Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Mouse On Mars | Princess Nokia | L. A. Salami

Der kompakte Überblick über die Neuerscheinungen der Woche. Unter anderem mit folgenden Künstlern: Laura Veirs, Chrome Sparks, Tom Liwa, Manic Street Preachers, A Place To Bury Strangers, Otezki, The National Jazz Trio of Scotland, Josh T. Pearson, Confidence Man, Nothing, Nowhere, L. A. Salami, Mouse on Mars und Princess Nokia.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 12.04.2018

Princess Nokia  | Bild: by Alberto Vargas

Confidence Man –Confident Music For Confident People

“Confident Music For Confident People” - also selbstbewusste Musik für selbstbewusste Menschen. Und das Ganze von der Band Confidence Man. Was ich sehr sympathisch finde an der Band aus Brisbane, Australien: Sie nehmen sich null ernst. Songwriting heißt bei ihnen: Betrunken werden, dumme Sachen tun und die aufschreiben. So klingt es dann, wenn clevere, junge Menschen auf den Big Beat der 90er setzen. Kann man auch subversiv nennen. Jedenfalls macht es eine Menge Spaß, wenn Janet Planet darüber singt, dass ihr ein Kaugummi gerade lieber wäre als ein heißer Boy. Das geht natürlich in Richtung der großen Popstars wie Justin Bieber und ihrer belanglosen Texte. Confidence Man erinnern mich vom Mindset her an Art Brut, nur kümmern sich Confidence Man nicht um die coole Indie-Welt der Nuller Jahre, sondern um die oberflächliche Dance Music der Zehner. Und das ist wirklich ein richtiger kurzweiliger Spaß.  (7 von 10 Punkten)

Chrome Sparks – Chrome Sparks

Was lange währt, wird endlich ein Album. Der Name Chrome Sparks schwirrt schon seit acht Jahren rum. Das erste Mal habe ich einen Song von seiner Bandcamp-Seite im Radio gespielt, es folgten immer wieder Singles auf Soundcloud, die regelmäßig die ganze Hype-Maschinerie durchlaufen sind. Jetzt, 2018, legt Jeremy Malvin, wie Chrome Sparks, bürgerlich heißt, sein Debütalbum vor. Das ist auch der Beweis, dass man als Elektronik-Produzent auch gut ohne eigenes Album Geld verdienen kann, Auftritte mit Major Lazer machen’s möglich. Denn das selbstbetitelte Debüt ist jetzt nicht der große Wurf, die Vocal-Tracks sind der Schwachpunkt, die Beats und Synthies hat man auch schon mal gehört. Chrome Sparks funktioniert besser in der Hype-Blase als auf Platte. (5,5 von 10 Punkten)

A Place To Bury Strangers – Pinned

Eine neue Drummerin ermöglicht der Noise-Rock-Band A Place To Bury Strangers völlig neue Möglichkeiten, denn die Drummerin kann auch singen - und Mastermind Oliver Ackermann macht auf dem Album “Pinned”  Gebrauch davon. Auf ihrem fünften Album verdaut das Trio die Schließung ihres Wohnzimmers, dem Warenhaus Death By Audio in Brooklyn, in dem haben sie geprobt und überhaupt auch erst zur Band zusammen gefunden. Das musste 2014 schließen. Es gibt eine sehr interessante Doku über das DIY-Warenhaus, heißt “Goodnight Brooklyn”, findet man auf allen gängigen Streamingdiensten. Leider nicht so interessant: das neue A Place To Bury Strangers-Album. Irgendwie ist mit der alten Heimat auch ein wenig Seele verloren gegangen. (6 von 10 Punkten)

Josh T. Pearson – The Straight Hits!

Im Februar 2017 haben wir im Zündfunk eine Wiederveröffentlichung zum Album der Woche gemacht: “The Texas-Jerusalem Crossroads” von Lift To Experience. Ursprünglich erschienen 2001, Sänger und Songschreiber damals: Josh T. Pearson. Der kommt mit seinem zweiten Soloalbum ums Eck. Er hat sich freigeschwommen sagt er, die musikalische Vergangenheit ist abgehakt. Und tatsächlich kommt er auf “The Straight Hits!” ziemlich locker rüber: Country-Rock - oft auf albern gebürstet. Dabei hat er sich für dieses Album fünf goldene Regeln vorgegeben. Eine davon lautet: Jeder Song hat eine Strophe, einen Chorus und eine Bridge. Und noch eine Regel: Jeder Song hat das Wort “straight” im Titel - obwohl Songs und Album alles andere als straight sind, was wiederum die große Stärke seines Albums ist. Am allerbesten gefällt er mir aber, wenn er einen auf Nick Cave macht. (7 von 10 Punkten)

Laura Veirs – The Lookout

Achtung, es folgt eine schlechte Herleitung: Laura Veirs ist studierte Geologin. Sie kennt sich also aus mit Song-Diamanten. So schlecht ist die Überleitung aber gar nicht, denn mich hat an Laura Veirs immer am meisten fasziniert, dass sie Motive aus der Geologie in ihre Texte mit hat einfließen lassen. Das ist auch auf “Mountains Of The Moon” wieder so. Die Songs heißen “The Canyon”, “The Meadow” oder “Seven Falls”. Alle Songs sind sanft und versiert produziert, von ihrem Ehemann Tucker Martine, den wir als Produzent von den Decemberists oder R.E.M. kennen. Im Background hören wir hier Sufjan Stevens oder auch Jim James von My Morning Jacket. Laura Veirs ist ein Folk-Album gelungen, das hoffnungsstrahlend glitzert wie ein Smaragd. (7 von 10 Punkten)

L. A. Salami – The City Of Bookmakers

Wir denken an Dylan, hören aber einen Mann namens Salami, Lookman Adekunle Salami, kurz L. A. Salami – er hatte es in der Schule bestimmt auch nicht immer leicht. L.A. Salami hat nigerianische Wurzeln, lebt aber jetzt in London und ist auch aufmerksamer Beobachter der Stadt und der Gesellschaft dort. Die besingt er nämlich auf seinem zweiten Album “The City Of Bootmakers”. Von verlorenen Generationen, Terrorismus und Glauben singt L. A. Salami und erinnert dabei an den Londoner Dev Hynes, als der noch als Lightspeed Champion unterwegs war. Verspielter, hervorragend geschriebener Indie-Pop mit Verve vorgetragen und trotz der ernsten Themen nie lustlos. (8,5 von 10 Punkten)

Manic Street Preachers – Resistance Is Futile

Für mich ist immer ganz schwer über ein neues Manic-Street-Preachers-Album zu sprechen, denn ich bin vom Bombast und Pathos der Alben “Holy Bible” und “Everything Must Go” sozialisiert, also den beiden Brit-Pop-Klassikern, mit denen die Street Preachers zuletzt live getourt sind. Und das ist ja leider immer so ein Indiz, dass eine Band im kreativen Loch steckt, wenn sie nur alte Alben live spielt. Jetzt kommt morgen das 13. Album der Band aus Wales und es fühlt sich an wie Mitte der 90er. Die Gitarren, die Drums, die Melodien, der Pathos. Mich lässt es nostalgisch werden - und traurig zugleich, denn eines ist klar: die Manic Street Preachers haben den Zehner Jahren überhaupt nichts hinzuzufügen. Sie beweisen nur, welch’ großartige Band sie mal waren, back in the 90ies. Das fasst James Dean Bradfield im Song “Distant Colours” so zusammen: “Are we living in the past? Well there’s nothing left to fear.” oder auch wenn er im Song “Vivian” den Namen so singt, dass es wie Oblivion klingt, das heißt: Vergessenheit. (5 von 10 Punkten)

Princess Nokia – A Girl Cried Red

Princess Nokia aus New York ist Jahrgang 92 und die feministische Stimme ihrer Generation. Auf ihrem Debüt “1992” hat sie zwischen Trap-Musik und Hip Hop ihre Jugend verarbeitet, ihre Mutter ist - als sie zehn war - an AIDS gestorben, sie ist in einer Pflegefamilie mit einer depressiven Pflegemutter groß geworden, mit 16 hat sie sich dann alleine auf den Straßen von Harlem durchgeschlagen.
Man merkt, Princess Nokia hat viel zu erzählen. Auf ihrem neuen Mixtape geht es klassisch um Liebeskummer, der Sound weicht ab von ihrem Debüt, wir hören wenig Hip Hop und Rap, sondern Indie-Pop, der mich an Kate Nash erinnert. Sie beschreibt ihr Mixtape selbst als Emo. (6 von 10 Punkten)

Nothing, Nowhere – Ruiner

Joe Mulherin ist ein Rapper aus Massachusetts. Er nennt sich nothing, nowhere. Und der Name sagt schon viel über die musikalische Ausrichtung aus: Mulherin ist ein Emo-Rapper. Er kommt eigentlich vom Songwriting, kann aber auch ziemlich gut rappen. Er ist der Protegé von Chris Charrabba von der Emo-Band Dashboard Confessional, eine große Nummer im US-Emo-Geschäft. Und Nothing, Nowhere wird das auch werden. Denn Emo hatte schon immer einen Markt, Emo-Rap ist gerade wieder im Kommen. Die Formel ist dabei relativ einfach: suizidale Texte auf sinistre Beats. Fertig ist eine potentielle Nummer 1 Platte, die bei uns erst mal digital erscheint, im Juli kommen dann die Tonträger. (6 von 10 Punkten)

The National Jazz Trio Of Scotland – Standards Vol. IV

Der Schotte Bill Wells hat auch Humor und liebt es zu kokettieren, er nennt seine Band The National Jazz Trio Of Scotland, dabei sind sie weder ein Trio, noch hat das Projekt großartig was mit Jazz zu tun - bis jetzt, denn Standards Volume IV ist das erste Album, auf dem improvisiert wurde, wie im Jazz. Wir hören entschleunigte Skizzen von Songs, überwiegend mit der Sängerin Kate Sudgen. Wells sagt über sie, sie sei mindestens so gut wie Liz Fraser, die wir von den Cocteau Twins kennen. Da hat er nicht ganz unrecht, Kate Sudgen klingt ein wenig spröder - was dem Sound des National Jazz Trio aber sehr gut steht. Die stärksten Momente hat das Album, wenn es nach Stereolab auf Valium klingt. (7,5 von 10 Punkten)

Mouse On Mars – Dimensional People

Das Album fängt mit einem treibenden Pluckern mit Saxophon an und endet mit einem Pop-Beat, der Paul Simon stolz machen würde. Das Spektrum von Mouse On Mars auf “Dimensional People” ist genauso weit wie die Auswahl der Gäste: Justin Vernon, wir kennen ihn als Bon Iver, ist dabei, die Dessner-Brüder von The National, Zach Condon, Amanda Blank und viele viele mehr. So klingt das Album auch recht collagig, wie auf einem Mixtape sind fast alle Songs miteinander verbunden. Allerdings ist der Sound hier der Star und nicht die einzelnen Namen. “Dimensional People” ist kein Club-Album geworden, obwohl fast alle Beats auf 145 bpm laufen, das ist die versteckte Hommage an das Footwork-Genre aus Chicago. Auch dort laufen alle Beats auf 145. Andi Toma und Jan Stephan Werner zeigen sich 2018 auf dem Zenith ihres Schaffens. (9 von 10 Punkten)

Tom Liwa – Ganz normale Songs

2013 hat Tom Liwa seinen Ausstieg erklärt, er wollte keine Platte mehr machen, nie mehr öffentlich auftreten. 2015 dann sein Comeback mit seiner Band, den Flowerpornoes, Jetzt haben wir 2018 und Liwa ist solo zurück - mit “Ganz normalen Songs”, so heißt sein neues Album, produziert von Tobias Levin. Es müsste ungefähr sein 30. sein. Ich habe ja einen Softspot für den Duisburger, vor allem seine Alben mit den Flowerpornoes verehre ich sehr - auch wenn ich jeden verstehe, dem Liwa zu spirituell, zu verkopft ist. So ist es auch auf “Ganz normale Songs”. Wenn man sich auf die Liwa’sche Lyrik einlässt, dann bekommt man das beste deutschsprachige des Frühlings. (7 von 10 Punkten)