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Neuerscheinungen der Woche Ebony Bones | The Internet | Ty Segall

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Ebony Bones, Ty Segall, Herman Dune, Laurel Halo, Liars, Pram, Punch Brothers, We Are Muffy, Roo Panes und PR Newman.

Von: Ralf Summer

Stand: 19.07.2018

Ebony Bones - Nephilim | Bild: beats international

Ebony Bones – Nephilim

Sie ist Fan von Lauryn Hill und Siouxsie & The Banshees. Das passt – auch wenn es eigentlich nicht passt. Ihr letztes Album hat sie mit einem Orchester ausserhalb Europas eingespielt: Mit dem Symphonieorchester Mumbai. Das neue mit den Philharmonikern aus Peking. Die Afro-Britin will europäische Orchester ermutigen, sich zu öffnen - damit die Klassik „nicht wie der Indierock unter die Räder kommt“, weil sich das Genre zu wenig für neue Einflüsse und für Diversity öffnet. Sagt sie im Missy Magazin. Die einstige Studienkollegin von Amy Winehouse veröffentlicht ihr viertes Album auf ihrem eigenem Label „1984 Records“. Und genauso dystopisch geht es auf „Nephilim“ zu. Brexit, Trump, Re-Nationalisierung – für Ebony bewegte Zeiten, auf die die Musiker in Europa noch mehr reagieren müssen. Sie hat London längst den Rücken gekehrt und sieht sich als Nomadin zwischen Indien, China (wo die Platte aufgenommen wurde) und UK. Zwei Stücke handeln vom Kongo: „Oh Leopold“, den ehemaligen Kolonialherren, der für den Tod von zehn Millionen Menschen verantwortlich ist, aber „nicht als Verbrecher in die Geschichte einging“. „Kids Of Coltan“ verhandelt Ausbeutung: Der Rohstoff wird für Handys gebraucht. „Bone Of My Bones Pt II“ soll afroamerikanischen Frauen helfen, „die Trump-Jahre zu überleben“. „No Black In The Union Jack“ sampelt eine rassistische Rede aus den 60ern, die Enoch Powell „zum Star der British National Party machte“. Ein wichtiges, ermutigendes, eher melancholisches Album: Kein Wunder bei einer Platte, die sich mit dem Thema Kolonialismus von so unterschiedlichen Seiten beschäftigt. Wenn sie von einer Afro-Amerikanerin eingespielt worden wäre, würde sie ganz hoch gehandelt werden. Konzept: 10 Punkte, Musik: 8 Punkte – macht: (9 Punkte von 10)

Pram - Across the Meridian

Eine ganz besondere Platte: Das zehnte Album von Pram, nach einer Plattenpause von elf Jahren. „Across The Meridian“ ist eine Art Retro-Science-Fiction-Space-Jazz. Dazu Electronica, Exotica und Noise – wie immer instrumental (außer „Shadow In Twilight“ und „Mayfly“, die dann an Stereolab / Lali Puna erinnern). Gleich der Opener „Shimmer And Disappear“ kommt daher wie ein Theremin-Traum – dem singenden Windinstrument. Auch „Electra“ ist herausragend: Man denke sich Combustible Edison und Broadcast zusammen. „The Midnight Room“ ist Bigband-Sound, der kurz vorm Abheben ist. Aufgenommen wurde die Platte in einem abgelegenen Studio in Wales. Und so anders klingen Pram auch – in die 90er passten sie prima mit ihrem Retro Futura, ob sie auch noch an die Gegenwart andocken können? Bei mir gern! Dem Quartett aus Birmingham gelingt nach 25 Jahren ein spätes Meisterwerk. (8,5 Punkte von 10) 

The Internet - Hive Mind

Erst gibt sie erst ein paar Jahre, aber sie zählen schon zu den einflussreichsten Gruppierungen für den Mainstream-Pop der USA. The Internet entstammen dem Umfeld der berühmt-berüchtigten Odd Future Gang – einem Rap-Kollektiv in L.A., aus dem die Weltstars Frank Ocean und Tyler, The Creator entwuchsen. Die fünf Musiker um Sängerin Syd The Kyd veröffentlichen nun ihr viertes Album. Wieder voller R´n´B, Soul und Pop für eine offene, bessere, buntere Welt. Bei der Single „Roll (Burbank Funk)“ singt Bassist Steve Lacy mit Syd. In guten manchen Momenten erinnern The Internet an eine Mainstreamversion von Bassmeister Thundercat. Aber nach hinten raus, kommt doch viel Säusel-R´n´B. Das große Melt-Festival hat das kalifornische Quintett eingeladen gehabt. Nach drei Jahren Pause sollten The Internet nun auch bei uns laufen. Mit höchster Bandbreite. „Nachdem wir ein paar Songs fertig hatten, wurde uns bewusst, dass wir mit diesem Album ein vorbildhaftes Beispiel für den Zusammenhalt junger, schwarzen Menschen sein können“, so Syd. „Uns wurde bewusst, dass wir die einzige Band unserer Art sind. Und wir wollen uns in dieser Rolle weiter festigen.“ Role-Model-R´n´B auf höchstem Niveau. (8 Punkte von 10)

Herman Dune – Sweet Thursday

Nach sieben Jahren wieder ein neues Album von Herman Dune, dem: schwedisch-jüdischen Pariser Songwriter, der in Berlin bekannt wurde. David Ivar (aka Herman Dune) hat es in seiner neuen Heimat aufgenommen: in Kalifornien. Dune hat in den letzten Wochen zu allen Songs Videos online gestellt. Im Netz kann man sich aussuchen: LP oder Kassette oder Fanzine oder Anstecker. Er sagt dazu: „Wie ein Bildhauer, der seine Statue an Sammler verkauft, während sich die Kunstwelt an Statuen erfreut, können meine Fans die Songs auch umsonst im Netz hören“. Drei der neun Stücke sind Blues-Titel: der „Vincent Thomas Blues“ (ein swingender Boogie-Woogie), „Love Cat Blues“ (ein echter Slow Blues) und der „Early Morning Anderson Blues“ - (über eine "Berlin Woman"). Der Pop der letzten Platte ist zugunsten seiner Version von Americana zurückgenommen. „Joanna“, „Wicked Love“ und „Oh Sweet Thursday“ dürften die Hits werden. Kollege Jeffrey Lewis ist schon Fan der neuen Platte: „Ich sammle alles von ihm. Er ist das beste Beispiel wie ein Songwriter sein soll: Charmant, mutig und mit riesigem Herz“. (7,5 Punkte von 10)

Laurel Halo – Raw Silk Uncut Wood

Nach ihrem gefeiertem „Dust“-Album 2017 auf Hyperdub nun sechs Instrumentals auf dem Pariser Label Latency Recordings. Die US-Experimental-Musikerin arbeitet diesmal weniger poppig-elektronisch, sondern erschafft meditative, cineastische Ambientsounds. Oliver Coates spielt Cello und Eli Keszler steuert Percussion bei. Halo arbeitet mit Keyboards, Streicher und Drums, die sie manipuliert. „Quietude“ klingt, als ob sie einem Klavier die Tasten zieht - wie kaputte Zähne. Der Plattentitel bezieht sich auf einen taoistischen Text von Ursula Le Guin: “What works reliably is to know the raw silk, hold the uncut wood. Need little. Want less. Forget the rules. Be untroubled.” Der lange Schlusstrack trägt den Titel „Nahbarkeit“. Einzig diesem symphonisch-elegischen Zehnminüter kommt man „näher“, der Rest ist z.T. sehr sperrig. (7 Punkte von 10)

Liars - 1/1 OST

Die Liars und ihr letztes gemeinsames Album: Die beiden US-Amerikaner liefern den Soundtrack zum Indie-Film „1/1“ ab. Es geht um die 20-jährige Lissa im ländlichen Pennsylvania – um Sex, Drogen, Liebe und Verlust. Die Musik zum Debütfilm von Jeremy Phillips ist dementsprechend unterschiedlich: Von knalligen Elektro-Nummern über psychedelische Schleifen mit verhalltem Gesang bis zu sehr melancholischem Score fahren Angus Andrew und Aaron Hempbill nochmal alles auf, was die weirde Klangwelt der Liars ausmacht(e): Hempbill macht inzwischen weiter als Nonpareils, Andrew ist nun allein Liars. „Lesson In Threes“ erinnert an den deepen Slomo-Bass-Sound von Burial. „Liquorice“ und „Beyond“ könnten alte Underworld/Fluke-Rave-Titel sein. Der Filmtrailer sieht nach spannend gemachtem Coming-Of-Age-Drama aus – mit zwei Mädchen, einem Jungen und einer eventuellen Schwangerschaft. Der Streifen, der ein Mixed-Media-Film sein soll, startete in den USA Mitte Juli – bei uns gibt es ihn auf Blu-Ray. Vielleicht machen die Liars ja als Soundtrack-Duo weiter... Düster, düster! (7 Punkte von 10)

Ty Segall & White Fence - Joy

Es gniedelt und knarzt und scheppert: Garagen-Rocker Ty Segall hat schon wieder ein Album draußen. Diesmal eines mit seinen Freunden von White Fence. Ihr zweites gemeinsames Werk. Der Kalifornier ist der Workaholic des Garagen-Rocks – seit 2008 hat er 20 Alben veröffentlicht - „Joy“ ist damit Album Nummer 21 in 14 Jahren. Zum Teil lehnen sich die Stücke an den zackig-nervösen New Wave der frühen 80er an. Wie bei „Body Behaviour“. „A Nod“ und „My Friend“ klingen nach 60s. Anderes eher nach verspielten Foxygen. In der Kürze liegt die Würze: Die meisten Lieder dauern zwischen zwischen 16 Sekunden und zweieinhalb Minuten. Gut durchgeknallt! (7 Punkte von 10)

PR Newman - Turn out

Spencer Garland stammt aus Aus Austin / Texas. Freunde gaben ihm den Spitznamen „Punk Rock Randy Newman“ – er kürzte ihn auf PR Newman ab. Früher spielte er bei Delta Spirit – und zwar Gitarre und Keyboard. Nun geht er also solo. Beeinflusst ist er von so unterschiedlichen Künstlern wie Steely Dan, Funkadelic oder Prince. Er sieht es als „modern Rock´n´Roll“. Sein Debüt schlägt Haken vom Power-Pop über Country zu Mariachi-Trompeten, steckt voller Spielfreude und lädt zum Mitpfeifen ein. Sympathisch! Am 30.8. spielt er in München in der Milla. (7 Punkte von 10)

Punch Brothers - All ashore

Fünf Herren aus dem Appalachen-Gebirge – die barocken Bluegrass machen – mit Banjo, Geige und Mandoline. Manchmal mit leichtem Django Reinhardt-Jazz-Einschlag und meist besonderer Vokalarbeit. Der Rolling Stone schwärmt: „niemand verbindet Vergangenheit und Gegenwart besser als sie“. „All Ashore“ ist das erste selbstproduzierte Album der Punch Brothers – den Vorläufer produzierte Soundtrack-Ass T Bone Burnett. Platte Nummer fünf überprüft das „Nachdenken über verbindliche Beziehung in der heutigen Zeit, besonders im aktuellen politischen Klima“. Eine Platte mit Sogkraft. (7 Punkte von 10)

We are Muffy – We Are Muffy

We Are Muffy – ein Bandname der sich ableitet aus Duffy und Morrison – er, Nick Duffy, sie Angeline Morrison. Sie haben Familiennamen und Ideen zusammengeworfen und in einem abgelegenen Teil von Cornwall, England ihr Debüt aufgenommen. Duffy kennt man für seine 80er-Band The Lilac Time und Morrison für ihre Jazz-Pop-Kombo The Ambassadors of Sorrow. Als We Are Muffy machen sie mit Zither, Banjo und Kontrabass einen Mix aus Folk, Pop und Reggae - „Frosted Candy“ ist ne nette 60´s-Pop-Uptempo-Nummer. Mit ungewöhnlichen Instrumenten wie Spieluhr, Besteck, Kronkorken oder Porzellanscherben. Zeitlos aber nicht herausragend. (6 Punkte von 10)