Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Prince | Suede | Liars

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke aus dem Prince-Nachlass, Lydia Lunch, Liars, Suede, Mutual Benefit, Christine & the Queen, Kammerflimmer Kollektief, Bhad Bhabie und den Villagers.

Von: Angie Portmann

Stand: 20.09.2018

Prince Cover "Piano & A Microphone 1983" | Bild: WMG

Mutual Benefit – Thunder follows the light

Der Singer/Songwriter Jordan Lee aus Ohio bzw. mittlerweile New York ist Mutual Benefit – und das jetzt schon seit knapp zehn Jahren. Schon als Schüler hatte er – inspiriert von Eliott Smith – angefangen Songs zu schreiben. 2009 erschienen dann erste Aufnahmen von ihm auf Kassette und 2013 sein Debütalbum. „Thunder follows the light“ ist die dritte offizielle Platte von Mutual Benefit (digital sind schon wesentlich mehr erschienen). Angesichts der Lage in seiner Heimat Ohio, aber auch dem aktuellen politischen Geschehen in Amerika insgesamt, macht sich Lee Sorgen um sich und seine Mitmenschen – und zu Recht. Auf seinem jüngsten Werk besingt er sehr sanft, aber eindrücklich diese Sorge, orchestral untermalt von Streichern, Bläsern usw. Ein gewisser Folk-Eskapismus ist schließlich in Zeiten wie diesen absolut legitim. (7,2 von 10 Punkten)

Villagers - The art of pretending to swim

Auch Conor O’Brien, Kopf der Villagers, war einmal Elliott Smith- und auch Nick Drake-Anhänger. Also einfühlsamer Folkie, der mit relativ reduzierten Mitteln maximalen Eindruck schinden konnte. Die Zeiten sind jetzt allerdings vorbei. Denn auf seiner vierten Platte „The art of pretending to swim“ versenkt O’ Brien den melancholischen, zurückhaltenden Singer/Songwriter und holt den Soulman aus der Schublade, unterlegt von einem zwingenden Groove und filigranen elektronischen Sounds. Keine Sorge, die Villagers sind nicht auf dem Weg zur Stadion-Pop-Band (auch wenn man dem Iren O’Brien den Erfolg wünschen würde). Hier hat nur einer die völlig ausgetretenen Folk-Pfade verlassen und sich aufgeschwungen in die Region des elaborierten Pop-Songs. Ein faszinierender Trip durch das Seelenleben eines Typen, der lang genug darauf gewartet hat, endlich mal alle Register seines Könnens ziehen zu dürfen. (8 von 10 Punkten)

Prince - Piano and a microphone 1983

„Piano and a microphone“ hieß die letzte Tour von Prince – die letzte vor seinem tragischen Tod am 21. April 2016. Wie der Titel schon andeutet, stand hier nur das Jahrhundertgenie Prince plus ein Klavier auf der Bühne. In Anlehnung daran trägt jetzt auch das neue Prince-Album den Titel: „Piano and a microphone 1983“. Aber was wir hier hören, sind keine zwei Jahre alten Konzert-Mitschnitte, sondern Piano-Aufnahmen aus dem Jahr 1983. Neun bisher unveröffentlichte Heimstudio-Tracks aus den vermutlich übervollen Archiven des Workoholics. Darunter z.B. „17 days“ das später als B-Seite von „When doves cry“ raus kam. Oder das Joni Mitchell-Cover „A case of you“, das erst Jahre später erscheinen sollte, genauso wie „Strange relationship“, das 1987 auf „Sign ‚O’ the Times“ landete. All diese Songs gibt es hier schon in einer sehr frühen, sehr runtergestrippten Version zu hören. Andere Songs gibt es tatsächlich nur auf diesem Album, z.B. das funky „Cold Coffee & Cocaine“. Das gospelhafte „Mary don’t you weep“ findet sich mittlerweile allerdings nicht mehr nur auf „Piano and a microphone“, sondern auch auf dem Soundtrack zum neuen Spike Lee-Film „BlacKkKlansman“. Aber egal, was Prince oder die Plattenfirma später noch aus diesen Songs gemacht hat – so nah kommt man der ehemals so unnahbaren Ikone Prince nur selten. (7,7 von 10 Punkten)

Bhad Bhabie – 15 (7)

Ganz nah dran sind wir auch bei Bhad Bhabie. Ihre Social Media-Klickzahlen gehen in die Millionen. Bhad Bhabie ist nicht nur die neue Queen of Trap, sondern als digitale Prominente fast so bekannt wie die Kardashians. Ihr Debütalbum trägt den Titel  „15“ - denn Bhad Bhabie ist 15 Jahre alt, hat 15 Songs auf ihrem Album und genießt gerade ihre „15 minutes of fame“. Bekannt wurde Danielle Bregoli bzw. Bhad Bhabie aus Florida bereits mit 13, als Gast in der Fernsehshow „Dr. Phil“. Verzweifelte Eltern laufen dort mit ihren missratenen Kindern auf und lassen sich erziehungstechnisch von Dr. Phil „beraten“. Bhad Bhabie missfiel das Ganze und sie droppte den legendären Spruch, der kurz darauf zum viralen Hit wurde „Cash me outside – how bout dat“. Mit ihrer ersten Single landete sie dann auch gleich in den Billboard Hot 100. Ein Major-Plattenvertrag folgte und die Streamingzahlen ihrer Singles konnten sich alle mehr als sehen lassen. Und jetzt also das Debüt: „15“. Ein Mixtape mit den obligatorischen Featuregästen (u.a. Lil Yachty und Ty Dolla Sign). Dazu kommen minimalistische Trapbeats, Bhad Bhabies unzweifelhafte Rap-Skills und ein ausgesprochener Popappeal. „15“ dürfte damit ein sicherer Kandidat für die US-Charts sein und zeigt, dass die 15-jährige nicht nur ein krasses Internet-Phänomen ist, sondern sich im vergangenen Jahr auch zur veritablen Rapperin entwickelt hat. (7 von 10 Punkten)

Suede – The blue hour

Ich kann mir nicht helfen. Brett Anderson bzw. Suede und die Prager Philharmoniker, das geht mir definitiv einen Schritt zu weit. Das klingt so gnadenlos pathetisch, so überzogen, so schwülstig wie sonst nur Mittelalter-Rock oder ähnlich überflüssige Musiksparten. Die-hard-Fans der alten Brit-Pop-Helden werden vermutlich auch diesen, definitiv als mutig zu bezeichnenden Schritt der Band mitgehen und auch ihr achtes Album „The blue hour“ feiern. Ich dagegen denke bei derart theatralischen Chorälen und düsterem Sprechgesang vielleicht noch an Game of Thrones, aber sicher nicht an eine Zukunft für Suede. (5 von 10 Punkten)

Beak> - >>>

Beak>, das sind Geoff Barrow fame of Portishead, Billy Fuller und Will Young. Ihr neues Album ist bereits das dritte, das sie als Beak> veröffentlichen und definitiv ihr zugänglichstes, wie ich finde. Abgehangene Songs, sehr laid back, die Stimme immer eher im Hintergrund gehalten. Dazu ein fast unspektakulärer Sound, Gitarre, Schlagzeug, alles ganz klassisch, mal folky angehaucht, mal in Richtung Postpunk oder No Wave driftend. Die dystopischen Synthieflächen, das wild Krautrockende der beiden Vorgängeralben haben Beak> diesmal etwas zurückgefahren. Aber der besondere Charme dieser Platte, dieser Band liegt nach wie vor darin, dass das Trio aus Bristol die Stücke mehr oder weniger live einspielt, da klingt nichts nach kalkuliertem Muckertum, sondern alles mehr nach zufälligem wie genialem Retrofuturismus. Z.B. wenn im ersten Stück plötzlich die Lautstärke runtergefahren wird, so als hätte der Tontechniker aus Versehen den falschen Regler erwischt oder wenn in „When we fall“ psychedelische Schlieren zu hören sind, die Streicher und Gitarren per Flanging-Effekt salopp verwischt werden. Mein Highlight in der bisherigen Beak>-Biographie. (7,8 von 10 Punkten)

Liars - Titles with the word fountain

„Titles with the word fountain“, das sind 17 Stücke, die oft sehr skizzenhaft daherkommen. Dunkle und schleppende Industrial-Drones im Wechsel mit den Klagegesängen von Angus Andrew, der etwas verloren klingt und offensichtlich immer noch nach Antworten sucht auf die Frage nach den Gründen für die Trennung von seinem Kollegen Aaron Hemphill. Bereits im vergangenen Jahr hat Angus Andrew, der mittlerweile von New York nach Melbourne übergesiedelt ist, dazu ein Album veröffentlicht: „TFCF (Theme from Crying Fountain)“.
Der aktuelle Release wurde während der gleichen Sessions wie der Vorgänger aufgenommen. Soll aber, laut Plattenfirma, keinesfalls als Sammlung von Outtakes verstanden werden ... der Verdacht liegt jedoch nahe.
Denn „Titles with the word fountain“ ist eine seltsam flüchtige Platte, von einem, der das Ende einer kreativen Beziehung wie einen Horrortrip inszeniert. Lichtjahre entfernt von den Anfängen der Liars, in denen die Band vor Wut und Experimentierfreude nur so zu strotzen schien. Statt aufregendem Art-Punk bzw. Noise-Rock stehen die Liars heute eher für einen etwas nöligen, aber auch nicht uninteressanten Industrialsound – der durchaus Soundtrack-Qualitäten hat. (6 von 10 Punkten)

Lydia Lunch – Marchesa

Die New Yorker Underground-Ikone Lydia Lunch ist Musikerin, Schriftstellerin, Riot Grrrl-Rolemodel und, wie eben gehört, auch Spoken-Word-Performerin. Sie selbst bezeichnet sich als Hysterikerin und Journalistin, die ihre eigene Hysterie und die Hysterie ihrer Zeit dokumentiert. Und manchmal mache sie auch Musik dazu. Ihre Hauptthemen seien Politik und Sexualität, so Lunch. Zitat: „Ich bin die Leber Amerikas. Ich nehme den ganzen Dreck und mache künstlerisch etwas daraus“. Ihre Texte übers Patriarchat und andere Scheußlichkeiten dieser Welt haben auch nach vier Dekaden nichts von ihrer düsteren Gewalttätigkeit, ihrer coolen Bedrohlichkeit verloren. Auf ihrem neuen Album „Marchesa“ lässt sie sich von Marquis de Sade inspirieren, seiner Welt des Sadismus  und der Perversion. Die dissonanten Horror-Soundscapes für „Marchesa“ stammen von Stefano Rossello und lassen die verstörenden Lunch-Texten noch schwärzer, noch gefährlicher klingen. Nach zuletzt spektakulären Auftritten mit ihrer Band Big Sexy Noise und Desert-Blues-Alben mit Cypress Grove ist „Marquesa“ jetzt das jüngste Werk dieser faszinierenden Künstlerin. (7,3 von 10 Punkten)

Christine and the Queens – Chris (7,2)

So wie Lydia Lunch sich gern auch als „Macho“ bezeichnet, tut das auch die Französin Héloise Letissier, besser bekannt als Christine and the Queens (und in Frankreich schon ein Megastar). Beide spielen gerne mit tradierten Identitäten, wehren sich gegen eine „konstruierte“ Weiblichkeit. Stattdessen ist ihr Selbstverständnis von Sex ein sehr offensives, forderndes. Das dokumentiert auch das zweite Album von Christine and the Queens, die jetzt nur noch Chris genannt werden möchte. Musikalisch sleazy 80’s bzw. 90’s  Pop mit Michael Jackson-Beats und einem leichten Disco-Touch. (7,2 von 10 Punkten)

Richard Reed Parry – Quiet river of dust Vol 1

Wir hören Flöten, Orgeln, Konzertinas, klassische Folk-Harmonien und sogar ein Dudelsack taucht kurz auf ... um sofort wieder in einem Ocean of Sound zu verschwinden. Wie Echos der Erinnerung. Bei Richard Reed Parry (hauptberuflich Arcade Fire-Mitglied) dürfte das vor allem die Erinnerung an seinen Vater sein, der bis zu seinem Tod (mit 52) Mitglied der kanadischen Folkinstitution Friends of Fiddlers Green gewesen war. Mit ihm und der Folk-Community in Toronto ist Parry aufgewachsen. Später hat er Elektroakustik und zeitgenössischen Tanz studiert, hat das Bell Orchestre gegründet und wurde schließlich 2003 ein Teil von Arcade Fire.
Der elegische, sehr verspielte, orchestrale Folk-Pop von „Quiet river of dust Vol.1“ ist nun die musikalische Hängematte, in der sich Richard Reed Parry vom Leben mit dem Megaseller  Arcade Fire erholt. Unterstützt von illustren Gästen und gleichzeitig sehr sanft und zurückhaltend. Mir persönlich ist „Quiet river of dust Vol.1“ allerdings - vielleicht gerade deshalb - etwas zu esoterisch, zu meditativ. (6,8 von 10 Punkten)

Kammerflimmer Kollektief - There are actions which we have neglected and which never cease to call us

Auch nach 20 Jahren Klangforschung, dem Tauchen in einer Ursuppe, einer Melange aus Jazz, Electronica, Krautrock usw. werden die Karlsruher nicht müde, sich neue sonische Räume zu erschließen, egal wie düster sie auch sein mögen. Diese Terra incognita zwischen Improvisation und Komposition hält für uns einige großartige Momente bereit. (7,4 von 10 Punkten)