Bayern 2 - Nachtmix

Neuerscheinungen der Woche Mark Kozelek | Beach House | Ry Cooder

Die Neuheiten der Pop-Woche im kompakten Überblick: Wir hören hinein in die frischen Werke von Aidan Moffat & RM Hubbert, The Sea & Cake, Marian Hill, Beach House, Simian Mobile Disco, Aisah Devi, Ry Cooder, Mark Kozelek, A Prouder Grief und Torrid Souls.

Von: Thomas Mehringer

Stand: 10.05.2018

Pressefoto Mark Kozelek, Beggars | Bild: Beggars Group

Aidan Moffat & RM Hubbert - Here lies the body

Den Schotten Aidan Moffat kennen wir als Sänger der Band Arab Strap, er hat sich mit seinem Landsmann und Gitarrist RM Hubbert zusammengetan und ein Album über zwei entscheidende Dinge im Leben aufgenommen: Sex und den Tod. Darum auch der doppeldeutige Albumtitel "Here lies the body". Wie auch bei Arab Strap strahlt hier der Charme der schottischen Sprache, der sinistren Geschichten und das vor allem in den schönen Duetten mit der Sängerin Siobhan Wilson. (6,5 von 10 Punkten)

The Sea & Cake - Any Day

The Sea & Cake sind seit 1994 aktiv, wurden erst dem Post-Rock zugeschrieben, sind dann über Jazz-Einflüsse hin zum Indie-Pop gewandert und haben von 2004 bis 2007 eine offizielle Pause eingelegt, wobei es zwischen ihren Alben ja immer die Solo-Pausen mit Alben von Sam Prekop und Co. gab. Jetzt erscheint ihr zehntes Album und es ist wirklich schön, dass es sie noch gibt. The Sea & Cake klingen darauf zeitlos entspannt - auch wenn die Stücke alle durchaus komplex arrangiert sind. Merkt man nur nicht, bei all der Leichtigkeit. Prädikat: They don’t do it like that anymore. (7 von 10 Punkten)

Marian Hill - Unusual

Marian Hill ist nicht die Schwester von Faith Hill, sondern ein Duo aus Philadelphia. Samantha Lee Gogol und Jeremy Lloyd hatten vor zwei Jahren mit dem Song "Down" einen Hit in Deutschland, das heißt konkret: 120 Millionen Plays auf Spotify. Marian Hill machen verspielten Elektro-Pop, den der stumpfe Mainstream-Moloch noch nicht ganz geschluckt hat. Man hört durchaus anspruchsvolle Arrangements. Das kommt von der klassischen Ausbildung von Jeremy Lloyd, er hat Komposition studiert. Für Mainstream-Künstler unüblich, daher wohl auch der Albumtitel "Unusual". (6 von 10 Punkten)

Beach House - 7

Wenn man sein Album einfach nur "7" nennt, dann steckt entweder eine total verkopfte Erklärung dahinter, wie dass die 7 als Primzahl im Universum eine kosmische Wirkung hat und gleichzeitig die Oma des Drummers das siebte Kind in der Familie war. Oder es ist einfach das siebte Album der Band. Bei Beach House trifft letzteres zu. Die Dream-Pop-Band aus Baltimore will darauf neu anfangen - klingt aber fast wie immer. Vielleicht ist ihr Sound auf "7" ein wenig dichter und sphärischer geworden, vielleicht auch weniger poppig, aber wir stecken hier immer noch knietief im Dream-Pop. Beach House waren ja auch immer knapp vor dem ganz großen Durchbruch, vielleicht ist dieses Album auch die Erkenntnis, dass der nicht mehr kommen wird. Muss er auch nicht, wenn nach wie vor solche souveränen Genrealben entstehen. (7 von 10 Punkten)

Simian Mobile Disco - Murmurations

Simian waren eine Elektro-Rock-Band aus London, als sie sich auflösten, machten die Mitglieder Jas Shaw und James Ford als Simian Mobile Disco weiter. In den Nuller-Jahren waren sie der Grund, warum sich in vielen europäischen Städten eigene Mobile Discos gegründet haben. James Ford kennen wir außerdem als Produzent von den Arctic Monkeys oder Peaches, zuletzt war er mit Depeche Mode im Studio. Jetzt feiert die Mobile Disco ein kleines Comeback - mit Hilfe des Deep Throat Choir. So hört man auf dem neuen Album "Murmuration" choralen Ambient-Sound, der auch mal zum nächsten Rave abbiegt. Das ist kein Sound für die großen Festivals, sondern eher eine Art Entspannungsübung bis der nächste große Player vor der Studiotür steht. (7 von 10 Punkten)

Aisha Devi - DNA Feelings

Der Sound von Aisha Devi ist genauso weit draußen wie der einer Laurel Halo. Devi ist in den Schweizer Alpen geboren, als Kind mit tibetanischen Wurzeln. Sie versucht Meditationstechniken in Sound zu übersetzen, das klingt futuristisch, oft auch bedrohlich und versetzt einen wirklich in eine gewisse Trance. Großartige Künstlerin, die man von da ganz weit draußen, wo sie gerade ist, nicht wieder reinholen sollte. (7,5 von 10 Punkten)

Ry Cooder - The Prodigal Son

Ilija Trojanow hat in seinem Buch "Der Weltensammler" über Richard Francis Burton geschrieben, einen Abenteurer, der von Indien bis Zentralafrika allerlei Kulturen aufgesaugt hat - aber sich dadurch von allen Menschen um ihn rum komplett entfremdet hat. Denke ich an Ry Cooder, dann denke ich an den Musikweltensammler - mit einem Unterschied: Anders als Richard Francis Burton triumphiert Ry Cooder am Ende. Und zwar mit seinem neuen Album "The Prodigal Son", auf dem er zurück zum Blues, Country und Gospel findet, in dem er neben eigenen Songs auch welche von Blind Willie Nelson oder den Stanley Brothers singt. Cooder wirkt auf seinem Spätwerk fokussiert und konzentriert, unterstützt wird er wieder von seinem Sohn. Ein gelungenes Konzeptalbum über Moral, vielleicht der letzte große Triumph von Ry Cooder. (8 von 10 Punkten)

Mark Kozelek - Mark Kozelek

Mark Kozelek hat ein neues Genre erfunden, den Diary-Pop, Tagebuch-Pop. Das Genre zeichnet aus: Es ist autobiografisch, es hat einen nie endenden Stream Of Consciousness, dementsprechend darf kein Song unter fünf Minuten sein und man muss immer das sagen, was man denkt. Das ist bei Mark Kozelek nicht unproblematisch: Nach dem Amoklauf in Florida hat er in einem Song extreme Konsequenzen für Täter gefordert. Trump-Wähler dürfte das gefallen haben. Aber es gibt auch schöne Momente auf seinem neuen Album, die Momente, in denen er über Literatur nachdenkt, von seinen Touren erzählt oder über Ariel Pink singt, der in einer gerechten Welt so populär wäre wie ein David Bowie. Wir haben es hier mit einem weiteren Meisterwerk eines streitbaren Genies zu tun. Das Album streamt Mark Kozelek übrigens auch komplett und kostenlos auf seiner Homepage. (9 von 10 Punkten)

A Prouder Grief - A Golden Boat

A Prouder Grief, stolze Trauer, so nennt sich das Quartett aus Franken. Namen und Gesichter der Bandmitglieder sind unbekannt, denn sie treten immer maskiert auf. A Prouder Grief mischen auf ihrem zweiten Album Postrock mit Kammerpop - das erinnert in den besten Momenten an irgendwas zwischen Tortoise und Sigur Ros. Das neue Album "A Golden Boat" ist übrigens die erste offizielle Veröffentlichung des mono-ton-Plattenladens in Nürnberg, der ab jetzt jedes Jahr ein, zwei Platten selbst rausbringen will. Wenn das so klingt, wie hier bei A Prouder Grief, dann gerne. (7 von 10 Punkten)

Torrid Souls - Love EP

Die Band Locust Fudge aus Ostwestfalen war in den 90ern ziemlich angesagt, gerade haben sie neu formiert live in Regensburg gespielt. Dort, wo sich eine Band nach einem ihrer Songs benannt hat: Torrid Souls heißen Song und Band aus Regensburg. Die bringen jetzt eine neue EP raus, heißt einfach nur "Love EP", und wieder ist der Sound angelehnt an Locust Fudge: Slowcore Indie, die Band selbst setzt den Tag "Glam Folk". Eines steht fest: Mit dieser EP von Torrid Souls hätte man Locust Fudge überhaupt nicht vermisst. (7,5 von 10 Punkten)