Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche PeterLicht | Neneh Cherry | Yoko Ono

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von PeterLicht, Barbara Morgenstern, OK Kid, Cloud Nothings, The Residents, Yoko Ono, Neneh Cherry, How To Dress Well, Empress Of und Geotic.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 18.10.2018

Cover: Neneh Cherry - Broken Politics | Bild: beats-international

PeterLicht – Wenn wir alle anders sind

Wir kennen PeterLicht noch sehr gut von seinem Auftritt damals beim Bavarian Open Festival 2006 im Münchner Funkhaus, wo der die Lieder über den Ende des Kapitalismus sang, oder auch von seiner gerne gelesenen Kolumne “Lob der Realität“. Nach sieben Jahren gibt’s jetzt auch wieder was auf Platte, die heißt “Wenn wir alle anders sind”. Und ich fange mit dem an, was darauf ziemlich misslungen ist: Das schrille, neonfarbene Cover, der Einsatz von Autotune - jetzt, im Jahr 2018 - und die Auswahl der Singles. Sonst bekommt man das gewohnt kryptische Liedgut serviert, das kommt von da “wo der Gletscher kalbt”, erinnert also vieles an den Hit “Sonnendeck”. Nur eines erkennt man ziemlich klar: die Zeiten, in denen wir leben, überfordern auch einen PeterLicht. (6,5 von 10 Punkten)

Barbara Morgenstern – Unschuld und Verwüstung

„Unschuld und Verwüstung“ ist das zehnte Album von Tasten-Liebhaberin Barbara Morgenstern aus Hagen. Ihr Debüt auf dem Staatsakt-Label. Und auch sie beschäftigen die Zeiten, in denen wir leben. Sie stellt die alten Parolen wie “Live fast, die young” auf den Prüfstand, zitiert Michael Stipe und R.E.M. mit ihrem “It’s the end of the world as we know it”, sie reflektiert aber auch persönliches. Das ist manchmal zu verspielt, aber die meiste Zeit virtuos kurzweilig. (7 von 10 Punkten)

OK Kid – Sensation

Die Kölner Band OK Kid wird mit der neuen Platte wohl eher nicht mit Xavier Naidoo touren, denn der Album-Opener “Lügenhits” schießt gleich mal gegen den Deutschland-GmbH-Fan - ohne ihn zu nennen. Außerdem arbeiten sich OK Kid an Investoren, dem Begriff „Heimat“ und der Politik ab. Das ist alles clever und ganz nah am Zeitgeist getextet, die Plattenfirma würde sagen: die Zielgruppe ist klar getargeted. Nur musikalisch reißt der Sprechgesangs-Pop leider nur wenig mit. Trotzdem: Wenn wieder eine Demo wie #unteilbar oder #ausspekuliert ansteht, OK Kid gehören da auf die Bühne. (6 von 10 Punkten)

Cloud Nohtings – Last Building Burning

Ich habe diese Woche die Geschichte von einem Mann gelesen, der in Minneapolis neben dem Flughafen wohnt. Auf das Dach seines Hauses hat er aber groß geschrieben: Welcome To Cleveland. Und zwar nur, um die Menschen im Flieger bei der Landung zu schocken. Mein erster Gedanke: Cooler Typ. Mein zweiter: Cleveland ist bestimmt so eine Stadt, da hängen die Leute tot über dem Gartenzaun. Die Cloud Nothings können das bestätigen, sie kommen aus Cleveland und spielen Noise-Rock, den man dort, aber auch im Rest der USA sonst nicht hört. Ihr Indie- oder eigentlich College-Rock hat Metal- und Industrial-Einflüsse und wirkt so besonders schwer - so auch auf dem neuen Album mit dem düsteren Titel “Last Building Burning”. (7 von 10 Punkten)

The Residents – Intruders

Seit 1969 gibt es The Residents. Ihr Markenzeichen: sie treten nur verkleidet auf. Niemand weiß genau, wer dahintersteckt. In den Nuller Jahren kam mal das Gerücht auf, dass die Beatles ihre Avantgarde-Leidenschaft als Residents ausgelebt haben. Aber das darf bezweifelt werden - und auch, dass heute noch Gründungsmitglieder bei den Residents spielen. Die Erwartungen sind bei ihren neuen Platten nicht mehr so hoch, aber “Intruders” überrascht da. Solide Songs hört man, oft brav und nur minimal psychedelisch, aber auf Albumlänge durchaus spannend - und das im 49. Jahr des Band-Bestehens. Nächstes Jahr werden The Residents dann 50. (7 von 10 Punkten)

Yoko Ono – Warzone

Yoko Ono hat mit zarten 85 Jahren gemerkt, dass sich in ihrer Lebenszeit viele Probleme nicht aufgelöst haben, im Gegenteil, vieles wiederholt sich. Darum hat sie alte Songs nochmal neu aufgenommen, die ein zeitloses Erscheinungsbild haben. Songs wie “Warzone” oder “Hell In Paradise”. Bei dem Track “Woman Power” aus dem Jahr 71, der gleichzeitig mit einem feministischen Essay entstanden ist, haben sich nur die Feindbilder verschoben. Heute sitzt der Feind eben im Weißen Haus. Yoko Ono hat natürlich immer noch einen avantgardistischen Zugang zu ihren Songs, auch wenn die hier sehr reduziert daherkommen. Bei dem Song “Why” hat sie John Lennons Original-Part mit Tierschreien ersetzt. Und natürlich war es unvermeidlich, dass auch eine neue Version von “Imagine” auf dem Album landet. Wir hören hier einer Frau zu, die die Welt verstehen will - und wohl nie verstehen wird. (6,5 von 10 Punkten)

Neneh Cherry – Broken Politics

Neneh Cherry is geschockt, verwirrt, auch ein wenig wütend, aber das versteckt sie auf “Broken Politics” bestens hinter in sich gekehrten, klug reflektierten Songs. Die Politik ist kaputt, Menschen verstehen sie nicht mehr. Neneh denkt darüber nach, wohin sich die Grenzen von Politik verschoben haben - vielleicht sogar bis ins eigene Schlafzimmer. Pressefreiheit in Polen ist ein Thema, aber auch die Waffengewalt in den USA. Das alles haben sie und Kieran Hebden, den wir als Four Tet kennen, in zarte Beats gepackt, die begleitet werden von Harfe, Xylophon und Steel Drum. Um die Probleme der Menschen zu verstehen, muss man bis zum Kern des Problems, alles andere kann man abstreifen - so kommen auch die Songs auf “Broken Politics” daher. Ein beeindruckendes Album einer noch beeindruckenderen Künstlerin, die seit Dekaden immer den richtigen Ton trifft. (9 von 10 Punkten)

How To Dress Well – The Anteroom

.Tom Krell kann man enorm kränken, wenn man ihn dem Chillwave zuordnet. Er macht als How To Dress Well Avantgarde-R&B-Pop, das seit fast zehn Jahren und immer auf einem angenehm hohen Niveau. Sein neues Album heißt “The Anteroom”, damit gemeint: ein Durchgangszimmer oder Wartezimmer. Das passt zu der Zeit, in der das Album entstanden ist: Ende 2016, als Trump Präsident wurde. Für How To Dress Well fühlt es sich an wie in einem Wartezimmer, dort ist es trist und man ist ungeduldig, aber die Gewissheit ist da: irgendwann geht’s da auch wieder raus. Mit “The Anteroom” bewegt sich How To Dress Well immer weiter weg vom anderen großen Avantgarde-Elektroniker Oneothrix Point Never - und vom Chillwave - und das ist auch gut so. (7,5 von 10 Punkten)

Empress Of – Us

Empress Of heißt soviel wie „Kaiserin von“ - in diesem Fall von Südkalifornien, da hat die Lorely Rodriguez alias Empress Of ihr neues Album aufgenommen. Bemerkenswert hier: die Rahmenbedingungen in der Empress Of arbeitet. Sie hat Jazz studiert, schreibt und produziert mittlerweile 70 Prozent ihrer Musik selbst - und darauf ist sie stolz. Denn sie kennt den Boys Club Pop nur zu gut. Sie will nicht mehr, dass hinter jeder Künstlerin nur Männer stehen, die produzieren oder vermarkten. Als einzigen Einfluss nennt sie ihre Mutter, die sie alleine aufgezogen hat. Auch in ihren Songs geht’s um Empowerment, sie will die Hosen anhaben in ihren Beziehungen. Wichtig dafür: Vertrauen - vor allem in sich selbst. Das ist die Message des R&B-Pops von Empress Of. (6,5 von 10 Punkten)

Geotic – Traversa

Hinter Geotic steckt der Kalifornier Will Wiesenfeld, wir kennen ihn auch als Baths. Als Geotic veröffentlicht er Tracks, die sehr an den Nuller-Jahre-Sound von The Postal Service oder Hot Chip erinnern. Auf dem Album “Traversa” feiert er das Reisen. Es sei ein tolles Gefühl, wenn man Eindrücke von unterwegs im Kopf verarbeitet. Recht hat er. Nur unterwegs erfährt man das Gefühl märchenhafter Verwunschenheit, sagte schon Erich Kästner. (6,5 von 10 Punkten)