Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Sudan Archives | Actress X London Contemporary Orchestra | Wand

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Tracyanna & Danny, Kamaal Williams, Sudan Archives, Henrik Schwarz & Metropole Orkest, Actress, Wooden Shjips, Snow Patrol, Wand, Lithics, Sweatson Klank und Chip Wickham.

Von: Matthias Hacker

Stand: 24.05.2018

Cover: Actress x London Contemporary Orchestra  | Bild: Ninja Tune

Tracyanne & Danny - Tracyanne & Danny

Mit ihrer Band Camera Obscura zählte Tracyanne Campbell zu den Lieblingsbands von Radiolegende John Peel. Aber Camera Obscura liegt auf Eis, seitdem ein Bandmitglied gestorben ist. Aber schon zuvor hat Tracyanne mit Danny Coughlan von der Band Cry Baby über eine Zusammenarbeit nachgedacht. Diese sind jetzt angegangen. Der Song Alabama ist eine absichtlich fröhlich Hommage an ihren langjährigen Bandkollegen Carey Lander. Der Keyboarder von Camera Obscura ist 2015 an Knochenkrebs gestorben. In dem Song ist auch die Stimme von Edwyn Collins zu hören, der das Album in seinem Studio in den schottischen Highlands produziert hat. Tracyanne und Danny wollen das Album ausdrücklich nicht als Duett Album verstanden wissen. Und wenn man es hört, dann ist es immer noch bittersüßer Indiepop wie damals eben bei Camera Obscura. Doch der Einfluss von Americana und Rockabilly ist größer geworden. Sehr schöner bekömmlicher Sound, der mit viel Melancholie mich nicht so anstrengt wie der überbordende Feel-Good-Indie von den schottischen Kollegen Belle & Sebastian. Steelguitar, Saxophon, Streicher, smoothe Vibes aus der Fendergitarre und diese zarte Stimme machen es zu einer anmutenden Herzschmerz-Platte. (7 von 10 Punkten)

Kamaal Williams –The Return

Das Debüt von Kamaal Williams als Bandleader unterhält mit verspielten Jams am Vibrafon. Moderne verjazzte Grooves, die aber – und das macht diese Fusion spannend  - an große Londoner Traditionen wie Grime, Drum and Bass und Broken Beat erinnern. Vor allem mit den vielen Synkopen. In London treibt Jazz gerade viele neuen Blüten – gerade im Fusion Bereich - und Kamaal Williams ist hier ein Name, der wohl noch öfter fallen wird. (5 von 10 Punkten)

Sudan Archives – Sink EP

Sudan Archives ist heute 23 und lebt in Los Angeles. In ihrer Heiamt Ohio hat sie in der Kirche Geige spielen gelernt und auf dem College den Umgang mit Sampling- und Aufnahmeequipment. Dazu stöberte sie sich durch das schier unendliche Soundarchiv Youtube, wo sie vor allem nach sudanesischen Sounds gesucht hat. Daher auch der Name: Sudan Archives. All diese Einflüsse legt sie auf HipHop Beats und es entsteht ein wunderbarer Mix. Mit Stones Throw hat sie eine passende Label-Heimat gefunden und orientiert sich am ostafrikanischen Sound. Besonders die rhythmische, gezupfte Geige passt fantastisch zu den dezenten Beats. Schade ist nur, dass auch ihre zweite EP wieder mal nur 18 Minuten lang ist. (8 von 10 Punkten)

Henrik Schwarz & Metropole Orkest – Skripted Orkestra

Schon bei seinem Album „Instruments“ aus dem Jahr 2015 hat Elektroproduzent Henrik Schwarz mit einem Orchester gearbeitet. Darüber sagte er damals: „Die IdeThe Idead for this project was to transfer electronic music into music for an orchestra. For orchestra without effects, drums and amplifications. Just Musicians, Instruments and Microphones.“ Er hat Blut geleckt und auch Talent dafür. Auf dem neuen Album pocht aber sehr wohl eine Drum-Machine. Ganz so effektfrei wie beim Vorgänger ist es also nicht mehr. Er hat es zusammen mit dem niederländischen Metropole Orkest aufgenommen und einen ersten Eindruck der Zusammenarbeit konnte man schon mal im renommierten Youtubekanal „Boilerroom“ gewinnen. Diese Kollaboration haben sie nun ausgebaut. Das Album hat er klanglich sehr klassisch und sinfonisch an seinem Laptop komponiert. Die am Computer generierten Patterns und Beats hat er dann auf klassische Sheet-Music übersetzt. Er arbeitet viele Motive ab auf seinem neuen Album. Das wirkt dann auch manchmal wie das Märchen Peter und der Wolf, was nicht despektierlich gemeint ist – im Gegenteil. (6 von 10 Punkten)

Actress X London Contemporary Orchestra  - Lageos

Schön, aber wieviel mehr noch möglich ist in der Zusammenarbeit von Klassik und Elektro zeigt das nächste Album. Das ist aber nicht nur technisch, sondern auch musikalisch absolut innovativ. Schauplatz ist diesmal London. Elektroproduzent Actress ist vom London Contemporary Orchestre in ein schönes Loftstudio eingeladen worden, um dort mit ihnen aufzunehmen. Die Idee ist dabei aber nicht von ihm ausgegangen, wie das häufig bei Popmusikern so ist, die mit Orchestern ihre Ernsthaftigkeit unter Beweis stellen wollen. Hier war es umgekehrt. Das Orchester wollte unbedingt ihn und seine musikalische Detailverliebtheit. Interessant an diesen Stücken ist, dass es keine Kompositionen sind. Hier wird nichts zusammengefügt. Es sind Dekonstruktionen, weil Actress nur bruchstückhaft die Melodien und Partituren übernimmt und das Orchester nicht als Instrument, sondern eher als eine Art Klangkörper versteht. Das ist state of the art. (8 von 10 Punkten)

Wooden Shjips – V

Normalerweise sind die Sommer in Portland sehr schön. Gutes Wetter, blauer Himmel. Vergangenes Jahr regnete es allerdings Asche, denn vor der Stadt wüteten Waldbrände und der Himmel war bedeckt mit Rauch. Genau in dieser apokalyptischen Szenerie ist das „Sommeralbum“ von Wooden Shjips entstanden, wie sie es selber nennen. Mit„Starin at the sun“ liefert das Psychedelic Quartett einen epische achtminütige Lou-Reed-Anleihe. Mir gefällt das Album besonders dann, wenn sie nicht mukkerhaft rumtönen, sondern feiner mit Nuancen und Melodien spielen wie im Song Already Gone. Es ist ihr erstes Album seit 2013. Weil es das Fünfte ist, heißt es dementsprechend Five. Sie sind auch unsere Artists der Woche im Bayern2 Nachtmix. (7 von 10 Punkten)

Snow Patrol – Wildness

Nach sieben Jahren Pause sind auch Snow Patrol wieder zurück. Zuletzt hatte sich Sänger Gary Lightbody noch mit seinem Nebenprojekt Tired Pony im Americana und Country ausgetobt. Mit Snow Patrol kehrt er jetzt wieder zum britischen Poprock zurück. Vor 20 Jahren haben sich Snow Patrol in Irland gegründet. 2006 war die Band mit dem Welthit „Chasing Cars“ auf ihrem Zenit. Daran konnten sie nicht mehr anschließen, und daran wird auch Wildness nichts ändern. Es ist kein nischiges, aber ein abwechslungsreiches und gut unterhaltendes Album geworden. Sie können Songs schreiben, nur hin und wieder driften sie in Kitsch und Pathos ab. Aber man hört, dass sie nach der Bandpause wieder Lust aufs gemeinsame Musikmachen haben. (6 von 10 Punkten)

Wand – Perfume

Wand aus Los Angeles knallen uns zu Beginn der Platte einen epischen Psych-Garage-Song vor die Ohren. „Perfume“ duftet und mieft zugleich auch nach so vielen unterschiedlichen Richtungen. Dieses Perfume lässt sich in einem Zug wegschniefen –  in nur 30 Minuten liefern sie uns Duftmarken von Surf Rock, Garage, Punk und Britpop. Und immer wieder auch mit einer Note College Rock wie in Pure Romance.  Es wundert mich rein gar nicht, dass Ty Seagall sie auf seinem Label unter Vertrag genommen hat. Der hat ja ein Gespür für gute Psych-Rockmusik. (8 von 10 Punkten)

Lithics – Mating Surfaces

Lithics würden da weniger gut hinpassen. Sie spielen auch mit Psych-Motiven, aber sie wollen uns nicht den Verstand vernebeln. Im Gegenteil: Wachrütteln wollen sie. Das ist nerviger Punk. Bass und Schlagzeug kommen eher klassisch daher, aber die sperrigen Gitarrenriffs und der eintönige Gesang gehen schon mal auf die Nerven – wohlgemerkt mit Absicht. Würden die Dirty Projectors Postpunk machen, es würde wohl klingen wie Mating Surfaces. Dissonant und a-rythmisch. Das Gehör muss sich auf diesen Sound einstellen und einlassen. Für mich war es auf Albumlänge zu monoton. Die Sängerin Audrey regt keine Miene beim Singen und kommt locker mit vier Tönen auf dem Album aus. (5 von 10 Punkten)

Sweatson Klank – Fine Lines

Er samplet und cuttet sich wunderbare nachdenkliche Balladen zusammen. Mit Zutaten aus West Coast-HipHop, Trap, Lounge, Funk und Housemusik. Er hat sich wieder viele Sänger und Sängerinnen eingeladen, auch wenn man sie oft nur in kurzen Clips und Cuts zu hören bekommt. Auch wenn es manchmal droht in einen Cafe Del Mar ChilloutMix abzukippen. Er fängt sich wieder. Und kann diesen unkonkreten Flow-Zustand dieses Albums trotzdem angenehm aufrechterhalten. (7 von 10 Punkten)

Chip Wickham – Shamal Wind

Chip Wickham kommt eigentlich aus der britischen House-Szene. Hat auch schon mit Nightmares on Wax gearbeitet. Zuletzt hat er aber mehr im Jazz von sich Reden gemacht. Shamal Wind heißt sein neues Album. Der Schamal ist ein von Wind der von Nordwesten über den Irak und den Persischen Golf zieht. So wie der Wind den Sand dieser Regionen aufnimmt, hat Chip Wickham musikalische Einflüsse Arabiens mit einfließen lassen. (6 von 10 Punkten)