Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Ross from Friends | Gaika | G.Rag Y Los Hermanos Patchekos

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von The Spitfires, Ross from Friends, Gaika, G.Rag Y Los Hermanos Patchekos, Underworld & Iggy Pop, Astronauts, ShadowParty, Timi Hendrik, Denzel Curry, White Ring u. a.

Von: Matthias Hacker

Stand: 26.07.2018

Cover: Underworld & Iggy Pop - Teatime Dub Encounters | Bild: Caroline

The Spitfires - Year Zero

Spektakuläre Feuerspucker aus Watford England. Sie nennen sich The Spitfires. Sie schreiben scharfe sozialkritische Texte und verpacken sie in Indie-Ska-Reggae. Gar keine Frage, dass so eine Band ins Vorprogramm von The Specials gehört. Musikalisch kann man die Band eigentlich eher noch in die Hochphase des Indie Mitte der 2000er Jahre stecken. Das wäre auch guter Sound für die Tanzfläche im Münchner Atomic Cafe gewesen – zwischen Art Brut, Jack Penate und The Rifles. Zwischendurch ist das Album auch mal etwas zu bekömmlich. Aber wenn man dann die Texte liest, dann ist da dieser typisch britische, lyrische Sprengstoff, der die Unzufriedenheit im Land offen aus- und anspricht. Wieso nicht wieder mehr Teenage Riots – dazu müssen sie die Musik  dann auch nicht unbedingt neu erfinden. (6 von 10 Punkten)

Astronauts Ect. – Living In SW

Anthony Ferrero wollte eigentlich klassische Musik machen, studierte schon Piano an der Universität von Berkley. Aber dann kam die Diagnose: chronische Arthritis. Er kann von der Musik nicht lassen und schwenkt in die Popmusik ein. Für uns ein glücklicher Umstand. Das neueste Album Symbol Land beginnt mit dem gleichnamigen Song und es klingt so, als würde Damon Albarn die Beach Boys covern. Später setzt mal ein Beat ein, der so smooth ist wie ihn J Dilla nicht besser hätte produzieren können. Aber im Laufe des Albums formt und entwickelt Anthony Ferrero dann diesen enorm entspannten und trotzdem andächtig-psychedelischen Chiller-Sound. Mit dem Soundfrickler Toro Y Moi verbindet ihn eine enge Freundschaft, aber er lässt den Sound-Professor nicht so raushängen – legt mehr Wert auf Nuancen als auf super anspruchsvolle Produktion. (8 von 10 Punkten)

Ross From Friends – Family Portrait

Gleichmal vorab: der Song Project Cybersyn ist ein absoluter Hit. Das dezente Sounddesign ist genial. Diesen jungen Mann sollte man im Auge behalten. Wenn er so weitermacht, dann kann er bald zu den richtig Großen in der britischen Elektro- und House-Szene gehören. Er dockt auch klar an seine Lofi-House Eps an, die schon überzeugt haben. Aber auch der Rest ist höchst interessant: Verspielt, mit manchmal sogar jazzy-synkopierten Patterns, dann an anderer Stelle hören wir lateinamerikanische Rhythmik mit feinsten Dubs und Glitches. Dies ist eine dringliche Empfehlung – Ross From Friends und sein Debüt Family Porträt erscheint bei dem Label, wo solche elektronische Hirnnahrung auch hingehört: nämlich bei Brainfeeder. (9 von 10 Punkten)

Iggy Pop x Underworld – Teatime Dub Encounters

Die Herren von UNDERWORLD sind ja mit ihrem Trainspotting Soundtrack Born Slippy bekannt geworden. Für den Soundtrack zum 2. Trainspotting Teil, der ja schon vor längerer Zeit in die Kinos gekommen ist , wollten sie sich einen besonderen Gast einladen. Iggy Pop. Sie haben ihn also 2016 ins prunkvolle Savoy Hotel eingeladen, wie man das anscheinend so mit alten Punkrockern so macht....Aber anstatt ihn da nur nur zur Teatime zu bitten, haben sie ihn in einem Hotelzimmer mit einem fertigen Aufnahmesetting überrascht. Er soll doch gleich einsteigen, wenn er Bock hat. Er hatte: Der EP „Teatime Dub Encounters“ hört man die spontane Entstehung schon an. Die Tracks sind sehr divers – mal ist da die klare elektronische Underworld Handschrift zu erkennen, mal drückt Iggy eher mit seinem klassischen Rocksongwriting einem Stück den Stempel auf. (7 von 10 Punkten)

G.Rag Y Los Hermanos Patchekos – How Sweet The Sound

Vor gut einem Monat feierte der Münchner G.Rag zusammen mit seiner Band Hermanos Patchekos Plattentaufe auf dem Gutfeeling Festival in München. Gutfeeling ist gleichzeitig sein eigenes Label. Aber erst jetzt gibt es die Platte offiziell zu kaufen – endlich, muss man sagen. Es ist eine tolle Mischung aus Cumbia, Samba, Freejazz, Blues und vielem mehr. Alles rein in den großen Topf und umgerührt zu einem würzigen Gumbo. Das köchelt mittlerweile ja schon seit zwei Jahrzehnten in München vor sich hin und wird immer besser. Wieso ausgerechnet – dieser Südstaaten-Eintopt? Mein liebstes Stück der neuen Platte ist Moisseuneur – das ist einfach wunderbar simple, eingängige Cajun-Musik– dieses wunderschöne, ein bisschen in Vergessenheit geratene Genre, das im Süden Lousiannas aber nach wie vor auch bei jungen Leuten angesagt ist. Durchs Megafon croont G.Rag – das ist sein Markenzeichen. Dazu spielen die Hermanos Patchekos - seine über 10-Mann starke Truppe. How Sweet The Sound - das dürfen die Münchner vom neuen Album ruhig selbstbewusst behaupten. Bei mir trifft die Truppe mit diesem unangestrengten liebevollen Musikentdeckersound  wieder einen Nerv. (8 von 10 Punkten)

ShadowParty – ShadowParty

Man hört klar, dass die ShadowParty-Mitglieder früher bei unter anderem New Order und Devo besteht. Die Band gibt es seit 2014. Nun erscheint das selbstbetitelte Debüt. Wer sich Musik von der Qualität der berühmten Vorgängerbands verspricht, wird enttäuscht. Die Drum-kits klingen windig und dünn. Die Melodien der Gitarren und des Gesangs gehen auch nicht mehr in die Tiefe. Das ist einfach ziemlich straighter, uninspirierter Poprock mit Hang zum Orchestralen und Theatralischen. (4 von 10 Punkten)

Timi Hendrix – Tim Weitkamp, Das Musical

Das Label Trailerpark ist bekannt für Trashrap. Labelchef ist Tim Weitkamp alias Timi Hendrix, der gerne und viel übers Kiffen gerappt hat, aber auch nicht ganz jugendfrei über Vergewaltigung und Sex. Jetzt liegt sein neues Album vor. Tim Weitkamp Das Musical. Das Album war eigentlich schon vor einem Jahr mehr oder weniger fertig, aber dann hat sich ein Freund von Tim Weitkamp das Leben genommen, weswegen er mit der Veröffentlichung noch gewartet hat. Es ist wieder ziemlich abgedrehter, wirrer Deutschrap – als ob er ständig druff wäre. Hier ist das aber auch beabsichtigt. Er ist nicht mehr ganz so explizit, kindisch und provokativ. Die Beats sind monoton und er rappt ohne Dynamik. Mir geht das auf die Nerven – aber vielleicht bin ich einfach auch nicht mehr Zielgruppe. Für die hat er wohl auch einen Track auf der Platte geschrieben: Schule. Die oft belanglosen Geschichten bleiben einfach auch nicht hängen. (3 von 10 Punkten)

Denzel Curry – TA13OO

Qualitativ ganz auf der guten Seite des Rap ist Denzel Curry. Rap Noir möchte ich das nennen, was er macht. Mit viel Soul legt er die Latte gleich im Eröffnungsstück sehr hoch. Würde man nur den smoothen Beats lauschen, steckte man ihn erstmal an die US-Westcoast, aber Denzel Curry ist Eastside. Immerhin kommt er aus dem sehr sonnigen Florida. Deswegen ist auch die berühmte Odd Future Crew aus Los Angeles auf ihn aufmerksam geworden. Sein drittes Album veröffentlicht er gerade in drei Akten: Den Anfang machte er mit Light, dann folgt Akt 2 namens Grey und dann das Finale mit Dark. Der smoothe Anfang täuscht aber. Das Album ist sehr unterschiedlich. Er spittet auch mal ganz schön aggressiv und wird dann wieder ganz melancholisch über Trump, Kindesmissbrauch, Nahtoderfahrung, Liebe und Paranoia. Denzel Curry ging auf dieselbe Highschool wie Trayvon Martin. Der junge schwarze Mann, der in Sanford von einem Wachmann erschossen wurde. Angeblich aus Notwehr. Die Ermordung hat 2012 landesweite Proteste ausgelöst und bei Denzel Curry das politische Bewusstsein. Ich höre ihm und seinen Erzählungen sehr gern zu. Allerdings hat mich der Zwischenteil – Grey – wie er diesen Part des Albums nennt gelangweilt. Während Light ziemlich entspannt produziert ist, Dark eher heftige Nummern am Ende parat hält – ist der Zwischenteil passend zum Namen Grey eher farblos. Das ist schade – macht das Album aber definitiv zu keiner Enttäuschung. (7 von 10 Punkten)

Deaf Wish – Lithium Zion

Der Name steht nicht für den Todeswunsch, sondern für den Wunsch danach taub zu sein. Mit ihrer Musik kriegt man das auch hin. Das ist krachiger Garage und manchmal auch Postpunk. Es ist das fünfte Album der Band aus Melbourne und das zweite auf Sub Pop – dem legendären Seattle-Grunge-Label. Das ist Musik aus dem Bauch, die mit den knarrzenden Gitarren auch genau dahin strahlt. Dahinter steckt kein ausgehirndeltes Konzept. Das Album hat eine ganz eigene schleppende, nölige Rotzigkeit. Fantastisch. Diese Genervtheit kann nicht mal der – ich denke mal ironische - Blumenstrauß auf dem Plattencover kaschieren. Das Album ist nicht immer aggressiv, sondern manchmal auch charmant sensibel. Mit dem düsteren Gemurmel und Gemaule am Mikrofon erinnert mich Deaf Wish auch mal an Greg Dulli und seine Afghan Wigs. Was aus meiner Sicht schon eine Art Ritterschlag ist. (7 von 10 Punkten)

Gaika – Basic Volume

Gaika ist mit Basic Volume ein sehr angenehmer Mix aus softem Trap, Bassmusik und Ambient geglückt. Nach einem gefeierten Mixtape haben viele auf dieses Debüt gewartet. Da webt er dann auch Gothic, Neo R’n’B und Dancehall mit ein, was hier ausnahmsweise mal kein Schaudern bei mir auslöst. Der Rapper aus Brixton hat sich für dieses Album spannende Produzentenunterstützung mit SOPHIE dazu geholt. Ein politisches Album mit viel Haltung und mutigem Sound. (8 von 10 Punkten)

White Ring – Gate Of Grief

Düsterer Witch House für die finsteren Stunden. Besonders gefallen mir auf der Platte, wenn die Songs mit Rave, Goth und Trap-Elementen aus den sonst doch recht eintönigen Synthesizer-Nebelschwaden hervorstechen. Darüber singt das Duo entweder hexengleiche Kreischgesänge oder wir hören downgepitchte Textpassagen, die klingen wie im Gruselkabinett. Gates Of Grief ist also nichts für leichte Nerven. Der vertonte Mulholland Drive. (7 von 10 Punkten)