Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche The Breeders | Suuns | Nicolas Jaar

Der kompakte Überblick über die Neuerscheinungen der Woche: Mit dabei sind unter anderem Nicolas Jaar aka All Against Logic, Moby, Anna von Hausswolff, DJ Taye, Tracey Thorn, Haley Heyndrickx, Le Millipede und Superorganism

Von: Matthias Hacker

Stand: 01.03.2018

Pressebild: Suuns | Bild: Label: Secretly Canadian, Factory92

The Breeders – All Nerve

Nach zehn Jahren Pause sind Kim Deal und ihre Zwillingsschwester Kelley mit The Breeders zurück. Es gibt knackiges und trockenes Gitarren-Material. Gut gefallen mir vor allem die schönen, melancholischen Balladen, welche sanft vom fantastischen Bassspiel Kim Deals getragen werden. Das Comeback der Breeders lief nach dem typischen Narrativ: Erst ein einmaliges Reunion-Konzert, das dann doch erstaunlicherweise so viel Spaß gemacht hat, dass sie sich jetzt doch endgültig wiedervereint haben. Das sagten so auch schon Blumfeld, Libertines, Blur und wie sie alle heißen. Ob „All Nerve“ des Kontostands oder wirklich der großen Spielfreude wegen erscheint - wer weiß? Ein phänomenales Comeback ist es nicht. Dafür ist es zu unspektakulär und der Sound doch zu sehr in die Jahre gekommen. Grunge-Nostalgiker werden die kratzige Lässigkeit aber immer noch sehr nett finden. (6 Punkte von 10)

The Men - Drift

2008 war das Jahr, in dem die Breeders ihre Auflösung bekannt gegeben haben und gleichzeitig war es das Geburtsjahr von The Men aus Brooklyn, New York. Ihr  siebtes Album ist sehr abwechslungsreich. Der leicht jazzige Post-Punk zu Beginn stampft aufdringlich in unsere Ohrmuschel, um gleich danach im sanften bluesigen „When I Held You In My Arms“ nur noch nachzuhallen. Danach folgen psychedelische Jams, die an The Doors erinnern oder lethargischer Sprechgesang à la Lou Reed. Ein Wechselbad zwischen Experiment und klassischer US- Rockmusik. Alles gut gespielt und auf dem Album toll aneinander (7,5 Punkte von 10)

Tracey Thorn – Record

Die Stimme von Tracey Thorn wird für immer mit dem 90er-Jahre-Hit „Missing“ von Everything But The Girl verbunden sein. Auf ihrem neuen Soloalbum hat sie erstmals alle Songs komplett selbst geschrieben. Und die sind ihr wirklich gelungen. Sie bezeichnet die Lieder als „neun feministische Kracher“. Das Album trägt den schlichten Namen „Record“, was man nicht nur mit Platte, sondern auch mit Protokoll übersetzen  kann. So verstehe ich es auch, denn sie erzählt so viele persönliche Geschichten aus den vergangenen Jahren. Sie singt über Leidenschaft, London, über das anstrengende Showbusiness, ihre Familie und die weibliche Selbstbestimmung. Nichts wird verklärt. Sie ist sehr ehrlich und schreibt aus dem Leben einer reflektierten Frau, die immer wieder mit Selbstzweifeln zu kämpfen hatte. Das alles wird von sehr klarer Musik umrahmt - ob Elektro, Disko oder einfach nur Pop. Absolut hörenswert. Vor allem der Song Babies. Das ihre Ode an die Verhütungsmittel. Denn Frauen sollten die Wahl haben. Tracey Thorn feiert und fordert die Unabhängigkeit der Frau. Hedonismus, Freiheit, Selbstliebe – das dürfen nicht nur Männer für sich beanspruchen. Kann man nicht oft genug sagen. (8 Punkte von 10)

DJ Taye – Still trippin

DJ Taye erlebte vor vier Jahren einen persönlichen Tiefschlag. Sein Mentor, Freund und Kollege in der Teklife-Crew DJ Rashad starb. Vermutlich an einer Drogen-Überdosis. Der Tod des Chicagoer-Footwork Pioniers war ausschlaggebend für Still Trippin`. Es ist eine Hommage an DJ Rashad, das Genre und seine Roots. Dj Taye selbst avancierte vom Tänzer zum Footwork-Producer. Footwork ist körperliche Musik. Das hört man auch - genauso wie seine Liebe zur Rapmusik. Aber es gibt auch Drum N Bass, Breakbeat, RnB, Jungle – Hauptsache der Bass wummst. (6 Punkte von 10)

A.A.L. (Against All Logic) – 2012-2017

Wie aus dem Nichts tauchte kürzlich im Netz ein neues Album von Elektroproduzent Nicolas Jaar auf. Erstmal hat aber niemand wirklich davon Notiz genommen, da es Jaar unter dem Pseudonym „Against All Logic“ veröffentlicht hatte. Auch klanglich konnte man es mit ihm erstmal nicht in Zusammenhang bringen. Die Songs sind bei weitem nicht so verkopft und düster. Diese neuen Songs gehen in die Hüften. Nicolas Jaar schwoft in Richtung Disco, House und Funk. Das Album tauft er „2012-2017“. Wir dürfen also davon ausgehen, dass es sich um eine Songsammlung der letzten fünf Jahre handelt. Der chilenisch amerikanische Produzent ist für gewöhnlich ja sehr streng mit sich selbst und mit seinem minimalen Sound.  Mit dem Pseudonym „All Against Logic“ macht er sich davon frei. Der Name ist sozusagen Programm. Es sind nicht mehr die perfekt durchgetimten, lupenreinen Songs vom Reißbrett. Hier knarrzt immer wieder mal die Plattennadel, er pitcht Soul-Samples und gibt auch mal richtig Tempo. In „Know You“ lässt er die Diskokugel so richtig kreiseln. Er kann nicht also nur düster. Und diese Verspieltheit steht Nicolas Jaar alias All Against Logic sehr gut. (9 Punkte von 10)

Superorganism – Everybody Wants To Be Famous

2017 taucht plötzlich im Netz ein Song auf, der ziemlich schnell zum viralen Hit wird. „S.O.M.E.T.H.I.N.G. for your mind“ Doch keiner kannte die Band dahinter. Wie auch? Sie hatte noch keine einzige Liveshow gespielt, kein Label, keine weiteren Songs vorzuweisen und außerdem keine Ahnung , wo es für sie überhaupt hingehen soll. Superorganism waren selbst völlig überrascht vom Erfolg. Und wie man jetzt hört auch etwas überfordert. Sie sind wie ein PopUp-Store. Plötzlich da, wie aus dem Nichts. Dann kurze Zeit der große Hype, beim genauen Hinsehen aber gar nicht so spektakulär. Diese Band ist so symptomatisch für unsere Zeit. Für ein schnelles Drüberscrollen oder Durchhören ganz nett und kurzweilig, aber bei ausführlicher Betrachtung tauchen immer mehr Schwachstellen auf.  Die Songs sind einfach nur knallige Copy-Paste-Popcollagen. (5 Punkte von 10)

Ty - A Work Of Heart

Dieser Rapper aus London hat mich von Song zu Song mehr begeistert –besonders die Leichtigkeit der Produktion fasziniert. Allerdings geht es auf dem neuen Album um schwierige Themen wie Depressionen, Armut und  Rassismus. Das ist ihm eine Herzensangelegenheit. Deshalb hat er das Album auch „A Work Of Heart“ getauft. Das ganze Album ist wirklich fantastisch produziert, klingt öfter nach Westcoast als nach Großbritannien. Das Hipop-Highlight der Woche. (8 Punkte von 10)

Haley Heynderickx – I Need To Start A Garden

Vor zwei Jahren debütierte Haley Heynderickx mit einer EP. Nun folgt das Debüt-Album. Es klingt toll. Nachtmix Kollege Thomas Mehringer behauptet sogar: Sie sei die neue Angel Olsen. Die Basic Tracks für das Album „I Need To Start A Garden“ hat sie live eingespielt. Erst im Nachhinein wurden dann die anderen Instrumente wie Posaunen oder Kontrabass darüber gelegt. Das hat gut geklappt, weil man merkt, dass sie in den Songs wirklich ganz bei sich ist. Es ist ein Genuss für Freunde von Twangs ,Vibrato und feinem Gitarren-Picking. Ob mit Akustik oder mit E-Gitarre. Singen kann sie auch sehr schön. Das Album, sagt sie, habe sich für sie wie ein Tattoo angefühlt, dass sie ab sofort ihr ganzes Leben mit sich herumtragen kann. Es ist schön geworden, und sie kann damit in der großen Folk- und Independentszene der USA auf alle Fälle mithalten. (8 Punkte von 10)

Moby - Everything Was Beautiful and Nothing Hurt

Moby hat in den letzten Monaten eine Spotify-Playlist kuratiert namens „Everything Was Beautiful and Nothing Hurt“. So heißt nun auch das Album, beides hat sich gegenseitig beeinflusst. Im Pressetext ist zu lesen, dass das Album sich um die Zerbrechlichkeit der Menschlichkeit und um Spiritualität geht. Das klingt nach sehr nach Moby. Die Single: „Like a Motherless Child“  basiert auf einem alten Spiritual, das Sklaven früher in den Südstaaten gesungen haben. (ohne Wertung)

SUUNS – Felt

Der Sänger nöhlt vor sich hin, während im Hintergrund die Synthesizer und Bässe dröhnen und wabern. Das ist das altbekannte Arbeitsmuster der SUUNS. Meiner Meinung nach eine der besten Bands der letzten Jahre. Das Quartett aus Montreal arbeiten mit Elementen aus Shoegaze, Breakbeat, Indie, Industrial, Drone, Jazz . Der Soundkosmos bleibt homogen. Allein das ist schon eine Meisterleistung. Die Songs sind mittlerweile aber nicht mehr so destruktiv und sperrig wie früher. Es gibt noch die Walls of Sound, es gibt auch noch die sperrigen Cluster und Drones, aber sie sägen sich nur noch selten so aggressiv in unseren Brustkorb. Aber auch diese sanfte Ader steht ihnen gut. Von mir bekommen sie die Note „sehr gut“. (9 Punkte von 10)

Titus Andronicus – A Productive Cough

Wer vom neuen Titus-Andronicus-Album wieder schnellen, wilden Punkrock erwartet, wird enttäuscht. Stattdessen gibt es zehnminütige Piano-Balladen, Blues-Riffs und Bläser. Aber vielleicht gerade weil das so unerwartet kommt, ist es schon wieder Punk. Auf dem neuen Album höre ich, was für ein großer Bruce-Springsteen- Fan der Frontmann Patrick Stickles früher war. Er schreit nicht mehr viel, er erzählt jetzt - von sich und seinem Viertel. Im Song „Above The Bodega“ geht es um den Besitzer des Schnapsladen, über dem der Sänger wohnt. (5 Punkte von 10)

Anna Von Hausswolff – Dead Moon

Kirchenorgeln, Drone-Bässe und engelsgleicher Gesang – das verarbeitet die Schwedin zu beeindruckender sakraler Pop-Musik. Dieser Doom-Pop müsste live eigentlich in einem Dom aufgeführt werden und nicht in einem langweiligen Liveklub. Aber auch auf CD beeindruckende spannende Musik. Beim hören riecht man förmlich den Weihrauch in der Luft und schweben mit Anna von Hauswolff durch den Raum bis sie uns wieder brachial mit einer Wall of Sound auf den Boden der Tatsachen zurückholt. (7 Punkte von 10)