berliner Band wieder zurück. "Die Musikwelt hat sich seit 2006 sehr geändert. Beim Popkultur-Festival 2018 in Berlin hab ich mich sehr gefreut, dass über 50 Prozent der Musiker Frauen waren. Und was es für verschiedene Bands aus verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Hintergründen gibt, da hat sich viel getan," wie Rösinger uns zur Rückkehr sagt. "Aber unser Ding, unsere Sparte, das Songwriter-Ding aus Deutschland mit Band, da hat sich überhaupt nix verändert, da ist es eigentlich schlimmer geworden. Popmusik aus Deutschland ist irgendwie männlicher, langweiliger und blöder geworden." Und weil es so blöd geworden ist, gehen Britta auch wieder auf Tour. Im Gepäck die neue Best Of Britta mit den alten Hits von "Büro Büro" über "Depressiver Tag" bis "DJ Holzbank". U.a. spielen sie am 5.10. F-Brotfabrik und 15.10. im Unter Deck in München.

ESCAPE-ISM – "The Lost Record"

Verloren ist sie nicht, aber Sänger Ian Svenonius will die Platte eher als das "ungeliebte Album sehen, das für die Obskurität bestimmt ist". Als Konzept. Das Thema der verlorenen Platte begegnet uns ja ständig im Pop. Mit all seinen Facetten: von der Ablehnung einer Band über die Vernachlässigung durch Presse bis zur Wiederentdeckung und Verehrung durch Fans. Mit seinen früheren Bands Nation Of Ulysses / The Make-Up / Chain & The Gang kann er vermutlich ein Lied davon singen. Doch nur in den seltensten Fällen, werden vergessene Platte wiederhochgespült. Diese Platte wird nicht vergessen werden: Dafür rockt sie zu sehr. Wenn auch anders. Mit ihrem schön rumpelnden Beatbox-Rock'n'Roll, den reingrätschenden Gitarren und Ians leicht lispelnder Erzähler-Stimme. Wie bei dem coolen "Bodysnatcher" oder dem lässigen "I'm a Lover (at Close Range)". Und "The Lost Record" hat eines, das verhindert, dass sie verloren geht: "Rome Wasn´t Built In A Day" als künftigen Band-Hit. Mit seinem Stooges-I Wanna Be Your Dog-Basslauf.

THOMAS FEHLMANN – "Los Lagos"

Das Ex-Palais-Schaumburg-Mitglied und sein neues Werk "Los Lagos" – meint: "Wie ist die Lage?". Sie ist kontemplativ-elektronisch bis tief-dubbig bei ihm seit Jahr und Tag. Das Cover der neuen Platte, die wieder bei Kompakt erscheint, stammt, von seinem Malerfreund Albert Oehlen. Auf "Los Lagos" geht es um einem Weg, "sich Techno zu erlauben", wie das 61jährige Mitglied von The Orb sagt – im Sinne von: Tracks dekonstruieren und wieder neue Texturen aufbauen - bestehend aus "Minimalismus, Schmalz, Jazz und Funk". Anspiel-Tipps: "Neverevernever", "Freiluft", "Window". Dub-Techno kann man also noch prima im Alter machen. Schöne Aussichten!

CHILLY GONZALES – "Solo Piano III"

Bald 15 Jahre ist es hier: Der damals noch selbsternannte "President Of The Berlin Underground", der kanadische Rapper in Ballonseide, Gonzales, spielte im BR-Funkhaus, präsentiert vom Zündfunk / Bayern2, sein erstes "Solo Piano"-Konzert. Es war sozusagen der Beginn seiner zweiten, erwachsenen, klassischen Karriere. Längst ist Chilly Gonzalez ein international bekannter Wanderer zwischen den E- und U-Musikwelten und lebt in Köln, wo die Platte auch aufgenommen wurde. Mit "Solo Piano III" beendet der Grammy-Gewinner seine Klavier-Trilogie. Gonzo, der auch Guinness-Weltrekorder fürs längste Solo-Konzert ist (27 Stunden) und für Feist, Drake und Jarvis Cocker Songs schrieb, widmet seine neuen Piano-Stücke so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie dem Anthroposophen Rudolf Steiner, dem Erfinder des Zauberwürfels oder den Rappern Migos. Am besten sind jedoch "Nimbus" (für Amelia Earhart, der US-Flugpionierin und Frauenrechtlerin), "Be Natural" (für die US-Dream-Pop-Band Beach House) sowie "Present Tense" (für Thomas Bangalter von Daft Punk). Jason Beck, so Chilly Gonzales bürgerlich, sagt zum Trilogie-Abschluss: "Die musikalische Reinheit von 'Solo Piano III' ist kein Gegengift für unsere Zeit, sie reflektiert all das Schöne wie auch Hässliche, das uns umgibt." Die Kompositionen bleiben vielleicht nicht so schnell hängen wie beim Klassiker, "Solo Piano 1". Aber dürften länger im Ohr bleiben. Am 8.3. gastiert der Gründer der Gonzervatory-Musikschule Paris mit seinem neuen Programm in der Alten Oper Frankfurt, am 27.4.19 in München im Herkules-Saal. Und er freut sich schon darauf, in den Konzerten wieder "musical humanism" und "audience psychology" zu erforschen.

HONEY HAHS – "Dear Someone, Happy Something"

"Hängt euch nicht zu sehr daran auf, wie alt die Bandmitglieder sind. Die Jugend rettet uns" - schwärmt und warnt Jarvis Cocker, einer der Fans des neuen englischen Mädchen-Trios Honey Hahs. Genau zum Donald-Trump-Besuch in England veröffentlichen die Londoner Schwestern ihr Debütalbum, auf dem auch ihr Trump-Protest-Song drauf ist: "Stop Him". 16, 13, und 11 Jahre sind die Honey Hahs jung – Rowan an der Gitarre, Robin am Bass und Sylvie an den Drums –, alle drei singen. Cockers Pulp-Kollege Steve Mackey hat produziert, so dass man gottseidank nicht an das Schicksal der naiv-charmanten The Shaggs in den 60ern denken muss, als ein krankhaft ehrgeiziger Papa seine untight und schief spielende Töchter-Band ins Plattenstudio zwang und mit der herauskommenden LP der Lächerlichkeit preis gab (auch wenn Kurt Cobain und Frank Zappa Fans der Shaggs wurden). Bands wie Goat Girl oder Fat White Family holten sie schon ins Vorprogramm. Aus den Honey Hahs kann noch alles mögliche werden und wachsen. Wer weiß?

MARIBOU STATE – "Kingdoms In Colour"

Seinen ganz eigenen Sound hat das Londoner Duo Maribou State gefunden: digital, aber nicht kühl. Elektronisch, aber soulful. Kein Wunder: der Sound ist zT vom Guzheng bestimmt – einem traditionellen Saiteninstrument, das Chris und Liam in Peking in einem Musikgeschäft aufnahmen. "Es hat sich wie ein Frankenstein-Moment angefühlt, wenn man so unorthodoxe Teile zusammenklebt", so Maribou State. Doch der hölzerne Klang kommt gut: Einige Lieder klingen anders, nach China. Damit nicht genug: Wer kommt sonst als Synthie-getriebenes Projekt auf die Idee, mit den texanischen Thai-Funkern von Khruangbin ein Lied aufzunehmen? Die dritte Maribou State muss man einfach oft hören. Dann bleibt sie hängen.

PAUL McCARTNEY – "Egypt Station"

Im Sommer landete Paul McCartney einen Video-Hit: Der Ex-Beatle war mit Carpool-Karaoke-Moderator James Corden durch seine Geburzstadt Liverpool gefahren. Spielte auf dem Klavier in der Sozialwohnung, in der die McCartneys in den 50ern lebten. Fuhr die Penny Lane entlang und gab ein Konzert in dem Pub, in dem er als Kunststudent abhing. 130 Mio Mal wurde der 23-Min-Clip aufgerufen. Auch ein neuer Song von "Egypt Station" wurde im Pub gespielt. Es ist das 17. Solo-Album des 76-Jährigen. Benannt nach einem Gemälde, das er malte. Es beginnt mit Atmo einer Bahnhofshalle, jedes Lied ist wie eine weitere Station auf der Fahrt, die wieder in einem Bahnhof endet. Das delikate "Fuh You" ist sein Taylor-Swift-Ding, "Despite Repeated Warnings" sperrt Klimawandelgegner Donald Trump weg und die Single "I Don't Know" lehnt sich an den R´n´B von heute an. "Ich betrachte 'Egypt Station' als einen Traumort, von dem die Musik ausgeht", so McCartney. Erinnert uns daran, dass der Bahnhof auf der Zündfunk-City Of Pop "George John Paul Ringo Station" heißt.               

PAUL SIMON – "In The Blue Light"

Der New Yorker hatte es ja auf  seinem letzten Album schon mit dem Song "Rewrite" angedeutet: Es gibt Lieder, die bekommen einfach nicht die Anerkennung bekommen, die sie verdient hätten. Darum bringt Paul Simon nun eine Sammlung von neu-aufgenommenen Stücken raus. Er gibt einem Dutzend seiner Kompositionen eine zweite Chance - auf dem neuen Album "In The Blue Light". Aber keines von seinem weltberühmten Graceland-Album oder aus der Simon & Garfunkel-Phase. Vereinzelt macht er uns den Sinatra bzw. den Elder Statesman des Pop. Aber nicht alle Simon-Songs werden dadurch bekannter. Letzte Meldung: Mit dieser Platte verkündet Paul Simon, dass er keine neuen Lieder mehr schreiben wird. Er wird sich nach 60 Jahren mit einer Live-Show in New York verabschieden.

SPIRIT FEST – "Anohito"

Markus Acher, der Sänger von The Notwist, erfüllte sich damit einen doppelten Traum: erst gründete er das Alien Disko-Festival an den Münchner Kammerspielen. Dann lud er seine Lieblinx-Band, die Tenniscoats aus Japan ein. So entstand vor zwei Jahren das erste Album von Spirit Fest: mit Mitgliedern von The Notwist aus Deutschland, dem japanischen Folk-Pärchen Tenniscoats und dem englischen Projekt Jam Money. Nun liegt "Anohito" vor – japanisch für "der dort". Es ist eine Trennungs- und Abschieds-Platte geworden, wie uns Markus Acher sagt. Entstanden auf der ersten gemeinsamen Tour durch Europa, haben Spirit Fest ihren zarten Indie-Folk verfeinert. Aufgenommen hat die "Supergroup für Experten" (Musikexpress) in München in Achers Studio. Auch Achers Tochter Noriko ist zu hören, der Song "Yuri's Zahn" meint den ausgeschlagenen Milchzahn von Sohn Yuri, als er vom Stockbett runterfiel – woraufhin Ueno ihm zum Trost diesen Song widmete. Ueno und Saya werden beim 3. Alien Disko Festival im Dezember in den Münchner Kammerspielen die Tenniscoats-Bühne kuratieren und ihre Lieblingsmusiker einladen. Vormerken!

SPIRITUALIZED – "And Nothing Hurt"

Wir haben die unglaubliche Geschichte der englischen Dauer-Streit-Band Spacemen3 (1982-1991, Jason Pierce vs Pete Kember) im Zündfunk vor Kurzem gehört (und am Samstag, 8.9. um 19.05 Uhr, wird die Sendung wiederholt): Sie endete mit einem unterschriebenen, aber nicht eingehaltenen Millionen-Dollar-Label-Deal, Schlägerei und Trennung. Peter Kember probierte es als Sonic Boom bzw Spectrum. Jason Pierce als Spiritualized. Er bleibt auf seinem neuen Album dem gewohnten Stil treu: dem Mix aus Indie / Gospel / Blues. Erstmals hat er eine Platte ohne Band bzw Orchester eingespielt. Es geht ums Älterwerden: "And nothing hurt" - "Und nichts tut weh" heißt sie. Aus Kostengründen nahm er seinen aufgedonnerten Sound ohne Band und Orchester am Rechner auf – über 200 (!) verschiedene Spuren in einem Lied. Pierce musste sich am Ende einen (menschlichen) Studiomixer in London ins Haus holen, weil er allein die Übersicht verlor. Herauskam wieder bombastisch-psychedelische Grandezza. Am 24.11. treten Spiritualized in Berlin auf – beim Synästhesie-Festival im Kesselhaus.

V.A. FUTURE SOUND OF JAZZ 14 – compiled by Permanent Vacation

Michael Reinboth hat die Kuration seiner weithin bekannten Label-Compilation diesmal aus den Händen gegeben. Die Auswahl der Doppel-CD bleibt aber in der Stadt. Ex-Compost-Records-Mitarbeiter Tom Bioly ist heute Teil von Permanent Vacation, einem einflussreichen Dance-Label Münchens. Die andere CD hat Biolys Kollege Benji Fröhlich zusammengestellt. Höhepunkte ihrer ausgesuchten Club-Tunes sind Roman Flügel ("Song With Blue"), Basil Hardhaus ("Breezin'"), Move D ("Beyond The Machine") und Tom Bioly selbst: als TB mit seinem "Unskinny Dub". Verlässliche Größe!