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Neuerscheinungen der Woche Janelle Monáe | International Music | Okkervil River

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Janelle Monáe, International Music, Okkervil River, Twin Shadow, Grouper, Drangsal, Jesper Munk und Marsimoto.

Von: Angie Portmann

Stand: 26.04.2018

Cover: International Music | Bild: Staatsakt, Caroline

Okkervil River – In the rainbow rain

Will Sheff ist Okkervil River und das jetzt schon seit 20 Jahren. Zuletzt hatte er mit „Away“ ein eher zurückhaltendes Folkrock-Album vorgelegt, „In the rainbow rain“ ist dagegen wesentlich direkter. Sheff zitiert die 80er, lässt neben den Gitarren jetzt auch Synthies und ein Saxophon mitmischen. Denn, so Sheff, „the record is supposed to be fun and uplifting“. Und da Will Sheff nach acht Alben ein Profi und vor allem exzellenter Songschreiber ist, ist auch Album Nummer neun keine Enttäuchung. Ok, wenn Sheff im Opener die Geschichte des Luftröhrenschnitts erzählt, seines eigenen und des von Dylan Thomas, Mary Wells und Ray Davies, ist man anfangs schon etwas irritiert. Der Song hat so etwas Pina Colada-haftes, dürfte den Okkerviel River-Fan mit seinen billigen Beats fast schockieren. Aber im Laufe des Album gewöhnt man sich an den neuen Kurs, diese neue Sleazyness, diesen Feel-Good-Modus, der nach einem langen harten Winter endlich die kalifornische Sonne über uns scheinen lässt. (7,5 von 10 Punkten)

Janelle Monae  - Dirty Computer

Ähnlich wie mittlerweile etliche andere Stars im amerikanischen Pop, Stars wie Beyoncé z.B., ist auch Janelle Monáe Feministin. Mit Aussagen wie „das Patriarchat muss gekillt werden“ hat sich die Sängerin, Songschreiberin, Labelchefin und Schauspielerin klar positioniert: als afroamerikanische Kämpferin für Frauenrechte und die LGBTQ-Community. Und gegen jede Form von Sexismus und Unterdrückung. Und diesem Kampf widmet sie sich auch auf ihrem neuen Album „Dirty Computer“ wieder ausgesprochen explizit. So singt Monáe „everything is sex and sex is power“ und wer ihr das nicht glaubt, zu dem lässt sie ihre Vagina sprechen: „Ich falte Machos zusammen wie Origami, das ist keine Welle, das ist ein Tsunami“. In Interviews definiert sich Monáe zwar nicht als politische Aktivistin, aber doch als eine Person, die sich für Menschenrechte einsetzt. Und die für mehr Ehrlichkeit plädiert. Deshalb ist „Dirty Computer“ auch eine sehr persönliche Platte geworden, in der der Kontrollfreak Monáe zum ersten Mal auch über seine eigenen Gefühle singt. Statt wie bisher ihr Alter Ego, der Android Cindi Mayweather, ist es jetzt Janelle Monáe selbst, die im Mittelpunkt dieses Albums steht. All das passiert wiederum in einem musikalisch perfekten Pop-Outfit. Ein Mainstream-kompatibler Hit reiht sich hier an den anderen. War die Single „Make me feel“ noch eine krasse Hommage an ihren ehemaligen Mentor Prince, ist der Rest des Albums alles zwischen softem R’n’B (Don’t judge me), funky Hip Hop(I got the juice), Autotune-Gospel (Americans) und Pop (feat. Brian Wilson und Pharrell Williams). Wichtige Platte einer wichtigen afroamerikanischen Stimme, die gehört werden sollte u in diesem Mainstream-Outfit auch sicherlich flächendeckend gehört werden wird. (7,5 von 10 Punkten)

International Music – Die besten Jahre

Im Gegensatz zu Janelle Monáe sind International Music aus Essen herrlich unkonkret. Je vager desto besser, Floskeln ja, aber nur in einem dadaistischen Kontext. Das klingt dann z.B. so: „Mein Schweiß juckt mich nicht, mir beißen Mücken ins Gesicht, wir bauen Brücken aus Licht“. Zeilen wie diese liegen auf einem schwer repetitiven Beat und sanft mäandernden Gitarren (s. z.B. auch Can, FSK oder The Jesus & Mary Chain). Dadaismus trifft psychedelischen Krautrock, bei International Music ein herrlich lakonischer Mix. International Music, das ist der Kompositionsstudent Peter Rubel, sein Freund Pedro Crescenti und der bildende Künstler Joel Roters. Zweidrittel der Band haben auch schon als Düsseldorf Düsterboys veröffentlicht, aber das von Olaf Opal produzierte International Music-Debüt „Die besten Jahre“ dürfte ihr Meisterstück sein. Etwas lang vielleicht - ein Doppelalbum mit einer 20-minütigen Schluss-Hypnose, einem Stück, das sich in den endlosen Weiten der deutschen Krautvergangenheit zu verlieren scheint. Aber vielleicht ist es auch einfach nur die „Brücke aus Licht“, die uns unseren besten Jahren entgegenbeamt. (8 von 10 Punkten)

Grouper – Grid of points

Das neue Album von Liz Harris alias Grouper klingt so minimalistisch, zart und verhuscht, dass man selbst das Rauschen des Raumes als unverschämt laut empfindet. Vor allem wenn man „Grid of point“ mit Kopfhörern hört, wünscht man sich einen Filter für dieses vermeintliche Störgeräusch. Aber vielleicht hat Harris den Raum auch mit Absicht zwischen sich und ihr Publikum geschoben, um sich zu schützen.
Skizzenhaft waren die Songs, wenn man sie als solche überhaupt bezeichnen konnte, schon immer bei Grouper. Fragile Soundscapes in Slowmotion, in denen Gitarre und Stimme oft gleichberechtigt dahinglitten. Wie auch schon auf dem Vorgänger „Ruins“ hat Harris die Gitarre durchs Klavier ersetzt. Und auch wenn man noch lange nicht versteht, was Harris da singt, hat „Grid of points“, Album Nummer 10, doch fast eine Cocteau Twins-hafte Poppigkeit ... zumindest einen Hauch davon, wenn nur dieser Nebel, dieses wunderbare Rauschen nicht wäre. (7,5 von 10 Punkten)

Twin Shadow – Caer (außerdem Artist der Woche - siehe Klicktipps)

„Caer“ heißt das neue Twin Shadow-Album, spanisch für fallen. Laut George Lewis Jr. müsse man manchmal erst fallen, um im Leben weiterzukommen. Allerdings kann bei Lewis nicht wirklich von fallen die Rede sein. Wie schon das Vorgänger-Album erscheint auch „Caer“ bei einem Major. Und genauso wie „Eclipse“ hat auch Caer“ diese schaurigen Momente, in denen uns bombastische Synthie-Pop-Refrains um die Ohren fliegen – z.B. bei der Koop mit Haim, bei „Saturdays“. Dem gegenüber steht das große Songwriter-Talent von Twin Shadow, diese sehnsuchtsvollen Melodien, dieser Hang zur gnadenlosen Romantik wie z.B. in dem Song „Little woman“. Nicht unbedingt my cup of tea, aber im Spannungsfeld zwischen Hochglanz-Pop und Camp nicht uninteressant. (6 von 10 Punkten)

Drangsal – Zores

„Zores“ ist in der Pfalz, der Heimat von Max Gruber bzw. Drangsal, ein gängiger Ausdruck für „eine Gruppe Asozialer, für Streit“. Gruber lebt zwar heute in Berlin, ist aber im pfälzischen Herxheim aufgewachsen und kann sich heute noch gut daran erinnern, wie er selbst Zores hatte, damals aufm Dorf als bisexueller Jugendlicher, der sich lieber die Nägel lackiert hat als Autos zu reparieren.
Ich muss gestehen: nach der „Turmbau zu Babel“-Single hatte ich Drangsal schon fast abgehakt. Das ging mir doch einen Schritt zu weit, klang zu sehr nach den Ärzten, war mir musikalisch und textlich zu platt. „Zores“ hat mich jetzt wieder versöhnt. Auf Albumlänge sind es eher Prefab Sprout bzw. The Smiths, Cure und Joy Division, die hier als Einfluss durchschimmern (wie auch schon auf seinem Debüt 2016). Aber dass „Zores“ nicht zum schwierigen zweiten Album geworden ist, liegt sicher auch daran, das es toll produziert ist.
Markus Ganter und Max Rieger von den Nerven haben daraus ein elegantes, größtenteils deutschsprachiges Postpunk/Wavepop-Album gemacht – mit Betonung auf dem Pop. Rauschhaft und immer nach vorne, nie zurück blickend. (7,5 von 10 Punkten)

Jesper Munk – Favourite stranger

„Just need a second chance with you“ singt Jesper Munk in dem Song „Joy“. Dem Mann kann man schwer etwas abschlagen. Zu charmant, zu gut aussehend, zu soulful ist dieser Jesper Munk.
Der Münchner bzw. mittlerweile Wahlberliner und Lary-Freund hat ursprünglich dreckigen Blues-Rock ins Heute katapultiert. Er kann aber auch den Soulman, der war schon auf seinem letzten Album „Claim“ zu hören und der steht im Mittelpunkt seiner neuen Platte „Favourite stranger“.
Gleich der Opener auf seinem neuen Album ist ein sieben Minüter - inklusive psychedelischem Gitarrensolo und Streichern galore. Plus der Wahnsinns-Stimme von Jesper Munk, irgendwo zwischen Jeff Buckley und Lou Reed.
„Favourite stranger“ ist der perfekte Soundtrack für einen leicht verpeilten Sonntagmorgen. Mit dem/der Liebsten im Arm planlos durch den Tag driften bzw. im Nebel, in der Nacht, allein, zu zweit, aber auf alle Fälle immer umgeben von einer psychedelischen Rauchwolke, der totalen Entschleunigung. ... mit Klavier, Streichern und einem jazzigen Beat, dreamy und super slow. Zeitloser Melancholie-Pop deluxe. (7,5 von 10 Punkten)

Akua Naru – The blackest joy

Akua Naru ist eine Rastlose, eine Nomadin. Geboren in New Haven in den USA ist sie über Asien und Afrika in Europa gelandet, in Köln. Dort hat sie schon ihr Debüt aufgenommen und dort ist jetzt auch ihr drittes Album „The blackest joy“ entstanden. Ein Mix aus Spoken-Word-Poesie, Jazz und Concious-Rap. Akua Naru geht es - genauso wie Janelle Monáe auch – um Empowerment, der Stärkung der schwarzen Weiblichkeit. Für ihre Texte lässt sie sich von schwarzen Schriftstellerinnen wie Toni Morrison inspirieren, musikalisch stehen ihr eher Erykah Badu oder Ursula Rucker nahe. Schon mit neun hatte Akua Naru zu rappen begonnen, war zusammen mit ihrem Onkel aufgetreten. Später stand sie dann auch u.a. mit Questlove von the Roots, Cody ChesnuTT, Guts, Rah Digga, Tony Allen und Chuck D. auf der Bühne. Mit „The blackest joy“ erweitert Akua Naru ihren Sound um afrikanische Einflüsse. Denn auch darum geht es auf diesem wortgewaltigen und gleichzeitigen so soulfulen Album, um ihre afrikanischen Wurzeln und das Leben in der Diaspora und damit um Rassismus und Ausgrenzung. (7,5 von 10 Punkten)

Marsimoto – Verde

Marsimoto, das schwer bekiffte Alter Ego von Chef-Rapper Marteria, bringt morgen sein fünftes Abum raus. Titel „Verde“. Grün. So grün wie die Maske hinter der sich Materia versteckt, wenn er Marsimoto sein möchte. Wenn er einen tiefen Zug aus seiner Heliumflasche nimmt und zu den tiefergelegten, dubsteppigen Beats von Robot Koch, Kid Simius und The Krauts, um nur einige wenige zu nennen, unglaubliche Wortspiele raushaut. „Verde“ dürfte Marsi-Fans wieder nachhaltig entzücken, denn hier wird nicht nur Helium, sondern auch noch etliche andere Substanzen inhaliert. Songs wie „Hollyweed“, „Aus dem Nebel“ oder „Immer wenn ich high bin“ geben da schon eine gewisse Richtung vor. Das mag jetzt thematisch etwas eintönig klingen, kommt aber wieder höchst unterhaltsam und in bester Green-Berlin-Manier um die Ecke. (6,5 von 10 Punkten)