Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Tirzah | Giant Sand | Stella Sommer

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Miles Kane, The Coral, Tirzah, Lui Hill, Louis Cole, Stella Sommer, Giant Sand, Cordovas, Tomberlin und Kathryn Joseph.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 09.08.2018

Cover: Tirzah - Devotion | Bild: Domino

Miles Kane – Coup De Grace

Miles Kane ist mit 32 schon ein Tausendsassa, der schon alles mal ausprobiert hat: Garage Rock mit den Little Flames, Indie-Rock mit den Rascals, dann Kammer-Pop mit Kumpel Alex Turner bei den Last Shadow Puppets und solo ist er natürlich auch noch unterwegs. Jetzt kommt sein neues Album “Coup De Grace”, eine Art Best Of seines bisherigen Wirkens - denn hier zeigt er nochmal alles, was er kann. Auf “Cry On My Guitar” gibt er den Marc Bolan, auf “Loaded” lässt er eine Ballade grooven, an dem Song mitgeschrieben haben Lana Del Rey und Jamie T. Der hat beim ganzen Album geholfen, was man auch hört. Miles Kane bleibt dem britischen Songbook verpflichtet. Auch wenn der Vergleich eigentlich schon oll ist, aber beim Hören drängt es sich immer wieder auf: so ein breites Spektrum hat sonst nur Paul Weller und wenn der mal in Rente gehen sollte, Miles Kane steht bereit. (6 von 10 Punkten)

The Coral – Move Through The Dawn

Die größte Enttäuschung in dieser Veröffentlichungs-Woche kommt von The Coral. Sie hätten die größte Band der Welt werden können. Davon war ich in den Nuller Jahren fest überzeugt. Jetzt kommt morgen ihr neuntes Album und der Großteil der Songs darauf ist eine Katastrophe. Es ist nichts mehr geblieben von dem anspruchsvollen psychedelischen 60ies-Folk, der die Skelly-Brüder so einzigartig gemacht hat. Sie machen es sich und ihren Songs hier viel zu einfach. Mit dem Album “Move Through The Dawn” gehen The Coral den Weg, den auch Primal Scream zuletzt gegangen sind - oder die späten Oasis: sie sind erstmal over. (4 von 10 Punkten)

Tirzah – Devotion

Tirzah aus Essex spielt auf ihrem Debüt einen kompletten Beziehungszyklus durch: Vom in die gemeinsame Zukunft träumen, über pure Dankbarkeit - “Gladly, All I Want Is You” singt sie - bis hin zum großen Beziehungsstreit: In “Go Now” heißt es dann: “Don’t raise voice to me” – mach hier mal nicht den Lauten! Das besondere an diesen Minimal-Electro-Pop-Songs ist, dass Tirzah hier immer eines in den Vordergrund stellt: den Respekt, der auch bleibt, wenn man einen Menschen nicht mehr liebt. Dabei bekommt Tirzah Unterstützung von ihrer Freundin Mica Levi, wir kennen sie als Micachu. Sie produziert die Tracks so minimal, dass sogar The XX nicht wüssten, was man da noch weglassen könnte. Und das zieht einen noch tiefer in diese Platte rein. Einfach nur Respekt für dieses Debüt, auf das wir lange haben warten müssen. (8 von 10 Punkten)

Ben Khan – Ben Khan

Ben Khan kam 2013 mit Namen wie Jai Paul oder Jungle aus den Blogs hoch und rein in die Clubs. Aber das Versprechen, das er mit seiner ersten Single “Eden” damals gegeben hat, konnte er bis heute nicht einlösen - bis jetzt. Denn jetzt kommt sein selbstbetiteltes Debütalbum. Wir hören darauf eine Mischung aus diesem 2013er Electro-Club-Sound und Arthur-Russell-Pop, man hört aber auch Einflüsse von Burial bis hin zu SOHN. So ganz seine eigene Stimme hat der aus Kaschmir stammende Produzent noch nicht gefunden, aber mit diesem lang erwarteten Debüt ist ein Anfang gemacht. (6 von 10 Punkten)

Lui Hill – Lui Hill

Über diesen jungen Mann weiß man relativ wenig, nicht wo er herkommt, nur dass er als Kind sehr viel mit seinen Eltern gereist ist, er seine Interviews auf Englisch gibt und er mit der Single “5000 Miles” in vielen Blogs in eine Reihe mit Bon Iver und Chet Faker gestellt wurde. Jetzt kommt das Debütalbum von Lui Hill - und es zeigt vor allem eines: Talent. Lui Hill hat schon als Kind Violine, Piano und Akkordeon gelernt, damit Klassisk gespielt, aber auch die Beatles. Seine Stimme kommt zwar nicht an die von Bon Iver ran, aber er hat da ein paar sehr kraftvolle Arrangements, die mich an Moderat haben denken lassen. (6,5 von 10 Punkten)

Louis Cole – Time

Die Geschichte von Louis Cole hat Youtube geschrieben, er war eine Art witziger Youtuber, bevor die Red Hot Chili Peppers seinen Clip zum Song “Bank Account” entdeckten. Darin singt er ziemlich funky, dass es keinen Spaß macht, seinen Kontostand zu checken. Den Chili Peppers gefiel das so gut, dass sie den Multiinstrumentalisten aus L.A. mit auf Tour nahmen. Dann wird das Label von Flying Lotus auf Cole aufmerksam und der veröffentlicht morgen sein drittes Album auf Brainfeeder - mit der Unterstützung von neuen Labelkollegen wie Thundercat. Das Album “Time” hat dabei immer noch was Trashiges, Cole nimmt sich null ernst, dafür aber den Funk und Soul, den er spielt. Die Mischung macht die Platte ziemlich besonders. Weiße Typen haben halt manchmal doch den Funk. (7 von 10 Punkten)

Stella Sommer – 13 Kinds Of Happiness

Die Frau trägt die Hitze schon im Namen: Stella Sommer. Wir kennen sie als formidable Songschreiberin und Sängerin von der Band Die Heiterkeit aus Hamburg, die sonst in deutscher Sprache unterwegs sind. Auf ihrem ersten Soloalbum hat Stella bis auf eine Ausnahme alles auf Englisch getextet. Das erinnert an die theatralischen Kunstlieder von Phantom/Ghost. Dirk von Lowtzow höchstpersönlich stimmt im Song “Birds Of The NIght” ein Duett mit ihr an. Die englischsprachige Musikpresse ist natürlich sofort mit Nico-Vergleichen dabei. Gibt schlimmeres, sagt sie selbst. Stella Sommer liefert hier das etwas andere deutsche Album des Sommers - verschwitzt, sinister und doch haben alle Songs eine große Portion Würde. (8,5 von 10 Punkten)

Giant Sand – Return To The Valley Of Rain

Giant Sand kehren zurück zum Tal des Regens. Denn “Valley Of Rain” hieß das erste Album der Band um Howe Gelb aus Tucson, Arizona. Das haben sie 1983 eingespielt und zwei Jahre später veröffentlicht. Zuletzt haben sie auf Tour wieder viele dieser alten Songs vom Debüt gespielt, die klangen mit anderen Verstärkern so toll, dass sie sie auch gleich neu eingespielt haben - allerdings doch wieder mit Verstärkern aus den 80ern. Darum klingt “Return To Ehe Valley Of Rain” zwar anders als das Debüt - aber doch durchaus vertraut. Das ist übrigens schon das zweite Mal, dass sich Giant Sand auf ihr Debüt beziehen, mit “Beyond The Valley Of Rain” gab es auch schon Album, das den wahren Kern des Debüts zeigen sollte. Jetzt soll der wahre Sound ergründet werden. Aber kann man nach all den Jahren überhaupt noch sagen, wo die Wahrheit liegt? (7 von 10 Punkten)

Cordovas – That Santa Fe Channel

Wir kommen zum eklektischsten Album diese Woche, das kommt von den Cordovas. Und diese Band aus Nashville bedient sich so herrlich bei The Band, bei den Grateful Dead und dann kommt auch noch der Harmonie-Gesang von Crosby, Stills & Nash dazu. Was erst ziemlich unverschämt wirkt, ist als Hommage gedacht an längst vergangene Zeiten. Es gibt wenig aktuelle Bands, die diesen Sound so versiert spielen können - und auch wenn absolut rückwärtsgewandt, hat sich diese Band ein Fleißsternchen verdient. (6,5 von 10 Punkten)

Tomberlin – At Weddings

Sarah Beth Tomberlin ist blutjunge 23, kommt aus Jacksonville, Florida, ist als Tochter eines Baptistenpastors streng gläubig aufgewachsen. Mittlerweile hat sie sich räumlich und auch spirituell von ihrer Jugend entfernt, sie lebt jetzt in Louisville, Kentucky und schreibt Songs darüber, dass man jemanden nicht in den Glauben zwingen kann. Ihr Debüt heißt “At Weddings”, weil sie findet, dass man auf Hochzeiten das ganze Spektrum menschlicher Gefühle abgebildet bekommt. Ihre Songs erinnern an Adrienne Lenker von Big Thief, die haben auch mit Saddle Creek die gleiche Labelheimat. Wir haben es hier mit einem vielversprechenden Debüt zu tun. (7 von 10 Punkten)

Kathryn Joseph – From When I Wake The Want Is

Hinter jedem Song dieser Künstlerin könnte ein Kobold lauern. Die Songs von Kathryn Joseph aus Glasgow atmen die Luft der schottischen Highlands, wo sich hinter den vielen Wiesen auch gerne mal ein Fabelwesen verstecken kann. Joseph wird schon die britische Joanna Newsom genannt. Was für Newsom die Harfe, ist bei Joseph das Klavier, an dem die meisten melancholischen Songs hier hochgezogen werden. Robert Smith von The Cure ist großer Fan von Kathryn Joseph und auch von ihrem zweiten Album “From When I Wake The Want Is”. (7 von 10 Punkten)